Aus: Buddhismus Heute Nr. 8, ( 1992)

Lopön Tsechu Rinpoche in Europa

Von Gabi Kremer

Als Rinpoche am 4. Mai in Moskau landete, begann eine dreieinhalbmonatigen Reise voller Überraschungen, spannender Ereignisse und jeder Menge Arbeit. Trotz seines hohen Alters, er ist 75 Jahre alt, ist Rinpoche ein unglaublich harter Arbeiter. Sein Tag begann um vier Uhr morgens und endete zu oft erst um 11 oder 12 Uhr nachts. Obgleich er sich am liebsten in Meditation zurückgezogen hätte, war er immer für die da, die ihn brauchten.

Rinpoche wurde in Bhutan geboren. Im Alter von sieben Jahren kam er als Mönch nach Punakha Dzong, einem der größten Klöster in Bhutan. Mit 13 Jahren ging er mit seinem Lehrer Ngawang Palyang Rinpoche, einem großen Drukpa-Yogi, nach Nepal und wurde dort unter seiner Führung voll ausgebildet. Lopön Tsechu meditierte in allen Höhlen im nepalesischen Himalayagebiet, in denen auch Milarepa meditiert hatte. Sie waren oftmals so extrem gelegen, daß man, waren sie einmal erreicht, für eine ziemlich lange Zeit dort blieb. Dies bedeutet auch, daß Rinpoches Zurückziehungen oft unter den härtesten Bedingungen stattfanden.
Später ging er für mehrere Jahre nach Bhutan zurück, um seine Studien zu vervollständigen. Wieder in Nepal begleitete er seinen Lehrer, begab sich aber auch immer wieder in Zurückziehung, bis er seine Meditation schließlich vervollkommnet hatte. Jetzt besuchte er die Klöster und geheimen Stellen in Tibet und zu diesem Zeitpunkt begegnete er dann Seiner Heiligkeit dem 16. Gyalwa Karmapa, der einer seiner wichtigsten Lehrer wurde. Von ihm erhielt er die meisten Kagyü-Belehrungen.
Als Hauptaufgabe erhielt Rinpoche von seinem Lehrer Ngawang Palyang Rinpoche die Verbreitung des im gesamten Gebiet des nördlichen Himalayarandes in Nepal, in dem zwar Milarepa sehr viel praktiziert hatte, der Dharma sich aber nicht besonders verbreitete. So gründete Rinpoche eine ganze Anzahl von Klöstern und begann mit der Verbreitung des Dharma in dieser Gegend. Durch seine Taten wurde er sehr wichtig für die DharmaPraktizierenden und er ist derjenige, der heute die gesamte buddhistische Gemeinschaft in Nepal zusammenhält.
Rinpoche war einer der Ratgeber des nepalesischen Königs und Mitglied des Lumbini-Development-Vereins. Zur Zeit ist er der Präsident der gesamten buddhistischen Sangha im nepalesischen Himalaya, Dharmaratgeber der Dharmdaya Sabha und das Oberhaupt seiner Mönchs- und Nonnenklöster in Nord-Nepal, welche da sind: Bagam Tashi Gyatso in Hilambhu, Biju Tashi Chimigastral, Sailung Gomapa in Charikot, Mugompa Dechen Lhumdrup, Rechen Jangchup Chöling in Chum, Gorkha.

Rinpoches Europareise begann diesmal in Rußland. Rinpoche landete zusammen mit Lama Kalsang, Hannah Nydahl und Daniela in Moskau und wir blieben dort zwei Tage lang, damit alle sich etwas akklimatisieren konnten. Dies war Rinpoches vierte Reise nach Rußland innerhalb der letzten 15 Jahre. Daher war er mit den Gegebenheiten dort recht gut vertraut. Durch seine Schüler in Ulan Bator und Burjatien war er schon mehrfach offiziell eingeladen worden. Dieses Mal gab Rinpoche in Moskau einen öffentlichen Vortrag über »Liebe und Mitgefühl« und es nahmen gleich 30 Leute Zuflucht. Viele von ihnen hatten schon Oles Vorträgen einige Tage zuvor gelauscht, und so arbeiteten Rinpoches und Oles Kraft Hand in Hand, wie es sich so oft auf dieser Fahrt zeigen sollte.
Von Moskau fuhren wir mit dem »Roten Pfeil« über Nacht nach Petersburg, wo wir von Ole und einer großen Gruppe von Freunden mit riesiger Freude empfangen wurden. Nach einem langen, gemeinsamen Frühstück ging es mit dem Bus weiter zum PhowaCamp, welches etwa eine Stunde nördlich von Petersburg mitten im Wald gelegen war. Hier genoß Rinpoche seine frühmorgendlichen Spaziergänge. Später dann stellten wir ihm etwas abseits gelegen ein Zelt auf, so daß er ungestört draußen praktizieren konnte. Zu Beginn des PhowaKurses gab Rinpoche die ÖpameEinweihung, und während wir alle den Phowa übten, fand Rinpoche Zeit für seine Praxis. Nur in den Pausen nahmen die Besucher bald überhand und wir mußten ein wenig vor seiner Türe Wache halten. Schließlich war der PhowaKurs beendet und Rinppche begann mit den Einweihungen, die zum Teil von den Russen erfragt und teilweise von ihm selbst vorgeschlagen wurden. Rinpoche gab zu den Einweihungen auch viele Belehrungen, denn schließlich war es das erste Mal in der Geschichte des Landes, daß KarmaKagyüEinweihungen gegeben wurden, und die meisten Leute hatten bis vor einem Monat nie etwas über den Dharma gehört. Durch seine Vortragsreise hatte Ole das Interesse und die Basis geschaffen, wodurch 1100 Russen Zuflucht nahmen. 300 von ihnen hatten dann beim Phowa die ersten Erfahrungen gesammelt, und Rinpoche gab schließlich durch Einweihungen und Belehrungen die Möglichkeit für weiteres Wachstum und besseres Verständnis. Er gab viele Belehrungen über das LehrerSchülerVerhältnis, insbesondere über die Verbindung zum ersten Dharmalehrer. Dabei erzählte er auch über Oles und Hannahs erstes Zusammentreffen mit Seiner Heiligkeit Karmapa und es gelang ihm, die beiden wirklich zu überraschen, denn wann genau und wie sie Karmapas Schüler wurden, hatten sie bis dahin noch nicht gewußt (Siehe Bericht in Kagyü Life über Oles letzte Rußlandfahrt).

Rinpoches zweite Station war Karma Gön in Spanien. Dort gab es wieder einen gemeinsamen Kurs mit Ole, und alle genossen das Gefühl von Einheit und Gemeinschaftlichkeit, in der alle Aktivitäten in ihrer Verschiedenheit sinnvoll sind. Über Wuppertal und Hamburg ging es weiter nach Polen. Dort besuchte Rinpoche zuerst das Zentrum in Krakau, welches schon seit einigen Jahren keinen Lamabesuch mehr gehabt hatte. Von hier aus hatte sich durch die Familie Chapuik der Buddhismus in Polen verbreitet. Sie hatten damals Ole eingeladen, und damit fing es an. Hier stießen auch Wojtek und Adam zu unserer Reisegruppe dazu. Sie halfen beim Übersetzen und Organisieren und erwiesen sich als wahre Engel. Mit ihrer Verstärkung und doppeltem Arbeitseinsatz gelang es uns, den Strom der Polen halbwegs zu bändigen. Da Rinpoche außerhalb der Veranstaltungsräume wohnte, bekamen wir aber nur einen Vorgeschmack auf das, was uns in Drobin, Kuchary, erwarten sollte.
Dort war dann die Hölle los. Das Haus quoll über vor Menschen und, obwohl Hannahs Interviewliste genauso lang war wie die von Rinpoche und keiner vor 1 Uhr schlafen ging, war es kaum möglich, alle Wünsche zu erfüllen. Neben den Einweihungen, die Rinpoche täglich gab, nahm er einen ganzen Tag Zeit, um die fertig gestellte Stupa zu segnen. Bei dieser Gelegenheit konnte jeder Bilder und Statuen mitbringen, und bald war die Stupa rund herum voller bunter Bilder. Rinpoche saß in einem offen Zelt davor und die Leute auf dem Rasen drumherum. Wir fühlten uns fast wie in Nepal. Leider machte der Regen zum Schluß dem ganzen ein unsanftes Ende. Insgesamt jedoch hatten wir schönes Wetter, ein Vorteil für diejenigen, die draußen zelteten. Nur einmal spielte das Wetter regelrecht verrückt. Rinpoche wollte Erklärungen zum »Verhalten der Söhne des Erhabenen« geben, und beim ersten Satz hörte man in der Ferne ein sanftes Grollen. Beim dritten Satz war das Grollen schon über uns und es entlud sich ein Gewitter übelster Sorte, genau über unserem Zelt. Es goß wie aus Eimern, der Strom fiel aus und allein der Regen machte einen Lärm, daß man das eigene Wort kaum verstehen konnte. Als es auch nach einiger Zeit nicht aufhören wollte, beruhigte Rinpoche die örtlichen Energien mit einer Opferung und das Gewitter verschwand so schnell, wie es gekommen war.
Von Polen aus flog Rinpoche nach Dänemark, wo nach einigen schönen Tagen in Kopenhagen der Kurs in Rödby mit den Belehrungen über den NachtodZustand begann. Wegen der Fülle des Materials knapp mit der Zeit, faßte Rinpoche die Belehrungen so meisterhaft zusammen, daß sie einen ungewöhnlich starken Eindruck bei uns hinterließen. Anschließend flog Tsechu Rinpoche mit Lama Kalsang und Hannah nach Griechenland und gab dort in Berchen Ling, dem Zentrum in Korinth, Belehrungen. Einige Tage später traf ich sie wieder in Wien. Hannah jedoch war nach Kopenhagen geflogen, um für Künzig Shamar Rinpoche zu übersetzen. Alle freuten sich sehr über das Wiedersehen und auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden, antwortete Lama Kalsang: »Berchen Ling very beautiful, but Athens much too hot.« Aber auch Österreich erwies sich als äußerst sommerlich und alle warteten auf ein Gewitter, welches auch kam, allerdings erst, nachdem wir das Land verlassen hatten. So versuchten wir, so viel wie möglich draußen zu sein und Rinpoche erstaunte uns damit, wie fit er beim Aufstieg zur Gloriette im Park von Schloß Schönbrunn war.
Während uns fast die Lust und Puste ausging, lief er in stetem Tempo bis ganz hinauf. Auch waren wir sehr beeindruckt über sein und Lama Kalsangs botanisches Wissen und Interesse, insbesondere ihre Kenntnisse über Heilpflanzen. In Alex hatten sie einen hervorragenden Kenner der örtlichen floristischen Szene. Selbst bei Tisch wurden Namen und Bezeichnungen getauscht. In Wien wurde auch von Tule ein Videoband mit Rinpoche aufgenommen. Eigentlich wollten Tina und Alex etwas über Rinpoches Lebensgeschichte erfahren, aber dies hatte er, wie überall auf der Reise, strikt abgelehnt. Fragen zu seiner Person hat er fast nie beantwortet. Einmal wollte jemand wissen, ob Rinpoche Bhutanese sei und Rinpoche antwortete: »Was meinst Du, wo ich herkomme?« Eine kurze Beschreibung fand sich unter den Papieren, als wir alle Sachen vor seiner Abreise zusammenpackten. Auf meine Bitte hin durfte ich sie dann behalten. So baten Tina und Alex ihn, etwas über sein erstes Zusammentreffen mit Ole und Hannah zu erzählen. Bisher kannten wir diese Begegnung nur aus ihren Erzählungen und Rinpoches Geschichte darüber zu hören hatte schon seinen eigenen Reiz. In ihr wurde sehr deutlich, daß Ole und Hannah wirklich so richtige Hippies gewesen waren, was man sich heute eigentlich kaum noch vorstellen kann. Rinpoche zeigte sich sehr interessiert an der Videotechnik. Er fragte Thule und Alex mehrfach, ob das Gerät auch wirklich aufnehme und als das Interview beendet war, wollte er sofort sehen, wie der Film geworden war. Insgesamt hatten wir eine sehr schöne Zeit in Österreich, wo für Lama Kalsang eine intensive Arbeitsperiode begann. Er hatte wohl ein spezielles Verhältnis zu ungefüllten Statuen, denn überall wo wir nun hinkamen, tauchten sie in Hülle und Fülle auf. Es war für ihn jedesmal ein Wettlauf mit der Zeit, aber Dank seiner geselligen Art hatte er immer Helfer, und so gewann er ihn meistens.

An Österreich schloß sich Rinpoches Reise durch Deutschland und die Schweiz an, und die meisten von uns wissen, wie intensiv Rinpoches Arbeit war. Alles was er machte, ob er Einweihungen, Belehrungen oder Interviews gab, war so ausgiebig und ausführlich, daß wir Schüler bald schon erschöpft waren, wohingegen Rinpoche konzentriert und frisch dasaß, als hätte er eben erst begonnen. Oft drängte er uns, nur ja bequem zu sitzen, damit wir den Belehrungen entspannt und freudig folgen könnten, während er für Stunden ohne Ermüdungserscheinungen saß, und das mit seinen 75 Jahren. Und immer dachte er an die anderen, nie an sich selbst. Es bedurfte Hannahs gesammelter Klugheit, um herauszufinden, was seine Wünschen waren, damit wir sie erfüllen konnten, wann immer es möglich war.
Im KamalashilaInstitut traf Rinpoche mit Shamar Rinpoche zusammen, und es war sehr beeindruckend, zu sehen, wie unendlich bescheiden dieser hohe alte Mann war. Ich bin selten jemandem begegnet, bei dem Bescheidenheit ein so natürlicher Bestandteil der ganzen Person war.
Unsere Reise ging dann weiter nach Heidelberg und von dort aus flog Rinpoche zu Künzig Shamar Rinpoche in die Dordogne. Wir trafen uns dann 10 Tage später alle auf dem Schwarzenberg wieder, wo es so schön war, daß es uns ganz leicht fiel, sich Dewachen vorzustellen. Trotz eines regen Programmes konnte sich Rinpoche hier gut erholen und wir erfreuten uns an allem Gutem, was es gab. Dann bekam Rinpoche leider die Nachricht vom plötzlichen Ableben der bhutanesischen Königsmutter und somit war klar, daß er früher als geplant zurückfliegen würde. Rinpoche gab noch einen Kurs in Zürich, wo er Annemaries Haus, die Heimstatt des Zentrums, mit einer Feuerpuja einweihte. Alle durften mit dabei sein und wir drängten uns so gut es ging im Wohnzimmer um den offenen Kamin herum. Bei Außentemperaturen von über 30 Grad Celsius im Schatten kamen wir schließlich alle mit hochrotem Kopf wieder heraus. In Basel gab Rinpoche die Einweihung auf die 84 Mahasiddhas, deren Herzstück die DorjeChangEinweihung war. Schon in Rußland hatte Rinpoche diese Einweihung gegeben und viele von uns waren davon tief berührt worden. Hier in Basel gab er noch den Segen eines jeden der 84 Mahasiddhas. Im Anschluß davon sprach Rinpoche wieder über Ole; er sagte, daß nicht nur die Träger der Roben erleuchtete Aktivitäten ausführen könnten, sondern daß auch Ole eine Aktivitäts-Ausstrahlung von Karmapa sei, was jeder an seinem Leben sehen könne. Wo auch immer Rinpoche war, hat er von sich aus und vollständig gezielt über dieses Thema gesprochen, so daß es keinen Zweifel darüber gab, wie er zu Oles Arbeit stand.

Freiburg war unsere letzte Station und dann brauchten wir nur noch alle Sachen zusammen zu packen und Rinpoche mit schweren Herzen zum Flugzeug zu begleiten. Am 15. August flog er ab mit dem Versprechen, im nächsten Jahr wieder zu kommen. Wir wünschen zutiefst, daß dies trotz seines hohen Alters möglich sein wird.


Gabi Kremer