Aus: Buddhismus Heute Nr. 7, (Winter/Frühjahr 1991)

Stromausfall ist immer wieder gut

Ein Interview mit Dzogchen Pönlop Rinpoche

Von Wolfgang Block, Hamburg

Rumtek im Dunkeln – vorsichtig tasten wir uns zur Eingangstür von Rinpoches Haus, der uns mit einer Kerze in der Hand empfängt. "Stromausfall ist immer wieder gut", lächelt uns der 26jährige Rinpoche, die 7. Wiedergeburt des Pönlop Rinpoche, an. Unsere verdutzten Gesichter verlangen nach Erklärung. "Es erinnert einen an das, was wirklich ist", fährt der junge Lama fort. "Viel zu leicht ist man gewillt zu meinen, dass der Knopfdruck am Lichtschalter das Licht macht. Jetzt hat man die Chance zu sehen, dass dies nicht so ist. So verhält es sich mit vielen Dingen. Ursache und Wirkung zu verstehen, ist nicht immer ganz einfach und doch ergeben sich manchmal Chancen, zu erkennen, wie die Dinge wirklich sind."
Wir waren an diesem Abend gekommen, um mit Pönlop Rinpoche über den Tibetischen Buddhismus im Westen zu sprechen. Pönlop Rinpoche reiste schon in jungen Jahren mit Seiner Heiligkeit Gyalwa Karmapa durch die USA, war in den letzten Jahren mehrfach in Europa und Übersee und hat somit einen klaren Einblick in die Entwicklung des Buddhismus im Westen.
Als erstes interessierten uns allerdings Pönlop Rinpoche selbst sowie seine Vorgänger und die Wunder, die von ihnen erzählt werden. Wir fragten ihn, ob er sich an seine früheren Geburten erinnern könne.
Rinpoche lacht: "Oh nein. Ich kann mich ja kaum an meine eigene Kindheit erinnern. Von den früheren Inkarnationen weiß ich nur aus Erzählungen, und dass sie sehr spannende, kraftvolle Lamas waren."

Frage: "Gibt es vom 7. Pönlop Rinpoche auch schon spannende Geschichten?"

Rinpoche: "Nein, ich bin nicht so interessant und besonders. Die einzige Geschichte, die es über mich gibt, ist, dass der Karmapa meine Geburt vorausgesehen hat. Kurz nachdem der 6. Pönlop Rinpoche, ein Bruder von Karmapa, gestorben war, fragte Karmapa meinen Vater, ob seine Frau ein Kind erwarten würde. Mein Vater war sehr erstaunt über die Frage und verneinte. Ein paar Tage spaeter jedoch ging er zum Karmapa und sagte ihm, dass er, Karmapa, wohl mehr über seine Frau gewusst hätte als der selbst. Er erzählte ihm, dass sie tatsächlich schwanger sei. Der Karmapa meinte, dass das gut wäre, da er jemanden zurück erwartete, verschrieb ihr eine spezielle Diät und prophezeite, dass dieses Kind die nächste Inkarnation des Pönlop Rinpoche sein werde.
Aber natürlich kann ich mich an all das nicht erinnern und weiß das nur aus Erzählungen.

Kann der jetzige Pönlop Rinpoche denn an die Wunder glauben, die seine Vorgänger vollbracht haben?

Rinpoche: Ich habe mich nicht so sehr auf Wunder ausgerichtet und halte es auch nicht für die Essenz des Buddhismus, Wunder zu vollbringen. Doch wenn man realisiert hat, wie der Geist funktioniert und wie die Dinge sind, und dass alles Stoffliche, Materielle nur eine Zusammenfügung energetischer Muster und Energien ist, kann man sich schon vorstellen, dass ein Fußabdruck auf Stein, wie von dem letzten Pönlop Rinpoche erzählt wird, entstehen kann.
Wenn sich jemand mit dieser Einsicht darauf schult, Energie-Strukturen aufzulösen oder zu verändern, könnte so etwas schon möglich sein. Aber wie gesagt, ich habe keine derartigen Fähigkeiten und auch nicht das Ziel, so etwas zu lernen.

Was ist für Sie die Essenz des Buddhismus?

Ich glaube, das Wichtigste, was es zu verstehen gilt, ist, dass der Buddhismus keine Religion, sondern eine Wissenschaft ist. Eine Wissenschaft über den Geist, die sich über Jahrtausende damit beschäftigt hat, wie der Geist funktioniert und mit welchen Mitteln, mit welchen Werkzeugen, man mit ihm arbeiten kann.
Wenn man diese Einsicht realisiert hat, ergibt sich ein völlig anderes Verständnis der buddhistischen Praxis. Jede Praxis muss dann einen unbedingten Sinn haben. "Gottesdienst, Beten und fromme Wünsche" haben dann keinen Platz mehr.
Jede Praxis ist ein psychologisches Werkzeug für den Geist und sollte auch als solches verstanden werden. Geschieht dies nicht, werden die Dinge ohne Bedeutung und die Praxis bleibt innerlich leer. Dann wird diese fantastische Geistes-Wissenschaft missverstanden und man hält Buddhismus für eine Religion im allgemein rein kulturellen Sinn, in der man Dinge macht, weil man sie eben macht, und nicht aus einem innerem Verständnis und tiefem psychologischen Wissen heraus.

Der Tibetische Buddhismus "erobert" zurzeit den Westen. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Ich denke, dass diese Entwicklung zum richtigen Zeitpunkt geschieht. Viele Leute im Westen wollen heute verstehen, wie der Geist funktioniert, sind nicht ganz zufrieden mit den Antworten aus Religion, Philosophie und Psychologie und finden im Buddhismus neue Antworten auf alte Fragen. Dies scheint mir eine gute Basis.
Vorsichtig muss man mit dem Kultur-Transfer sein. Ich will das einmal so beschreiben: Der Buddhismus ist wie eine Kristallkugel klar und durchsichtig. In Tibet lag diese Kristallkugel nun, sagen wir, auf einem roten Tisch. Viele Leute denken nun, dass der Buddhismus eine rote Kristallkugel ist und tun ihr Bestes, den roten Anstrich zu pflegen und merken nicht, dass die rote Farbe nur wegen einer bestimmten Tradition in der klaren Kristallkugel leuchtet. Manchmal, scheint mir, wird dieser rote Tisch zu sehr gepflegt. Der Westen sollte versuchen, die klare Kugel zu erkennen und sie auf ihren eigenen Tisch zu legen. Scheint die Kugel dann plötzlich blau, wie der Tisch im Westen blau ist, so ist das kein Problem, denn die reine Essenz ist eigentlich klar und durchsichtig und nicht blau oder rot.
Wird zuviel Achtsamkeit und Anstrengung auf den kulturellen Hintergrund gelegt, so besteht die Gefahr, dass zwar Kulturzentren entstehen, aber keine buddhistische Zentren, in denen mit dem Geist gearbeitet wird. Man sollte vielmehr den Buddhismus in seine eigene Kultur integrieren. Als der Buddhismus von Indien nach China kam, haben die Chinesen den indischen Tisch nicht mit übernommen, sondern die klare Essenz der Kristallkugel auf ihren Tisch gelegt und Tradition, Praxis und Sprache entwickelt, in der die Essenz in ihrer vollen Wirksamkeit verstanden und übertragen werden konnte, und so über Jahrhunderte übermittelt wurde.
Wenn der Westen einmal die volle Übertragung hat, muss er auch diese Entwicklung vollziehen und seine Art und Übertragung der buddhistischen Wissenschaft finden.

Was sind für Sie die wichtigsten Eckpfeiler auf diesem Weg?

Die buddhistische Praxis, das Verständnis dieser Praxis und das Verstehen des buddhistischen Gedankengutes. Eine solide Basis entsteht meiner Meinung nach, wenn der Buddhismus mit Kopf und Herz praktiziert wird. Wenn Vertrauen und Mut einen dazu führen zu praktizieren und gleichzeitig die Intelligenz checkt, was passiert und warum. Auf dieser Ebene kann der Buddhismus sich am besten entwickeln.
Buddhismus bedeutet nicht, wie einige Gurus lehren, man solle den Kopf "ausschalten" und nicht mehr benutzen. Das bedeutet aber auch nicht, dass alles mit der Intelligenz erfassbar ist und Erleuchtung durch reines Philosophieren erreicht wird. Kopf und Herz zu kombinieren ist, glaube ich, die beste und schließlich auch die menschlichste Möglichkeit, Buddhismus zu praktizieren.


Wolfgang Block: Vielen Dank, Rinpoche.