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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 47, (Sommer 2009)

"Die 37 Übungen eines Bodhisattvas" von Gyalse Thogme Sangpo, Teil 2

Ein Kommentar vom 17. Gyalwa Karmapa Trinle Thaye Dorje

Mitte März 2008 gab der 17. Gyalwa Karmapa Thaye Dorje einen Kurs zu dem klassischen Mahayana-Text "Die 37 Übungen eines Bodhisattvas" von Gyalse Thogme Sangpo. Der Kurs fand im Anschluss an einen zweimonatigen Dharma-Kurs im Karmapa International Buddhist Institute (KIBI) in New Delhi statt. Professor Sempa Dorje, der derzeitige Hauptlehrer des 17. Karmapa, und Khenpo Tsering lehrten hier zwei Monate lang über buddhistische Philosophie und Erkenntnistheorie.
Karmapa gab über eine Woche hin im täglichen Wechsel Belehrungen und verschiedene Einweihungen. Die Teilnehmer waren KIBI-Studenten, zwei Bhutan-Reisegruppen, die diesen Besuch mit ihrer Pilgerreise verknüpft hatten, sowie  westliche Schüler Karmapas, die extra für diesen Kurs angereist waren.
Die Buddhismus-Heute-Redaktion bat Karmapa zu dieser Zeit um einen passenden Text zur Veröffentlichung für diese Ausgabe und Karmapa schlug den Inhalt seines aktuellen Kurses vor.

Mit den bisherigen Erklärungen1 haben wir die Vorbereitungen, nämlich die sieben Arten des Geistestrainings, abgeschlossen.
Es folgen nun zwei Verse, die uns die Methoden aufzeigen, die unseren Fähigkeiten entsprechen. Je nach ihren individuellen Fähigkeiten und Potenzialen kann man alle Wesen in drei Arten unterteilen. Natürlich haben wir aus letztendlicher Sicht alle das absolute Potenzial zum Erlangen der Erleuchtung. Aber entsprechend unseres alten Karmas und der Kraft unserer Tendenzen haben die Wesen manchmal größere, manchmal eher schwächere und manchmal noch geringere Fähigkeiten. Die erste nun folgende Belehrung richtet sich an Anfänger:


Vers 8
Völlig unerträgliche Leiden in den niederen Bereichen sind das Resultat negativer Handlungen, so sagte Buddha. Deswegen ist es die Praxis des Bodhisattvas, selbst unter drohender Todesstrafe niemals eine negative Handlung zu begehen.

Die Belehrung dieses Verses ist für Praktizierende mit geringen Fähigkeiten, deren Schwerpunkt darauf liegen sollte, unnötiges negatives Karma zu vermeiden. Man muss sich hier klarmachen: Jedes Leiden, das in den drei niederen Bereichen erlebt wird, hat keine andere Ursachen, als dass man sich selbst zuvor schlechtes Karma geschaffen hat.
Dies ist keine Aussage, die wir einfach blind glauben, nur weil Buddha sie aus seiner eigenen Erfahrung über unzählige Lebenszeiten so  gemacht hat. Durch logische Untersuchung können wir zu dem Schluss kommen, dass unangenehme Erlebnisse ein Ergebnis falscher Handlungen sind. Wenn man das verstanden hat, dann liegt für einen Praktizierenden mit geringeren Fähigkeiten der Schwerpunkt darauf, selbst um den Preis seines eigenen Lebens das Erzeugen von negativem Karma zu vermeiden. Daher ist es die Praxis des Bodhisattvas, niemals irgendein negatives Karma zu erschaffen.

Als Anfänger ist es offensichtlich sehr schwierig, diese Ebene zu erreichen. Aber zurzeit sind wir in der glücklichen Lage, dass wir  uns darauf konzentrieren und darüber nachdenken können. Indem wir uns einfach immer wieder daran erinnern, wird es uns dann in Momenten, die das Potenzial bergen, uns zum Erzeugen von negativem Karma zu bringen, zunehmend leichter fallen, etwas Positives zu tun. Wir müssen verstehen, was die Ursachen für das Erschaffen von schlechtem Karma sind: die negativen Handlungen. Durch gründliches Nachdenken werden wir fähig, einen Weg oder eine Methode zu finden, sie zu vermeiden.
Der nächste Vers beschäftigt sich mit den Prioritäten eines Praktizierenden mit mittleren Fähigkeiten.


Vers 9
Glück in den drei Bereichen2 ist wie Tau auf der Spitze eines Grashalms, es wird seiner Natur nach in einem Moment verschwinden. Die Praxis des Bodhisattvas ist, die große Befreiung anzustreben, die sich nie ändert.

Auf der ersten Ebene der Praktizierenden mit geringerer Fähigkeit lag der Schwerpunkt darauf, negatives Karma zu vermeiden. Für den mittleren Praktizierenden verlagert sich der Schwerpunkt dahin, dass man sich darin übt, das Anhaften an den Glauben, dass es in den drei Bereichen von Samsara dauerhaftes Glück gäbe, zu vermeiden. Wir verschwenden unsere Zeit und unsere wertvolle Existenz, indem wir Vertrauen in den falschen Weg setzen. Zeitweiliges Glück und Frieden sind immer vergänglich, ganz gleich ob man als menschliches Wesen oder in einem Götter-Bereich geboren wurde.

Hier wird das Beispiel von Tau auf einem Grashalm gegeben: Sobald die Sonne hervorkommt, trocknet der Tau und verschwindet, er hält sich einfach nicht lange. In der gleichen Weise wird Glück in den drei Bereichen seiner Natur nach in einem Moment verschwinden. Deswegen müssen wir nach einem Glück streben, das dauerhaft und unvergänglich ist. Der Weg des Bodhisattvas ist daher, die große Befreiung anzustreben. Für den Praktizierenden mit mittleren Fähigkeiten liegt der Schwerpunkt darin, sein Bestes zu tun, um vom Haften an Samsara loszulassen und sich auf die große Befreiung einzustellen.
Nun kommen wir zum Weg der Praktizierenden mit den höchsten  Fähigkeiten, den Bodhisattvas:


Vers 10

Wenn all die Mütter, die mich seit anfangsloser Zeit geliebt haben, leiden - wozu ist dann mein eigenes Glück gut? Daher ist es die Praxis des Bodhisattvas, den Erleuchtungsgeist zu entwickeln, um zahllose fühlende Wesen zu befreien.

Dies richtet sich an Praktizierende mit höchsten Fähigkeiten, die zu einer weiten Sicht der Dinge fähig sind. Mit einer eingeschränkten Perspektive streben wir nur nach unserem eigenen Glück und retten nur unsere eigene Haut. Wir mögen zwar die vergängliche Natur von Samsara verstanden haben und die Erleuchtung anstreben, aber wenn wir das nur für uns selbst tun, dann gehen wir eigentlich nur den Pfad der Praktizierenden mit geringen und mittleren Fähigkeiten.

Als Bodhisattva arbeitet man mit einer einfachen Logik: Es beginnt damit, dass man nach Erleuchtung strebt, weil man sich dessen bewusst ist, dass es in Samsara nur Leiden gibt. Das ist kein Pessimismus, sondern eine universelle Tatsache. Deswegen strebt man die große Befreiung an, den allwissenden Zustand der Buddhaschaft.
Dann sieht man, dass alle anderen fühlenden Wesen sich in einer sehr ähnlichen Lage wie man selbst befinden. Auch sie suchen nach Glück und wollen sich von Leiden befreien. Aber ihres Karmas wegen finden sie nicht den richtigen Weg, fahren mit ihren gewohnheitsmäßigen falschen Methoden fort und sind so dauerhaft im Kreislauf von Samsara gefangen. Wenn man seine eigene Situation und die der anderen in dieser Weise verstanden hat, denkt man als Bodhisattva, dass man die Verantwortung hat, den anderen zu helfen.

Logischerweise ist der Weg dahin der, den alle großen Bodhisattvas verwendet haben: Man versteht, dass Samsara weder allgemein noch individuell einen Anfang hat. Unser konzepthafter Geist hat zwar die Tendenz zu denken, es müsse einen Anfang geben, aber für Samsara trifft das nicht zu. Alle fühlenden Wesen sind über unzählige Wiedergeburten in zahllosen Weisen miteinander verbunden. Sie alle waren einmal für uns wie unsere Eltern in diesem Leben und haben uns, wie unsere jetzigen Eltern, Mitgefühl und Güte gezeigt. Wenn man in dieser Weise versteht, wie alle Wesen miteinander verbunden sind und dass sie einmal unsere Eltern waren, wie könnte man dann nur sein eigenes Glück anstreben und das der anderen vernachlässigen? Deswegen fragt der Vers: "... wozu ist dann mein eigenes Glück gut?"

Aus diesem Grunde wird es unsere letztendliche Verantwortung, uns auf eine größere Perspektive einzustellen, die alle fühlenden Wesen einschließt, und sicherzustellen dass sie die Erleuchtung erreichen. Deswegen besagt der Vers, dass es die Praxis des Bodhisattvas ist, den Erleuchtungsgeist zu entwickeln.
Entwicklung des Bodhicitta, des Erleuchtungsgeist, bedeutet hier "Bodhicitta des Strebens" und "Bodhicitta der Anwendung". Das Bodhicitta des Strebens ist der aus Verständnis entstehende Wunsch und das vor den Drei Juwelen als Zeugen - aber vor allem sich selbst gegebene Versprechen - diese Verantwortung zu übernehmen. Das Bodhicitta der Anwendung beginnt danach in dem Moment, in dem wir diesen Wunsch erzeugt haben und wird geübt, bis die Aufgabe vollbracht ist.

In dieser Weise beginnen wir unseren Weg zur Erleuchtung. Indem wir das Versprechen geben, uns mit dem Ziel zu identifizieren und uns dem Streben und der Anwendung verpflichten, können wir das "relative Bodhicitta" entwickeln. Da wir uns selbst Bodhisattvas nennen, sollten wir diese Methode immer anwenden, wenn wir Ermächtigungen nehmen, meditieren oder studieren.

Da wir nun mit großem Verständnis und Bestimmtheit das Bodhicitta des Strebens und der Anwendung entwickelt haben, fahren wir damit fort, dieses relative Bodhicitta zu verstehen und zu stabilisieren.


Vers 11
Alles Leiden entsteht aus der Begierde nach eigenem Glück. Perfekte Erleuchtung erwächst aus einem Geist, der anderen Wesen gegenüber wohlgesonnen ist. Daher ist es Praxis des Bodhisattvas, den Austausch des eigenen Glücks gegen das Leiden der anderen zu vervollkommnen.

Der Schwerpunkt dieses Verses liegt darin, dass wir unsere Gewohnheit verändern, indem wir das Wesen von sowohl Samsara als auch Nirvana zu verstehen versuchen. Es heißt hier: "Alles Leiden entsteht aus der Begierde nach eigenem Glück", und das bedeutet, dass die Ursache für die Existenz Samsaras unsere Begierde, unser Haften an persönlichem Glück ist und dass wir unsere Verantwortung, anderen zu helfen, vergessen. Das heißt, dass wir ständig verleitet sind, um jeden Preis unser eigenes Glück zu suchen. Die Ursache für Erleuchtung entsteht aber aus dem völligen Gegenteil, nämlich einem Geist, der anderen nutzen will. Der Zustand der vollkommenen Erleuchtung entsteht aus dem fortwährenden Streben nach Glück und Befreiung für andere Wesen. Einfach gesagt heißt das: für andere Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir uns für den Bodhisattva-Weg entschieden haben, geht es für uns zuerst einmal darum, das Gewohnheitsmuster zu ändern, dass wir uns für viel wichtiger halten als jeden anderen, das Gefühl: "Ich bin wichtiger als der Rest." Diesen Blickpunkt zu ändern und unser eigenes Glück und den auf uns selbst gelegten Vorrang auszutauschen, ist Praxis des Bodhisattva. Alle fühlenden Wesen haben Vorrang und wir selbst stehen erst an zweiter Stelle.

Zur Verantwortung für unser eigenes Handeln übernehmen wir zusätzlich also auch die Verantwortung, anderen zu nutzen - nicht einfach als eine Pflicht, sondern weil es in unserer Natur liegt. Im Vers heißt es: "Daher ist es Praxis des Bodhisattvas, den Austausch des eigenen Glücks gegen das Leiden der anderen zu vervollkommnen." Es gibt viele Belehrungen über diesen Austausch und er beginnt damit, dass wir uns klarmachen, was unser gemeinsames Ziel ist: Wir alle wollen Glück haben und Leid vermeiden. Ganz gleich welchen Status wir haben, in diesem Punkt sind wir uns alle gleich: Wir alle sind Opfer unserer Gewohnheitsmuster. Wir übernehmen zuerst einmal die Verantwortung zu erkennen, dass wir insofern alle gleich sind, dass wir gleichermaßen nach Erleuchtung streben. Dann gehen wir einen Schritt weiter und tauschen unseren Zustand mit dem der anderen aus. Es geht nicht nur darum zu fühlen, dass wir alle ähnliche Ziele haben und gleich sind, sondern obendrauf auch sicherzustellen, dass alle fühlenden Wesen für uns Vorrang bekommen und wir erst an zweiter Stelle folgen.

Zur Vorbereitung gibt es zahllose Methoden, um das zu erreichen, zum Beispiel die Meditation der Geistesruhe (tib. Shine) und die Meditation des "Geben und Nehmen" (tib. Tonglen). Im Laufe der Zeit und unserer zunehmenden Fähigkeit lernen wir, wortwörtlich unseren Platz mit dem der anderen zu tauschen. Wir haben viel über Buddhas Leben gehört, darüber wie man sein eigenes kostbares Leben für die Sicherheit, die Liebe und das Glück der anderen aufgibt. Das ist etwas, worüber wir meditieren und worauf wir uns einstellen müssen. Die folgenden Ratschläge gelten für uns, nachdem wir so meditiert und unseren Geist stabilisiert haben. Die nächsten nun folgenden zehn Verse richten sich an Anfänger, die zahllose ungünstige Umstände erleben können. Diese Lehren zeigen uns, wie man sie vermeiden und wie man sie zu seinem Vorteil umwandeln kann.


Vers 12
Selbst wenn jemand von Gier getrieben uns unseren Besitz wegnimmt oder andere dazu bringt, das zu tun, so ist es die Praxis des Bodhisattvas, ihnen den eigenen Körper, Besitz und den Verdienst der drei Zeiten zu widmen.

Hier geht es darum, von unseren am höchsten geschätzten Besitztümern loszulassen - unserem Körper und unserem Wohlstand. Es gibt alle möglichen ungünstigen Umstände, in die wir jederzeit hineinfallen können. Wenn jemand uns zum Beispiel unser Leben oder unseren Besitz nehmen will, so tut er das aus Gier und nicht mit voller Absicht. Niemand hat es in seiner Natur, solche negativen Handlungen zu begehen, aber es geschieht, weil man sich seiner Gier hingibt. Wenn wir das verstehen können, werden wir fähig, diese negativen Umstände in positive umzuwandeln. Anderenfalls fühlen wir Angst und Schock, und danach üben wir Rache und schlagen zurück.

Wenn man fähig dazu ist zu verstehen, dass die andere Person einfach nur von Gier getrieben ist und dass die Situation aufgrund des eigenen Karmas und früherer negativer Verwicklungen entsteht, kann man loslassen. Vielleicht kann man dann sogar anderen den Körper, den Besitz und Verdienst widmen. Als Praktizierende können wir uns auf unseren wertvollsten Besitz einstellen: unser gutes Karma. Deswegen widmen wir sogar den Verdienst der drei Zeiten, aus unseren früheren Leben, aus diesem Leben und den Verdienst, den wir in der Zukunft ansammeln können. All das zu widmen, wird zur Praxis der Bodhisattvas.
In diesem Vers ging es darum, Verlust von eigenem Besitz in etwas Positives zu verwandeln. Im nächsten Vers geht es um die Umwandlung von jeder Art von Schaden.


Vers 13
Wenn eine Person einem - ohne dass man irgendeinen Fehler gemacht hätte - den Kopf abschneiden will, so ist es Praxis des Bodhisattvas, durch die Kraft des Mitgefühls ihr negatives Karma auf sich selbst zu nehmen.

Das Beispiel im Vers ist wohl für uns sehr unwahrscheinlich, aber es geht hier um einen allgemeinen Ratschlag, wie eine besondere Art von Hindernis - Schaden - in etwas Vorteilhaftes umgewandelt werden kann.
Wenn man zur falschen Zeit mit den falschen Personen am falschen Ort ist, könnte man tatsächlich so enden wie in dem genannten Beispiel. Wenn jemand auf uns zukäme und uns sagen würde, dass er uns jetzt den Kopf abschneiden werde, wäre unsere erste Reaktion wohl ein großer Schock. Aber da wir versuchen Bodhisattvas zu werden, sollten wir in einer solchen Situation verstehen, dass sie nicht einfach zufällig entsteht, sondern das Resultat des eigenen Karmas ist. Das Wichtigste ist zu verstehen: Es geschieht nicht mit vollem Bewusstsein. Gegenüber jedem, der solch eine Tat ausübt, sollten wir diese Haltung haben. Erstens geschieht es, weil wir dieses Karma aufgebaut haben, und zweitens ist der Antrieb für solche Taten die starke Kraft der Gewohnheit. Wenn wir das verstehen, werden wir sogar fähig, noch mehr und echteres Mitgefühl und liebende Güte zu entwickeln. Als Bodhisattvas ist es unsere Pflicht, an das negative Karma zu denken, dass solche Menschen in ihren früheren Leben, in diesem Leben und vielleicht auch in zukünftigen Leben angesammelt haben und ansammeln werden. Wir nehmen dieses negative Karma auf uns, auch wenn das nicht wirklich im wörtlichen Sinne möglich ist. Es aber aus ganzem Herzen zu wünschen, ist die Praxis des Bodhisattvas.
Nun folgt ein Ratschlag dazu, wie man Kritik in etwas Positives umwandelt:


Vers 14
Selbst wenn jemand in allen drei Universen schlecht über einen redet, so ist es Praxis des Bodhisattvas, mit liebevollem Geist über dessen Qualitäten zu sprechen.

Kritik zu verdauen ist eine der schwierigsten Dinge in Samsara. Es ist sehr schwer, Kritik umzuwandeln - sowohl für einen Anfänger als auch für einen Arhat oder für einen Bodhisattva, denn unsere Gewohnheitsmuster sind sehr stark, es ist aber nicht unmöglich. Wenn jemand in irgendeinem der drei Bereiche unsere schlechten Gewohnheiten oder Negativitäten kritisiert - zum Beispiel unsere Nase - dann ist es Praxis des Bodhisattvas zu verstehen, dass es ihr Karma ist. Die Person tut so etwas, weil sie nicht frei von ihrer eigenen Gier ist.

Wir sollten dann sogar noch einen Schritt weitergehen und diese Person als unseren Lehrer, Führer, Unterstützer oder Spiegel für unser Leben als Praktizierende ansehen. Wir sind oft nicht in der Lage, unsere eigenen Fehler zu erkennen, denn unter dem Einfluss unserer Gewohnheitsmuster und Tendenzen schätzen wir unser eigenes Handeln immer als richtig ein. Unsere eigenen Taten, Worte und Gedanken sehen wir immer als richtig an, wohingegen andere Leute Fehler machen. Deswegen ist es nützlich, jemanden zu haben, der einen nicht mag und der einem die eigenen Fehler klar aufzeigt, sie in Worte fasst und einem zeigt. Mit diesem Verständnis werden unsere Feinde für uns viel wichtigere Lehrer als unsere traditionellen Dharma-Lehrer. Es ist eine Bodhisattva-Handlung, sie in dieser Weise anzuerkennen, wertzuschätzen und ihnen dankbar zu sein. Mit dieser Einstellung können wir dann sogar noch mehr Mitgefühl und liebende Güte entwickeln. Die Praxis des Bodhisattvas ist, wenn wir dann noch, wie es in dem Vers heißt, "mit liebevollen Geist über dessen Qualitäten sprechen". Erst erkennen wir all ihre positiven Qualitäten an und dann teilen wir dieses Verständnis mit anderen Praktizierenden. Das ist die letztendliche Bodhisattva-Praxis.
Beim nächsten Vers geht es darum, dass unsere Fehler offen gelegt werden:


Vers 15
Wenn jemand schlecht über einen redet und vor einer öffentlichen Versammlung unsere Fehler offen legt, so ist es die Praxis des Bodhisattvas, sich vor ihm zu verbeugen und ihn als spirituellen Freund zu sehen.

Hier geht es mehr oder weniger um das Gleiche wie im letzten Vers, aber diese Situation ist wahrscheinlicher. Sie kann in unserem Leben recht häufig vorkommen, denn mit unserem eigenen Fehlverhalten, durch unsere Gewohnheitsmuster machen wir uns im Leben sowohl Freunde als auch Feinde. Es verletzt uns, wenn jemand bei einer öffentlichen Versammlung oder anderen Art von Zusammenkunft schlecht über uns redet, denn wir halten uns selbst durch unsere samsarischen Gewohnheiten sehr in Ehren. Auch wenn es gar nicht einmal um uns selbst geht, sondern uns jemand Nahestehendes wie Eltern, Freunde, Familie oder jemand, für den wir sorgen, kritisiert, kann es für uns sehr schwierig sein, uns beherrschen. Es scheint in gewisser Weise Teil unserer Natur zu sein, wie es auch im Text3 gesagt wird. Aber eigentlich ist es einfach nur ein Zeichen dafür, dass wir von unseren Störgefühlen beherrscht werden.

Wir alle wollen frei werden. Aber wenn wir uns nicht von dieser Kontrolle befreien, können wir noch so viel Demokratie und "Freiheit" anstreben, wir werden doch immer weiter von unseren Emotionen beherrscht. Indem wir unseren "Feind" als unseren spirituellen Freund, als einen vor uns stehenden, lebenden, atmenden Bodhisattva sehen, können wir dieses Missverständnis auflösen.

In traditioneller Weise einen Lehrer zu haben, ist eine gute Sache, geradezu Luxus. Aber sein Mitgefühl kann auch einen ganz kleinen Nachteil haben, denn er ist vielleicht nicht fähig, uns unsere Fehler aufzuzeigen. Deswegen kann ein Feind durchaus ein wichtigerer Lehrer sein, denn er kann unsere Negativität ans Tageslicht bringen. Wenn man ihn als spirituellen Freund, als Bodhisattva, sehen kann, dann ist unsere Verantwortung als Bodhisattvas erfüllt.


Vers 16
Wenn eine Person, die ich schätze und um die ich mich gekümmert habe wie um meinen eigenen Sohn, mich als Feind sieht, so ist es die Praxis des Bodhisattvas, sie noch mehr zu lieben als eine Mutter ihr krankes Kind.

Hier geht es um Undankbarkeit. Man war jemandem gegenüber gütig und bekommt sozusagen Saures statt Zucker zurück. Vielleicht erwartet man überhaupt keine Gegenleistung, aber es kommt etwas Unschönes zurück. In so einer Situation müssen wir uns zusammenreißen und die gleichen Methoden anwenden wie zuvor.

In unserem Leben kommen wir mit vielen Menschen in Verbindung, denen wir nach besten Kräften zu helfen versuchen und die wir in jeder Weise unterstützen. Manchmal erwarten wir dann etwas von ihnen als Gegenleistung, aber meistens sind wir uns darüber klar, dass es am tiefgründigsten und edelsten ist, gar nichts zu erwarten. Wenn dann aber etwas Unschönes zurückkommt, sollten wir nicht zornig oder voller Hass reagieren. Statt uns irgendwelchen Störgefühlen hinzugeben, sollten wir noch mehr Mitgefühl und liebende Güte empfinden.

Hier wird das Beispiel gegeben, dass wir solche Leute so sehen sollten wie eine Mutter ihr einziges Kind. Wenn das Kind krank ist, ist es natürlich und fast automatisch, dass man keinen Zorn oder Frustration fühlt, ganz gleich wie sehr es einem mit seinem Verhalten verletzt. Vielleicht ist man frustriert, aber nicht in negativer Weise. Man würde noch mehr Mitgefühl empfinden, anstatt Rache üben zu wollen. Viele unter euch sind Mütter und ihr kennt das besser als ich. Mit dieser Wertschätzung gegenüber euren Feinden ist die Bodhisattva-Verantwortung erfüllt.
Beim nächsten Vers geht es darum, Demütigung in ein Mittel zum Entwickeln von Respekt und Mitgefühl umzuwandeln.


Vers 17
Wenn eine mir gleich- oder niedergestellte Person mich, getrieben von Stolz, beschimpft, so ist es Praxis des Bodhisattvas, sie respektvoll als den eigenen Guru über den Kopf zu setzen.

Wenn eine Person, die uns in Hinsicht auf Kaste, soziale Klasse, Intellekt, Wohlstand oder Position gleich- oder niedergestellt ist, uns aus Stolz demütigt, so ist es eine der tiefgründigsten Bodhisattva-Praktiken, diese Person als Lehrer anzusehen, als eine spirituelle Unterstützung. Der Vers sagt sogar: "Sie respektvoll als den eigenen Guru über den Kopf zu setzen".

Ich denke, das ist recht einfach. Wenn man es allgemein betrachtet, ist die Gesellschaft ein großes Durcheinander. Eine Gesellschaft besteht aber aus vielen einfachen Leben, die sozusagen übereinander  geschichtet sind. Sie bilden eine große Gesellschaft, und das Chaos und die Aufregung kommen dann daher, dass man die Gleichheit nicht verstehen kann. Dieses Wort "gleich" müssen wir sehr gut untersuchen, denn wenn uns jemand Schwierigkeiten macht oder wegen unserer Kaste oder Position schlecht über uns redet, dann kann es ein großes Hindernis werden, wenn wir das nicht positiv aufnehmen können. Die Situation kann sich zu purem Chaos entwickeln und all die unnötigen Missverständnisse wie Krieg, Hungersnöte usw. entstehen lassen. Deswegen ist es sehr wichtig, solche Hindernisse in positive Mittel umwandeln zu können.
Der nächste Vers behandelt die Umwandlung von allen Arten von Verschlechterung des Lebens und des Wohlstandes in positive Mittel.


Vers 18
Selbst wenn man von bösen Geistern und schwerer Krankheit gefangen ist, von anderen immer beschimpft wird und Mühe hat zu überleben, so ist es die Praxis des Bodhisattvas, ohne Entmutigung all das negative Karma aller Wesen auf sich zu nehmen.

Dies bezieht sich darauf, dass es im Leben bergab geht. Das kann physisch sein in Form von Alter, Unfällen, Krankheiten usw. Darüber hinaus wird man vielleicht auch noch schikaniert und behindert. Es ist also ein Zustand mit allen möglichen Hindernissen. Es kann auch mit Hunger zu tun haben, denn das Leben aller fühlenden Wesen dreht sich um den Bauch. Die ganze Zeit versuchen wir, diesen undankbaren Magen zu füttern. Ganz gleich wie viel man ihm gibt, am nächsten Tag ist er doch wieder hungrig.

In dieser Belehrung geht es vor allem um, physische Verschlechterung und in zweiter Linie um alle anderen erdenklichen Hindernisse im Leben. Wenn man die ganze Zeit über in ein Problem nach dem anderen verwickelt ist, kann das manchmal sehr verwirrend werden. Obwohl wir von diesen Hindernissen hin und her geschoben werden, versuchen wir vielleicht, ein guter Mensch oder ein Bodhisattva zu sein und spirituell zu bleiben. Aber es kann dazu führen, dass man Zweifel bekommt. Man versteht nicht, warum das alles geschieht, man erkennt aus diesem Leben keine Ursachen dafür. Das kann jemanden so weit bringen, dass er im wahren Sinne des Wortes aufgibt.

Es ist deswegen die Praxis des Bodhisattvas, durch solche Herausforderungen hindurchzugehen. Selbst in solch einem Sturm versuchen wir den Durchbruch und pflegen den Erleuchtungsgeist. Wir versuchen an all die Wesen zu denken, die in ähnlicher oder schlimmerer Lage sind und an all die Wesen, denen die negative Erfahrung aus ihrem schlechtem Karma noch bevorsteht. Wieder wünschen wir, uns mit ihnen in der Weise auszutauschen, dass wir all ihre Herausforderungen auf uns nehmen können ohne entmutigt zu werden - und dann machen wir weiter.


Vers 19
Selbst wenn er berühmt geworden ist, die Leute ihren Kopf vor ihm neigen und er so reich wie der Gott des Reichtums geworden ist, so ist es Praxis des Bodhisattvas, nicht stolz zu sein, denn er sieht, dass Reichtum in Samsara ohne Essenz ist.

In diesem Vers geht es um Reichtum. Aus samsarischer Sicht, also in weltlichen Begriffen, gilt Reichtum als Quelle von Glück. Wenn man reich ist, kann man sich und die Familie ernähren und kleiden. Man wird berühmt und bekommt all den Luxus, den man sich im Leben vorstellen kann. Aber das ist die samsarische Sicht. Aus der Sicht eines Praktizierenden und besonders aus der eines Bodhisattvas wird Reichtum zu einer großen Quelle von Hindernissen, wenn man sich der Tendenz hingibt, Reichtum als letztendliche Quelle für Glück zu sehen. Deswegen ist es sehr wichtig zu lernen, die wahre Natur von Reichtum zu erkennen, geschickte Methoden zu finden und richtig damit umzugehen.

Man kann in diesem vergänglichen Leben durchaus der reichste aller Milliardäre sein und trotzdem sehen, dass all der Ruhm, Wohlstand, Komfort und Luxus nicht dem dient, was eigentlich wichtig ist und kein reines Glück bringt. Praxis des Bodhisattvas ist, nicht stolz zu sein und nicht zu erlauben, dass Stolz die eigene Sicht trübt. Wir müssen lernen, unseren Wohlstand und Ruhm in positive Mittel zu verwandeln, also unsere Position, unseren Reichtum und Ruhm in positiver Weise einzusetzen. Wenn man berühmt ist, kann man eine große Zahl von fühlenden Wesen beeinflussen und andere in großem Rahmen ermutigen. Hinzu kommt, dass man mit Wohlstand viel Gutes tun kann, ihn also nicht nur für sich selbst zu verwenden, sondern allen Wesen zugute kommen lassen.
Der nächste Vers behandelt die Umwandlung von unserem wahren Feind, den Störgefühlen von Hass und Zorn, die grundlegend von gleicher Natur sind.


Vers 20
Wenn man versucht äußere Feinde zu unterwerfen, werden es eher mehr werden, wenn man nicht zuerst den eigenen Zorn unterwirft. Deswegen ist es Bodhisattva-Praxis, den eigenen Geiststrom mit den starken Armeen von Liebe und Mitgefühl zu besiegen.

Im gewöhnlichen Leben gibt es zahllose Feinde, die wir uns manchmal durch Missverständnisse und manchmal ganz bewusst machen, oft ohne dabei eine Wahl zu haben. Aber meistens sind alte, negative karmische Verwicklungen die Ursache. Wenn wir aber nach der eigentlichen Quelle, dem wahren Feind suchen, so finden wir nichts anderes als unser eigenes Störgefühl von Zorn.

Es ist unsere samsarische Gewohnheit, äußere Feinde - also andere Personen - mit allen möglichen Mitteln auszuschalten. Zuerst versuchen wir Kompromisse zu schließen und mit netten Worten zu verhandeln. Wenn das nicht funktioniert, setzen wir Gewalt ein. Aus diesem Grunde haben wir überall in der Welt Krieg. Solange wir mit diesem Muster fortfahren, erfahren wir immer mehr Schmerz, Leiden, Schmutz und Feinde - eine nicht enden wollende Wiederholung der gleichen alten Geschichte. Aber aus der Perspektive der Erfahrung all der früheren Bodhisattvas ist der wahre Feind nichts anderes als unser eigener Zorn und Hass. Durch sie pflanzen wir die Samen dafür, dass wir uns immer wieder andere Personen zu Feinden machen. Um diesen inneren Feind Zorn zu überwinden, muss man zuerst den eigenen Geiststrom mit den kraftvollen Armeen von Liebe und Mitgefühl unterwerfen. Liebe und Mitgefühl als Mittel zur Überwindung von Zorn einzusetzen, ist der Schlüssel, der garantiert, dass es keine Wiederholung dieser Geschichte gibt. Zorn zu überwinden ist vorrangig für uns, und wir tun das mit Mitgefühl und liebender Güte.

Beim nächsten Vers geht es darum, die Ursache für das Entstehen von Anhaftung zu vermeiden. Hält man sich als Anfänger in der Nähe von bestimmten Umständen auf, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis Anhaftung in uns entsteht. Und wenn wir ihr erst einmal nachgegeben haben, hört sie einfach nicht mehr auf.


Vers 21
Weltliche Errungenschaften sind wie Salzwasser - die Begierde nimmt zu, je mehr wir davon zu uns nehmen. Es ist die Praxis des Bodhisattvas, unmittelbar alle Dinge aufzugeben die Anhaftung entstehen lassen.

Wenn wir uns schon von unserer Anhaftung nicht völlig befreien können, so ist es für einen Anfänger sehr wichtig, sich wenigstens von solchen Umständen und Dingen zu distanzieren. Die Erfahrung von Anhaftung ist seiner Natur nach wie Salzwasser. Ein Durstiger will mit Wasser seinen Durst löschen; wenn das Wasser jedoch salzig ist, wird er umso durstiger, je mehr er davon trinkt. Er wird niemals wirklich seinen Durst stillen können. Wenn man von Anhaftung erzeugenden Umständen Abstand nimmt und sicherstellt, dass man das wirklich gründlich aus jedem Blickwinkel versteht, ist das eine sehr positive Sache für die Entwicklung zum Bodhisattva.

Bis jetzt ging es in den Belehrungen um das relative Bodhicitta. Für einen Anfänger ist dies genau die Weise dahin zu kommen, das absolute Bodhicitta, die absolute Wahrheit, zu verstehen. Wir gehen diesen Weg, um damit gute Eindrücke anzusammeln und schließlich das absolute Bodhicitta entstehen zu lassen. Mit "relativ" ist hier mehr oder weniger die herkömmliche Weise zum Verständnis der Wahrheit gemeint, dass wir also unsere gewöhnlichen Konzepte als ein Mittel zum Erschließen der Wahrheit nutzen. Obwohl diese Konzepte fabriziert sind und aus Dualismus heraus geschaffen wurden, haben wir als Anfänger keine andere Wahl, als sie zu benutzen. Sie sind das, was uns jetzt zur Verfügung steht. Relatives Bodhicitta nutzt die herkömmlichen Konzepte, um dahin zu kommen, die absolute Wahrheit zu verstehen.

Bis jetzt waren die Ratschläge vor allem für Anfänger, also dazu wie man positiven Verdienst ansammelt, wie man negative Umstände transformiert und was es bedeutet, ein anständiger Mensch oder ein Bodhisattva zu sein. Nun wenden wir uns den Belehrungen zum absoluten Bodhicitta zu.


Vers 22
Alle Erscheinungen sind der eigene Geist. Der Geist selbst ist seit anfangsloser Zeit jenseits von begrifflichen Begrenzungen. Dies zu wissen und nicht in Konzepten wie Subjekt und Objekt zu denken, ist Praxis des Bodhisattvas.

In diesem Vers geht es darum, wie man auf das absolute Bodhicitta meditiert oder wie man es versteht. "Alle Erscheinungen sind der eigene Geist" bezieht sich auf jede Erfahrung, die wir durch unsere fünf Sinnesfähigkeiten und durch den Geist machen können, also durch unsere sechs Sinne. Jede Erscheinung, die wir durch diese sechs Sinne wahrnehmen, ist nichts anderes als eine Projektion des Geistes. In anderen Worten: Obwohl sie uns als Formen, Klänge, Geschmack, Berührung, Gerüche und Gedanken erscheinen, sind sie ihrer wahren Natur nach weder hier noch da. Sie sind alle einfach nur Projektionen unseres eigenen Geistes.

Ebenso wie dies die Natur der Erscheinungen ist, so ist auch der Geist, der diese Erscheinungen wahrnimmt, seit anfangsloser Zeit ebenso jenseits von begrifflichen Begrenzungen. "Begriffliche Begrenzungen" bedeutet jede Art von erschaffenen Erfahrungen. So wie alle Erscheinungen ihrer wahren Natur nach frei davon sind, erschaffen worden zu sein, so ist auch der Geist selbst frei davon. "Begriffliche Begrenzungen" bedeutet, dass wir es für wichtig halten, in der Weise zu denken, dass Dinge ganz bestimmt existieren oder dass sie gar nicht existieren. Praktisch heißt das, dass wann immer wir an irgendetwas denken, wir immer glauben, dass es entweder vergänglich oder unvergänglich ist. Begriffliche Begrenzungen sind sowohl Eternalismus als auch Nihilismus. Unser samsarischer, bedingter Geist ist von unseren Gewohnheitsmustern getäuscht und scheint daher in eine dieser beiden Kategorien zu gehören. Um das absolute Bodhicitta entstehen zu lassen, müssen wir verstehen, dass auch der Geist selbst frei von solchen extremen Seinsweisen ist.

"Subjekt und Objekt" ist hier als Dualismus zu verstehen. Es ist der Versuch, auf der einen Seite den Geist als Erleber der Dinge zu sehen und getrennt davon auf der anderen Seite die erlebten Dinge selbst. Wir müssen sehen und wissen, dass der Geist tatsächlich frei ist von diesem Dualismus. Sich auf diesen Zustand der Wahrheit einzustellen zu können, ist die Praxis des Bodhisattva.

Wenn wir unseren Geist stabilisiert und auf dieses Verständnis und diesen Weg ausgerichtet haben, müssen wir als Praktizierende im täglichen Leben mit den Hindernissen umgehen, die uns begegnen. Die zwei häufigsten Hindernisse sind Dinge, die uns entweder sehr angenehm oder sehr unangenehm sind. Im kommenden Vers werden zuerst die angenehmen Erfahrungen besprochen, und wie man sicherstellt, dass man nicht in die Fallen der Anhaftung gerät.


Vers 23
Angenehme Dinge die mir begegnen, existieren wie ein schöner Sommer-Regenbogen. Sie nicht als wirklich anzusehen und Anhaftung aufzugeben, ist Praxis des Bodhisattvas.

Angenehme Dinge sind genau wie der schöne Regenbogen im Sommer. Wenn wir einen Regenbogen sehen, existiert er für uns, wie er ist - schön und bunt. Aber wir wissen, dass er - ganz gleich wie klar wir ihn sehen können - eigentlich nicht so existiert, wie wir ihn sehen. In der gleichen Weise sollten wir uns von allen angenehmen Erscheinungen, die uns begegnen, nicht täuschen lassen. Wir sollten nicht in die Falle geraten, sie für real zu halten. Stattdessen sollten wir von ihnen mit Methoden wie hier mit dem Beispiel des Regenbogens loslassen.

Der wichtige Punkt hier ist: Immer wenn uns angenehme Objekte begegnen, ist unsere unmittelbare Gewohnheitstendenz sie als rein, angenehm und dauerhaft zu sehen und ihnen zugleich ein festes "Selbst", eine reale Existenz, zuzuschreiben. Sobald wir dieses Konzept klar im Geist haben, haften wir daran an. Das gilt für Formen, Klänge usw., jede Art von Erscheinung.

Durch diese vier Haupt-Konzepte geraten wir immer wieder in die Falle. Wir müssen sie zuerst erkennen und uns klar über sie werden, dann ist das Loslassen viel leichter. Danach müssen wir umdenken in die Gegenrichtung zu diesen Konzepten.

Erstens sehen wir also alle Erscheinungen als rein. Wenn uns angenehme Formen und Objekte begegnen, neigen wir dazu zu denken, dass sie in ihrem saubersten und reinsten Zustand sind. Aber sobald wir sie aufgliedern und gründlich analysieren, lösen sie sich auf.
Zweitens neigen wir im ersten Moment dazu, sie für eine Quelle von Glück zu halten, und drittens glauben wir, dass sie dauerhaft sind. Aber wenn wir die Methode des Verstehens der Vergänglichkeit anwenden, erkennen wir ihre nicht-dauerhafte Natur. Und wie könnten wir jemals in einer vergänglichen Quelle dauerhaftes Glück finden?
Viertens neigen wir dazu zu denken, dass der Erleber - also wir selbst - ein Selbst hat und zugleich auch die erlebten Objekte ihre ihnen zueigene Identität haben. Es ist unumgänglich, an diesem Punkt zu verstehen, dass sie leer von irgendeiner Art von Identität oder Selbst sind.
Wenn wir diese Methoden anwenden, werden wir fähig, Anhaftung zu vermeiden und aufzugeben. Der nächste Vers behandelt das Loslassen von unangenehmen Objekten:


Vers 24
Die verschiedenen Arten von Leiden sind wie der Tod eines Kindes im Traum. Illusorische Erscheinungen fälschlicherweise für Realität zu halten, ist erschöpfend. Deswegen ist es Praxis des Bodhisattvas, unangenehme Umstände als Illusionen zu betrachten.

Anhaftung entsteht aus starkem Greifen nach bevorzugten, angenehmen Dingen. In gleicher Weise entsteht Zorn und Hass aus Haften an unangenehmen Objekten. Der Vers erwähnt "die verschiedenen Arten von Leiden", die wir in unangenehmen Existenzen wie den drei niederen Bereichen oder in angenehmen Bereichen wie unserer Welt, den Götter-Welten usw. erleben können. Wir werden in allen Bereichen ständig von verschiedenen Arten des Leidens bombardiert. Aber all diese Leiden sind wie der Tod eines Kindes im Traum. Wenn uns unangenehme Umstände widerfahren, dann erscheinen sie uns als real. Aber tatsächlich sind sie nichts anderes, als was wir im Traum erleben, wenn unser eigenes Kind stirbt. Der Vers sagt: "Illusorische Erscheinungen fälschlicherweise für Realität zu halten, ist erschöpfend", das können wir an uns selbst beobachten. Die Methode, unangenehme Objekte als Träume und Illusionen anzusehen, ist die Praxis des Bodhisattvas um von der Quelle der Störgefühls Zorn loszulassen.

3. und letzter Teil im nächsten Heft

1 Siehe Buddhismus Heute Ausgabe 46  

2 Begierde-Bereich, Form-Bereich, Formloser Bereich. Der erste umfasst alle Daseinsbereiche einschließlich der Begierde-Götter. Form- und Formloser Bereich sind bestimmte Götterbereiche, in denen man als Resultat von Meditation ohne den Weisheitsaspekt wiedergeboren werden kann.

3 Anmerkung der Übersetzer: Diese Bemerkung von Karmapa scheint sich auf den tibetischen Text zu beziehen. Im Englischen ist es nicht erkennbar. 


Von Gyalwa Karmapa auf Englisch gelehrt, Transkription von Rachelle und Jim Macur, redigiert von Kenn Maly und Detlev Göbel, im Auftrag von Gyalwa Karmapa von Khenpo Ngedön korrigiert. Deutsche Übersetzung von Detlev Göbel und Claudia Knoll.

17. Karmapa Thaye Dorje
Karmapa verkörpert die Tatkraft aller Buddhas und ist das Oberhaupt der Karma Kagyü Linie des Diamantweg-Buddhismus. Der Karmapa gilt als der erste bewusst wiedergeborene Lama Tibets - so war ein Schüler des 4. Karmapa der Lehrer des 1. Dalai Lama. Bis heute gab es 17 Inkarnationen dieses "Königs der Yogis von Tibet". Der 16. Karmapa floh 1959 aufgrund der chinesischen Besetzung aus Tibet und sicherte von Sikkim/ Indien aus das Weiterbestehen des Diamantweg-Buddhismus. 1981 starb er in der Nähe von Chicago. Der jetzige 17. Karmapa Thaye Dorje (geb. 1983) konnte 1994 das chinesisch besetzte Tibet verlassen und in die Freiheit nach Indien gebracht werden. Seitdem wird er dort in der überlieferten buddhistischen Lehre unterrichtet und erhält gleichzeitig eine westliche Schulbildung. Außerdem leitet er große Zeremonien und wird zu Staatsbesuchen in asiatische Länder eingeladen. Anfang 2000 bereiste er zum ersten Mal Europa. Karmapa lebt zurzeit in Kalimpong/Nordindien.