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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 4, (Sommer 1990)

Mit dem Lama bei den Llamas - mit Lama Ole Nydahl durch Südamerika

Reisebericht von Ulla und Detlev Göbel

KARMAPA CHENNO lesen wir auf einem Schild über den Köpfen der Menschenmenge am Flughafen Caracas/Venezuela. Während Ole im Zentrum Belehrungen gibt, sind einige Leute zum Flughafen gekommen, um uns abzuholen.

Noch immer in den dicken Stiefeln, mit denen wir tags zuvor durch den Schnee New Yorks liefen, steigen wir in tropischer Hitze in das bereitstehende Auto. Zwei deutsch sprechende Mädchen erzählen uns während der Fahrt zum Dharmazentrum vom gerade beendeten Phowa-Kurs mit dem Buddhistischen Meister Ole Nydahl, dem ersten Phowa-Kurs in Südamerika. In nur zweieinhalb Tagen hatten 35 Leute erfolgreich diese Praxis gelernt. Die beiden Mädchen glühen förmlich vor Freude und Dankbarkeit, und wir fühlen uns spontan zu Hause. Auf der Fahrt in die City erinnern uns Klima und Landschaft an Hawaii, aber der Anblick der Slums, der vielen Polizisten und Soldaten und das ständige Heulen von Alarmanlagen machen uns schnell klar, dass dies hier eine ganz andere Welt als Europa oder Nordamerika ist.

Erstmal wird uns jedoch ein liebenswerter Empfang im Zentrum bereitet: Wir treffen unsere Lehrer Ole und Hannah und unsere Freunde; Pedro & Dörrit, die bei Malaga in Spanien das große Retreatzentrum Karma Gön aufbauen, und Tomek, der seit Jahren Oles Weltreisen organisiert, ihn ständig begleitet und in Südamerika die Belehrungen auf Spanisch übersetzt. Gemeinsam werden wir die nächsten fünf Wochen per Bus und Bahn Südamerika durchqueren: eine Strecke, die etwa so weit ist wie Hamburg - Kabul. Pedro hat eine Videokamera dabei und filmt die interessantesten Eindrücke der Reise, oft unter gefährlichen Bedingungen.

Die Leute im Zentrum Caracas sind sehr, sehr lieb und gastfreundlich und wollen alles mögliche von uns wissen, vor allem wie wir in Europa die Zentren führen und organisieren. Das Zentrum wurde vor etwa sieben Jahren von Khenpo Kathar gegründet. Er ist der Resident-Lama von Woodstock in den USA, von Seiner Heiligkeit Karmapa eingesetzt, um die amerikanischen Zentren zu betreuen. Eine Zeit lang besuchte er das Zentrum in Caracas regelmäßig, kam dann jedoch immer seltener, da es sich nicht sonderlich entwickelte. Erst nachdem Ole 1989 zum ersten Mal das Zentrum - zur Zeit eine gemietete Fünf-Zimmer-Wohnung - besuchte, entstand eine Kontinuität in der Arbeit.

Die Gruppe, unter der Leitung von Rafael und Maria, traf sich regelmäßig zum gemeinsamen Meditieren. Ole bot an, das Phowa zu lehren, der Khenpo begrüßte einen solchen Kurs, und so organisierte die Gruppe alles Erforderliche. Der Kurs fand schließlich in der Rekordzeit von zweieinhalb Tagen statt, da Oles Reiseprogramm keine andere Möglichkeit ließ. Wer schon einmal einen Phowa-Kurs gemacht hat, kann sich vielleicht vorstellen, wieviel Anstrengung es erfordert - vor allem für den Lehrer, damit 35 Leute in so kurzer Zeit erfolgreich diese Praxis lernen. Phowa-Kurse dauern sonst etwa zehn Tage.

In den nächsten Tagen schauen wir uns Caracas und Umgebung an. Ole gibt abends Belehrungen im Zentrum, und 50 Leute nehmen Zuflucht, während wir mit dem Jet-Lag kämpfen und meist verlieren. Eines Abends kommt der berühmteste TV-Interviewer Venezuelas mit vollständigem Equipment ins Zentrum. Jemand aus dem Zentrum, der ihn kennt, hatte ihm auf der Straße - von Auto zu Auto - zugerufen: "Der Lama ist im Zentrum!" Der Starreporter hatte "Dalai Lama" verstanden, bleibt aber trotzdem, als sich das Missverständnis klärt, und nimmt ein Interview mit Ole auf, das dann zweimal im Fernsehen gesendet wird. Kurz vor Oles erstem Besuch 1989 hatte es in den Slums Aufstände mit vielen tausend Toten gegeben. Zur Zeit ist die Lage ruhig, doch Armut und Kriminalität bleiben allgegenwärtig. Die Berghänge um Caracas sind unübersehbar von Slums bedeckt, und wenn die Regierung so wie letztes Jahr die Preise zu drastisch erhöht, kommen die Slumbewohner in die Stadt herunter und plündern, während das Militär sie mit scharfer Munition zurückzudrängen versucht.

In den 70er Jahren hatte Venezuela einen Wirtschaftsboom durch Erdöl erlebt. Mit diesem schnellen Geld wurde jedoch keine eigene Industrie aufgebaut, sondern nur Waren importiert, und die Reichen schafften ihr Geld nach Miami. Als dann das Ölgeld nicht mehr so reichlich floß, stürzte das Land in eine Wirtschaftskrise. Sie ist hautnah am Wassermangel spürbar: Da die Gelder zur Erweiterung des Kanalisationssystems im Sumpf der Korruption versickerten, erhalten die verschiedenen Stadtteile jetzt nur an einzelnen Tagen der Woche das streng rationierte Wasser.

Ein Paar aus Caracas - Karym und Annabelle - beschließt, uns einen Teil der Fahrt zu begleiten, und so fahren wir zu acht mit dem Nachtbus nach San Christobal nahe der Grenze zu Kolumbien. Mehrfach in der Nacht stoppen wir an großen Raststätten, oft riesig große Hallen, grell beleuchtet und mit schriller Musik aus überforderten Lautsprechern: eine ganz besondere, unwirkliche Stimmung. Wir trinken Tee mit süßer Milch und venezolanischen Rum und haben immer ein Auge auf den Bus, damit unser Gepäck nicht verschwindet. Ole schreibt - wie in jeder freien Minute, wann immer er einen Platz mit genug Licht findet - an seinem neuen Buch, der Fortsetzung von "Die Buddhas vom Dach der Welt", über die Dharma-Arbeit im Westen.

Irgendwann in der Nacht gibt uns Hannah besondere Schützer, die Gyaltsab Rinpoche und Tenga Rinpoche speziell für die Fahrt durch Kolumbien und Peru für uns gemacht haben. Tenga Rinpoche hatte auch Mos (Tibetische Orakel) auf einzelne Abschnitte der Reise gemacht und dann empfohlen, die gefährlichsten Gegenden, Südkolumbien und Zentralperu, zu überfliegen. Gyaltsab Rinpoche empfahl Ole nach seinen Mos, einen Revolver mitzunehmen. Er sagte, dass auch in Tibet viele Mönche bewaffnet gereist seien.

Schmutzig und übernächtigt besuchen wir am Morgen die heißen Schwefelquellen bei San Christobal und verbringen den Tag im Schwefelbad und am Swimmingpool eines guten Hotels. Am Abend soll es weiter gehen nach Cucuta, der Grenzstadt Kolumbiens, die den Ruf hat, das Paradies der Räuber und Taschendiebe zu sein. Zitat von Tomek: "Mit Cucuta verglichen ist Indien wie die Schweiz."

Die Leute in Venezuela geben uns viele Ratschläge und sind besorgt, wenn sie hören, dass wir per Bus durch Kolumbien fahren wollen. Durch all die Raub- und Mordgeschichten entsprechend inspiriert, fahren wir am Abend nach Cucuta und stehen am Busbahnhof in Schildkrötenformation um unseren Gepäckberg. Eine Menschenmenge von Kindern, Händlern und allerlei zwielichtigen Gestalten umgibt uns, während Tomek die Bustickets besorgt. Diesmal passt er doppelt auf: Letztes Jahr geriet er in ein Schwindelbüro, das ein paar Ganoven für einige Stunden eröffnet hatten. Sie hatten Formulare und Tickets für Busfahrten gedruckt und verkauften diese ohne einen einzigen Bus zu besitzen. Erst im letzten Moment merkte Tomek was geschah.

Wir bekommen unseren Gepäckberg sicher in den Bus, und unsere zweite Nachtfahrt beginnt. Im Bus sehen wir Schilder mit Warnungen der Polizei, dass die Fahrgäste keine Nahrungsmittel oder Zigaretten von anderen Fahrgästen annehmen sollen, denn sie könnten mit Drogen versetzt sein. Eine in Kolumbien und Peru sehr verbreitete Methode von Raub ist, den Leuten eine Droge namens Scopolamin zu verabreichen. Die Opfer werden in Sekundenschnelle total willenlos und machen alles, was die Räuber ihnen sagen. Sie fahren mit ihnen zu ihrer Bank und plündern das Konto, bringen sie zur eigenen Wohnung und helfen sogar beim Ausräumen. Schließlich nehmen die Räuber dann noch das Auto mit. So mancher findet sich dann nach drei Tagen splitternackt auf einem Feld wieder und kann sich an nichts erinnern. Das Schlimmste ist, dass es manchmal auch bleibende Schäden gibt. Die Persönlichkeit des Bruders von Eduardo aus dem Zentrum in Bogota hat sich spürbar verändert, seit ihm dies passiert ist.

Man erzählt uns, dass die Busse oft auch von uniformierten Männern angehalten werden und dass es dann verschiedene Möglichkeiten gibt: Entweder es ist eine Kontrolle der Polizei oder des Militärs, und alles ist in Ordnung. Oder es sind Banditen in geklauten Uniformen, die einen ausrauben. Oder es ist zwar die Polizei, aber es geht einem auch nicht besser. Wenn man nicht anhält, wird man erschossen, ganz gleich, welche Gruppe es ist. Uns geschieht natürlich nichts dergleichen, und am nächsten Morgen erreichen wir Tunja, wo die Leute vom Dharmazentrum in Bogota einen Phowa-Kurs organisiert haben.

Drei Tage praktizieren wir hier mit 40 Leuten das Phowa, die Meditation, durch die man lernt, im Moment des Todes bewusst zu bleiben und das eigene Bewusstsein in den Kraftkreis eines Buddha zu überführen. In diesem Land, in dem täglich 50 Morde geschehen, haben die Menschen natürlich eine besondere Offenheit für eine solche Praxis. Abends beginnt Ole die Übersetzung seines neuen Buches auf Deutsch.

Die Gegend ist so schön und friedlich und die Leute so nett, dass die Realität Kolumbiens für uns ganz weit weg ist. Aber man erzählt uns, dass sich selbst hier Gangsterkartelle bekriegen um die Smaragde, die reichlich in den Bergen gefunden werden.

Im übrigen Kolumbien geschehen die Verbrechen eher im Zusammenhang mit der Kokainproduktion: Zwei große Kartelle in Medellín und Cali verarbeiten Cocapaste aus Peru und Bolivien zu Kokain und beliefern damit vor allem die USA. Sie machen so einen jährlichen Reingewinn von schätzungsweise 3 Milliarden Dollar und konnten es sich jahrelang leisten, jeden zu beseitigen, der ihnen im Wege war, vor allem Richter, Staatsanwälte, Polizisten und Journalisten.

Erst als sie letztes Jahr einen Präsidentschaftskandidaten ermordeten, fühlten auch die Politiker zum ersten Mal persönlich die Bedrohung und gehen seitdem ernsthaft gegen die Drogenbosse vor. Diese erklärten daraufhin dem kolumbianischen Staat den Krieg und überzogen fünf Monate lang das Land mit einer Welle von Bombenattentaten, Entführungen und Morden. Die Leute im Dharmazentrum hörten während der Meditation die Explosion von 500 kg Dynamit, mit der das Polizeipräsidium gesprengt wurde und einen Krater von vier Metern Tiefe und zehn Metern Durchmesser zurückließ. Adriana, eine Nichte des Präsidenten, die mit ihrem Mann Roberto - der gerade sein Drei-Jahres-Retreat in Frankreich beendet - dem Zentrum in Bogota ein Haus zur Verfügung gestellt hat, erzählt, dass 17 ihrer Bekannten gekidnappt wurden. Sie selbst und einige Andere im Zentrum schliefen eine Zeit lang mit einer Pistole unterm Kopfkissen, obwohl ihr Haus von hohen Mauern umgeben und von Hunden und Bewaffneten geschützt wird.

Ein paar Tage nach unserer Ankunft gibt es eine Wende in Kolumbien. Im Jahr zuvor hatte Ole öfters Träume, dass er in Häuser hineinkäme, um Leute zu schützen und aufzuräumen. Diesmal träumt er, dass er wieder in so ein Haus hineinstürmt, und die Leute sitzen friedlich zusammen am Tisch und reden. Ein paar Tage später bietet Pablo Escobar, einer der ganz großen Drogenbosse, der Regierung die Kapitulation an und lässt zum Zeichen seines guten Willens die meisten Geiseln frei. Gleichzeitig beschließen die Führer einer der drei großen Guerillagruppen, ihre Organisation wieder in das legale politische Leben zu integrieren.

Die Fahrt nach Bogota nach dem Phowa-Kurs ist abenteuerlich; Ole fährt Eduardos Jeep und überholt wie immer vor jeder Kurve. Als es Nacht wird, fährt die Hälfte aller Autos ganz ohne Licht, und die Straße selber ist auch nicht beleuchtet. Immer wieder tauchen Kinder oder Radfahrer aus der Dunkelheit mitten auf der Straße auf.

Wir wohnen in Adrianas Haus mit Blick über das Bogota-Tal, und in dieser Nacht wird vor dem Haus, in dem wir ursprünglich hätten übernachten sollen, ein Mercedes mit einer halben Tonne Sprengstoff gefunden. Die Bombe war für ein Haus gedacht, in dem Büros hochrangiger Wirtschaftsleute untergebracht sind. In Bogota gibt Ole drei Tage Belehrungen und viele Interviews.

Einen weiteren Abend sind wir bei Gonzalo eingeladen, einem recht wohlhabenden Juristen, der für die Regierung gearbeitet hat, sich aber nach Morddrohungen der Narcos für einige Zeit ins Privatleben zurückzog. Er begrüßt uns mit zwei jungen Herren, alle drei im Abendanzug. Wir nehmen natürlich an, dass es sich um seine Söhne handelt und wundern uns, warum sie unsere herzliche Begrüßung kaum erwidern - es sind seine Diener, und an diesem Abend wird es so spät und lustig, dass auch sie ihre Etikette vergessen und lächeln müssen. Gonzalo bewirtet uns so gut, dass wir uns wie in Götterwelten fühlen. Nachts fährt er uns zurück ins Zentrum und erzählt, wie schwierig es für ihn geworden ist, seine Autos - einen Porsche und einen großen Mercedes - zu fahren. Denn entweder stoppt ihn laufend die Polizei, weil normalerweise nur Narcos sich hier solche Autos leisten können, oder er muss Angst haben, dass ihn Banditen stoppen und ihm den Wagen abnehmen.

Die nächtliche Fahrt durch Bogota ist unheimlich: Vor jedem besseren Haus steht ein schwer bewaffneter Mann, in die Mauern sind oben abgebrochene Flaschenhälse einzementiert, und in Europa haben wir bereits Berichte über faschistische Mordkommandos gelesen, die nachts vom Auto aus obdachlose Kinder und Prostituierte erschießen. Man rät uns, niemals anzuhalten, selbst wenn Menschen auf der Straße liegen, denn oft ist dies nur ein Trick, und man wird ausgeraubt.

Das Bogota-Zentrum hat ähnliche Probleme wie das Zentrum in Caracas. Auch hier war Khenpo Kathar regelmäßig zu Besuch, was jedoch immer seltener geschah, da das Zentrum sich nicht recht entwickelte. Oles erster Besuch 1989 gab ebenfalls enormen Auftrieb, und jetzt hoffen alle, dass Adrianas Mann Roberto nach seiner Rückkehr aus dem Drei-Jahres-Retreat das Zentrum leiten wird.

Als wir nach drei Tagen weiterfahren, sind viele traurig, denn sie werden Ole ein Jahr lang nicht mehr sehen, und andere Lamas besuchen sie bisher sowieso nicht. Eduardo beschließt, uns ein Stück zu begleiten. Er hat einige Jahre in den USA gelebt und damals dort Seine Heiligkeit Karmapa getroffen. Er fühlt sich sehr verantwortlich für das Zentrum und ist tatsächlich sozusagen der Schützer der Gruppe.

Da Pedros Frau Dörrit nach Kopenhagen zurückreisen muss, setzen wir die Reise nun zu neunt fort. Wir nehmen früh morgens den Bus durch Südkolumbien zur Grenze nach Ecuador. Tenga Rinpoche hatte uns empfohlen, diese Strecke zu fliegen. Da sich die Lage in der Zwischenzeit aber beruhigt hat, riskieren wir die 20-stündige Fahrt. Die Landschaft ist wunderschön und erinnert uns oft an Bhutan, obwohl es hier wärmer ist. Für die landschaftlich weniger interessierten Fahrgäste werden in diesem Bus fünf Videos hintereinander gezeigt. Wir machen auch in Cali Rast, dem Zentrum eines der großen Drogenkartelle, merken aber rein äußerlich nichts Besonderes an dieser Stadt.

Am frühen Sonntag Morgen müssen Karym und Annabelle in Kolumbien zurückbleiben, weil sie hier bemerken, dass sie für die Einreise nach Ecuador ein Visum brauchen. Sie fahren zum nächsten Konsulat zurück, und wir verabreden uns in Quito. Der Fahrer unseres gecharterten Kleinbusses ist überaus freundlich. Er hält an den Stellen mit spektakulärem Ausblick über das Bergpanorama Ecuadors, damit Pedro filmen kann, und bringt uns in kleine Städte, die berühmt für ihre billigen und schönen Lederarbeiten sind. Mittags überqueren wir den Äquator, der durch ein kleines Denkmal gekennzeichnet ist. In Ecuador ist die Stimmung ganz anders als in den Nachbarländern Kolumbien und Peru; es gibt kaum Gewalt, und die Indios wirken alle etwas träumerisch.

In Quito nehmen wir uns ein billiges Hotel, schauen uns die malerische Altstadt an und treffen am nächsten Tag Karym und Annabelle. Ihre Nacht in einer kolumbianischen Grenzstadt war ziemlich bewegt: Direkt unter ihrem Fenster in einem ziemlich schäbigen Hotel lieferten sich Banditen und Polizei eine Schießerei. In Guayaquil, der zweiten großen Stadt Ecuadors, hat ein Bekannter von Karym einen Vortrag organisiert. Die Fahrt geht ins tropisch heiße Flachland hinunter. Der Bus hält in jedem Dorf und ist ständig überfüllt von Kindern, die Süßigkeiten, Zigaretten, Cola, gebackene Bananen und undefinierbare Speisen verkaufen. Als Pedro bei einer Polizeikontrolle den Polizisten vom Busfenster aus filmt, wird er aus dem Wagen geholt. Erst nach langer Diskussion darf er wieder gehen: Er filmte aus Versehen die Übergabe von Schmiergeld.

In Guayaquil findet abends der Vortrag im vornehmen Yacht-Club statt. Ole gibt anschließend unserem Gastgeber für die Nacht seinen Gau, den Reliquienbehälter mit vielen heiligen Sachen, und dieser hängt ihn übers Bett. Am nächsten Morgen ist er ganz aus dem Häuschen, denn er, der sonst überhaupt nicht träumt, hatte in dieser Nacht ganz intensive Träume von Männern in roten Gewändern und von riesigen Bergen. Offensichtlich hat der Kontakt mit dem Segen Karmapas Erinnerungen an ein früheres Leben in Tibet in ihm hervorgerufen, und er ist tief beeindruckt von seinem Erlebnis.

Durch endlose Bananenplantagen rechts und links führt unsere Fahrt zur peruanischen Grenze. Sie macht um 18 Uhr zu, und da es nach Peru-Zeit schon zwei Stunden später ist als wir dachten, sagt man uns, dass wir heute nicht mehr weiter können. Auf keinen Fall wollen wir in dem wenig anheimelnden Grenzort übernachten, und während wir durch die Stadt Richtung Grenze laufen, klatschen die Leute und rufen etwas. Eduardo übersetzt es uns später: "Lauft Gringos, lauft! Die Grenze ist sowieso zu!" Letztlich lösen wir unser Zeitproblem mit zehn Dollar für den Beamten in Ecuador und nochmal 15 Dollar für den Beamten in Peru. Dort müssen wir allerdings feststellen, dass nachts kein Bus mehr nach Lima fährt und wir den nächsten Bus erst am nächsten Morgen von der Stadt Piura aus nehmen können.

Für die fünfstündige Fahrt durch die große Wüste im Norden Perus chartern wir zwei klapprige Taxis mit Fahrern, die uns ziemlich suspekt sind. In der stockdunklen Wüstennacht fahren sie Slalom um die unzähligen Schlaglöcher auf dem Panamericana Highway. Oft fahren sie lieber neben der Straße. Die Stimmung ist etwas angespannt, da sie ziemlich einsilbig sind und wir ihnen nicht ganz trauen. Irgendwann mitten in der Wüste biegen sie von der Straße ab und fahren in eine Felslandschaft, wo überall Ölbohranlagen arbeiten. Wir sind auf alles gefasst, und Ulla beginnt - um die Stimmung aufzutauen - den Fahrer in ein Gespräch übers Taxifahren zu verwickeln, obwohl sie so gut wie kein Spanisch spricht. Als wir früh morgens die Stadt erreichen, fühlen sich die Fahrer wie wahre Helden und sind sichtlich erleichtert. Es stellt sich heraus, dass sie diese Strecke noch nie nachts gefahren sind, weil sie zu gefährlich ist. Sie haben den Highway verlassen, um den Banditen zu entgehen, die dort Autos stoppen und ausrauben. Am nächsten Morgen lesen wir in der Zeitung, dass in dieser Nacht auf der Strecke eine Touristin, die sich den Räubern zur Wehr setzte, erschossen wurde.

Den schlimmsten Bus Südamerikas erwischen wir dann für die Fahrt nach Lima; auf dem Boden steht das Maschinenöl, und die Sitze sind total kaputt und ebenfalls ölverschmiert. Nach 100 Metern verreckt der Motor und muss eine Stunde repariert werden, nach weiteren 100 Metern ist der Tank leer. Als wir endlich fahren - er startete sowieso erst am späten Nachmittag, lässt der Bus kein Schlagloch aus, was für uns auf der letzten Reihe hinten besonders spürbar ist. Aber zumindest begegnen wir keinen Banditen, die hier - wie wir später erfahren - oft zu 20 Mann mit Maschinenpistolen auftreten, so dass man wirklich keine Chance hat.

In Lima empfängt uns Ricardo, der in Polen studiert hat und dort Buddhist wurde. Er lebt jetzt wieder hier und will ein buddhistisches Zentrum aufbauen. Ole gibt drei Tage Belehrungen, und jeden Abend erscheinen mehr Leute, viele nehmen Zuflucht, und so entsteht eine kleine Dharma-Gruppe. Wir besichtigen die Stadt und versehentlich auch die Slums von ganz nah, als wir einmal zu spät aus dem Bus aussteigen. Aber bestohlen werden wir erst auf einer vornehmen Straße, wo im Gedränge die Reisepässe von Ole und Hannah aus Hannahs Handtasche verschwinden. Viele Leute erzählen hier Geschichten von Überfällen, es ist ziemlich alltäglich. Aber das Hauptthema sind die Guerillas. Eine maoistische Gruppe namens "Leuchtender Pfad" hat mittlerweile große Teile Perus fest in der Hand. Ihrem schönen Namen zum Trotz erinnern ihre Methoden an die Roten Khmer in Kambodscha. Sie haben bereits 18 000 Leute ermordet und erschießen zur Zeit gezielt Touristen, um die peruanische Wirtschaft zu ruinieren und das Land in den Bürgerkrieg zu stürzen. Vor ein paar Wochen zum Beispiel erschossen sie zwei französische Mädchen direkt neben dem Bus, aus dem sie sie herausgeholt hatten.

Genau diese Gegend war es, die Tenga Rinpoche uns zu umgehen empfohlen hatte, und so nehmen wir ein Flugzeug nach Cusco, der Hauptstadt des alten Inka-Reiches. Dort empfängt uns Gerhard, ein Jugendfreund von Kurt aus Schwarzenberg, der hier seit fünf Jahren als Entwicklungshelfer arbeitet und die Gegend in- und auswendig kennt. Er fährt uns zu all den Festungen und Tempeln der Inkas im heiligen Tal auf 4500 Metern Höhe. Auf dem Rückweg probieren wir Erdbeerbier bei den Indios. Eine andere peruanische Spezialität - geröstete Meerschweinchen - lernen wir jedoch nicht kennen. Gerhard ist sehr gastfreundlich. Er lebt mit seiner peruanischen Frau in den Bergen nahe Sacsayhuamán, der berühmten alten Inkafestung. Mit seinen beiden Hengsten machen wir mehrere Ausflüge in die Berge über Cusco, vorbei an kleinen Indio-Höfen, Gebirgsbächen und Wasserfällen. Es fällt einem schwer sich vorzustellen, dass hinter den Bergen Guerilla-Gebiet ist, wie man uns erzählt. Der Ring um Cusco zieht sich immer enger, und der Tourismus hat schon stark abgenommen, was sehr schlimm für die vielen Einheimischen ist, die von Tourismus lebten.

Die Weiterfahrt zum Titicaca-See, durch den die Grenze mit Bolivien verläuft, ist im Bus nicht mehr möglich. Die Leute sagen jedoch, dass in den Zügen Militär mitfährt und dass die Züge bisher noch nie gestoppt wurden. Also nehmen wir den Lokalzug voller Indios und Händler, durchqueren das Andenplateau in 4000 Metern Höhe und genießen den Anblick der weiten Ebenen mit Alpaka- und Llamaherden und Schneebergen am Horizont.

Nachts steht der Zug im Dunkeln auf Rangiergleisen, und Mitreisende warnen uns, dass die Räuber hier besonders dreist seien. Der Zugführer scheint gemeinsame Sache mit ihnen zu machen, denn er lässt die Beleuchtung im Zug aus. Eine Gang von zehn Männern kommt durch die Waggons und guckt sich unverhohlen die Reisenden und das Gepäck an.

Ein paar Minuten später kommen sie einzeln zurück. Sie scheinen jedoch nicht bewaffnet zu sein, und wie sie uns im Gang stehen sehen, spüren sie wohl, dass sie hier den Kürzeren ziehen würden. Der Strahl unserer Taschenlampen im Gesicht und das Messer im Vorbeigehen leicht zwischen ihre Rippen gedrückt verleihen psychologisch genug Nachdruck, so dass sie verschwinden. Hannah und Ulla wollten den Kampf fotografieren, müssen die Blitzlichter jedoch ungenutzt wieder ausstellen. Jetzt erst macht der Zugführer endlich das Licht an.

Am folgenden Tag, nachdem wir die Grenze zu Bolivien überschritten haben, fährt unser Bus stundenlang am Ufer des Titicaca-Sees entlang und durch die angrenzenden Berge. Die Landschaft ist eindrucksvoll und erinnert an manche Gegenden in Tibet. Später wird der Bus an einer Stelle des Sees mit einer kleinen Fähre übergesetzt, während wir in einem schnelleren Motorboot vorausfahren.

Schließlich erreichen wir La Paz, die höchstgelegene Hauptstadt der Welt auf 3800 Metern. Obwohl es in der Stadt von Polizei und Militär wimmelt, ist die Stimmung entspannt, selbst die Polizisten sind gut gelaunt, und wir fühlen uns wohl hier. Es heißt zwar, dass Bolivien das ärmste Land Südamerikas ist, aber seine Hauptstadt La Paz lässt nichts davon spüren. Wir haben zwei ruhige Tage hier, und Ole spricht im Hotelzimmer einen großen Teil der deutschen Übersetzung seines Buches auf Band. Eduardo fliegt nach Bogota zurück, und wir anderen nehmen den Zug nach Argentinien. Der Waggon ist eine echte Überraschung: Er ist hochmodern mit Videoanlage, einem Steward, Heizung, Aircondition und großen, bequemen Sitzen.

Bolivien bemüht sich offensichtlich, den Tourismus zu fördern, und viele Touristen, denen Peru zu gefährlich geworden ist, kommen jetzt auch hierher. Nach der argentinischen Grenze verlassen wir die Berge und fahren durch die heiße Tiefebene Argentiniens nach Cordoba. Dort bauen Ricardo und Martha in ihrem Haus ein kleines Zentrum auf und haben Ole eingeladen. Einige Lamas von verschiedenen Linien waren schon in der Stadt, und es gibt auch Zentren anderer buddhistischer Traditionen. Man merkt an den Fragen der Leute, dass sie durch das Angebot verschiedener Traditionen ein wenig verwirrt sind. Sie sind wirklilch froh, dass ihnen von Ole die grundsätzliche Bedeutung Karmapas als Oberhaupt aller Kagyü-Linien erklärt wird.

Nach zwei Tagen in Cordoba trennen sich unsere Wege: Wir - Ulla und Detlev - reisen über Buenos Aires und New York, wo wir jeweils einen Tag verbringen, zurück nach Deutschland, und die anderen setzen ihre Reise fort nach Santiago de Chile, um im dortigen Zentrum Belehrungen zu geben. Von hier geht es weiter über die Osterinseln, Tahiti, Neuseeland, Australien und Malaysia nach Sikkim. Pedros Videoaufnahmen sollen dann - ähnlich dem Film "Geheime Reise nach Tibet", der anlässlich von Oles erster Tibetreise entstanden ist - zu einem Firm geschnitten, bearbeitet und veröffentlicht werden.


Ulla und Detlev Göbel