Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Auf den Spuren der Karmapas

Osttibet-Reise Herbst 2004 / Von Nathalie Matter

Vier Wochen unterwegs in Kham, Tibets wildem Osten - eine Mischung aus Pionier- und Pilgerreise. Ein unvergessliches Erlebnis auf durchschnittlich 3500 Meter Höhe, voller Segen und spannenden Begegnungen. Eine Reise "Back to the roots", zurück zu den Anfängen unserer Linie. Zu den Stellen der Karmapas, wo die Kraft auch heute noch spürbar ist.

Gleich zu Beginn auf dem ersten Pass ist es da: dieses Gefühl von fremd und doch vertraut. Wir stehen auf dem 4300 Meter hohen Gye La inmitten einer nebligen Berglandschaft und atmen zum ersten Mal richtig Höhenluft. Eine Wohltat nach zwei Tagen Jeepfahrt aus dem chinesischen Tiefland. Hier lässt sich endlich die Weite des tibetischen Hochplateaus erahnen. Von der Nähe betrachtet, weckt die Natur heimatliche Gefühle: überall wachsen Edelweiß und Enzian. Wir Alpenländler fühlen uns sogleich zuhause.

Die zwei Tage Fahrt seit dem Start im westchinesischen Chengdu haben wir bestmöglich genutzt. Wir wechseln die fünf Jeeps um uns alle kennen zu lernen, meditieren unterwegs zu Kassetten von Lama Ole im Autoradio oder bei einer Stupa am Straßenrand. Zur Lockerung der Muskeln legen unsere Männer auch mal eine sportliche Wrestling‑Runde mit den tibetischen Fahrern ein. Diese sind jetzt schon begeistert: wir sind eine ganz andere Kundschaft als die chinesischen Touristen, die sich für Ausflüge herumchauffieren lassen. Wir, das sind siebzehn Diamantwegs‑Buddhisten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Polen, die sich seit Monaten auf diese Reise freuen.

Die Straßen sind gut, der Fahrstil flott. Am dritten Tag erreichen wir Kandze im fruchtbaren Yalong‑Tal. Kandze ist überwiegend tibetisch und somit die erste erwähnenswerte Stadt. Das Leben hier präsentiert sich als eine Mischung aus Tradition und Moderne: Khampas in Nomadentracht auf Motorrädern, traditionelle Holzhäuser mit Satellitenschüsseln auf den Dächern. Kandze ist auch unser Treffpunkt mit Khenpo Ngedön, den die meisten von den Studienkursen im spanischen Karma Gön kennen. Er verstärkt die Reiseleitung von Hans und Nicola vom Schwarzenberg und unserem tibetischen Führer Dawa. Zusammen besuchen wir Kandze Gompa (17. Jahrhundert), das Gelug‑Kloster von Lamdark Rinpoche. Der Rinpoche ist zwar nicht anwesend, aber die Mönche heißen uns herzlich willkommen und führen uns überall herum. Wir sehen einen Raum mit ausdrucksvollen Tänzermasken, umrunden ein drei Meter hohes, kostbar geschmücktes Kalachakra‑Mandala und erhalten von einem alten Lama einen Langlebens‑Segen. Mit den Mönchen klettern wir am Schluss auf das Dach des Klosters. Es herrscht Abendstimmung. Die Stadt liegt in Licht gebadet zu unseren Füßen, in der Ferne leuchten schneebedeckte Fünftausender. Die klare Luft lässt die Farben strahlen. Es ist eine unwirkliche Szenerie ‑ ein Anblick zum Malen. Allmählich glauben wir zu verstehen, warum die tibetischen Thankas so leuchtend bunt sind.

Wir verlassen Kandze am nächsten Tag und reisen weiter, den Yalong‑Fluss entlang. Wir befinden uns in der Gegend, in der Düsum Khyenpa, der 1. Karmapa (1110 ‑ 1193), geboren und aufgewachsen ist. Es ist eine schöne Landschaft. Der Fluss ist gesäumt von Reis‑ und Getreidefeldern, in die sich ein paar flache Häuser ducken. Dahinter erheben sich Gras bewachsene steile Hügel. Auf einem dieser Hügel besuchen wir ein 700 Jahre altes Sakya­-Kloster, dessen Name tönt wie "Natshak Gompa" ‑ selten sind die Tibeter eindeutig in ihren Angaben. In der nächsten Umgebung befinden sich Spuren, die Düsum Khyenpa in seiner Kindheit hinterlassen hat. Die Mönche führen uns hin und erzählen aus dem Leben des 1. Karmapa. Geboren wurde Düsum Khyenpa in einer namenlosen Ansammlung von Häusern unweit des Klosters. Mit seiner Familie wohnte er dem Kloster gegenüber am anderen Flussufer. Die Eltern waren arm und als Kind hütete Düsum Khyenpa Ziegen. Von seinem Vater, einem Yogi, lernte er eine Meditationspraxis, dank derer er fähig war, Spuren im Fels zu hinterlassen.

So zeigt man uns einen Abdruck seiner Steinschleuder, mit der er die Ziegen zusammen trieb. Die Geschichte eines anderen Abdrucks ist diese: Eines Tages geriet Düsum Khyenpa in Streit mit einem Kind aus reicher Familie. Die Mitglieder dieser Familie erfuhren vom Streit und bewarfen ihn wütend mit Steinen. Als er vor ihnen flüchtete, stolperte er und fiel hin. Auf einem flachen Fels in einer Wiese zeichnen sich noch heute deutlich die Abdrücke seiner Knie und einer Hüfte ah. In der Nähe dieser beiden Stellen ließ Düsum Khyenpa außerdem eine Quelle entspringen, um seine Tiere zu tränken. Sie wurde allerdings durch den Straßenbau der Chinesen verschüttet. Die Quelle bahnte sieh jedoch weiter unten einen Weg und trat nahe am Flussufer spontan wieder zutage. Dort fließt ihr Wasser noch heute in den Yalong, umgehen von Sträuchern, deren Äste mit Kataks geschmückt sind. Es scheint, als würde Düsum Khyenpa seine Stellen bis heute schützen. Dies spüren wir vor allem an einer weiteren Station seines Lebens, etwas weiter den Fluss entlang. Im Alter von 16 Jahren legte Düsum Khyenpa auf einem benachbarten Hügel seine Laienkleidung ab, um sich als Novize nur noch dem Dharma zu widmen. An dieser Stelle wurde in einem kleinen, höhlenartigen Lehmbau eine Stupa errichtet. Sie ist mit Kataks behangen und mit einem Bild des 16. Karmapa versehen. Als wir dort eintreffen, lagert gerade eine Pilgerfamilie am Eingang und verbrennt Räucherwerk. Wie überall werden wir auch hier freudig begrüßt und neugierig beäugt, vor allem als wir uns so gut wie möglich hinsetzen und mit einer Karmapa­-Meditation beginnen. Im rauchigen, halbdunklen Raum ist der Segen sofort spürbar. Er ist wie eine Initialzündung. Von nun an gewinnen unsere gemeinsamen Meditationen immer mehr an Kraft. Diese Kraft hat uns seither nicht mehr verlassen, selbst zuhause nicht, als wir uns noch einmal treffen und zusammen meditieren. Wahrscheinlich knüpfen wir an frühere gemeinsame Meditationserlebnisse an. Da für viele von der Gruppe die Teilnahme an dieser Reise nur wie durch ein Wunder zustande kam, vermuten wir, dass wir nicht zum ersten Mal gemeinsam unterwegs sind in Kham ...

Es ist der 4. Tag unserer Reise. Unser nächster Halt ist die "Wildwest"‑Stadt Manigangu auf 4000 Metern Höhe, wo gerade ein mehrtägiges Reiter‑ und Kulturfestival stattfindet. Ein großes Treffen der Nomadenfamilien, das wir uns nicht entgehen lassen wollen. Manigangu ist eine staubige Ansammlung von Holz- und Steinbaracken am Rand einer Gras bewachsenen, kargen Hochebene. Für ein paar Tage verwandelt es sich in ein Festgelände voller Zelte, Pferde und Motorräder. Auf den Straßen spielen Khampas mit Cowboyhüten unter freiem Himmel Billard, schöne Mädchen flanieren in ihrer prächtigen Tracht und mit Schmuck behangenen Zöpfen, Familien erledigen ihre Einkäufe hoch zu Ross und Rot gekleidete Mönche bahnen sich auf Motorrädern einen Weg durch die Menge. Zu kaufen gibt es vieles: ein Verkaufsstand bietet am Morgen Rinderhälften an, am Nachmittag ein Sortiment von Thankas. Draußen auf der Ebene finden Pferderennen statt und auf einer großen Bühne werden Tanz-­ und Gesangsdarbietungen gezeigt. Am spannendsten aber ist das Publikum selber. Es ist klar: das Festival ist auch Kontaktbörse und Hochzeitsmarkt. Sogar wir werden davon nicht verschont. Als Frau reicht es etwa, aus dem Fenster des Guesthouse arglos einem stolzen Khampa auf der Straße zuzuwinken und schon steht er zwei Minuten später lachend im Zimmer! Jedenfalls ist die direkte und fröhliche Art der Leute sehr erfrischend. Des Abends landet ein Teil unserer Gruppe im Zelt eines Verwandten von Dawa, unserem tibetischen Reiseleiter. Wir werden festlich bewirtet mit Früchten, Trockenfleisch, körnigem Yak‑Käse und Süßigkeiten. Dazu gibt es Buttertee und Bier. Bald entdecken wir die Leidenschaft der Khampas: das Singen. Männer und Frauen stimmen für uns ihre schönen, gefühlvollen Nomadenlieder an. Dann sind wir an der Reihe. Kneifen gilt nicht ‑ alle stehen einzeln auf und singen etwas vor. Unser Repertoire ist eher dürftig. Es besteht aus falsch, aber tapfer gesungenen Pfadfinder-Liedern und Evergreens. Zum Glück haben wir ein dankbares Publikum. Die Sprachbarriere wird durch gegenseitiges Besingen und Anfeuern problemlos überwunden. Am Ende wird uns von unseren neuen Freunden "echte Khampa‑Art" beschieden, und dass wir sicher schon in früheren Leben hier gewesen seien. Welch ein Kompliment ‑ wir singen wir auf dem ganzen Weg zurück ins Guesthouse.

Am 7. Tag unserer Reise werden wir im Nyingma‑Kloster des 3. Mipham Rinpoche erwartet, Junyung Gompa (17. Jahrhundert). Auf dem Weg dorthin wird die Straße immer schlechter und wir sehen kaum noch Dörfer. Nur weites Grasland, das sich zwischen Flüssen und Bergen erstreckt, mit vereinzelten Yak‑Herden und Nomadenzelten. In dieser abgeschiedenen Gegend lebte der 3. Mipham Rinpoche, der Vater des 17. Karmapa Thaye Dorje mit seiner Familie in einem Haus, nahe dem Kloster Junyung. 1994 musste die Familie ihren Wohnsitz heimlich verlassen um den jungen Karmapa vor dem Zugriff der chinesischen Kommunisten in Sicherheit zu bringen. Seit der Flucht ins indische Exil vor zehn Jahren steht das Haus leer. Es wird von einem alternden Ngagpa‑Paar (Laien‑Yogis) im Auftrag Mipham Rinpoches gehütet. Der Familienwohnsitz ist ein traditioneller, von Mauern eingefriedeter zweistöckiger Lehm‑ und Holzbau mit zwei Höfen. Zu unserer großen Freude dürfen wir im äußeren Hof campieren. Der kleinere Innenhof beherbergt die steinerne Ruine eines Throns, auf dem einst der 10. Panchen Lama und Dilgo Khyentse unter freiem Himmel Einweihungen gaben (der "Throngarten", wie ihn der 17. Karmapa in seinem Buch nennt*).

Die Mönche von Junyung Gompa begrüßen uns wie Familienangehörige. Das gesamte Kloster wurde während der Kulturrevolution zerstört und ist bis zum heutigen Tag nicht vollständig wieder aufgebaut. Es fehlt an Geld, so dass die Mönche oft bei ihren Familien leben müssen und nur unregelmäßig ihre Praxis im Kloster vorantreiben können. Zudem macht sich die Abwesenheit ihres Rinpoche schmerzlich bemerkbar. Gerhard, unser Verbindungsmann zu Mipham Rinpoche, soll alle Mönche fotografieren, damit Rinpoche sie wieder einmal sieht. Zu den schwierigen Lebensumständen gehört auch der Umgang mit den Behörden. Dies zeigt sich, als die chinesische Polizei auftaucht, um wichtigtuerisch unsere Pässe zu kontrollieren. Selbst in dieser dünn besiedelten Gegend lässt sich unser Besuch nicht verbergen. Die Mönche lassen sich dadurch nicht beeindrucken. Kaum ist die Polizei verschwunden, beginnen sie mit einer Reinigungs‑Puja rund um die Gompa. Danach herrscht Ruhe. Man zeigt uns einen besonderen Kraftort des Klosters: die Meditationshöhle des 1. Mipham Rinpoche (1846 ‑ 1912), auch Manjushri‑Höhle genannt. Der 3. Mipham Rinpoche verbrachte darin ein dreizehnjähriges Retreat. Durch Gerhard lässt er uns ausrichten, wir möchten auch in dieser Hohle meditieren und darin Wünsche machen ‑ aber mit Vorsicht: hier gingen sie auch in Erfüllung! Und so meditieren wir abwechselnd in der Höhle, während Khenpo Ngedön eine Manjushri-Puja durchführt. Der Segen an dieser Stelle ist so stark, dass der Puls in die Höhe schnellt. Manche können nicht genug kriegen: Nicola verbringt die ganze Nacht meditierend in der Höhle. Frisch wie eine Blüte taucht sie am anderen Morgen wieder im Zeltlager auf ‑ unsere Reiseleitung kann jetzt nichts mehr umhauen.

In einem Tal hinter dem Kloster führt man uns zu einer weiteren besonderen Stelle. Hier wohnt der Khenpo des Klosters. Er bewahrt Reliquien vom Lehrer des jetzigen Mipham Rinpoche auf. Als der Lehrer nach seinem Tod verbrannt wurde, verschmolzen der Hüftknochen und Rückenwirbel zu einer deutlich erkennbaren, 30 cm hohen Form von Diamanthalter. Andere Knochen formten einen Diamantdolch.

Es gibt hier so viel zu sehen und zu erzählen ‑ viel zu schnell sind die drei Tage in Junyung vorbei. Der Abschied fällt beiden Seiten schwer. Wir werden überhäuft mit Kataks und erhalten einen dicken Segen von kostbaren Gegenständen aus dem Besitz des 1. Mipham Rinpoche. Dann brechen wir die Zelte ab und erhalten die Erlaubnis, kurz das Haus zu besuchen, in dem die Familie des 17. Karmapa wohnte. Wir steigen durch die Küche hoch ins Obergeschoss. Durch die mit Tüchern verhängten Fenster dringt ein warmes Dämmerlicht in die Wohn‑ und Schlafräume. Türen, Wände undHolzpfeiler sind mit farbenfrohen und kunstvollen Malereien verziert. In der Stube steht ein Altar, der eine ganze Wand bedeckt. Er ist in eine dünne durchsichtige Plastikplane gehüllt. Vor ein paar Bildern und Statuen brennen Butterlampen. An die Stube grenzen ein Eltern‑ und ein Kinderschlafzimmer. Zutiefst berührt treten wir an Karmapas Kinderbett. Im Regal stehen noch Kinder‑ und Schulbücher, an einem Haken hängen Taschen und Strohhüte, die Karmapa und seinen Bruder beim Spielen draußen vor der Sonne schützten. Alles wurde in dem Zustand belassen, in dem die Familie es hinterließ. Das Haus scheint noch immer von einer friedlichen, liebevollen Präsenz erfüllt zu sein. Der 17. Karmapa war im Jahr 1994 elf Jahre alt, als er das Haus und Kham verlassen musste. In seinem Buch "Das buddhistische Buch von Mitgefühl und Weisheit" beschreibt er, wie er von der umliegenden Natur Abschied nahm ‑ und zugleich von seiner Kindheit.

Es ist der 9. Tag, und wir haben eine lange Fahrt vor uns. Unser Ziel ist Denkhok am Ufer des Yangtse, wo 1924 der 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje geboren wurde. Denkhok ist auch der Geburtsort seiner beiden Neffen Shamar Rinpoche und Jigme Rinpoche. Die Familie des 16. Karmapa wohnte in einem großen Haus oberhalb des heutigen Dorfkerns. Denkhok wird vom Yangtse, der auch die Grenze zwischen der heutigen chinesischen Provinz Sechuan und der "Autonomieregion Tibet" bildet, in zwei Hälften unterteilt. Der Wohnsitz der Familie des 16. Karmapa liegt heute im chinesischen Teil. Wir besichtigen das halbverfallene Haus, das von Mitgliedern der Familie Shamar und Jigme Rinpoches so gut wie möglich instand gehalten wird. Der 16. Karmapa wohnte als Kind während kurzer Zeit in einem kleineren Haus, das heute nicht mehr existiert. An seiner Stelle wurde der heutige Familienwohnsitz erbaut. Er muss einst ein richtiger Dorfpalast gewesen sein, zweistöckig um einen viereckigen Innenhof herum gebaut, zu dem sich alle Räume hin öffnen ‑ unten die Lagerräume und Küche, oben die Wohn‑ und Schlafzimmer mit umlaufender Galerie. Eigentlich ein ideales Haus für eines unserer Kagyü‑Zentren, finden wir, nur etwas baufällig. Auf dem oberen Geschoss steigen wir über halbmorsche Dielen und herabgestürzte Teile der Decke hinweg. Tauben nisten im Gebälk. Das Haus besaß einst zwei Mahakala-­Räume, in denen abwechselnd Pujas durchgeführt wurden, vierundzwanzig Stunden am Tag. Verblichene Wand‑ und Deckenmalereien zeugen von der vergangenen Schönheit der Räume. Man berichtet uns, dass die Dorfbewohner heute noch die Kora, eine Umrundung um das Haus machen und als Glücksbringer für den Bau ihrer Häuser jeweils ein Stück Gemäuer stibitzen. Kein Wunder, dass es mit dem Erhalt der Bausubstanz nicht zum Besten steht...

Der eigentliche Geburtsort des 16. Karmapa liegt jedoch außerhalb des Dorfes. Seine Mutter erfuhr in Träumen, dass sie ihr Kind nicht im Haus, sondern unter freiem Himmel zur Welt bringen würde, auf dem Berghang hinter dem Dorf. So wurde der 16. Karmapa am Hang des Lotusbergs geboren. Es heißt, er sei einer der heiligen Berge der 16 Arhats, den befreiten Gelehrten und Schülern Buddhas. Die Stelle ist durch ein Mandala aus Pfosten und Gebetsfahnen markiert. Der Boden ist mit zahlreichen bunten Windpferden bedeckt, jenen Papieren mit aufgedruckten Gebeten, die Segen überallhin tragen sollen. Wir setzen uns zwischen die Fahnen um zu meditieren. Kaum haben wir die Meditation beendet, als die Papiere jäh von einem Windstoß ergriffen und in die Luft gewirbelt werden. Sie fliegen höher und höher, unzählige Farbtupfer im blauen Himmel, bis sie den Blicken entschwinden ... Karmapa lässt grüßen!

Anschließend führt uns ein Mönch und Bekannter von Khenpo Ngedön höher den Lotusberg hinauf zu Meditationshöhlen von Guru Rinpoche. Noch heute ziehen sich Meditierende hierhin zurück. Es ist ein magischer Ort, der eine unvergleichliche Aussicht über das Flusstal und die Berge bietet. Weit weg gleißt der Yantgse in der Mittagssonne. Die Stille wird nur unterbrochen von den Rufen der Adler, die unter uns im Tal ihre Kreise ziehen. Wir verteilen uns im Gelände um weitere Höhlen zu erkunden oder um zu meditieren. Auf dem Rückweg besuchen wir eine Stelle von Yeshe Tsogyal, an der sie mit Guru Rinpoche Vereinigungsmeditation praktizierte. In einem großen Felsblock zeichnet sich noch heute der Körperumriss Yeshe Tsogyals ab. Nach all diesen eindrücklichen Orten der Ruhe und der Kraft kostet es uns einige Überwindung, wieder in das staubig‑hässliche und chinesisch dominierte Denkhok hinabzusteigen. Khenpo Ngedön erwähnt, dass im modernen Teil des Dorfes nur noch dreistöckige Gebäude gebaut werden dürfen. Die Tibeter, die sich das nicht leisten können, werden somit aus dem Zentrum und dem Ortsbild verdrängt. Schon bei unserer Ankunft wurden wir von einem kleinen Jungen fröhlich mit "Welcome to China!" begrüßt.

Wir überqueren den Yangtse und setzen unsere Reise in der "Autonomieregion Tibet" fort. Den Menschen geht es hier spürbar schlechter als in den chinesischen Siedlungen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Behörden die tibetische Bevölkerung absichtlich darben lassen, um den Gegensatz zwischen "Moderne" und "Rückstand" so deutlich wie möglich hervorzuheben. Bei unseren kurzen Stopps versuchen wir zu helfen: unsere Ärztin Heike behandelt Leute, die häufig an Augenentzündungen leiden. Wir anderen verteilen Schützerknoten, die vom 17. Karmapa, Künzig Shamarpa und Lama Ole gesegnet wurden. Schließlich treffen wir im ersten Kagyü‑Kloster unserer Reise ein: Shangu Gompa, das Kloster von Khenpo Ngedön.

Gegründet wurde es ursprünglich vom 3. Karmapa Rangjung Dorje (1248‑1339). Seine späteren Inkarnatio­nen kamen auf der Durchreise nach Lhasa hier vorbei: so stattete es der 5. Karmapa Deshin Shegpa (1384‑1415) mit wertvollen Statuen aus, und sowohl der 13. Karmapa Düdül Dorje (1733‑1797) als auch der 15. Karmapa Khakyab Dorje (1871‑1922) gaben hier Belehrungen. Ein Kloster also direkt am "Karmapa Highway", wie Dawa treffend bemerkt. Wir werden fürstlich empfangen und von den Mönchen hervorragend bekocht. Danach werden wir überall herumgeführt. Ein besonderes Erlebnis: Wir sind die ersten Westler, die Shangu Gompa besu­chen. Ein echtes Juwel ist der schöne, kleine, mit blauweißen Kacheln geschmückte Wintergarten des Klosters, in dem sogar Rosen wachsen! Wie in Mipham Rinpoches Kloster wird hier alles nach der Zerstörung wiederaufgebaut. In der schönen, hellen Gompa, die ganz aus Holz besteht, wird gerade eine Mahakala‑Puja durchgeführt. Von einer Empore unterhalb der Decke blicken lebensgroße Holzstatuen der Linienhalter auf uns herab. Die Gompa befindet sich noch im Rohzustand, das heißt, das Holz ist noch nicht bemalt und vergoldet. Ein ungeschmückter Raum aus hellem Holz: was uns Westler schlicht und freundlich, ja "nordisch" anmutet, ist für die Tibeter ein unhaltbarer Zustand, den es schnellstmöglich zu beseitigen gilt. Wand­ und Deckenmalereien, kostbares Material, farbenfrohe Thankas und Statuen gehören einfach dazu. Bald müssen wir wieder Abschied nehmen ‑ unsere herzlichen Gastgeber lassen uns erst gehen, nachdem wir uns alle auf einem Gruppenfoto verewigt haben. Wir sind sehr dankbar für diese Begegnung. Hier entstand eine Verbindung, die hoffentlich in Zukunft vertieft werden wird.

Weitere spannende Begegnungen erwarten uns in Jyekundo, der Heimatstadt von Khenpo Ngedön. Erneut ist es ein typisch chinesischer Ort: uniform, lärmig, staubig. Am nächsten Tag sind wir bei Ngedöns Familie zum Essen eingeladen, die unseren Besuch seit Tagen vorbereitet. In echt tibetischer Gastfreundschaft gibt es ein Festmahl und Ngedöns Eltern bestehen darauf, dass wir auch abends bei ihnen essen. Dann nimmt der Khenpo ein paar von uns mit zu einem tibetischen Doktor, um uns mit der traditionellen tibetischen Medizin vertraut zu machen. Der tibetische Arzt gleicht einem Jazztrompeter mit seinem quer gestreiften Pullover und dem braunen Filzhut, strahlt aber eine ganz besondere Mischung von Kraft und Sanftheit aus. Während er uns der Reihe nach den Puls fühlt und diagnostiziert, erweist er sich nebenbei als großer Praktizierender. Mit ruhiger Stimme und klarem Blick gibt er uns Dharma‑Belehrungen. Er freue sich, übersetzt Khenpo Ngedön, dass wir von so weit hierher kämen und er sähe, dass wir ein aufrichtiges Interesse am Dharma hätten. Für seine Behandlungen verlangt er nichts. "Ein echter Bodhisattva", sagt Khenpo Ngedön respektvoll. Das Geld, das wir dem Arzt als Spende in einem Katak überreichen, weist er höflich zurück. Den Katak hingegen nimmt er als Glück verheißendes Zeichen an. Er ist es auch, der im Gegensatz zum hiesigen chinesischen Spital, einen Knochenbruch schienen kann: schon seit vier Tagen lief unser zweiter Gerhard nach einer verunglückten Kletterpartie mit einem gebrochenen Ellbogen herum. Mit einem Gips lässt sieh wenigstens das Gerüttel während der Fahrt besser ertragen. Aber auch sonst hätte sich Gerhard die Weiterreise kaum nehmen lassen! Unerwartet endet die Reise hingegen für Khenpo Ngedön: für die Weiterfahrt benötigt er eine Visumsverlängerung, die ihm aber nicht gewährt wird. Fassungslos müssen wir uns am nächsten Tag von ihm verabschieden. Er, der Tibeter, kann sich in seinem eigenen Land nicht frei bewegen. Der Abschiedsschmerz wird nur wenig gemildert durch die Tatsache, dass er jetzt mehr Zeit mit seiner Familie zur Verfügung hat, bevor er nach Delhi weiterreisen wird.

Ein paar Tage später erreichen wir das Kagyü‑Kloster Karma Gön. Im Jahr 1150 vom 1. Karmapa Düsum Khyenpa gegründet, war Karma Gön die zweitwichtigste Meditationsstelle unserer Linie nach Tsurphu. Der Weg hoch zum Kloster ist eine Schotterpiste, die sich am Abgrund einer spektakulären Schlucht entlang windet. Karma Gön liegt auf 4000 Meter Höhe in einem idyllischen Talkessel. Auf den Berghängen ringsherum wachsen lockere Tannenwälder. Die Freude an der schönen Landschaft wird uns aber bei der Ankunft verdorben: wie aus dem Nichts erscheint ein behördlicher "Aufpasser", der von nun an jede unserer Bewegungen kontrolliert. Entsprechend verhalten ist denn auch der Empfang durch die Mönche. Es sind nur wenige hier; die meisten sind zu Besuch bei ihren Familien. Wir erhalten die Erlaubnis, auf einer Wiese neben dem Hauptgebäude zu zelten. Es ist kalt hier oben, und Regen setzt ein. Immerhin haben wir einen exquisiten Schlafplatz: am oberen Ende unserer Camping‑Wiese befindet sieh eine Reliquienstupa von Karma Pakshi, dem 2. Karmapa. Am unteren Ende stehen die Reliquienstupas des 1. Karmapa Düsum Khyenpa, sowie von seinem Hauptschüler Drogön Rechen und einem weiteren Schüler. Wir schlafen diese Nacht also zwischen dem 1. und dem 2. Karmapa!

Bei einer Führung durchs Kloster sehen wir die große Meditationshalle, die innerhalb kurzer Zeit zweimal Opfer von Großbränden wurde: einmal 1987, kurz nach dem Besuch von Lama Ole und Hannah, und noch einmal vor sieben Jahren. Die Arbeiten zum Wiederaufbau sind noch immer in Gang. Von der alten Pracht ist kaum etwas übrig. Die Halle ist dunkel und leer bis auf Bauschutt. An der Stirnwand befinden sich drei große Nischen. In der linken Lind mittleren Nische erheben sich zwei 27 Meter hohe tönerne Statuen eines Buddha Shakyamuni und eines Jowo‑Buddha. Beide sind von Baugerüsten umgeben. Von den Bränden verschont blieben hingegen eindrückliche Wandmalereien in der dritten Nische. Wir erkennen zwölf lebensgroße Karmapas, einen Sange Nyenpa und einen Shamarpa. Anschließend steigen wir auf das Dach, wo die Männer den Mahakala‑Raum besichtigen. Die Frauen müssen draußen bleiben und genießen dafür die Aussicht auf Berge, Stupas und Meditationsstellen. In der näheren Umgebung finden sich kraftvolle Orte wie eine Höhle von Düsum Khyenpa hoch über dem Dorf. Der Weg dorthin ist eine beschwerliche Kletterpartie. Der Eingang zur Höhle ist von dichten Brennesselbüschen umgehen. Wir müssen sogleich an Milarepa denken. Die enge, nur schwer zugängliche Höhle lässt nur wenig Licht herein, ist aber sehr inspirierend. Die Aussicht ist so schön, dass beim Abstieg gejuchzt und gejodelt wird. Die meisten von uns verspüren in der Umgebung des Klosters mehr Segen als in den Gebäuden selbst. Dies gilt auch für die sehr kraftvolle Reliquienstupa von Karma Pakshi nahe unseren Zelten. Schon Lama Ole sagte bei seinem damaligen Besuch, sie fühle sich "fast lebendig" an. Wir belassen es der etwas widrigen Umstände wegen bei einem kurzen, aber intensiven Besuch von Karma Gön und reisen am nächsten Tag weiter.

Auf dem Weg nach Derge, der Provinzhauptstadt, machen wir Halt im Sakya-Kloster Wara Gompa (11. Jahrhundert). In der Shedra, dem Studienzentrum, sind Mönche eifrig am Debattieren. Wie wir erfahren, handelt es sich hierbei nur um die "zweite Garnitur" die besten Schüler sind nach Derge zu einem Debattierwettbewerb gefahren. Die sehr schöne und einladende Meditationshalle des Klosters beherbergt eine über 1000jährige Wunsch erfüllende Buddhastatue. Während der Kulturrevolution stürzten die Chinesen sie von einem Felsen, wobei ihr Gesicht zerschmettert wurde. Die Statue reparierte sich darauf spontan von selbst. Sie besitzt auch die wundersame Eigenschaft, Butter auf Herzenshöhe schmelzen zu lassen. Ebenso, erzählen die Mönche, gefriert im Winter das Wasser in den Opferschalen vor ihr nicht. Die Statue trägt deshalb den Namen "Wärme im Herzen wie ein Vogelherz".

Einen Tag später besichtigen wir Derge. Einst Hauptort eines unabhängigen Königreichs, gilt die Stadt noch heute als das kulturelle Zentrum Khams. Hier steht das berühmte Derge Parkhang Printing House. 1729 erbaut, ist es erst seit wenigen Jahren der Öffentlichkeit zugäng­lich und soll zum UNESCO‑
Weltkulturerbe ernannt werden. Das Printing House in Derge war die wichtigste Druckerei Tibets, die nicht nur Holzblockdrucke selber herstellte, sondern auch alte Druckstöcke sammelte und bewahrte. So nennt das Haus über 30.000 Druckstöcke sein eigen, die bis zu 800 Jahre alt sind. Noch heute ist es ein wichtiges Druckzentrum: Lamas bestellen hier Bilder für Einweihungen und Mantra‑Rollen für das Füllen von Statuen, Mönche beziehen ihre Rezitationstexte, private Praktizierende und Zentren kaufen ihrerseits Mandalas und Texte. Das manuelle Druckverfahren hat sich seit den Anfängen des Holzdrucks in Tibet im 11. Jahrhundert kaum verändert: der von Hand geschnitzte Druckstock wird mit Tinte befeuchtet, das lose Blatt draufgelegt und angedrückt, dann wird es zum Trocknen aufgestellt und später auch auf der Rückseite bedruckt. Drei Personen braucht es für den Druck und ihre Bewegungen sind so schnell und aufeinander eingespielt, dass einem vom Zuschauen schwindlig wird. Es ist ein Tag des Handwerks: auch wir waren am frühen Morgen bereits aktiv. Wir belegten unsere Hotelküche mit Beschlag um selber Pfannkuchen herzustellen ‑ eine tolle Abwechslung zur allmorgendlichen Reisschleimsuppe.

Am 20. Tag, nach Derge, müssen wir schon wieder den Rückweg antreten. Über den höchsten Pass der Reise, den Tro La (4900 Meter), gelangen wir zum heiligen See Yilhun Lhatso. Von ihm wird erzählt, dass die umliegenden Bergzacken ein Mandala von Buddha "Höchste Freude" darstellen ‑ für diejenigen, die über die reine Sicht verfügen, wir genießen einfach die herrliche Landschaft, einige von uns sogar vom Pferderücken aus. Khampa‑Feeling herrscht!

Kurz darauf kommen wir wieder bei Manigangu vorbei und machen einen Abstecher zu Kalu Rinpoches Kloster Bongen Gompa der Karma‑ und Shangpa‑Kagyü Schule. Es besitzt sehr schöne und detailreiche Wandmalereien, die ziemlich neu sind: auch dieses Kloster, das ursprünglich von Düsum Khyenpa gegründet wurde, fiel der chinesischen Invasion zum Opfer. Wir fahren weiter auf unserem Rückweg nach Kandze und besuchen eine wichtige Stelle, die wir zuvor ausgelassen hatten: die kleine namenlose Ansammlung von Häusern, wo Düsum Khyenpa geboren wurde. Wir fragen uns durch bis zu einem Gebäude mit einem unscheinbaren Stall, in dem Thankas an der Wand hängen. Darunter steht ein kleiner Altar mit einem Bild des 16. Karmapa. In diesem Stall wurde Düsum Khyenpa geboren. Gewisse Vergleiche zu Bethle­hem drängen sich auf. Mit dem Unterschied, dass es sich hier um eine friedliche und sehr kraftvolle Stelle handelt. Wir nehmen einen Segen und verteilen den Anwohnern Schützerknoten.

Die letzten Tage unserer Reise verbringen wir vornehmlich damit, uns allmählich von unseren Fahrern zu verabschieden. Geschlafen wird jetzt kaum mehr, dafür umso mehr gefeiert und gesungen. Auch für sie ist es eine unvergessliche Reise, die sie auch wieder näher zum Dharma gebracht hat. Blieben Atum, Tsewang, Nyenda, Sangye und Lobsang anfänglich rauchend bei ihren Jeeps, als wir zu den Stupas oder Klöstern hochstiegen, kamen sie bald überallhin mit und holten sich mit uns zusammen Segen. Das von uns oft verspürte Gefühl, etwas Fremdes und doch Vertrautes zu erleben, galt wohl auch für sie ‑ wenn auch in einem anderen Sinn.

Zurück in Chengdu reisen einige von uns noch weiter, andere kehren zurück nach Hause. Das Mandala löst sich auf. Es ist aber klar: wir werden uns bald wieder treffen. Von unserer Reise nehmen wir tiefe Eindrücke mit von der Weite dieses Landes, der Herzlichkeit seiner Bewohner und der Verbundenheit, die wir hier mit besonderen Stellen spürten. Wir nehmen Kham, die Kraft und den Segen der Karmapas mit nach Hause.

Diese Reise werde organisiert von High‑Light‑Travel. Infos über zukünftige Pilgerrei­sen unter: www high‑light‑travel.de, E‑Mail: info@high‑light‑travel.de

* Karmapa Thaye Dorje: Das buddhistische Buch von Weisheit und Liebe. Amsterdam, Edition Milarepa, 2004, S. 39


Nathalie Matter, 30
Medien- und PR-Beauftragte, seit 2000 Schülerin von Lama Ole. Lebt in Bern und spart schon für die nächste Tibet-Reise.