Aus: Buddhismus Heute Nr. 48, (Frühjahr 2010)

Die 37 Übungen eines Bodhisattvas von Gyalse Thogme Sangpo, Teil 3

Ein Kommentar vom 17. Gyalwa Karmapa Trinle Thaye Dorje

Mitte März 2008 gab der 17. Gyalwa Karmapa Thaye Dorje einen Kurs zu dem klassischen Mahayana-Text "Die 37 Übungen eines Bodhisattvas" von Gyalse Thogme Sangpo. Der Kurs fand im Anschluss an einen zweimonatigen Dharma-Kurs im Karmapa International Buddhist Institute (KIBI) in New Delhi statt. Professor Sempa Dorje, der derzeitige Hauptlehrer des 17. Karmapa, und Khenpo Tsering lehrten hier zwei Monate lang über buddhistische Philosophie und Erkenntnistheorie. Karmapa gab eine Woche lang im täglichen Wechsel Belehrungen und verschiedene Einweihungen. Die Teilnehmer waren KIBI -Studenten, zwei Bhutan-Reisegruppen, die diesen Besuch mit ihrer Pilgerreise verknüpft hatten, sowie westliche Schüler Karmapas, die extra für diesen Kurs angereist waren.
Die Buddhismus Heute Redaktion bat Karmapa zu dieser Zeit um einen passenden Text zur Veröffentlichung für diese Ausgabe und Karmapa schlug den Inhalt seines aktuellen Kurses vor.

In den nächsten Versen geht es um die "Sechs befreienden Handlungen", die Paramitas. Die Praxis dieser Handlungen dient dazu, die Entwicklung des Bodhicitta zu unterstützen.

Vers 25
Diejenigen, die die Erleuchtung anstreben, müssen sogar von ihrem physischen Körper loslassen, ganz zu schweigen von materiellen Dingen. Deswegen ist Freigebigkeit ohne Erwartungen auf karmische Resultate oder Gegenleistungen Praxis des Bodhisattvas.

In diesem Vers geht es um die Paramita der Großzügigkeit. "Diejenigen, die die Erleuchtung anstreben, müssen sogar von ihrem physischen Körper loslassen" bedeutet: Wir praktizieren den Bodhisattva-Weg und streben Erleuchtung an. Dafür würden wir sogar unseren eigenen physischen Körper aufgeben, und "ganz zu schweigen von materiellen Dingen".
Unser physischer Körper ist unser wertvollster und liebster Besitz. Wenn man ihn aufgeben kann, dann kann man alles aufgeben - Ruhm, Stellung, Wohlstand oder jede Art von materiellen Dingen.

Die Aussage "... ohne Erwartungen auf karmische Resultate oder Gegenleistungen" bezieht sich nicht nur auf die Freigebigkeit, sondern auch auf die nachfolgenden fünf Paramitas. Immer wenn wir mit Freigebigkeit, sinnvollem Handeln, Geduld oder irgendeiner anderen Art von positivem Handeln Verdienst ansammeln, sollten wir sicherstellen, dass wir dabei keine Erwartungen auf gute karmische Resultate haben. Wenn wir etwas Gutes tun, ist uns meistens bewusst, dass wir dadurch gutes Karma bekommen und wir erwarten dann in geringem Maße in diesem oder in späteren Leben eine Art Rückzahlung. Aber da wir den Bodhisattva-Weg gehen, ist es wichtig, solche Erwartungen nicht zu hegen.

Es geht hier zwar um Großzügigkeit im Allgemeinen, aber im Vers ist sogar die Rede davon, dass man bereit dazu sein soll, den eigenen Körper aufzugeben.
Ich weiß nicht, ob jemand von uns hier im Moment dazu in der Lage wäre. Aber man wird es werden, wenn man es hart genug versucht und versteht, welch großen Wert die Entwicklung von Bodhicitta hat. Als Anfänger ist es natürlich schwer zu verstehen, warum man überhaupt fähig werden sollte, solche Dinge zu tun. Obwohl wir schon viele Geschichten und historische Überlieferungen über das Aufgeben der physischen Form aus den früheren Leben Buddhas und von großen Bodhisattvas gehört haben, ist es trotzdem schwer vorstellbar. Ich habe sogar die Tendenz, einen kleinen Moskito daran zu hindern, mich zu beißen, obwohl es nur ein ganz kleiner Biss ist. Man kann sich also vorstellen, wie schwer es dann sein muss, den ganzen Körper aufzugeben. Aber wie gesagt: Es ist tatsächlich nicht unmöglich.

Wir alle sind dazu fähig, weil wir dieses großartige Potenzial in uns haben. Der Weg, es zu verwirklichen, besteht darin, jeden Tag in kleinen Dingen sein Bestes zu tun. Als Anfänger sind wir noch nicht gewohnt, große Taten von Großzügigkeit auszuführen, wie zum Beispiel den eigenen Körper aufzugeben. Deswegen beginnen wir die Übung von Großzügigkeit mit Dingen, die nicht ein Teil von uns selbst sind und nicht so wertvoll für uns sind, zum Beispiel mit etwas Einfachem wie Nadel und Faden. Im Laufe der Zeit gewöhnen wir uns daran und können dann mehr und mehr geben. Obwohl wir Dinge ohne großen Wert gegeben haben, erfahren wir trotzdem die Befriedigung, etwas Positives getan zu haben, ganz gleich wie klein oder wertlos es war. Wir können uns darüber freuen, ohne daran zu haften. Geiz, also etwas nicht loslassen können, ist das genaue Gegenteil von Großzügigkeit. Diese Methode hilft uns, ein Gewohnheitsmuster hin zum guten Handeln zu entwickeln und dann können wir mit der Zeit auch Größeres geben.

Beim nächsten Vers geht es um die Paramita der "sinnvollen Lebensführung":

Vers 26
Wenn man ohne sinnvolle Lebensführung nicht mal sein eigenes Wohl bewirken kann, so ist es ein Witz, das Wohl anderer bewirken zu wollen. Deswegen ist es Praxis des Bodhisattvas, auf sinnvolle Lebensführung ohne samsarische Motivation zu achten.

Diese zweite Paramita ist wichtig und geht Hand in Hand mit der Paramita der Großzügigkeit. Wir müssen ihre Verwirklichung anstreben, denn ohne sie können wir die Großzügigkeit nicht vervollkommnen.
"... sein eigenes Wohl bewirken kann ..." bezieht sich darauf, sinnvolle Lebensführung zu praktizieren, um zum eigenen Wohl eine angenehme Existenz im Menschenbereich oder im Götterbereich zu erlangen. Wenn man aber nicht einmal zum eigenen Nutzen irgendeine Art von sinnvoller Lebensführung übt, dann klingt es für die Buddhas und Bodhisattvas sehr komisch, wenn man dann davon spricht, das Wohl aller fühlenden Wesen bewirken zu wollen.

Zuerst einmal muss man überhaupt verstehen, dass man sinnvolle Lebensführung vervollkommnen sollte. Auf Tibetisch wird sie Tsültrim genannt, und auf Sanskrit Shila. Es bedeutet, dass man Geistesfrieden entwickelt hat, also in einem friedlichen Zustand frei von unangenehmen Umständen ruht. Das Ziel der sinnvollen Lebensführung ist zu versuchen, die "drei Tore" von Körper, Rede und Geist davor zu bewahren, in negative Handlungen und Karmas verwickelt zu werden. Wenn wir unablässig darauf achten, werden wir später in diesem Leben die Resultate erfahren und ganz sicher werden wir in zukünftigen Leben wieder eine kostbare menschliche Existenz haben.
Zuerst müssen wir überhaupt einmal diese reine und tiefgründige sinnvolle Lebensweise leben - und dann ist es von höchster Wichtigkeit, dass auch unsere Motivation ganz klar ist. Wie bei allen Paramitas bedeutet das, dass unsere Motivation nicht "samsarisch" sein sollte. Deswegen steht im Vers "sinnvolle Lebensführung ohne samsarische Motivation". Das Gegenteil einer sinnvollen Lebensführung wäre achtlos und nicht geistesgegenwärtig zu sein. Davor sollten uns zu allen Zeiten schützen.

Der nächste Vers behandelt die Paramita der Geduld:

Vers 27
Für einen Bodhisattva, der den Reichtum guter Eindrücke anstrebt, sind alle Hindernisse wie eine Schatztruhe voll mit Juwelen. Deswegen ist es Praxis des Bodhisattvas, Geduld zu üben, ohne Unmut und ohne Unterscheidung.

Bodhisattvas, oder Menschen die Bodhisattvas werden wollen, werden alle Hindernisse wie Minen voller Juwelen betrachten, denn sie wünschen nichts mehr als den "Reichtum guter Eindrücke" zum Wohle der fühlenden Wesen.
"Geduld zu üben, ohne Unmut und ohne Unterscheidung" bezieht sich darauf, dass unsere samsarische Weise Geduld zu üben unterscheidend ist: Wir haben eine starke Neigung, Unterschiede zwischen den Menschen zu machen und ihnen manches übel zu nehmen. Wenn wir Geduld oder Güte zeigen, tun wir das nicht allen Menschen gegenüber im gleichen Maße, sondern wir trennen. Da wir jedoch Bodhisattvas werden möchten, ist es wichtig all diese Arten von Unterscheidung und Ärger abzulegen. Wir müssen unsere Geduld auf einem solch reinen und wahren Weg üben.

Das Gegenteil von Geduld ist Zorn. Shantideva sagte einmal, dass es keine schlimmere Handlung als ein von Zorn gibt. Dieses Störgefühl ist eines der stärksten überhaupt und hat so viel Kraft, dass es die Wurzel für den Aufbau guter Eindrücke zerstören kann. Um die Wurzeln für gutes Karma zu nähren und stärken, gibt es daher keine bessere und verdienstvollere Handlung als Geduld zu üben. Geduld ist der eigentliche Schlüssel und die Wurzel für alle Arten verdienstvoller Handlungen. Deswegen sind Hindernisse für einen Bodhisattva wie eine Mine voller Juwelen.1

Vers 28
Die Shravakas und Pratyeka-Buddhas strengen sich nur für ihren eigenen Vorteil so sehr an, als müssten sie ein auf ihrem Kopf brennendes Feuer löschen. Angesicht dessen ist es die Praxis des Bodhisattvas, freudige Anstrengung gegenüber der Quelle aller Qualitäten der Erleuchtung zum Nutzen aller fühlenden Wesen zu üben.

In diesem Vers gibt der Autor ein Beispiel dafür, wie die Paramita der freudigen Anstrengung von denen geübt wird, die die Befreiung der Arhats erlangen wollen. Ihr vorrangiges Ziel ist, Befreiung zu ihrem eigenen Nutzen zu erlangen, und sie werden als Übende des Hinayana oder Theravada bezeichnet. Aber obwohl es nur für ihren eigenen Nutzen ist, sind sie in der Anwendung der Paramita der freudigen Anstrengung so enthusiastisch und fleißig, als stünde ihr Kopf in Flammen und sie müssten ihn löschen.

Professor Sempa Dorje gibt in einem Kommentar ein weiteres Beispiel: Wenn einem ängstlichen Menschen eine Schlange in den Schoß fällt, wird er so große Angst haben, dass er versuchen wird, die Schlange unverzüglich loszuwerden. Mit solch einem Enthusiasmus üben die Pratyeka-Buddhas und Shravakas die Paramita der freudigen Anstrengung, nur um ihre eigene Befreiung zu erlangen. Wir auf dem Bodhisattva-Weg versuchen, die Erleuchtung nicht nur zu unserem eigenen Wohl zu erreichen, sondern zum Nutzen aller fühlenden Wesen, und so haben wir umso mehr Grund, noch mehr Enthusiasmus aufzubringen. Wir müssen noch viel mehr Fleiß und Anstrengung anwenden, als wir es bei den Pratyeka-Buddhas und Shravakas beobachten. Der Vers sagt:
"Angesicht dessen ist es die Praxis der Bodhisattvas, freudige Anstrengung gegenüber der Quelle aller Qualitäten der Erleuchtung, zum Nutzen aller fühlenden Wesen zu üben." Wir wissen alle, dass unsere größte Herausforderung beim Anwenden der freudigen Anstrengung die Faulheit ist. Deshalb müssen wir diese Paramita mit großer Anstrengung üben.

Die Ursache der Faulheit könnte bei den meisten von uns sein, dass wir zuviel Druck im Leben haben. Nicht nur im Leben als Praktizierende, sondern auch im normalen Alltagsleben kann Faulheit entstehen, wenn man zu viel über all seine Verantwortungen und über all die Jahre der Arbeit, die man noch vor sich hat, nachdenkt. Wenn wir über all diese uns unmöglich erscheinenden Aufgaben nachdenken, kann es geschehen, dass wir aufgeben. Das ist die eigentliche Ursache für Faulheit und wir vergessen dann die freudige Anstrengung.

Bei einem Praktizierenden, dessen Druck noch größer ist, funktioniert das genauso. Im normalen Leben ist unser einziger Druck, dass wir sozusagen unsere eigene Haut retten müssen. Aber als Bodhisattva hat man nicht nur die Verantwortung für sein eigenes Glück, sondern man versucht, allen fühlenden Wesen zu helfen.
Die praktischste Weise Enthusiasmus anzuwenden, ist, dass man seine Verantwortungen in viele kleine Abschnitte unterteilt. Man organisiert sie nach Tagen, Monaten und Jahren, je nach den eigenen Fähigkeiten. Es wird alles viel leichter, wenn man nicht mehr zu weit voraus denken muss, sondern weiß, was man innerhalb einer Woche, eines Monats usw. zu erledigen hat. Wir setzen uns einfach für einen bestimmten Zeitabschnitt Ziele, die erreichbar sind.

Nun kommen wir zur Paramita der Meditation.

Vers 29
Im Wissen, dass auf gefestigtem Shamatha beruhendes Vipashyana alle Verunreinigungen beseitigt, ist weit jenseits der vier formlosen Zustände gehende Shamatha-Meditation Praxis des Bodhisattvas.

Einsgerichtetheit - die durch Shine-Meditation2 erreicht wurde - ist ein Geisteszustand, in dem der Geist ruhig ist und die Fähigkeit hat, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Das Gegenteil davon ist ein Zustand, in dem man sich wegen starker Dumpfheit oder Ablenkung nicht konzentrieren kann. Dies sind die beiden Hindernisse, die das Erlangen von Einsgerichtetheit verhindern.

Dumpfheit ist ein Geisteszustand, der sich auf gar nichts konzentrieren kann. Es ist mit dem Einschlafen vergleichbar oder wenn man sich nach zu viel Essen oder großer Hitze schwer fühlt.
Das Gegenteil davon ist ein Geisteszustand, in dem man völlig abgelenkt ist. Hier hat der Geist sich nicht zurückgezogen, sondern ist zu offen. Er wandert völlig ungezähmt überall herum. Im einsgerichteten Zustand des Shine ist der Geist weder zu dumpf noch zu aktiv und abgelenkt, sondern gezähmt. Das wird durch Samadhi, also durch tiefe Versenkung, erlangt, und im Laufe der Zeit werden wir dadurch fähig, unseren Geist zu zähmen und uns zu konzentrieren.

"Im Wissen, dass auf gefestigtem Shamatha beruhendes Vipashyana alle Verunreinigungen beseitigt."
Zusammengefasst dreht es sich in diesem Vers darum, dass wir ohne diesen konzentrierten einsgerichteten Geisteszustand nicht die Natur unseres Geistes verstehen können. Der Schlüssel, um unseren Geist zu erschließen, ist die Meditation der Geistesruhe (skt. Shamatha, tib. Shine). Ohne sie sind wir entweder zu abgelenkt oder wir sind zu dumpf und haben zu viel Unwissenheit.
Die Übung dieser Einsgerichtetheit ist die Grundlage für die Entwicklung von perfekter Weisheit. Ohne diese Übung werden wir nicht fähig, "höchstes Wissen" (skt. Prajna, tib. Sherab) und die "ursprüngliche Weisheit" (skt. Jnana, tib. Yeshe) zu erlangen. Als Voraussetzung dafür muss man aber eine Art von Eingerichtetheit üben, die jenseits von Samsara liegt. Denn die Wiedergeburt von Wesen in den Form- und Formlosen Bereichen3 beruht zum Beispiel auch auf Meditation mit einer Art von sehr "dichter" und stabiler Einsgerichtetheit. Ihre Art von Einsgerichtetheit ermöglicht aber nicht die Entwicklung der Einsichts-Meditation (skt. Vipashyana, tib. Lhaktong)4. Um unsere ursprüngliche Weisheit zu entwickeln, müssen wir die Weisheit entwickeln, die jenseits der vier formlosen Bereiche5 liegt. Deswegen spricht der Vers von "jenseits der vier formlosen Zustände gehender Shamatha-Meditation".

Schließlich kommen wir zur Paramita der Weisheit:

Vers 30
Nur mit den ersten fünf Paramitas, ohne die Weisheit, kann man nicht vollkommene Erleuchtung erlangen. Deswegen ist es Praxis des Bodhisattvas, Weisheit zu entwickeln, indem er die Mittel mit Freisein vom Konzept der drei Kreise (Subjekt, Objekt und Tat) kombiniert.

Die ersten fünf Paramitas sind die Mittel. Sie schaffen die Grundlage, die wir benötigen, um unendlich viel Verdienst aufzubauen.
Aber ohne die letzte Paramita der Weisheit können wir das letztendliche Ziel der Erleuchtung nicht erlangen. Weisheit6 ist die Grundlage für die Entwicklung von ursprünglicher Weisheit7.
Wenn man sich nur auf die ersten fünf Paramitas konzentriert, wird man als Resultat in diesem und in späteren Leben unter guten Bedingungen leben. Aber dieser Nutzen ist nicht von Dauer und wird zur Ursache für den Kreislauf Samsaras. Wenn man sich aber andererseits nur auf Weisheit konzentriert und nicht auch auf die ersten fünf Paramitas, dann kann man nur den Erleuchtungszustand der Shravakas und Pratyeka-Buddhas erlangen und nicht mehr. Weisheit alleine reicht also auch nicht als Ursache für die letztendliche Erleuchtung der Buddhas.

Da wir als Bodhisattvas praktizieren und darauf abzielen, Erleuchtung zum Nutzen aller Wesen zu erlangen, ist es von allerhöchster Wichtigkeit, die ersten fünf Paramitas mit der sechsten Weisheits- Paramita zu kombinieren. Die Bedeutung von "Weisheit zu entwickeln indem die Mittel mit Freisein vom Konzept der drei Kreise (Subjekt, Objekt und Tat kombiniert werden)", ist eigentlich recht einfach: Das Subjekt sind wir selbst, also derjenige, der die Weisheit entwickelt. Die Tat ist die Entwicklung der Weisheit. Das Objekt ist der Gegenstand der Weisheit.8

"Freisein vom Konzept" bedeutet: Wesen in Samsara neigen zu starkem blinden Glauben daran, dass Subjekt, Objekt und Tat getrennt voneinander existieren. Aus diesem Dualismus heraus entwickeln sie starkes Anhaften oder Greifen. Da wir versuchen, die absolute, letztendliche Weisheit zu erlangen, müssen wir uns davon befreien, also von dem Konzept der "drei Kreise" loslassen. Nur dann können wir den Weg der Bodhisattvas vollenden.

Die folgenden fünf Verse sind Ratschläge dazu, was man vermeiden sollte, wenn man ein Bodhisattva werden möchte.

Vers 31
Es ist möglich, dass man in religiöser Verkleidung negativ handelt, wenn man seine eigenen Fehler nicht analysiert. Deswegen ist es Praxis des Bodhisattvas, die eigenen Fehler zu untersuchen und aufzugeben.

Schon in einem vorhergehenden Vers war die Rede davon, dass man fähig sein sollte, den eigenen Geisteszustand zu untersuchen. Man sollte die drei "Tore" - Körper, Rede und Geist - untersuchen und mit Bewusstheit und Geistesgegenwart auf sie achtgeben. Es ist eine Bodhisattva-Praxis, in dieser Weise den eigenen Zustand zu überprüfen.
Der Vers sagt: "Es ist möglich, dass man in religiöser Verkleidung negativ handelt", was bedeutet: Als Anfänger auf dem Bodhisattva- Weg ist es auf relativer Ebene nötig, einem bestimmten Pfad zu folgen, einer Art Tradition, die man für gewöhnlich eine "Religion" nennt. Die buddhistischen Belehrungen werden zwar durchaus in einem "religiösen Stil" gelehrt, aber auf absoluter Ebene ist das natürlich auch nur ein Konzept.

Wenn man dem traditionellen Weg folgt und sich nicht selbst überprüft, also nicht die eigenen Handlungen und Zustände analysiert, kann es leicht geschehen, dass man Verlockungen erliegt und von seiner eigenen Unbewusstheit an der Nase herumgeführt wird. Wenn wir nicht achtsam genug sind, könnte es geschehen, dass wir immer wieder Fehler machen.
Einen spirituellen Freund zu haben, der einen auf solche Fehler aufmerksam macht, ist natürlich geradezu luxuriös, aber meistens haben wir das nicht. Wir haben nur uns selbst, und deswegen ist es wichtig, dass wir uns ständig selbst überprüfen. Sonst könnte dieses Konzept "ein Buddhist sein" oder "ein Bodhisattva sein" tatsächlich zu einer religiösen Maskerade werden und nichts weiter. Man liefe Gefahr, sein Wesen und seine Würde zu verlieren. Möglicherweise würde es dazu führen, dass wir unser wichtigstes Ziel aus den Augen verlieren, nämlich zum Wohle aller Wesen die Erleuchtung zu erlangen. Deswegen ist es für einen Bodhisattva so wichtig, die eigenen Fehler durch gründliche Untersuchung aufzugeben.

Im nächsten Vers geht es darum, dass man Kritik an anderen - insbesondere an Menschen auf dem Bodhisattva-Weg - aufgeben sollte.

Vers 32
Ich setze mich selbst herab, wenn ich, getrieben von Verdunkelungen, über die Fehler anderer Bodhisattvas rede. Es ist deswegen die Praxis des Bodhisattvas, die Fehler von anderen auf dem Mahayana-Weg nicht anzusprechen.

Im Allgemeinen ist es gut, kritisch zu sein, aber wir müssen lernen, in der richtigen Weise damit umzugehen und die Kritik so einzusetzen, dass sie auch einen Nutzen bringt. Der samsarische Umgang damit ist, aus Gewohnheit heraus nur anderen gegenüber kritisch zu sein und nicht mit uns selbst. Im Tibetischen gibt es ein Sprichwort, das besagt, dass man die Fehler anderer sogar dann wahrnimmt, wenn sie so klein sind wie eine Zecke, die eigenen Fehler aber nicht einmal dann, wenn sie groß wie ein Yak sind. Wenn wir in dieser Weise unseren Gewohnheitstendenzen folgend negative Kritik üben, führt das zu vielen Schwierigkeiten.

Für Praktizierende des Bodhisattva-Weges ist es noch wichtiger, nicht die Fehler anderer Bodhisattvas zu diskutieren. Falls man Fehler wahrnimmt, sollte man sich daran erinnern, dass wir noch nicht erleuchtet sind und deswegen nicht wirklich urteilen können. Buddha sagte, dass ein normales Individuum nicht in der Lage ist, ein anderes Individuum zu beurteilen. Wir kennen den Zustand der anderen nicht wirklich und wissen nicht, was sie denken. Es ist sehr schwierig für uns zu beurteilen, ob jemand gut oder schlecht ist und so ist es das Beste, es einfach dabei zu belassen, wie es ist.
Falls man bei einem Mitpraktizierenden oder einem anderen Bodhisattva irgendwelche Fehler entdeckt, sollte man nicht darüber sprechen oder sie herausstellen, denn das führt nur zum eigenen Niedergang. Ein Bodhisattva zu werden bedeutet in gewisser Weise auch, ein sehr anständiger und edler Mensch zu werden. Über die Fehler anderer Menschen zu reden, ist weder edel noch anständig; es ist die Wurzel aller Unharmonie.
Falls man aber unzufrieden ist, wenn man niemanden kritisieren kann, könnte man sich einen Spiegel aufstellen und sehr kritisch sein mit dem, was man im Spiegel sieht, nämlich sich selbst. Der Ratschlag dieses Verses ist, nicht andere zu kritisieren sondern sich selbst.

Der nächste Vers gibt Rat, wie man von Anhaftung an die eigenen Unterstützer, Wohltäter, Verwandte und grundsätzlich das eigene Heim loslässt.

Vers 33
Wenn man davon getrieben ist, Geschenke und Respekt zu bekommen, führt das zu Zwist und die Aktivitäten des Lernens, Nachdenkens und Meditierens nehmen ab. Es ist deswegen die Praxis des Bodhisattvas, Anhaftung an Haushalt, Freunde, Familie und Unterstützer aufzugeben.

Wenn wir den Bodhisattva-Weg praktizieren, ist es wichtig, etwas Abstand zu Familie, Freunden und Unterstützern zu halten. Von großzügigen und liebevollen Verwandten und Unterstützern bekommen wir Lob, Respekt und Geschenke. Aber selbst wenn es ehrlich gemeintes Lob usw. ist, müssen wir als Anfänger sehr achtsam damit sein, denn es könnte zu einem Nachteil werden und die Ursache dafür sein, dass wir stolz werden und Anhaftung an Respekt, Lob und Geschenken entwickeln. Auch könnte es unter Mitpraktizierenden und anderen Leuten zu einer Ursache für Streit werden. Deswegen sollten wir das von Anfang an vermeiden.
Wenn die Umstände aber nun einmal schon so sind, dann sollten wir zumindest etwas Abstand halten. Das Wichtigste ist, sehr achtsam zu sein.

Beim nächsten Vers geht es darum, grobe Rede zu vermeiden:

Vers 34
Grobe Rede nimmt den Geist anderer in Beschlag und lässt das natürliche Bodhisattva-Verhalten abnehmen. Deswegen ist es Praxis des Bodhisattvas, grobe Worte, die für andere unangenehm sind, aufzugeben.

Grobe Worte, Gedanken und Handlungen sollten immer vermieden werden, aber das gilt erst recht für einen Bodhisattva. Harte Worte können den Geist anderer Leute sehr stören und jemanden unangenehme Worte hören zu lassen, ist gefährlicher als vieles andere. Natürlich ist es sehr unangenehm, wenn jemand physisch grob wird, und man sollte das vermeiden. Ebenso kann unsere Motivation sehr schlecht sein, was natürlich auch vermieden werden sollte. Aber es ist insbesondere sehr wichtig, sein Bestes zu tun, um grobe Worte gegenüber Menschen, mit denen man tagtäglich zu tun hat, zu vermeiden.
Wir sind Praktizierende des Bodhisattva-Weges und das bedeutet, dass wir dafür Sorge tragen sollten, dass all unser Handeln dem Wohle aller fühlenden Wesen dient. Selbst wenn wir mit eigentlich guter Motivation harte Worte verwenden, kann das große Hindernisse bringen. Der Vers sagt "lässt das natürliche Bodhisattva-Verhalten abnehmen". Das natürliche Verhalten des Bodhisattvas ist edel, sanft und anständig. Grobe Worte zu verwenden zeigt, dass man noch nicht die Qualitäten von liebevoller Güte und Mitgefühl hat.

Die meisten von euch haben ausführliche Erfahrungen damit, dass harte Worte uns am meisten weh tun. Wenn man körperlich hart behandelt wird, ist der Eindruck in dem Moment sehr real und stark. Aber nach einiger Zeit hat man es wieder vergessen und es ist nicht mehr wichtig. Harte oder gemeine Worte können jedoch tief ins Herz schneiden, dort Wurzeln schlagen und dort lange verweilen, manchmal für Generationen. Sie sind wie eine schlimme Krankheit und deswegen selbst auf unserer weltlichen, samsarischen Ebene sehr schädlich. Für einen Bodhisattva ist es aus diesem Verständnis heraus sehr wichtig, grobe Rede aufzugeben.

Beim nächsten Vers geht es darum, ähnlich wie bei einem Präventivschlag, Störgefühle zu verhindern, bevor sie starke Wurzeln entwickeln können.

Vers 35
Wenn Verdunkelungen zur Gewohnheit geworden sind, sind sie schwer zu besiegen. Deswegen ist es Praxis des Bodhisattvas, die Waffen der Geistesgegenwart und Bewusstheit als Gegenmittel einzusetzen und die Verdunkelungen und Anhaftungen im Moment ihres Entstehens zu befrieden.

Als Anfänger mit vielen Emotionen kann es leicht geschehen, dass man von ihnen mitgerissen wird. Wir haben starke Anhaftung an angenehme Erlebnisse und wollen schmerzhafte Erfahrungen vermeiden. Als Anfänger haben wir den Samen der störenden Gefühle noch nicht gereinigt, also Unwissenheit, Anhaftung und Abneigung noch nicht aufgegeben. Wenn uns dann stark anziehende oder abstoßende Objekten begegnen, kommen natürlicherweise unsere Tendenzen hervor, denn wir sind noch nicht geübt genug. So entstehen dann in uns störende Gefühle.

Haben diese dann erst einmal Wurzeln geschlagen, sind sie sehr schwer aufzugeben. Deswegen ist es wichtig, die Mittel von Geistesgegenwart und Bewusstheit gegen das Aufkommen der störenden Gefühle einzusetzen, bevor sie sich durchsetzen können. Mit Geistesgegenwart sind wir fähig, uns immer wieder daran zu erinnern und darüber nachzudenken, was zu vermeiden und was zu tun ist. Bewusstheit unterstützt den Aspekt der Geistesgegenwart. Mit diesen beiden Mitteln können wir mit den störenden Gefühlen umgehen und sie entfernen.

Diese letzten Verse waren Ratschläge dazu, wie man die Dinge die aufzugeben sind, vermeiden soll. Der nächste Vers ist eine Zusammenfassung des Zweckes dieses Textes:

Vers 36
Kurz gesagt: Wo auch immer ich bin und was auch immer ich tue - es ist Praxis des Bodhisattvas, mit Geistesgegenwart und Bewusstheit auf den eigenen normalen Geisteszustand zu achten, um das Wohl anderer zu bewirken.


Dieser Vers ist eine Zusammenfassung des eigentlichen Zieles all dieser Belehrungen. Es ist immer wichtig - ganz gleich wo wir stehen und was wir tun - darauf zurückzukommen, unseren Geisteszustand mit den Mitteln der Geistesgegenwart und Bewusstheit zu untersuchen.
Das ist in gewisser Weise ein sehr allgemeiner Rat, aber er ist für uns äußerst wichtig, da wir alle unsere Rolle spielen und in jeder uns möglichen Weise unsere Verantwortung tragen. Wir alle helfen mit, den fühlenden Wesen zu nutzen - sei es als Unterstützer, als Schüler, Lehrer, Familienmitglied, Freund, Geschäftsmann, Geschäftsfrau, Mönch oder Nonne. Es ist deswegen wichtig, in Bezug auf die Dinge, die wir täglich tun, geistesgegenwärtig und bewusst zu sein.

Abends vor dem Einschlafen sollten wir untersuchen, was wir an dem jeweiligen Tag, ab dem Moment des Aufwachens, getan haben. Zuerst überprüfen wir, welche Motivation und Absichten wir während des ganzen Tages entwickelt haben. Danach fragen wir uns, welche Art von positiver oder negativer Rede wir verwendet haben. Schließlich gehen wir unser physisches Handeln durch und prüfen, ob es einen guten oder schlechten Verlauf nahm.

Ohne diese Überprüfung sind unsere täglichen Arbeiten und Verantwortungen zu groß. Alles wird zu hektisch und wir können uns nicht klar erinnern, was wir getan haben. Wenn wir dann Geistesgegenwart und Bewusstheit mehr und mehr verlieren, schleichen sich langsam störende Gefühle ein. Bevor wir es bemerken, sind wir schon gefangen und stecken tief drin. Meistens fällt es uns zu spät auf, und dann verlieren wir die Hoffnung und denken uns Gründe dafür aus, nichts Nützliches tun zu müssen. Es ist sehr wichtig für uns, immer geistesgegenwärtig und bewusst zu sein, ganz gleich wo wir sind und was wir tun. Dadurch können wir sicherstellen, dass wir fähig werden, anderen fühlenden Wesen zu nutzen.

Der nächste Vers beinhaltet die Widmung. Die Basis, also das "Material", das wir widmen werden, ist unsere Wurzel des Verdienstes. Man kann hier an all den Verdienst denken, den man in früheren Leben, seit anfangsloser Zeit bis jetzt, entwickelt hat. Dann denken wir an all das angesammelte Gute aus diesem Leben, von dem Moment an, an den wir uns erinnern können bis jetzt. Schließlich denken wir auch an die zukünftige Ansammlung. Wir fassen die drei zusammen und widmen sie allen fühlenden Wesen. Das ist die Praxis des Bodhisattvas.

Vers 37
Es ist Praxis des Bodhisattvas, den durch diese Anstrengungen erworbenen Verdienst mit perfekter Weisheit und Abwesenheit der drei Kreise der Erleuchtung zu widmen, um so das Leiden aller fühlenden Wesen aufzulösen.

Der Wurzelverdienst ist das "Material", dass wir allen fühlenden Wesen widmen, damit sie Erleuchtung erlangen und um ihre zahllosen Leiden zu reinigen. Wir widmen ihn in der Weise, dass wir es ohne die "drei Kreise" von Gebenden, Empfangendem und dem Material tun. Zugleich passen wir auf, dass wir keine Erwartungen an diese positive Widmung aufbauen, also nicht auf Rückzahlung in diesem oder in späteren Leben spekulieren. In dieser Weise zu widmen, ist Praxis des Bodhisattvas.
Der Hauptinhalt des Textes ist damit abgeschlossen, und die letzten vier Verse behandeln fünf andere Punkte.

Der nächste Vers beinhaltet, warum Gyalse Thogme Sangpo dieses Werk verfasste.

Vers 38
Ich schrieb diese 37 Praktiken des Bodhisattvas aus der in den Sutras, Tantras und Shastras gelehrten Bedeutung, geleitet von den Anweisungen der Großartigen, zum Wohle aller die den Bodhisattva-Weg praktizieren wollen.

"Sutras" bezieht sich hier kurz gesagt auf das Tripitaka, "Tantras" auf die vier Haupt-Tantras und die "Shastras" sind all die von vielen großen Bodhisattvas verfassten Kommentare. "Anweisungen der Großartigen" bedeutet, dass der Autor diese 37 Bodhisattvapraktiken in 37 Versen verfasste und darin die Essenz all dieser Sutras, Tantras und Shastras enthalten ist. Er verfasste dieses Werk, wie er im Kommentar sagt, um für sich selbst fähig zu werden, den Bodhisattva-Weg zu lernen und für alle anderen, die diesen Weg praktizieren wollen. Er schrieb es also sowohl zum eigenen Nutzen als auch zum Nutzen anderer.

Der nächste Vers besagt, dass der Inhalt, die Bedeutung, authentisch und fehlerfrei ist.

Vers 39
Da es mir an Weisheit und Ausbildung mangelt, werden Gelehrte keine Freude an der Syntax dieser Abhandlung haben. Ich denke jedoch, dass es in ihr keine Fehler in Bezug auf die Bodhisattva-Praxis gibt, denn sie wurde entsprechend den Sutras und den Anweisungen der Großartigen geschrieben.

Gyalse Thogme Sangpo ist natürlich sehr bescheiden, wenn er so über die Authentizität des Textes redet. Er sagt "da es mir an Weisheit und Ausbildung mangelt", weil er seinen eigenen Mangel an Weisheit und Ausbildung sieht und er sich mit anderen großen Wesen, anderen Lehrern und Mitpraktizierenden, vergleicht. Deswegen mag sein Text in den Augen großer Wesen und Gelehrter nichts Besonderes sein. Trotzdem denkt er, dass der Text fehlerfrei ist, da er versucht hat, darin die Essenz aller Sutras festzuhalten. Er stellte sicher, dass er durch die Lehren der Großartigen die Essenz erfasste und in diesem Text aufschrieb.

Im nächsten Vers bittet Gyalse Thogme Sangpo um Vergebung und entschuldigt sich für alle etwaigen Fehler im Text, obwohl er sein Bestes tat um sicherzustellen, dass es keine solchen gibt.

Vers 40
Für eine Person wie mich, der es an Weisheit mangelt, ist es schwer, das weite Verhalten der Bodhisattvas zu ermessen. Deswegen bitte ich dich, Großartiger: Nimm meine Entschuldigung für etwaige Widersprüche, Ungereimtheiten und Fehler an.

Das ist sehr wahr. Gewöhnliche Praktizierende wie wir sind nicht in der Lage, die Weisheit oder die Tiefe des weiten Verhaltens der Bodhisattvas zu beurteilen. Gyalse Thogme Sangpo war zwar selbst ein großer und verwirklichter Bodhisattva, aber in Übereinstimmung mit dem Wesen der Bodhisattvas war er auch sehr bescheiden. Deswegen sagt er, dass es für eine Person wie ihn - der es an Weisheit mangelt - schwer ist, die weiten Taten dieser großartigen Wesen zu ermessen. Er entschuldigt sich ehrlich und aus ganzem Herzen für etwaige Fehler und Ungereimtheiten.

Beim nächsten Vers geht es wieder um die Widmung des Verdienstes, der dadurch entstand, dass Gyalse Thogme Sangpo diesen Text verfasst hat.

Vers 41
Mögen alle fühlenden Wesen durch den hieraus entstehenden Verdienst, durch das absolute und relative Bodhicitta so wie der Schützer Avalokiteshvara werden und nicht in den Extremen von Frieden (Nirvana) und Samsara verweilen.

Durch das Verfassen dieses Textes sammelte er eine große Menge Verdienst an und er möchte diesen allen fühlenden Wesen widmen. Er wünscht, dass dies die Ursache dafür sein möge, dass alle Wesen den erleuchteten Zustand von Avalokiteshvara erlangen. Dafür widmet er den Verdienst durch relatives und absolutes Bodhicitta.
Mit relativem Bodhicitta wird man sich vom Extrem des Friedens, Nirvana, befreien. Mit absolutem Bodhicitta wird man frei von Samsara. In diesem Zusammenhang bedeutet Nirvana nicht die volle Erleuchtung, sondern den Zustand der Arhats. Sein Wunsch ist, dass durch diese große Widmung alle Wesen den erleuchteten Zustand von Avalokiteshvara erlangen.

Der letzte Vers ist das Nachwort:

Vers 42
Thogme, ein die Schriften und Logik lehrender Mönch, verfasste diesen Text in Urgyen Rinchen Phuk, um sich selbst und anderen zu nutzen.

Urgyen Rinchen Phuk ist der Platz, an dem Thogme lebte. Thogme war ein Mönch, der die Schriften und die Logik des Dharma lehrte, und er verfasste diesen Text zum Wohle aller Wesen.

Hiermit haben wir den Text nun abgeschlossen. Ich hoffe, dass, was immer ich hier gelehrt und gemurmelt habe, was auch immer ich hier an Geschwätz9 an euch alle lehrte, von etwas Nutzen war und sein wird. Natürlich ist es mein Wunsch, dass ich euch in zahllosen Weisen nutzen konnte. Und wenn nicht das, dann wird es euch doch hoffentlich wenigstens in einigen Weisen sicheren Nutzen bringen.

Abschließend möchte ich mich bei euch für eure Teilnahme bedanken. Es war ein großes Vergnügen, euch etwas so Wertvolles lehren zu können.
Natürlich sind alle Dharma-Lehren gleichermaßen wertvoll, aber unter den vielen Lehren, die mir begegnet sind, ist diese eine der spezielleren Belehrungen. Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal nach Indien kam und hier in New Delhi im KIBI lebte. Eine der ersten Belehrungen, in denen ich damals unterrichtet wurde, war diese. Sie hat mir in vielen Weisen geholfen zu lernen, wie ich alle meine Unzulänglichkeiten vermeiden und liebende Güte und Bodhicitta entwickeln kann. Ich kann euch versichern: Ich würde nicht leugnen, dass dieser Pfad kein Spaziergang ist und dass es definitiv eine schwierige Reise ist sicherzustellen, dass man nicht die Authentizität und die Reinheit des Bodhicitta verliert. Zugleich spüre ich, dass das Mitgefühl der Buddhas und Bodhisattvas der Grund dafür ist, dass es mir möglich ist, all dies zu teilen. Und natürlich ist diese wertvolle Existenz auch ein Ausdruck meiner eigenen positiven Ansammlungen. Deswegen hoffe ich, dass ihr alle in der Lage seid, diese Belehrungen zu verstehen und dass ihr sie besser verstehen könnt, als ich es tue und dass sie euch nutzen mögen.

1 Weil sie die Gelegenheit geben, Geduld zu üben.
2 Das tibetische Wort für die 5. Paramita ist Samten, nicht zu verwechseln mit Shine. Samten und Shine hängen miteinander zusammen: Shine sind verschiedene Methoden um den Geist zu beruhigen, ihn zu befrieden, und um Geistesgegenwart und Bewusstheit zu trainieren. Samten ist die befreiende Handlung, sich seines eigenen Geiststromes bewusst zu werden und sich nicht von negativen Gedanken ablenken zu lassen sondern ganz im Gegenteil positive Gedanken zu verstärken. In dieser Weise liefert Shine die Basis, um fähig zu sein Samten zu üben.
3 Bestimmte Götterbereich, jenseits der so genannten "Begierde-Götter"
4 die wiederum erst die Weisheit entstehen lässt.
5 Die höchsten Götterbereiche, die durch weltliche Meditation erlangt werden.
6 In diesem Zusammenhang der 6. Paramita auch als "höchstes Wissen" übersetzt, auf Tibetisch Sherab, auf Sanskrit Prajna
7 Ursprüngliche Weisheit, auf Tibetisch Yeshe, auf Sanksrit Jnana
8 Gegenstand der Weisheit: worauf sie sich ausrichtet, also die wahre Natur des Erlebers und alles Erlebtem
9 Karmapa folgt hier dem traditionellen östlichen Stil buddhistischer Lehrer, sich selbst und die eigenen Belehrungen etwas klein zu machen. Solche Aussagen sind deswegen nicht wirklich wörtlich zu nehmen.


17. Karmapa Trinle Thaye Dorje
Karmapa verkörpert die Tatkraft aller Buddhas und ist das Oberhaupt der Karma Kagyü Linie des Diamantweg-Buddhismus. Der Karmapa gilt als der erste bewusst wiedergeborene Lama Tibets - so war ein Schüler des 4. Karmapa der Lehrer des 1. Dalai Lama. Bis heute gab es 17 Inkarnationen dieses "Königs der Yogis von Tibet". Der 16. Karmapa floh 1959 aufgrund der chinesischen Besetzung aus Tibet und sicherte von Sikkim/Indien aus das Weiterbestehen des Diamantweg-Buddhismus. 1981 starb er in der Nähe von Chicago. Der jetzige 17. Karmapa Thaye Dorje (geb. 1983) konnte 1994 das chinesisch besetzte Tibet verlassen und in die Freiheit nach Indien gebracht werden. Seitdem wird er dort in der überlieferten buddhistischen Lehre unterrichtet und erhält gleichzeitig eine westliche Schulbildung. Außerdem leitet er große Zeremonien und wird zu Staatsbesuchen in asiatische Länder eingeladen. Anfang 2000 bereiste er zum ersten Mal Europa. Karmapa lebt zurzeit in Kalimpong/Nordindien.

Von Gyalwa Karmapa auf Englisch gelehrt, Transkription von Rachelle und Jim Macur, redigiert von Kenn Maly und Detlev Göbel, im Auftrag von Gyalwa Karmapa von Khenpo Ngedön korrigiert.

Deutsche Übersetzung von Detlev Göbel und Claudia Knoll.
Fotos von Ginger Neumann.