Aus: Buddhismus Heute Nr. 44, (Winter 2007)

"Ein Altar hat eine Funktion"

Ausschnitt aus einem Interview mit Hannah Nydahl

Wozu dient ein Altar im Buddhismus und was sind das für Dinge, die auf dem Altar liegen?

Wir sagen "Altar", weil es das einzige Wort ist, das wir dafür kennen. Aber viele Leute wundern sich, warum wir im Buddhismus Altäre haben. Buddha ist ja kein äußerer Gott sondern jemand, der die wahre Natur des Geistes erkannt hat und uns Methoden zeigt, um die gleiche Erleuchtung zu erreichen. Bei Altären denken viele, dass das etwas mit einem Gott zu tun hat, was bei uns Buddhisten aber nicht der Fall ist.

Der Altar hat eine Funktion: er soll uns an Erleuchtung erinnern und an die Methoden, die Buddha uns gegeben hat. In dieser Weise steht er sowohl für Weg als auch Ziel und er kann in uns ein Gefühl von Dankbarkeit öffnen, was sehr nützlich für unsere Praxis ist. Darüber hinaus ermöglicht uns der Altar geistig oder physisch Dinge zu schenken. Dadurch kann man seine Großzügigkeit trainieren. Natürlich brauchen weder die Bodhisattvas noch die Buddhas irgend etwas. Es ist einfach eine Geste, mit der wir unsere Dankbarkeit ausdrücken und positive Eindrücke im Geist aufzubauen.

Auf den Altären finden wir Buddhas und Bodhisattvas und traditionell gibt es auch bestimmte Geschenke, die wir vor ihnen darbringen. Der Altar und die Dinge darauf sollen so sauber wie möglich gehalten werden. In gewisser Weise sind all diese Sachen eine Art geistige Hygiene und wirklich nützlich für unseren Geist.

Wenn wir einen Altar in dieser Weise benutzen und pflegen, dann beeinflusst uns das auch in unserem täglichen Leben. Wir gewöhnen uns daran, immer eine gebende Haltung einzunehmen, was es uns leichter macht, natürlicherweise auch im Alltag großzügig zu anderen Menschen zu sein.

Auf dem Altar gibt es acht traditionelle Geschenke, die verschiedene Formen von Sinnesfreuden repräsentieren. Die beiden ersten Schalen sind mit Wasser gefüllt: sie stehen für Bade- und Trink-Wasser - Berührung und Geschmack. Im nächsten sind Blumen, die schön anzuschauen sind. Dann gibt es etwas für den Geruch, nämlich Räucherwerk. Als nächstes Licht, oft Kerzen, ein Geschenk an den Geist - Licht entfernt Dunkelheit und Unwissenheit. Dann haben wir wieder Wasser, diesmal mit Parfüm, also für die Nase. Die siebte Schale enthält Essen oder etwas, das Essen symbolisiert. Schließlich geben wir dann Klang, Musik - hier in Form einer Muschel.

Der Altar in Kopenhagen ist für seinen großen Segen berühmt. Lama Ole erwähnt ihn oft in seinen Vorträgen rund um die Welt und viele Menschen kommen von weit her um hier zu meditieren. Kannst du uns etwas über die Geschichte des Altars erzählen und was wir auf ihm vorfinden?

Wir haben den Altar selbst gebaut, nachdem das Zentrum 1975 gekauft wurde, und bekamen dabei viel Hilfe von dem 2004 verstorbenen hier in Dänemark lebenden tibetischen Lehrer Tarab Tulku. Einige unserer damaligen Freunde waren wirklich talentierte Handwerker und sie bauten und verzierten alles entsprechend seiner Anweisungen.

Auf beiden Seiten des Altars stehen Bücher, die Lehren Buddhas. Traditionell haben wir den Kanjur, Buddhas eigene Lehren und den Tenjur, all die Kommentare. Da wir hier in Kopenhagen nicht genug Platz haben, sind nicht alle Bücher hier. Aber wir haben einige Sammlungen von Kommentaren, die von den wichtigsten Lehrern unserer eigenen Linie geschrieben wurden, zum Beispiel vom 15. Karmapa und von Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye. Es gibt auch eine Sammlung von Mahamudratexten verschiedener Kagyü-Meister.

Für Buddhisten sind diese Lehren besonders wichtig, da wir hier die nötigen Erklärungen und Methoden bekommen, um das Ziel der Erleuchtung zu erlangen. Deswegen sind sie etwas sehr Wertvolles. Natürlich sind die Lehren alleine nicht genug. Es muss auch jemand da sein, der uns erklärt, wie sie zu benutzen sind. Wir legen die Lehren auf den Altar, weil sie Teil der Zuflucht sind. Man konzentriert sich auf sie und ist dankbar für sie.

Klassischerweise steht immer ein Buddha Shakyamuni auf dem Altar. Einerseits, weil er die Erleuchtung selbst symbolisiert und andererseits, weil er die Lehren gab. Er ist der natürliche Dreh- und Angelpunkt von allem, die zentrale Figur im Buddhismus. Darüber hinaus gibt es andere Aspekte auf dem Altar, je nachdem welcher Tradition man folgt. In diesem Fall hier haben wir die Bodhisattvas, die uns auf dem Weg helfen. Für uns Kagyüs ist Karmapa das Allerwichtigste und deswegen steht er typischerweise ebenfalls auf dem Altar.

Wir haben hier im Zentrum Kopenhagen auch einige Geschenke, die der 16. Karmapa Ole und mir gab. Sie tragen dazu bei, dass diese Stelle so kraftvoll wurde und sind ein Grund dafür, dass der Segen hier so stark ist. Der Segen hat auch damit zu tun, dass der 16. und der 17. Karmapa hier waren. Auch andere wichtige Lehrer waren hier, insbesondere Shamar Rinpoche hat viel Zeit in diesem Zentrum verbracht. Sie haben hier alle besondere Meditationen gemacht, und das bedeutet, dass diese Stelle besonders für die Praxis geeignet ist. Karmapas Geschenke und der starke Segen bedeuten, dass viel gute Energie auf diesen Platz gelegt wurde.

Von den vielen Dingen, die man hier auf dem Altar sieht, will ich den kleinen Ton-Buddha in der Mitte des Altars auf dem oberen Regal in einem Metalldöschen besonders erwähnen. Auf Tibetisch nennt man so eine Dose einen Gau, was eigentlich einfach nur "Behälter" bedeutet. Der kleine Buddha ist ein Geschenk des 16. Karmapa. Er gab es Ole und mir, als er uns nach Europa zurückschickte. Zu jener Zeit hatte er gerade das neue Kloster Rumtek in Sikkim erbaut, das zu Karmapas neuer Residenz nach seiner Flucht aus Tibet wurde. Für das neue Kloster mussten sie viele neue Statuen machen, 1000 große Buddhas und viele kleine Buddhas. Dieser kleine Ton-Buddha ist einer der vielen kleinen Buddhas.

Eine andere Sache hier hat auch mit Karmapa zu tun: Es ist ebenfalls ein Gau, aber er enthält ein Bild. Darauf sieht man ein Mandala und das hat eine besondere Geschichte. Ein Freund von uns, Kim Wünsch, besuchte einmal den 16. Karmapa in Indien. Karmapa war damals in Neu Delhi um einige offizielle indische Leute zu treffen. Auch Lopön Tsechu Rinpoche war dabei und hat diese Geschichte später bestätigt. Sie waren alle zusammen in einem Hotelzimmer mit keinerlei Bildern an den Wänden. Es war auch eine Frau mit dabei, die ein paar Polaroid- Bilder machte. Als sie Karmapa vor einer nackten Wand fotografierte, kam dabei aus ihrer Polaroid-Kamera das Bild, das jetzt hier in diesem Gau ist. Statt einer Fotografie von Karmapa zeigt es ein Bild eines Mandala mit den zwei wichtigsten männlichen und weiblichen Schützern unserer Linie.

Dieses Ereignis zeigt Karmapas Verwirklichung und war eine Demonstration seiner Fähigkeit, ein Wunder nach dem anderen zu vollführen.

Normalerweise zeigen Lamas nicht so viele Wunder, denn es besteht dann das Risiko, dass Leute nur auf die Wunder schauen und vergessen, was wirklich wichtig ist, nämlich die eigene Praxis. Aber Karmapa tat es ab und zu und offensichtlich wollte er auch, dass wir es sehen. Er schickte uns aus Delhi eine Kopie des Fotos.

In der Mitte des Altares stehen drei Statuen aus Holz. Wir haben sie aus den Bergen Nepals mitgebracht. Die mittlere Statue ist Guru Rinpoche, auf Sanskrit Padmasambhava und auf Deutsch "Der Lotusgeborene" genannt. Er ist der Meister, der den Buddhismus um ungefähr 750 nach Tibet brachte. Bevor er dort hinkam, war Tibet schamanistisch und es war dort - ihren eigenen Texten zufolge - ziemlich wild. Deswegen erforderte es eine Person mit besonderen Kräften um den Buddhismus dort hin zu bringen, und das war Guru Rinpoche.

Es gibt vier Hauptschulen im Tibetischen Buddhismus: Die Sakya-Schule, die ihren Namen von einer besonderen Stelle in Tibet hat. Die Gelugpa-Schule, deren geistiges Oberhaupt der Dalai Lama ist. Die Kagyü-Schule, das sind wir. Und eben die Nyingma-Schule, die von Guru Rinpoche gegründet wurde. Es ist auch die älteste der vier großen Schulen und ihr Namen bedeutet "die Alten". Wir haben in unserer Kagyü-Schule eine nahe Verbindung zu Guru Rinpoche und die Karmapas praktizieren auch einige der Nyingma-Methoden.

Auf jeder Seite von Guru Rinpoche am Altar sind zwei sehr wichtige Bodhisattvas. Rechts ist der Bodhisattva mit den vier Armen. Er ist für alle Praktizierenden des Tibetischen Buddhismus wichtig, ganz gleich zu welcher Schule man gehört. Wir nennen ihn Liebevolle Augen, auf Tibetisch heißt er Tschenresig und auf Sanskrit Avalokiteshvara. Er ist ein Bodhisattva, der die Liebe und das Mitgefühl aller Buddhas ausdrückt. Seine vier Arme symbolisieren vier Arten von Liebe und Mitgefühl und sein Mantra Om Mani Peme Hung ist sehr bekannt. Das Mantra kann von jedermann verwendet werden und es nutzt jedem, der es hört. Wenn wir es hören oder sagen, stärkt es unsere Liebe und Mitgefühl.

Links von Guru Rinpoche ist der Weisheitsbuddha. Auf Tibetisch heißt er Jampeyang, auf Sanskrit Manjushri und er drückt die Weisheit aller Buddhas aus. Er hält ein Flammenschwert, das alle steifen Ideen durchschneidet. Normalerweise gibt es dann immer noch einen dritten Bodhisattva, aber er ist hier nicht dabei. Er heißt Diamant-in-Hand und drückt die Kraft der Buddhas aus. Diese drei Bodhisattvas sind sehr zentral, denn sie stehen für die Qualitäten, die wir auf unserem Weg zur Erleuchtung entwickeln müssen - Mitgefühl, Weisheit und Kraft.


Auszug aus einem Interview, das 2004 im Buddhistischen Zentrum Kopenhagen von Anders Hedelin und Nicolai Sennels geführt und gefilmt wurde. Hannah spricht im Film Dänisch und dazu gibt es englische Untertitel. Der Film (mit Zusatzmaterial) soll demnächst in den Diamantweg-Zentren erhältlich sein.

Aus dem Englischen von Detlev Göbel und Claudia Knoll