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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 40, (Winter 2005)

Tibetische Medizin in Indien und Nepal

Von Mirja Bramsiepe

Wie wird eine Jahrhunderte alte Heilkunst in der Moderne praktiziert?

Die tibetische Medizin ist eines der ältesten Heilsysteme der Welt. Ihr Ursprung geht bis auf Kashyapa, den dritten Buddha unseres Weltzeitalters zurück. Mythologisch wird der Anfang der tibetischen Medizin folgendermaßen erklärt:

Zu einem frühen Zeitpunkt unseres jetzigen Zeitzyklus, als die Menschen noch Lichtkörper besaßen und nicht zu essen brauchten, bewirkte ein Rest von altem Karma, dass eines Tages ein Stück Erdpech auf die Erde fiel und von einem Menschen aufgehoben und gegessen wurde. Davon bekam dieser einen verdorbenen Magen. Das war damals die erste Krankheit und das Ende des goldenen Zeitalters begann. Der Hindugott Brahma hatte früher vom Buddha Kashyapa sämtliche Belehrungen über die Medizin erhalten. Er empfand tiefes Mitgefühl mit dem Kranken und sogleich fiel ihm die Belehrung ein, dass abgekochtes Wasser gegen Verdauungsbeschwerden hilft. Er verordnete es sofort dem Kranken, der daraufhin wieder gesund wurde. Das war der Anfang der Medizin in unserem jetzigen Zyklus. Brahma erinnerte sich dann der gesamten medizinischen Belehrungen des Buddha Kashyapa und gab sie den Menschen weiter.

Unabhängig davon lehrte Buddha Shakyamuni auch selbst die Medizin. Hierbei soll er sich in zwei Emanationen, nämlich als der Geist des heilenden Buddha in der Gestalt des Weisen Rigpai Yeshe – und als die Rede des heilenden Buddha, in der Form des Weisen Yilay Kye – manifestiert haben. So entstand das Hauptwerk der tibetischen Medizin, das den Namen Gyüshi trägt. Die genaue Bezeichnung lautet: „Ambrosia Herz-Tantra: Die geheime mündliche Unterweisung über die Acht Zweige der Wissenschaft vom Heilen.“

Im 8. Jahrhundert kam das Gyüshi durch Guru Rinpoche und den Übersetzer Vairocana nach Tibet. Dort gelangte es zu dem berühmten Arzt Yuthog Yönten Gonpo. Er versteckte es als Terma in einem Pfeiler des Klosters Samye um es vor der Zerstörung zu bewahren. Im 11. Jahrhundert wurde es dann auch von Yuthog dem Jüngeren, der berühmteste Arzt seiner Zeit, wiederentdeckt, bearbeitet und in der heute bekannten Form kommentiert. Außerdem gab es in Tibet immer wieder grosse medizinische Konferenzen, zu denen Ärzte unterschiedlichster Länder wie China, Indien, der Mongolei, Turkestan, Persien, Nepal und Griechenland eingeladen wurden.

Mit dem Gyüshi als Hauptwerk und den vielen Einflüssen aus den Nachbarländern hat sich die tibetische Medizin über viele Jahrhunderte zu der heute bekannten Form entwickelt. Genauso wie sie damals vor der moslemischen Invasion von Indien nach Tibet kam, ist sie jetzt vor ca. 50 Jahren vor der chinesischen Invasion wieder nach Indien und Nepal gekommen. Wieder musste sie sich neuen Gegebenheiten anpassen und neu integrieren. Diesmal allerdings gelangte sie, genauso wie der Buddhismus, nicht nur in die benachbarten Länder, sondern von dort aus auch in die ganze Welt.

Um nun herauszufinden, wie die tibetische Medizin jetzt unter diesen neuen Bedingungen praktiziert wird und was davon erhalten wurde, bin ich für drei Monate nach Indien und Nepal gereist. Im Rahmenmeiner Dissertation sollte ich erforschen, ob eine Inkulturation, das heißt eine Eingliederung der tibetischen Medizin in die Gesellschaft Südasiens, stattgefunden hat. Begonnen habe ich meine Reise in Kathmandu, wo es mir möglich war, auch einige Ärzte aus Mustang und anderen entlegenen Regionen Nepals zu treffen. Von dort ging es weiter nach Kalimpong, Darjeeling, Gangtok, Bangalore, Bombay, Delhi und Dharamsala. So konnte ich Arztpraxen in großen Städten sowie in kleinen Dörfern besuchen. Ich bin meistens drei Tage bei den Ärzten geblieben und habe in dieser Zeit jeden Patienten protokolliert. Außerdem habe ich mit den Ärzten Interviews über ihre Arbeit und Stellung in der Gesellschaft geführt.

Doch zuerst, bevor ich auf die Ergebnisse meiner Studie eingehe, ist es wichtig zu verstehen, was die tibetische Medizin eigentlich ist. Dazu eine kurze Einführung:

WOHER ENTSTEHT EIGENTLICH – NACH DER MEINUNG DER TIBETISCHEN
ÄRZTE – KRANKHEIT?

Die Antwort ist ganz einfach und uns nicht fremd: Die Hauptursache einer jeden Krankheit ist die grundlegende Unwissenheit unseres Geistes. Dr. Dorjee Raphen Nechar aus Bangalore erklärt dies so:

„Es gibt unzählbar viele Krankheiten. Aber die Hauptursache für Krankheiten ist nur eine, und das ist die Unwissenheit. Auf Tibetisch heißt sie „Marigpa“. Eine grobe Übersetzung wäre „Unwissenheit über die Nicht-Existenz eines Selbst“. Deshalb leiden wir unter den drei geistigen Giften. „Marigpa“ ist die Hauptursache aller Krankheiten. Man kann dies mit einem Vogel vergleichen, der fliegt und nicht vor seinem Schatten fliehen kann. Wir als menschliche Wesen, wie sehr wir auch versuchen glücklich zu leben, wir können nicht vor dem Leiden fliehen. Aus „Marigpa“ entstehen die drei ungeborenen geistigen Gifte: Gier oder Anhaftung, Zorn oder Hass, Dummheit oder Verwirrung. Das sind die drei Geistesgifte. Und daraus bilden sich „Lung“ (Wind), „Tripa“ (Galle) und „Begen“ (Schleim).“

So entstehen aus den drei Störgefühlen die damit verbundenen Energien im Körper. Sind sie im Gleichgewicht, ist man gesund. Wird eins verstärkt oder abgeschwächt, entsteht Krankheit.

WAS GENAU SIND NUN DIESE DREI SÄFTE?

Lung (Wind) entsteht aus Anhaftung und wird mit dem Bewusstsein und der Lebensenergie in Zusammenhang gebracht. Es ist das Medium, das das Bewusstein befähigt, sich von einem Objekt zum nächsten zu bewegen. Es hat seinen Sitz in der unteren Körperhälfte und durch seine Verbindung mit dem Geist beruhen alle psychischen Störungen auf einem Ungleichgewicht von Lung. Auf körperlicher Ebene ist Lung zum Beispiel die Basis für die Muskelaktivität, die Nerven, die Atmung oder die Speichelbildung.

Tripa (Galle) entsteht aus Zorn und wird der energiebetonten Lebenskraft und der Wärme zugeordnet. Sie sitzt in der mittleren Körperhälfte und ist für alle verbrennenden Prozesse wie den Verdauungsstoffwechsel zuständig. Auf geistiger Ebene steht sie für Mut und Intelligenz.

Begen (Schleim) entsteht aus Dummheit und ist Träger der wässrig-stofflichen Bestandteile des Körpers und zuständig für die Bildung von Körperflüssigkeiten. Es hat seinen Sitz im oberen Körperdrittel und führt zu einer Straffheit von Geist und Körper, verbindet die Gelenke und führt zu physischer Stärke und Stabilität. Auf geistiger Ebene sorgt es für Geduld.

Daneben spielen noch viele weitere Faktoren, wie beispielsweise die fünf Elemente, eine wichtige Rolle. Grundsätzlich jedoch entsteht Krankheit durch eine Disharmonie dieser Säfte, die aufgrund von falscher Ernährung, falschem Verhalten, aber auch durch böse Geister entstehen kann.

Um Krankheiten erkennen zu können, besitzen die tibetischen Ärzte einen großen Schatz an Diagnosemethoden. Dazu gehören zum einen die Zungen-, die Urin- und die Pulsdiagnose, zum anderen ist auch die Befragung des Patienten ein sehr wichtiger Bestandteil. Die Therapie baut sich nach einem stufenweisen Prinzip auf. Zuerst wendet man die sanften Methoden an und erst wenn diese nicht wirken, greift man auf stärkere zurück. Hierbei sind die ersten beiden Methoden Ratschläge zu Ernährung und Verhalten. Anschließend werden Medikamente gegeben. Hier verfügt die tibetische Medizin über einen großen Schatz an unterschiedlichsten Pillen, die teilweise über 80 verschiedene Bestandteile haben. Des Weiteren gibt es die sogenannten externen Therapiemethoden, wie Massagen, Moxa, Aderlass, Schröpfen oder Brennen (entweder mit einer goldenen Nadel oder einem goldenen Hammer).

WIE SIEHT DIE TIBETISCHE MEDIZIN NUN HEUTE IN INDIEN
UND NEPAL AUS?

Überraschenderweise sind es vor allem die Einheimischen, die den tibetischen Arzt konsultieren. Laut meiner Studie sind 75% der Patienten Inder oder Nepali und nur 25% Tibeter. Durchschnittlich betreut ein Arzt 30 Patienten pro Tag, wobei es in den größeren Städten oft über 100 sind. Dabei benötigt er für einen Patienten ungefähr sieben Minuten. Meistens verwendet er Befragung (91%) und Pulsdiagnose (95%) um die Krankheit zu diagnostizieren. Die anderen Methoden werden nur bei ungefähr 25% der Patienten durchgeführt. Eine Urindiagnose findet man heutzutage sehr selten, weil sie relativ zeitaufwendig ist. Therapiert wird vor allem mit Medikamenten (100%) und Ratschlägen zur Ernährung und zum Verhalten (61%, bei neuen Patienten 83%). Externe Therapiemethoden kamen mit 3% sehr selten vor. Wenn man die Ärzte fragt, warum sie oft nur so wenige ihrer Methoden anwenden, weisen sie darauf hin, dass bei so vielen Patienten einfach nicht genug Zeit vorhanden ist. Außerdem ist das Standardschema Pulsdiagnose, Befragung und Verschreiben der Medikamente nach ihrer Meinung für die Versorgung des Patienten zumeist ausreichend.

Als nächstes habe ich versucht herauszufinden, wo die tibetischen Ärzte die Grenzen ihrer Medizin sehen. Das bedeutet, welche Krankheiten können sie nicht heilen, wann überweisen sie zu anderen Ärzten und welche Methoden ihrer Medizin sehen sie als nicht mehr zeitgemäß an. Hier gibt es natürlich sehr unterschiedliche Meinungen, wobei sich jedoch einige Punkte deutlich zeigten:
Auf die Frage, welche Krankheiten sie nicht heilen können, werden vor allem karmische und sehr alte Krankheiten genannt. Eine karmische Krankheit wird unweigerlich zum Tod führen, wenn das Karma dazu vorhanden ist, auch wenn es sich nur um eine Erkältung handelt. Eine alte Krankheit besteht oft schon zu lang, um sie völlig heilen zu können. In solchen Fällen, wenn sie nicht mehr weiter wissen, überweisen sie oft entweder zu einem erfahreneren tibetischen Arzt oder zu einem westlichen Kollegen. Auf dem Land haben die Ärzte dazu weniger die Möglichkeit. Was sie von ihren eigenen medizinischen Methoden ablehnen, ist vor allem die Chirurgie, die ohne Betäubung und mit sehr primitiven Instrumenten als nicht mehr zeitgemäß betrachtet wird. Mit einer Methode, die „Löffeln“ genannt wird, hat man früher versucht, die Krankheit mit einem Löffel aus dem Körper zu holen. Auch Augen- und Gehirnoperationen wurden früher in Tibet vorgenommen, finden aber heute keine Verwendung mehr.

WIE SEHEN DIE TIBETISCHEN ÄRZTE NUN IHRE STELLUNG ZUR
WESTLICHEN MEDIZIN?

Auch dazu habe ich sie befragt, worauf die Meinungen sehr ähnlich waren. Viele tibetische Ärzte betrachten die westliche Medizin als eine Ergänzung zu ihrem System und arbeiten auch gerne mit westlichen Ärzten zusammen. Vor allem bei Operationen, Notfällen und Infektionen überweisen sie häufig zu einem westlichen Kollegen.
Dagegen kritisieren sie die chemischen Medikamente mit vielen Nebenwirkungen und das häufige Fehlen von Mitgefühl zum Patienten. Dr. Jampa Yonten aus Darjeeling beschreibt dies mit folgenden Worten:

„Es ist so toll, dass man jedes Körperteil von innen sehen kann. Aber manchmal fehlt das Mitgefühl! Wenn die allopathischen Ärzte ein bisschen spiritueller wären! Das heißt nicht, sie müssen Buddhisten werden! Wenn sie versuchen würden, Mitgefühl zu praktizieren, mehr Zeit hätten und den Patienten als ihr eigenes Kind sehen könnten! Allopathische Medizin könnte viel besser sein, wenn sie das beachten würden.“

So konnte ich am Ende meiner Reise folgendes festhalten: Die tibetischen Ärzte haben sich in Indien und Nepal sehr gut an ihre neuen Verhältnisse angepasst. Ihre Praxen sind sehr gut besucht und immer mehr Ärzte reisen auch in westliche Länder um Vorträge zu halten und Patienten zu behandeln. Jedoch müssen sich die tibetischen Ärzte auf der anderen Seite, trotz guter Integration, neuen Herausforderungen stellen. Die tibetische Medizin, so wie sie einst isoliert in Tibet praktiziert werden konnte, ist in der modernen Welt nicht mehr möglich. Sie müssen sich mit der westlichen Denkweise von Krankheit vertraut machen. Auch die gängigen Begriffe müssen sie kennen und damit arbeiten können, denn oft kommt ein Patient mit schon erstellter Diagnose von einem allopathischen Arzt zu ihnen. Daneben gibt es auch „neue“ Krankheiten, wie Krebs oder Aids, die in Tibet fast nie vorkamen, bei denen aber oft Heilung von ihnen erwartet wird. Dazu kommt noch die Forschung, das Reisen ins Ausland und das Ausbilden von Spezialisten, was in dieser Form in Tibet nicht vorkam. Auch das Zusammenarbeiten mit westlichen Ärzten ist eine neue Herausforderung, der sie sich stellen müssen.

Was die Zukunft der tibetischen Medizin in Indien und Nepal, aber auch in Europa betrifft, erklärt Dr. Namgyal Qusar aus Delhi:

„Ich denke, dass die Zukunft der tibetischen Medizin offen ist. Wir haben eine Zukunft, daran besteht kein Zweifel. Aber es ist uns auch nicht so wichtig, dass die tibetische Medizin so bekannt und verbreitet wird, wie zum Beispiel die allopathische Medizin. Das ist nicht das Ziel eines tibetischen Arztes. Sehr wichtig ist, dass der Zugang zur tibetischen Medizin immer vorhanden ist. Solange es Leiden und Krankheiten gibt, ist es wichtig zu ermöglichen, tibetische Medizin zu verwenden. Was sich verändert und immer stärker verringert, ist das Angebot an Pflanzen, die für die tibetische Medizin benötigt werden. Dieses begrenzte Angebot an Pflanzen ist das hauptsächliche Problem in Indien. Ich glaube, im Westen sind die Menschen sehr offen für die tibetische Medizin. Ein Problem sehe ich im bürokratischen System, das heißt eine Erlaubnis zu bekommen, die tibetische Medizin zu praktizieren bzw. die Produkte zu verschreiben. Deshalb denke ich, dass das Wachstum der tibetischen Medizin im Westen sehr langsam sein wird, bis es Forschungen über die Medikamente gibt. In Indien sind wir sehr frei. Wir können alles tun und erhalten auch eine gute Resonanz von den Menschen dort.“


Mirja Bramsiepe geb. 1978, Zuflucht 1993 in Passau bei Lama Ole, ist für ihre Dissertation von Dez. 2002 bis April 2003 durch Indien und Nepal gereist, arbeitet jetzt als Ärztin in München.