Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Die Buddhas zu Gast in Bayern

Von Jürgen Segerer

Bericht über die Statuenausstellung „Raum und Freude - Schätze der Erleuchtung" im Forum am Deutschen Museum in München
Mit über 200 kostbaren tibetischen Statuen und Ritualgegenständen präsentierten wir drei Wochen lang vom 16.12.2004 bis 06.01.2005 die "Schätze der Erleuchtung" und unsere Linie im Forum am Deutschen Museum in München. Durch die Vielfalt der seltenen Exponate sowie ein ausgefeiltes Rahmenprogramm wollten wir ein sehr breites, kulturell interessiertes Publikum ansprechen. Und es wurde ein großartiger Erfolg. Jeder der über 4000 Besucher erlebte diese Schau individuell: als außergewöhnliche Kunst-Ausstellung oder als persönliche kulturelle Erfahrung, je nachdem welche Aktionen des umfangreichen Rahmenprogramms gewählt wurden. Höhepunkte waren die feierliche Eröffnung durch Lama Ole Nydahl und eine Buchzeichnung am Silvester‑Nachmittag.

Diesmal sollte sie größer werden, länger dauern und sich vor allem auch an den interessierten (noch) Nicht‑Buddhisten wenden: Die Statuenausstellung, die schon in Berlin so beeindruckend war, sollte nach München kommen. Erst einmal wurde eine geeignete Räumlichkeit gesucht. Von dem Einsatz vieler Buddhisten in Deutschland und Osteuropa, die ihre großartigen Projekte auf dem Kassel‑Kurs 2003 vorstellten, war ich sehr beeindruckt und motiviert und da wurden meine geschäftlichen Kontakte zum Forum am Deutschen Museum in München plötzlich eine interessante Verbindung.

Apropos Verbindung: Diese nahm jetzt in Form von Tanja Böhnke Gestalt an, die bei der letzten Ausstellung in Berlin schon sehr aktiv Tatkraft spendete. Es galt ja zunächst zu klären, ob die Familie Blomeyer, die im Besitz eines wesentlichen Teils der Statuen ist, überhaupt einverstanden war, ihre Statuen zur Verfügung zu stellen. Die Zustimmung kam prompt und mit Hilfe der umfangreichen Sammlung von Bildern der Statuen und Fotos der Ausstellung konnte ich eine spannende Präsentation zaubern. Mit Hightech und schwebenden Projektionen "bewaffnet", strahlten die Buddhas im Konferenzraum des Forums am Deutschen Museum, ebenso wie die Augen unseres Gegenübers auch und der erste Handschlag war getan: der Ort war gefunden.

Es folgten Meetings um weitere Details abzusprechen und die Erfahrungen aus Berlin weiterzugeben.

Manfred Seegers und Tanja gingen auf Statuenjagd, viele kostbare Schätze gab es auf den Altären unserer Freunde weltweit zu entdecken und zu begutachten. Manfred und Tanja wählten nur das Beste und Edelste für München, was Manfred zu einem neuen Untertitel des alten Ausstellungsnamens "Raum und Freude" für München hinreißen ließ: "kraftvoll und edel".

In München formte sich nun nach und nach ein Team. Wir begannen über die Konzeption der Ausstellung zu sinnieren. Es stand die Frage im Raum, welcher Zugang zum Buddhismus geeigneter sei für neue, interessierte Leute.

Der kulturelle Zugang, zum Beispiel über Statuen, der religiöse Zugang über Meditation oder der wissenschaftliche Zugang über Texte, Filme und Infos über Buddhismus.

Spannenderweise hatte Manfred Seegers diese Frage zuvor an Karmapa gestellt, der ihm deutlich antwortete, dass jeder Zugang gleichwertig sei, und dass zum Beispiel das schiere Betrachten der Statuen schon tiefe Eindrücke im Geist hinterlasse, die zu geeigneter Zeit reifen würden.

Es war während der ganzen Arbeit stets zu spüren, dass die Buddhas nach München wollten. Alles lief extrem geschmeidig und falls sich doch ein Hindernis heranwagte, wurde es sehr schnell und unkompliziert "zufällig" beiseite geräumt oder löste sich "plötzlich" von selbst. So stellte sich bald heraus, dass wir auch einen weiteren Raum als Meditationsraum nutzen könnten. Nun hatten wir drei Räume für die drei oben genannten Zugänge:

Im Vorraum sollte man sich über Buddhismus allgemein und über unsere Linie informieren können. Außerdem sollte hier das Herstellen, Füllen und Bemalen von Statuen gezeigt werden. Ein Shopbereich sollte hier für die Refinanzierung des Projektes sorgen. Der Raum für die Statuen selbst war 200 qm groß und draußen war sogar noch Platz für eine Tsa‑Tsa-Werkstatt.

All die Bereiche des Rahmenprogramms und die vielen wichtigen anderen organisatorischen Aufgaben wie Garderobe, Reinigung, Einlass und Security mussten natürlich für volle drei Wochen jeden Tag bis zu zehn Stunden lang mit motivierten ehrenamtlichen Helfern besetzt werden, ein Personalbedarf von ca. 70‑80 Leuten! Hinzu kamen noch die Experten für die mehrmals am Tag stattfindenden Führungen, Vorträge und Meditationen ‑ und das alles über Weihnachten und auch während des gleichzeitig in München stattfindenden Silvesterkurses mit Lama Ole Nydahl!

Für die Ausstellung, die fast zehnmal so lange und insgesamt mehr als dreimal so groß war wie in Berlin, hatte ich gerade mal zwei Drittel des Berliner Budgets zur Verfügung. Es ging aber, weil wir sehr sparsam mit den Mitteln umgingen, immer nach kostenlosen Alternativen suchten, und weil ich vom Forum die Erlaubnis aushandelte, einen Ausstellungsshop mit integrieren zu dürfen.

Wir wollten uns natürlich der Münchener Öffentlichkeit als "Experten" präsentieren und luden deshalb Manfred Seegers und Tanja Böhnke zu einen Intensivkurs "Buddhistische Symbolik und Ritualgegenstände" nach München ein. Nach diesem Kurs, der in seiner Intensität einer "Neuroinjektion mit einem Nürnberger Trichter" in nichts nachstand (und in Hinblick auf weitere Ausstellungen aufgezeichnet wurde), waren wir nun fit für die Fragen der vielen Besucher.

Da die Ausstellung sich ja gezielt an die Münchener Öffentlichkeit wandte, entwarfen wir einen Marketingplan. Es war schon ein neues Gefühl "unsere Sache" so nach außen zu tragen; bis jetzt lief dies ja immer eher dezent. Hier kam uns natürlich die Kooperation mit einem "kommerziellen" Haus wie dem Forum am Deutschen Museum zu Gute: So strahlte unser Titelmotiv des indischen Verwirklichers Saraha von 35.000 Flyern und 120.000 Magazinen des Forums. Ein 15 qm großes Riesenplakat wurde im Herzen Münchens postiert, täglich von ca. 100.000 Autofahrern und Passanten zu sehen. Anzeigen in Stadtmagazinen und unser Plakat auf 240 Litfass‑Säulen in ganz München halfen unsere Ausstellung bekannt zu machen. Aber auch auf allen elektronischen Kanälen wurde getrommelt: digitale Flyer und Plakate wurden an die Zentren gesendet und eine Web‑Site ‑ www.statuenausstellung.de ‑ programmiert.

Nun wurde es ernst, spürbar packten die Buddhas ihre Koffer: So erhielten wir vom Forum die Bitte, den Eingangsbereich schon ab 1. Dezember mit einem "Preview" der Ausstellung zu schmücken. Kurz darauf standen dort viele wunderschöne Statuen aus der Münchener Sangha, präsentiert in drei großen Vitrinen. Davor standen Fahnen mit riesigen großen goldenen HUNG‑Silben und ein drei Meter hohes Riesenposter des Meisters Saraha.

Eröffnung durch Lama Ole
Endlich war es soweit, die letzten Vorbereitungen für die Eröffnung liefen an. Ordner und Security wurden zugeteilt; letzte technische Details besprochen. Derweil füllten sich im Foyer die Stuhlreihen. Lama Ole Nydahl kam begleitet von einem TV‑Team, das eine 24-Stunden-Reportage über ihn drehte. Vor mehr als 300 gespannten Besuchern hielt er eine Rede, in der er über Bedeutung und Verwendung der gezeigten Statuen referierte. Danach ging es, begleitet von den Kameras und Freunden, zu den Ausstellungsräumen.

Der 150 qm große Vorraum des Buddhapalastes empfing Lama Ole, Hannah, Caty und Tomek in leuchtendem Rot gekleidet. Das Sonnenlicht schien durch die Fenster und hinterleuchtete die purpurrote Stoffverkleidung der Wände. Lama Ole begutachtete die Infotafeln, die im Vorraum über Buddhismus und unsere Linie berichteten, sowie die nachfolgenden Installationen und Vitrinen, die die Herstellung, Befüllung und Bemalung "zum Anfassen" mit vielen Werkzeugen, Fotos und Materialien zeigten. Gleich fiel ihm das schöne große Thangka des Zufluchtsbaumes aus Karma Gön ‑ dem die Grundstruktur des Aufbaus der Ausstellung folgte ‑ ins Auge.

Mit großen Augen und voller Spannung folgten dem Lama nun alle in die "Statuen‑Höhle" ‑ die völlig schwarz ausgekleideten und verdunkelten Raum, in dem nur die goldenen Statuen leuchteten. Die ersten Schritte in die "Höhle" ließen die Gesichter strahlen, man spürte dieses mächtige Kraftfeld. Der Kameramann blickte Lama Ole über die Schulter und übertrug Bilder und Worte per Großbildprojektionen nach draußen in die anderen Räume, so dass alle ganz nah dabei sein konnten. Freudig erzählte Lama Ole zu den verschiedenen Statuen Bedeutung und Anekdoten und nahm sich dabei sehr viel Zeit, den Besuchern diese seltenen Schätze zu erklären. Sein Hinweis, dass die Macher der große Statuen‑Ausstellung in New York, die er kürzlich besucht hatte, hier nach München kommen sollten, um zu sehen, welche außerordentlich kraftvollen, edlen und wertvollen Statuen hier ausgestellt würden, war ein fantastisches Lob und erfreute das ganze Team.

Am Shop vorbei ging es zur Tsa‑Tsa Werkstatt, wo Lama Ole die verschiedenen Tsa‑Tsa Formen und den Herstellungsprozess gezeigt bekam. Der Flur führte weiter zum in sanften gelben Pastelltönen schimmernd ausgekleideten Meditationsraum, in dem verschiedene, sehr wertvolle Thangkas die Wände zierten und Lama Ole sichtlich begeisterten. Nach einem Mittagessen war Zeit für Presse‑ und Interview‑Termine. Neben tv.münchen wartete nun auch RTL auf ein Interview und die Tage darauf berichteten alle großen Zeitungen über das gelungene Event. Lama Oles Besuch endete mit einer gemeinsamen Meditation, nach der er das ehrenamtliche Engagement des insgesamt ca. 120 Mann starken Teams noch einmal hervorhob und sich mit uns auf die folgenden drei Wochen und die Möglichkeiten freute, die die Münchener Besucher nun haben werden: tiefe Eindrücke im eigenen Geist und so durch diese fantastischen Statuen in Verbindung mit Buddhas Lehre zu treten.

Neben vielen Schülern von Lama Ole, die wahrend des Silvesterkurses die Ausstellung besuchten, erreichten wir auch unser Ziel, die "normale" Bevölkerung zu interessieren. So sahen wir ein buntes Münchener Publikum: die typische, schick gekleidete Mittelschicht, gut bürgerlich im besten Sinn, junge Menschen, vormittags eher ältere Herrschaften ‑ insgesamt zählten wir über 4000 Besucher. Etwa die Hälfte davon waren "Nicht-Buddhisten".

Sehr interessiert wurden die Texttafeln über Buddhismus und unsere Linie am Eingang studiert, sehr sorgfältig alle Informationen in aller Ruhe genau gelesen. Eine Multimedia-­Show über den 16. Karmapa ‑ auf einer Rückprojektionsscheibe schwebend im Raum gezeigt ‑ zog die Besucher in ihren Bann.

Vor dem Betreten des Statuenraumes ließen sich viele die Kunst des Statuenherstellens erklären. Die Gussformen und Werkzeuge, sowie insbesondere die vielen "zum Anfassen" aufgestellten Materialen zum Füllen der Statuen waren ein spannender Anblick, der Duft von Blütenblättern und Kräutern erfüllte den Raum.

Die Führungen begannen stets mit der Erklärung des Zufluchtsbaumes im Vorraum, dem die Grundstruktur der Anordnung der Statuen folgte. Das Eintreten in den Ausstellungsraum war wirklich ein Erlebnis. Die goldene Pracht und Fülle in diesem schwarzen, dunklen Raum, die Lama‑Gesänge als leiser Hintergrund. Die Besucher waren wirklich gebannt und beeindruckt. Ein dramatisch beleuchteter, großer Diamantgeist begrüßte die Gäste und der Raum öffnete sich erst vollständig nach der Passage mit den ersten Schützern und zeigte dann seine wahre Pracht mit Blick auf die Lamas, die um eine drei Meter hohe, gelb‑golden schimmernde Lichtsäule ihr Kraftfeld ausbreiteten. Die authentischen Erklärungen dazu stellten sich als extrem wichtig heraus. Viele Besucher hatten Exotisches erwartet und waren sicher überrascht zu hören, dass diese Statuen die Qualitäten ihres eigenen Geistes widerspiegeln. Es war erstaunlich zu sehen, wie sich die Besucher über die Tatsache freuten, dass das "mit ihnen selbst zu tun hat" und viele Gesichter wurden richtig hell und froh. Viele Besucher spürten spontan eine starke Anziehung zu bestimmten Statuen. Nachdem man dann nach ca. einer Stunde wieder den Vorraum betrat, war dies für viele ein Switch-Back to Reality, sie waren sehr berührt.

Von den Eindrücken so erfüllt, wurden Fragen eher nur am Rande oder nach den Führungen gestellt, meist nur zu Details exotischer Attribute. Aus dem geplanten "Stündchen" für den Besuch der Ausstellung wurden häufig bis zu drei Stunden, einige kamen sogar täglich wieder zur Ausstellung!

Ursprünglich war angedacht, für die Besucher die "Meditation auf den goldenen Buddha" zu geben. Doch nach den starken Eindrücken war spürbar, dass die Besucher erst einmal kurz wieder zu sich finden wollten, erfreulicher Weise oft in unserem Shopbereich. Dieser lief glänzend und half uns die Kosten zu decken. Für viele Kinder und Mütter war dagegen die spannende Tsa-Tsa Werkstatt ein richtiger "Hit".

Der Meditationsraum war mit kostbarsten Thangkas geschmückt. Unter anderem ein Kalachakra‑Thangka von Lopön Tsechu Rinpoche, ein Khorlo‑Demchog‑Thangka, das über Jigme Rinpoche nach Europa gekommen und von Künzig Shamar Rinpoche persönlich ausgewählt worden war, sowie auch ein Mahakala‑Thangka das der 6. Ponlop Rinpoche, Bruder des 16. Karmapa, gemalt hatte. Die Meditationen kamen gut an und jeder Besucher erhielt einen von Lama Ole gesegneten Schützerknoten und den Meditationstext.

Am Silvester‑Vormittag besuchte Lama Ole die Ausstellung erneut für eine Buchsignierung. Viele Münchner nutzten die ersten Tage des neuen Jahres zu einem Ausstellungsbesuch. Der letzte Tag sollte noch einmal ein großer Gig werden, fast 500 Besucher kamen allein an diesem Tag und drängten sich zwischen den Vitrinen. Wir schlossen glücklich, aber geschafft um 20 Uhr die Tore unseres Buddhapalastes und meditierten alle gemeinsam noch einmal im Kraftfeld der Statuen. Am selben Abend begann der Abbau und die freudigen Eindrücke dieser unvergesslichen drei Ausstellungswochen, das fröhliche Miteinander und die Freude diese Kostbarkeiten so nahe bei uns zu wissen, ließ während dieser Zeit München noch ein wenig heller leuchten.


Jürgen Segerer
33 Jahre, Zuflucht 2000 bei Karmapa,
Studium der WIrtschaftsinformatik, betreibt eine Agentur für multimediale Rauminstallationen, lebt in München