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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 46, (Winter 2009)

Die 37 Übungen eines Bodhisattvas - von Gyalse Thogme Sangpo

Ein Kommentar vom 17. Gyalwa Karmapa Trinle Thaye Dorje

Mitte März 2008 gab der 17. Gyalwa Karmapa Thaye Dorje einen Kurs zu dem klassischen Mahayana-Text "Die 37 Übungen eines Bodhisattvas" von Gyalse Thogme Sangpo. Der Kurs fand im Anschluss an einen zweimonatigen Dharma-Kurs im Karmapa International Buddhist Institute (KIBI) in New Delhi statt. Professor Sempa Dorje, der derzeitige Hauptlehrer des 17. Karmapa, und Khenpo Tsering lehrten hier zwei Monate lang über buddhistische Philosophie und Erkenntnistheorie.

Karmapa gab über eine Woche hin im täglichen Wechsel Belehrungen und verschiedene Einweihungen. Die Teilnehmer waren KIBI-Studenten, zwei Bhutan-Reisegruppen, die diesen Besuch mit ihrer Pilgerreise verknüpft hatten, sowie westliche Schüler Karmapas, die extra für diesen Kurs angereist waren.

Die Buddhismus-Heute-Redaktion bat Karmapa zu dieser Zeit um einen passenden Text zur Veröffentlichung für diese Ausgabe und Karmapa schlug den Inhalt seines aktuellen Kurses vor. Karmapas Belehrungen werden in mehreren Teilen in den kommenden Ausgaben erscheinen.

Da wir alle uns entschlossen haben, den buddhistischen Weg zu gehen und Bodhisattvas zu werden, entschied ich mich, über "Die 37 Übungen eines Bodhisattvas" zu lehren, denn es ist sehr wichtig, uns von Zeit zu Zeit - möglichst immer wieder - daran zu erinnern, was es bedeutet, ein Bodhisattva zu sein, welche Verantwortungen damit einhergehen und wie man sie einhält.

Gyalse Thogme Sangpo, der Autor des Textes "Die 37 Übungen eines Bodhisattvas", wurde um 1295 in Tibet geboren. Von seinen vielen Belehrungen ist diese hier die wichtigste und wertvollste, denn sie fasst all die Praktiken zusammen, die wir üben, wenn wir versuchen Bodhisattvas zu werden. Der Text heißt "Die 37 Übungen eines Bodhisattvas", denn es sind 37 Verse, die den Hauptteil des Buches ausmachen. Alles in allem hat das Werk zwar 43 Verse, die ersten beiden sind aber eher einführend und die letzten vier beinhalten Widmungen und andere Dinge.

Traditionell beginnt ein Autor damit, dass er seinem Weisheitsaspekt Ehrerbietung erweist. In diesem Fall wählte Gyalse Thogme Sangpo dafür "Liebevolle Augen", in Sanskrit Avalokiteshvara. Loki bedeutet einfach gesagt, "die Drei Welten", ishvara bedeutet "Eroberer" und namo bedeutet "Ehrerbietung darbringen". Gyalse Thogme Sangpo bringt also Avalokiteshvara, dem "Eroberer der Drei Welten", seine Ehrerbietung und seinen Respekt dar:


Ehrerbietung an Avalokiteshvara
Mit meinen drei Toren bringe ich unablässig Ehrerbietung dar:
Dem Schützer Tschenresig, dem Yidam Tschenresig und dem großen Guru,
Die einsgerichtet für alle fühlenden Wesen arbeiten,
Obwohl sie sehen, dass alle Phänomene weder kommen noch gehen.

Da er ihre Verantwortung und ihre Aktivität versteht, bringt er seinem Lehrer und seinem Weisheitsaspekt Ehrerbietung dar.
Der Vers sagt: "Obwohl sie sehen, dass alle Phänomene weder kommen noch gehen", was bedeutet, dass sie alle Phänomene von Samsara und Nirvana - also unreine und reine Phänomene - als nicht wirklich kommend und gehend verstehen. Weder entstehen sie wirklich, noch vergehen sie wirklich, denn die absolute Wirklichkeit ihrer Natur ist einfach wie sie ist.

Fühlende Wesen neigen alle sehr dazu, Störgefühle zu entwickeln. Dadurch und aufgrund unseres fortlaufenden Karmas sehen wir alle Dinge kommen und gehen, entstehen und vergehen. Diese Tendenzen lassen uns also alles in einer Weise erscheinen, die nicht der Wirklichkeit entspricht, und das ist der Grund für Samsara. Gyalse Thogme Sangpo weist seinem Guru und Yidam Avalokiteshvara Ehrerbietung dar, weil sie unsere Situation sehr klar verstehen und sich eingerichtet bemühen uns zu befreien.


Vollständig erleuchtete Wesen, die Quelle für Nutzen und Glück,
Entstehen aus der Praxis des höchsten Dharma
Und diese beruht auf Wissen über die Praxis,
Deswegen werde ich das Handeln der Bodhisattvas erklären.

In diesem Vers verspricht er, den Text zu schreiben und er erklärt sowohl das Hauptziel, als auch das so genannte "Ziel innerhalb des Ziels" des Textes, und in welcher Weise die beiden miteinander zusammenhängen.
"
Vollständig erleuchtete Wesen, die Quelle für Nutzen und Glück":
"Nutzen"
bezieht sich hier auf zeitweiligen Nutzen in diesem und späteren Leben, bis wir die Erleuchtung erreicht haben. Damit sind positive Bedingungen gemeint wie zum Beispiel, dass wir einen kostbaren Menschenkörper haben. Das ist zwar etwas Vorübergehendes, denn er ist vergänglich, er ist aber derzeit trotzdem nützlich, denn wenn wir fähig sind, ihn richtig und in reiner Weise zu verwenden, können wir positive Resultate erhalten.

"Glück" bezieht sich hier auf dauerhaftes Glück. Wenn wir bestimmte Bodhisattvastufen und somit Ebenen der Verwirklichung erlangen, ist das zwar bereits etwas Dauerhaftes, aber das Wichtigste ist, die Erleuchtung, den Zustand von dauerhaftem Glück, zu erlangen. Der Zustand der Erleuchtung ist dann die Quelle von sowohl zeitweiligem Nutzen als auch dauerhaftem Glück.

"Entstehen aus der Praxis des höchsten Dharma": Die Praxis des höchsten Dharma ist unfehlbar und tiefgründig, denn wenn wir sie üben und richtig verwenden, sind die Resultate garantiert und unausweichlich. "Dharma" beinhaltet sowohl den Weg zur Arhatschaft1 als auch den Bodhisattvaweg. Wir konzentrieren uns natürlich auf den Bodhisattvaweg.

"Und diese beruht auf Wissen über die Praxis": Um diesen Zustand der Erleuchtung zu erreichen, müssen wir die Praxis des höchsten Dharma üben, und deswegen erklärt Gyalse Thogme Sangpo hier, wie man das macht und wie man den Pfad der Bodhisattvas geht. Das ist die Hauptrichtung dieses Textes: die Praxis der Bodhisattvas. Das allgemeine Ziel ist, dass der Praktizierende dadurch die Erleuchtung erlangt. Das "Ziel innerhalb des Ziels" ist, dass wir das nicht nur für uns selbst tun, sondern zum Wohle aller fühlenden Wesen. Diese beiden Ziele hängen natürlich miteinander zusammen und beruhen aufeinander. Daher sagt Gyalse Thogme Sangpo: "Deswegen werde ich das Handeln der Bodhisattvas erklären."

Die Übungen der Bodhisattvas stehen in enger Verbindung mit dem Bodhisattva-Versprechen. Um aber Bodhicitta, die erleuchtete Geisteshaltung entwickeln zu können, müssen wir zuerst unseren Geist reinigen bzw. trainieren. Dieses Geistestraining wird auf Tibetisch Lodjong genannt, und die ersten sieben Verse des Hauptteils des Textes befassen sich damit. Dieses Training übt man, bevor man wirklich Bodhicitta entwickeln kann.

Erster Vers
Da wir dieses großartige Boot der Muße und Möglichkeiten, das so schwer zu erlangen ist, erlangt haben,
Ist es die Übung des Bodhisattvas, sich ohne Unterlass Tag und Nacht in Studieren, Nachdenken und Meditieren zu bemühen, um sich selbst und andere aus dem Ozean von Samsara zu befreien.

Das erste Geistestraining beinhaltet, dass wir uns der wertvollen Gelegenheit, einen kostbaren Menschenkörper zu haben, bewusst werden. Im Vers wird er als "Boot mit Muße und Möglichkeiten" bezeichnet und das bedeutet, dass man Raum und Zeit hat und alle nötigen Bedingungen vorliegen.

Muße bedeutet, Zeit für sich selbst zu haben. In Samsara hat man selten die Bedingungen eines menschlichen Wesens, denn meistens wird man in anderen und eher schwierigen Daseinsformen geboren. In diesen wird man dann ständig von den Resultaten des eigenen negativen Karmas und der Störgefühle gejagt und findet nicht einen einzigen Moment für die Dharmapraxis. Einen kostbaren Menschenkörper erlangt zu haben bedeutet, etwas Zeit und Muße zu haben, Zeit um Atem zu schöpfen. Das Resultat dieser Muße ist, dass wir von acht Arten ungünstiger Wiedergeburt frei sind, wie zum Beispiel den niederen drei Daseinsbereichen: Wir wurden nicht in den Paranoia-Bereichen, den Hungergeister- Welten und den Tierbereichen geboren.
In diesen Welten wird man ständig von den Resultaten des eigenen schlechten Karmas bombardiert. In den Paranoia-Bereichen haben die Wesen nicht einmal einen einzigen Moment, um über Dharma und damit an einen Ausweg nachzudenken. Bis sie sozusagen ihre karmischen Schulden getilgt haben, finden sie keine Zeit und keine Muße, sie erfahren nur die ungünstigen Konsequenzen ihres Karmas. In den Hungergeisterwelten und den Tierbereichen ist es nicht anders: In den Hungergeistbereichen ist das vorherrschende Leiden Hunger - wegen der eigenen Gier und des eigenen Geizes; weil man nicht fähig war, anderen Wesen gegenüber großzügig zu sein. Im Tierbereich ist die negative Bedingung das Fehlen von Weisheit. Wissenschaftler sagen heutzutage zwar, dass Delphine einen hohen IQ und große Gehirne haben und sicherlich haben sie die Fähigkeit, einiges zu verstehen. Wenn man sie aber mit Menschen vergleicht, dann haben sie einfach nicht diese wertvolle Geburt. Dieser Mangel an Weisheit ist das größte Hindernis im Tierbereich.

Die weiteren fünf ungünstigen Wiedergeburten sind Geburten als Mensch, in denen es aber nicht sicher ist, dass man mit den kostbaren Möglichkeiten ausgestattet ist. Wird man zum Beispiel in einer barbarischen Gegend geboren, macht es dieser kulturelle Hintergrund unmöglich, ein Verständnis für Dharma zu entwickeln. Die Denkweisen in solch einer Gesellschaft, die Dinge an die sie glauben und ihre moralischen Maßstäbe verhindern, dass Menschen das Dharma richtig verstehen können.

Normalerweise sprechen wir davon, dass es zwei Arten von günstiger Wiedergeburt gibt - der als Mensch oder als Gott. In diesem Zusammenhang hier wird aber die Geburt im Götterbereich als ein Hindernis angesehen, denn es fehlen dann die günstigen Bedingungen. Es gibt in den Götterbereichen zahllose verschiedene Arten von Wiedergeburt, zum Beispiel die Götter der Form- und die der Formlosen- Bereiche. Ihre Geburt und ihr Lebensstil beruhen auf ihren meditativen Fähigkeiten, der Qualität ihrer Meditation und ihrer Freude. Die meisten dieser Wesen sind durch ihre Lebensweise sehr abgelenkt und ihre Lebensspanne ist unglaublich lang. Die Ablenkung durch die in der Meditation erlebte Freude verhindert, dass sie Belehrungen von Buddhas und Bodhisattvas bekommen. Deswegen wird dies als ungünstige Wiedergeburt betrachtet.

Eine Wiedergeburt als Mensch kann ungünstig sein, wenn wir zwar als Mensch geboren sind, aber eine völlig falsche Sichtweise entwickelt haben. Um ein richtiger Praktizierender zu sein, muss man fähig sein, die Wahrheit genau so zu sehen wie sie ist. "Falsche Sichtweise" bedeutet, dass wir die Wahrheit völlig falsch verstehen. Wir haben ja zum Beispiel eine Reihe grundlegender Fragen zum Sinn des Lebens, wie: "Wer bin ich wirklich?", "Warum bin ich eigentlich hier?", "Warum gibt es Leiden?" etc. Mit der richtigen Sichtweise wäre die Erklärung dafür, dass wir hier sind: aufgrund karmischer Aktivität. Die Antwort auf "Wer sind wir wirklich?" ist sehr einfach: Unsere wahre Natur ist Mitgefühl und ein Zustand, in dem wir frei von jeder Art von Störgefühlen sind. Mit einer falschen Sichtweise fangen wir jedoch an, unsere Fragen zu beantworten, ohne gründlich darüber nachzudenken. Wir glauben auf einmal, dass wir hier sind, weil uns jemand geschaffen hat, oder aufgrund eines kosmischen Unfalls, eines Big Bang. Damit stehen wir wieder am Anfang, und deswegen ist es eine falsche Sicht. Es spielt dann auch keine Rolle, dass wir eine menschliche Geburt haben. Man ist wieder im Kreislauf von Samsara und deswegen wird es als ungünstiger Umstand angesehen.

Es kann auch vorkommen, dass man zwar eine Menschengeburt erlangt hat, aber zu einer Zeit und einer Stelle, an der das kostbare Dharma nicht zur Verfügung steht und es keinen Lehrer gibt, der uns den Weg zur Erleuchtung zeigen könnte. In einem Weltzeitalter ohne Dharma geboren zu werden, ist auch eine ungünstige Wiedergeburt.
Es besteht auch die Möglichkeit, dass man geistig behindert ist. Physische Behinderung mit einem gesunden Geist erlaubt uns durchaus, das Dharma zu verstehen. Aber mit geistiger Behinderung ist das nicht möglich.

Von diesen acht ungünstigen Wiedergeburten frei zu sein, ist in diesem Vers mit dem Wort "Muße" gemeint. Was ist dann gemeint mit "Möglichkeiten"? Hier gibt es zwei Aspekte: Der erste wird "Möglichkeiten durch einen selbst" und der zweite "Möglichkeiten durch andere" genannt.

Die Bedingungen, die wir durch uns selbst erlangen müssen, sind:

  • Eine Wiedergeburt als Mensch
  • In einem Land geboren zu sein, in dem das Dharma gelehrt wird
  • Intakte Geistes- und Sinnesfähigkeiten zu haben
  • Eine gute Verbindung zum Dharma zu haben. Es ist möglich, dass man als Mensch geboren ist und all die richtigen Umstände hat, dass man gut funktioniert und die Fähigkeit zum Dharma-Verständnis hat. Aber wenn einem die karmische Verbindung zum Dharma fehlt, dann hat man die kostbare Gelegenheit nicht.
  • Hingabe, Vertrauen, Sicherheit zu haben zu den positiven Dingen, die wir im Leben tun. Ohne diese macht das Dharma keinen Sinn.

Die fünf "Bedingungen durch andere" sind:

  • Zu einer Zeit geboren worden zu sein, in der ein Buddha erschienen ist.
  • Es ist wichtig, dass wir zu einer Zeit geboren wurden, in der das Dharma gelehrt wird. Es gibt Zeiten, in denen zwar ein Buddha erscheint, das kollektive Karma aber nicht reif für das Dharma ist. Dann gibt dieser Buddha manchmal keine Belehrungen. Wir haben heutzutage großes Glück, denn Buddha Shakyamuni wurde gleich nach seiner Erleuchtung gebeten, das Rad der Lehre zu drehen. Es ist wichtig, dass Menschen das Dharma lernen wollen, denn ohne dieses Interesse würde ein Buddha nicht lehren. Wir haben also sowohl das Glück, das Karma dafür zu haben, als auch dass Buddha das Dharma tatsächlich lehrte.
  • Buddhas Lehren sind immer noch bekannt in der Welt.
  • Unter Umständen geboren zu sein, in denen es eine Sangha gibt, die Buddhas Lehren praktiziert.
  • Unter Bedingungen zu leben, in denen der Buddha qualifizierte Anhänger, Schüler seiner Aktivität, hat.

Der letzte Punkt ist sehr wichtig: Es könnte sein, dass wir als Menschen in einem kulturellen Rahmen geboren werden, der sehr ungünstig ist, in dem es der ganzen Gesellschaft an Mitgefühl fehlt. Das reine Dharma kann dann dort nicht entstehen. Auch wenn die Gesellschaft kein echtes, ehrliches Mitgefühl hat, so ist es wichtig, dass doch wenigstens etwas davon da ist.

Wenn diese zehn günstigen Umstände für uns zusammenkommen, dann können wir diese menschliche Geburt "kostbar" nennen.

Dieses "großartige Boot von Muße und Möglichkeiten" ist so schwierig zu erlangen, weil die Kraft von Samsara so stark ist, die Kraft unserer eigenen Störgefühle und des Karma. Diese bringen uns immer wieder dazu, dass wir uns zu negativen Handlungen hinreißen lassen und diese wiederum führen zu Wiedergeburten unter ungünstigen Umständen. Einen kostbaren Menschenkörper erlangt zu haben, ist hingegen wirklich wertvoll, denn seine Möglichkeiten sind jenseits unserer Vorstellungskraft. Wir können viele wundervolle Dinge tun und vor allem können wir den Zustand von vollkommenem Glück erlangen, die Erleuchtung. Solange wir dieses kostbare Boot haben, können wir uns selbst und zahllosen fühlenden Wesen nutzen.

Es ist deswegen so schwer zu erlangen, weil es das Resultat von Karma ist und solange alles auf Karma beruht, ist man Opfer der Vergänglichkeit. Jeder Moment, jede Sekunde bringt uns dem Ende näher, und wir haben keine Garantie, wie lange diese Gelegenheit andauern wird.

In dem Vers wird gesagt, dass wir uns nach Kräften bemühen sollten, diese kostbare Gelegenheit zu nutzen. Die tiefgründigste Weise ist zu studieren, nachzudenken und zu meditieren - ohne Unterlass, Tag und Nacht.
Studieren betrifft alle Aspekte aller Phänomene und vor allen Dingen alle Aspekte des Geistes. Am Anfang lernt man als Dharma-Praktizierender vor allem viel über die verschiedenen Geisteszustände wie Zorn, Eifersucht, Anhaftung und so weiter. Beim Studium geht es zuerst darum, negative und positive Zustände des Geistes erkennen zu können. Danach denkt man gründlich über sie nach und analysiert sie richtig, denn ohne diese gründliche Untersuchung würde man nicht wirklich das Vertrauen entwickeln, dass alles wirklich so ist, wie es gelehrt wird. Ohne großes Vertrauen könnte man das nicht verwirklichen und deswegen ist Nachdenken so wichtig.

Meditation ist ebenso wichtig, denn durch sie setzen wir schließlich alles in die Tat um, indem wir uns konzentrieren und unseren Geist auf das lenken, was wir lernen und erreichen wollen. Weil wir verstehen, wie wertvoll diese Gelegenheit ist und wir deswegen keine Zeit verlieren und alle Ablenkungen vermeiden sollten, tun wir das ohne Unterlass. Um den Ozean von Samsara zu überqueren, meditieren wir Tag und Nacht. Der kostbare Menschenkörper wird hier mit einem Boot verglichen und Samsara wird dementsprechend als großer und weiter Ozean bezeichnet. Auf dem Boot wenden wir all die nötigen Fertigkeiten wie Segeln etc. an - also Studieren, Nachdenken und Meditieren. Damit segeln wir über den Ozean von Samsara zum Land der Erleuchtung.
Für den Anfänger in der Bodhisattvapraxis sind das Verständnis und die Wertschätzung des kostbaren Menschenkörpers sehr wichtig und gehört zu den ersten Geistestrainings.

Zweiter Vers
Anhaftung an Verwandte ist wie Wellen im Wasser,
Abneigung gegen Feinde brennt wie Feuer.
Unwissenheit ist wie Dunkelheit, die uns vergessen lässt, was anzunehmen und abzulegen ist.
Das eigene Heimatland aufzugeben, ist Praxis des Bodhisattva.

Das Heimatland aufzugeben, gehört zum ersten Geistestraining des kostbaren Menschenkörpers. Wir sollten keine Gelegenheit und keine Zeit verschwenden, denn wir können uns nie sicher sein, wann diese kostbare menschliche Existenz zu Ende geht. Um fähig zu werden zu praktizieren und damit diese Gelegenheit zu nutzen, müssen wir uns von nachteiligen Umständen befreien.

Unser Heimatland ist eine Stelle, an der wir sehr anhaften. Wenn wir zum Beispiel in einer schwierigen Situation sind, denken wir "Ich wäre jetzt gerne wieder daheim", denn Heimat hat etwas von einem Zufluchtsort. Aber wenn wir uns dort zu lange aufhalten, entstehen die drei Geistesgifte von Anhaftung, Zorn und Unwissenheit und damit hören dann all die positiven Bedingungen auf. Deswegen ist es Praxis des Bodhisattvas, negative Bedingungen, die zu den drei Geistesgiften führen, aufzugeben.

Im Vers ist von Anhaftung die Rede, es wird gesagt: "Anhaftung ist wie Wellen im Wasser". Es heißt auch "Anhaftung an Verwandte", denn natürlich hat man automatisch Anhaftung an die, die einem nahe stehen, wie Eltern und Freunde, das fühlt sich behaglich an.
Aber es geht nicht nur um diese Art der Anhaftung. Mit "Wellen im Wasser" ist gemeint, dass Begierde seiner Natur nach wie Wasser arbeitet: Es fließt erst sehr passiv, aber wenn es irgendwo steht, weicht es dort alles auf. Diese dem Wasser ähnliche Begierde kann unseren Geisteszustand in ähnlicher Weise aufweichen, so dass er in gewisser Weise zerstört wird.

Wie entstehen diese drei negativen Emotionen überhaupt in uns? Grundlage für Anhaftung sind unsere Verwandten und uns Nahestehende. Abneigung entsteht gegen Leute, die wir nicht mögen. Wörtlich ist im Vers zwar von "Feinden" die Rede, aber es müssen nicht unbedingt richtige "Feinde" sein, denn jeder, den wir nicht mögen, kann die Grundlage dafür sein, dass Zorn in uns entsteht. Das Fehlen von Weisheit ist die Grundlage für Unwissenheit. In diesem Vers werden Wasser, Feuer und Dunkelheit als symbolische Bilder für diese drei Geistesgifte verwendet.

Der Grund dafür, dass wir noch immer Anhaftung, Zorn und Unwissenheit haben, ist, dass wir seit anfangsloser Zeit mit ihnen zu tun hatten. Wir hatten immer Anhaftung an angenehme Umstände, und wenn uns schwierige Umstände begegneten, wurden wir wütend und wollten ihnen ausweichen. Wir versuchen das zuerst mit friedvollen Mitteln, wie Verhandeln und Kompromisse schließen. Wenn das nicht hilft, greifen wir zu Gewalt und dann fängt das ganze Chaos an.

Unser Heimatland lässt diese drei Emotionen leicht in uns entstehen und dann vergessen wir natürlicherweise, was wirklich wichtig, tiefgründig und wertvoll im Leben ist und was man lieber aufgeben sollte. Solche ungünstigen Umstände sind wie ein sehr dunkler Ort, an dem uns das entgleitet, was wirklich wichtig ist, und so ist es die Praxis des Bodhisattva, diese ungünstigen Bedingungen des "Heimatlandes" aufzugeben.

Wenn man nur die Worte "das Heimatland aufgeben" hört, so klingt das sehr einfach. Aber wenn man ein Leben führt, in dem man in der Mitte der Gesellschaft steht und jeden Tag Verantwortung trägt, ist das gar nicht so leicht.  Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Nur weil dieser Text sagt, man solle sein Heimatland aufgeben, heißt das aber noch lange nicht, dass wir notwendigerweise unser Haus verlassen sollen. Es bedeutet überhaupt nicht, dass wir wie Milarepa leben sollen, also unseren Koffer packen und sagen "Das war's". Wir müssen vernünftig sein, das hat auch Buddha selbst als wichtig betont. Es geht nicht darum, drastische Maßnahmen zu ergreifen, sondern Maßnahmen mit großer Verantwortung.

Mein Ratschlag ist, nicht einfach alles aufzugeben, sondern mit dem gewohnten Leben fortzufahren, denn ein guter Buddhist zu sein heißt auch, ein gutes Beispiel zu sein. Wenn ihr in einer Gesellschaft lebt, habt ihr die Möglichkeit, ein Beispiel für andere zu sein, eine Quelle von Inspiration und Hoffnung. Man sollte deswegen dementsprechend handeln, einerseits nicht aufgeben, was man hat, aber andererseits sicherstellen, dass die Prioritäten klar und eindeutig sind. Das bedeutet, für sich selbst klarzumachen, was die eigene wichtigste Verantwortung ist, nämlich diese kostbaren Belehrungen zu verwenden. Unser Hauptziel ist, die Erleuchtung zu erreichen und unsere positiven Qualitäten zu entwickeln.

Man sollte zum Beispiel durchaus das Leben eines Geschäftsmanns oder einer Geschäftsfrau fortführen, es würde keinen Sinn machen, es einfach grundlos aufzugeben. Wir könnten vielleicht denken, es gäbe einen guten Grund, aus der Gesellschaft auszusteigen, aber die Gesellschaft selbst würde das vielleicht nicht verstehen. Und ein noch wichtigerer Aspekt ist, dass ein solches Handeln für uns als Anfänger eher zu einem Hindernis werden könnte, anstatt gute Bedingungen zu bringen. Ich würde euch sehr ernsthaft empfehlen, euer normales Leben in euren verschiedenen Berufen fortzuführen. Alle Berufe haben ihre Qualitäten, mit denen man in vielen Weisen von Nutzen sein kann, wenn es nicht gerade in den Krieg ziehen oder Tiere schlachten bedeutet.

"Das Heimatland aufgeben" heißt also nicht, sofort alles hinter sich lassen. Man gibt es eher geistig auf und stellt sicher, dass man nicht darin schwelgt.

Dritter Vers
Negative Umgebungen aufzugeben, vermindert allmählich Störungen.
In Abwesenheit von Ablenkungen entsteht natürlicherweise verdienstvolles Handeln.
Sicherheit im Dharma entsteht aus einem reinen Geist.
In Zurückgezogenheit zu sein, ist Praxis des Bodhisattva
.

Sowohl physische als auch geistige Störungen nehmen ab, wenn man negative Umgebungen aufgibt. In einer perfekten Welt könnte man sie völlig vermeiden und das wäre großartig. Das ist aber aufgrund unserer Karmas und auch unserer Verantwortungen nicht so einfach. Deswegen gibt man zumindest geistig die negativen Umgebungen auf. Später hat man dann vielleicht die Möglichkeit, es auch physisch zu tun.

Worum es in diesem Vers geht, wird eigentlich aus den Erklärungen des letzten Verses klar: Sowohl "Heimatland aufgeben" als auch "Negative Umgebungen aufgeben" lässt allmählich Störgefühle abnehmen und ohne sie nehmen positive Handlungen, positive Rede und positive Gedanken natürlicherweise zu, wie der zunehmende Mond.

Dann entstehen in unserem Geist in sehr reiner Weise Sicherheit, Vertrauen und Hingabe in das Dharma. Aus diesem Grunde ist es Bodhisattvapraxis, die Zurückgezogenheit zu suchen. Im Allgemeinen ist das in physischer und geistiger Hinsicht zu verstehen, aber in Anbetracht der sehr hektischen Lebensverhältnissen, in denen ihr euch befindet, liegt der Schwerpunkt auf geistiger Zurückgezogenheit.

Vierter Vers
Wir werden von nahen Freunden, die uns lange begleitet haben, getrennt werden.
Mit großer Mühe angesammelter Reichtum wird von jemand anderem genossen werden.
Das Gast-Bewusstsein verlässt das Hotel des physischen Körpers.
Anhaftung an dieses Leben aufzugeben, ist Praxis des Bodhisattva.

Dies ist das vierte Geistes-Training: von diesem Leben loszulassen. Es gibt uns einen anderen Blickwinkel, um die Vergänglichkeit dieses Lebens zu verstehen. Unsere nahen Freunde, Verwandte und die, mit denen wir für lange Zeit eine nahe Verbindung hatten, werden von uns getrennt werden. Das ist völlig natürlich, weil alles vergänglich ist. Genau das Gleiche gilt für Besitz von Häusern, Land, Geld, Macht und Ruhm oder wofür auch immer wir uns sehr bemüht haben. Wenn die Zeit der Vergänglichkeit dieses Lebens gekommen ist, gibt es kein Wenn und Aber, alles muss einfach zurückgelassen werden.

Es wird hier das Beispiel gegeben, dass unser Geiststrom wie ein Gast und der Körper wie ein Hotel ist. Wenn die Vergänglichkeit zuschlägt, haben wir keine andere Wahl als unsere physische Form zu verlassen. Weder unsere nahen Freunde und Verwandte noch unsere geliebten Besitztümer können uns begleiten. Deswegen stellt es ein großes Hindernis dar, wenn man sehr an ihnen anhaftet und die Tatsache der Vergänglichkeit vernachlässigt. Aber wenn wir die Anhaftung an dieses Leben aufgeben, sind wir nicht mehr abgelenkt von dem, was wir zu tun haben.

Fünfter Vers
In Gegenwart schlechter Freunde nehmen die drei Geistesgifte zu.
Die Aktivitäten von Studieren, Nachdenken und Meditieren nehmen ab,
Infolgedessen gehen Liebe und Mitgefühl verloren.
Schlechte Freunde aufzugeben, ist Praxis des Bodhisattva.

Ein "schlechter Freund" kann in diesem Zusammenhang jeder sein. Er kommt nicht unbedingt mit Hörnern und Dampf aus den Ohren daher, sondern es kann jeder sein, dem es an Wissen über die Wahrheit fehlt. Irgendjemand, dem es an einem Sinn für sinnvolles und anständiges Verhalten im Leben fehlt oder dem es an Sicherheit, Vertrauen und Hingabe zum Dharma fehlt, kann ein schlechter Freund sein. Begleitet uns ein solcher auf unserem Lebensweg, nehmen die drei Geistesgifte automatisch zu und zugleich die Aktivitäten des Lernens, Nachdenkens und Meditierens von selbst ab. Infolgedessen werden wir auch Liebe und Mitgefühl verlieren, die eigentlichen Quellen für jedes Glück, seien sie weltlich, spirituell oder im Zusammenhang des Dharma.

Liebe und Mitgefühl sind die Grundlage für Glück und dafür, einfach ein guter Mensch zu sein, gar nicht erst davon zu sprechen, dass man sie braucht, um Erleuchtung zu erlangen. Wenn wir mit negativen Freunden dahintrotten, können wir sicher sein, dass wir im Laufe der Zeit alle guten Qualitäten verlieren und unsere Gewohnheitsmuster stärker werden. Wir werden die Gelegenheit verlieren, den perfekten Zustand der Erleuchtung zu erlangen.

Sechster Vers
Wenn man sich auf einen spirituellen Freund stützt, nehmen Fehler ab.
Das Wissen wächst an wie der zunehmende Mond.
Den spirituellen Freund höher zu schätzen als den eigenen Körper,
Ist Praxis des Bodhisattva.

Hier geht es darum, einen wahren spirituellen Freund zu finden und sich auf ihn zu stützen. Das ist von allerhöchster Wichtigkeit, um die zuvor erklärten Geistestrainings korrekt zu üben und um sicher zu sein, dass sie wirklich verstanden wurden. Im vorherigen Vers war die Rede von "schlechten Freunden" und jetzt geht es um die "guten Freunde", die spirituellen Freunde.

Wenn wir uns auf diese stützen, dann werden die drei Geistesgifte und unsere gewohnheitsmäßigen negativen Muster von selbst abnehmen. Wenn man das in sich selbst wahrnimmt, dann ist es ein Zeichen dafür, dass man es bei einer bestimmten Person mit einem spirituellen Freund zu tun hat. Im Vers heißt es auch, dass unser Wissen wie der zunehmende Mond anwachsen wird, denn wenn man frei von Fehlern und Ablenkungen ist, dann nehmen positive Qualitäten und Wissen darüber, wie die Dinge wirklich sind, zu. Deswegen ist es Bodhisattva-Praxis, spirituelle Freunde höher zu schätzen als den eigenen Körper.

Spirituelle Freunde müssen wir zuerst einmal erkennen und sie danach wie einen kostbaren Schatz in Ehren halten. Es wird hier gesagt, wir sollen sie mehr als den eigenen Körper schätzen, weil die Wesen in Samsara die starke Tendenz haben, zuerst an ihren Körper und dann erst an ihren Geist zu denken. Wir bemühen uns sehr darum, dass der Körper am Leben und intakt bleibt. Aber ein spiritueller Freund ist einfach wichtiger als unser allerliebster Besitz, unser Körper.

In diesen ersten sechs Versen hat der Bodhisattva Gyalse Thogme Sangpo die ersten sechs Geistestrainings erklärt. Sie zu erkennen und zu praktizieren, ist vor allem für Anfänger auf dem Pfad eine absolute Notwendigkeit. Danach können wir uns der nächsten Stufe zuwenden, dem Zufluchtnehmen.
Wir nehmen natürlich jeden Tag und auch in besonderen Zeremonien immer wieder Zuflucht, viele Male in unserem Leben. Aber es ist wichtig, dies auch richtig zu tun, und das können wir, wenn wir diese ersten Geistestrainings geübt haben.

Siebter Vers
Wie können weltliche Götter andere retten, wo sie doch selbst in Samsara gefangen sind?
Zuflucht zu den niemals täuschenden Drei Juwelen zu nehmen, ist deshalb die Praxis des Bodhisattva.

Wir müssen erkennen, wer uns eine unfehlbare Zuflucht bieten kann. Die weltlichen Götter in Samsara können uns keine sichere Reise garantieren. Sie sind selbst Opfer ihres Karmas und ihrer Störgefühle und können uns nicht garantieren, dass wir nicht eines Tages genauso enden wie sie. Mit weltlichen Göttern sind hier Götter aus einer bestimmten Gegend gemeint oder Götter, die wir uns in unseren eigenen Konzepten erschaffen haben. Wenn wir eine Zuflucht suchen, dann müssen wir sicherstellen, dass wir Zuflucht zu jemandem nehmen, der uns garantieren kann, dass diese Zuflucht unfehlbar und eine tiefgründige Schutzstätte ist. Solch eine Zuflucht bieten die so genannten "Drei Juwelen", insbesondere Buddha, aber auch Dharma und Sangha.

Diese jenseits des Weltlichen liegende Zuflucht möchte ich etwas mehr erklären. Sie wird die "Drei Juwelen" genannt, und damit sind Buddha, Dharma und Sangha gemeint. Die Zuflucht hat zwei Aspekte: einer ist die Zuflucht, die wir uns vor uns vergegenwärtigen, visualisieren. Die zweite ist die Zuflucht, mit der wir uns identifizieren müssen, also die Zuflucht, die wir zu verwirklichen versuchen.

Jedes Mal, wenn wir Zuflucht nehmen, erkennen wir die Tatsache an, dass Buddha unser Führer oder gutes Beispiel dafür ist, wie wir Erleuchtung und damit einen Zustand von dauerhaftem Glück erlangen können. Das Dharma, Buddhas Lehren, verstehen wir als den Weg, den wir gehen müssen, um diesen Zustand zu erreichen. Und je nach der Art unseres Weges, unseres Yanas, ist die Sangha, die Freunde und Helfer auf dem Weg, die Führung die wir suchen um sicherzugehen, dass wir auf der richtigen Spur sind.

Es gibt die Zuflucht von Körper, Rede und Geist. Wenn wir die Drei Juwelen verstehen und sie als unsere absolute Zuflucht nehmen, dann reinigt sie unsere Negativitäten, Störgefühle, negativen Schleier, ängste und Leiden. Wenn wir dann mit ganzem Herzen Zuflucht nehmen zu Buddha, Dharma und Sangha, wird das "Zuflucht des Geistes" genannt. "Zuflucht der Rede" findet statt, wenn wir mit dem zuvor beschriebenen Verständnis und Motivation den Zufluchtstext in welcher Sprache auch immer rezitieren. "Zuflucht des Körpers" bedeutet, sich auf Grundlage großer Hingabe und Respekts physisch vor den Drei Juwelen zu verbeugen, um unseren Stolz abzubauen.

Wir versuchen den Bodhisattvaweg zu praktizieren, um den absoluten Zustand der Buddhaschaft zu erlangen. Dafür müssen wir die "absolute Zuflucht", den Zustand der Buddhaschaft selbst, erfahren. Die Zuflucht als Ganzes - Buddha, Dharma, Sangha - ist keine Zuflucht, in die wir blinden Glauben ohne Vernunft und klares Verständnis setzen sollten. Es sollte eher in Folge von gründlicher Untersuchung der Wahrheit geschehen. Was zum Beispiel Buddha betrifft, so sollten wir verstehen, dass sein absoluter Zustand, sein wahres Wesen, nichts anderes ist als die drei Buddha-Zustände: Wahrheitszustand (skt. Dharmakaya), Freudenzustand (skt. Sambhogakaya) und Ausstrahlungszustand (skt. Nirmanakaya). Buddha ist der Geisteszustand, in dem diese drei klar verwirklicht wurden. Diesen besonderen Zustand wollen wir auch erreichen und das wird "Zuflucht zum Buddha, zum Zustand der Erleuchtung" genannt.
In gleicher Weise müssen wir erkennen: Das Dharma ist einerseits die Grundlage der absoluten Erleuchtung, nämlich Mitgefühl und Weisheit, andererseits auch die Mittel, um diese zu erlangen, also Weisheit und Methoden.

Mit der Zuflucht zur Sangha beziehen wir uns insbesondere auf die verwirklichten Bodhisattvas. Zu ihnen nehmen wir Zuflucht. Wenn wir die zuvor erklärten sechs Geistestrainings geübt haben, dann nehmen wir Zuflucht, weil wir spüren, dass wir einen Weg finden müssen, um das Haften an Samsara aufzugeben. Aus diesem Verständnis heraus nehmen wir Zuflucht zu den Drei Juwelen.

1 Persönliche Befreiung, das Ziel des Theravada

Teil 2 im nächsten Heft.


Von Gyalwa Karmapa auf Englisch gelehrt, Transkription von Rachelle und Jim Macur, redigiert von Kenn Maly und Detlev Göbel, im Auftrag von Gyalwa Karmapa von Khenpo Ngedön korrigiert. Deutsche Übersetzung von Detlev Göbel und Claudia Knoll.

17. Karmapa Thaye Dorje

Karmapa verkörpert die Tatkraft aller Buddhas und ist das Oberhaupt der Karma Kagyü Linie des Diamantweg-Buddhismus. Der Karmapa gilt als der erste bewusst wiedergeborene Lama Tibets - so war ein Schüler des 4. Karmapa der Lehrer des 1. Dalai Lama. Bis heute gab es 17 Inkarnationen dieses "Königs der Yogis von Tibet". Der 16. Karmapa floh 1959 aufgrund der chinesischen Besetzung aus Tibet und sicherte von Sikkim/Indien aus das Weiterbestehen des Diamantweg-Buddhismus. 1981 starb er in der Nähe von Chicago.
Der jetzige 17. Karmapa Thaye Dorje (geb. 1983) konnte 1994 das chinesisch besetzte Tibet verlassen und in die Freiheit nach Indien gebracht werden. Seitdem wird er dort in der überlieferten buddhistischen Lehre unterrichtet und erhält gleichzeitig eine westliche Schulbildung. Außerdem leitet er große Zeremonien und wird zu Staatsbesuchen in asiatische Länder eingeladen. Anfang 2000 bereiste er zum ersten Mal Europa. Karmapa lebt zurzeit in Kalimpong/Nordindien.