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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Buddhismus und Wissenschaft

Interview mit Lama Ole Nydahl

Für ein Buch über „Buddhismus und Wissenschaft“

Vilnius/Litauen, September 2004, Interviewer: Artur Przybyslawaski


In Kopenhagen, deiner Geburtsstadt wurde die berühmte „Kopenhagener Interpretation“ der Quantenphysik formuliert.Von hier aus begann auch der Diamantweg-Buddhismus sich über den ganzen Westen zu verbreiten. Ein netter Zufall, nicht wahr?

Ja ... wir starteten unsere erste Meditationsgruppe in der Stadt, in der Niels Bohr zusammen mit Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger und anderen Wissenschaftlern ihre erstaunliche Arbeit leisteten. Jetzt haben wir rund um die Welt über 450 Diamantwegsgruppen und Zentren der Karma‑Kagyü‑Schule unter der Schirmherrschaft des 17. Karmapa Thaye Dorje. In jeder größeren Stadt in den gemäßigten Klimazonen der Welt kann man heute an der örtlichen Universität Vorlesungen über Quanten‑Physik hören und zugleich in unseren Diamantwegszentren meditieren lernen. Jeder hat heute die Gelegenheit, eigene Vergleiche anzustellen zwischen Entdeckungen der Physik über die äußere Welt und den Ergebnissen der Meditation, die unmittelbar auf die innere Welt deuten.

Du sagst gerne, dass der gleiche scharfe und präzise Blick sowohl von Wissenschaftlern beim Untersuchen der äußeren Welt als auch vom Buddhismus beim Untersuchen der Innenwelt benutzt wird. Kann man sagen, dass Buddhismus eine wissenschaftliche Methode ist?

Man kann buddhistische Meditation mit einem Labor vergleichen, das vielfältige und beste Mittel bietet um den Geist genau zu untersuchen.

Es besteht heute kein Zweifel daran, dass alle Ereignisse miteinander verbunden sind und es nicht möglich ist, Dinge in der äußeren Welt zu beobachten ohne sich dabei zu verändern. Nach innen zu schauen ‑ auf die geistigen Prozesse, wo die gleichen Gesetzmäßigkeiten gelten ‑ ist genauso wissenschaftlich. In beiden Fällen beeinflussen sich Mengen verschiedener Bedingungen, aber Buddhismus fügt die erleuchtende Einsicht hinzu.

Es hat großen Nutzen zu erkennen, dass es zusätzlich zu den Geschehnissen eine unveränderliche Mitte gibt, einen beobachtenden Raum, also den Geist. Er ist bewusst und schafft eine letztendliche Sichtweise zu dem was geschieht. Die findet man nirgendwo sonst und es ist ein umwerfendes Erlebnis, das für Erfahrungsreligionen besonders ist. Wenn man danach buddhistisch weiter meditiert, steigt das Gewahrsein von dem was zwischen und hinter den Gedanken liegt und was sie wahrnimmt. Dieser Vorgang hat etwas völlig Befriedigendes, ist reich und wunderbar in sich selbst. Noch dazu bringt die zunehmende Erfahrung, dass der Geist nicht abhängig von Gedanken, Eindrücken oder irgendetwas anderem ist, eine bleibende innere Sicherheit. Es gibt kein beständigeres Ziel als dies. Was einen danach dauerhaft fesselt, sind die innewohnenden Möglichkeiten des Bewusstseins, und die grenzenlose Tatkraft von Körper, Rede und Geist.

Die vom Geist untrennbare Klarheit, die weiß und versteht, und der uferlose Raum, in den die Gedanken wieder zurückkehren, sind beide Seiten seiner Unbegrenztheit. So wird allmählich die Tatsache, dass man überhaupt Eigenschaften haben kann wichtiger als die Frage, ob Gedanken und Gefühle einen angenehmen oder schwierigen Unterton haben.

In den europäischen WIssenschaften spielen Experimente eine entscheidende Rolle? Wie steht es damit im Buddhismus?

Die Arbeit mit dem eigenen Geist, die Verhaltensänderungen, die daraus entstehen und die Fähigkeit, die Welt zu sehen wie sie ist ‑ und nicht wie man sie erhofft oder befürchtet ‑ sind nachweisbar. Sie beruhen darauf, über Jahre hinweg die richtigen Erklärungen bekommen zu haben, und bauen auf ein ständiges Untersuchen von sowohl Geist, als auch von der umgebenden Welt auf. Der Beweis des immer tiefer Gehens ist schließlich eine dauerhafte Freude durch das mühelose Verweilen im strahlenden Zustand des Geistes. In dieser Weise, würde ich sagen, ist es wissenschaftlich. Zu sehen wie die Dinge sind ‑ und dauerhaft sinnvoll zu arbeiten, dieser Wunsch bringt Wissenschaft und Buddhismus zusammen.

Wie erwähnt ist Buddhas Lehre eine Erfahrungs‑Religion, im Gegensatz zu den Glaubens­-Religionen des Mittleren Ostens, denn seine Grundsätze sind im Folgesatz enthalten und die Mittel führen deswegen lückenlos zum Ziel. Wahrheit ‑ also wie die Dinge sind ‑ wird hier als alles‑durchdringend und allen Wesen innewohnend verstanden. Um dies zu erkennen, ist die eigene Übung ein ständiges aufmerksam sein auf den Geist und bringt eine dauerhafte Einsicht in sein Wesen. Letztendlich führt diese praktische Arbeit mit Körper, Rede und Geist wie bei Buddha selbst zur Erfahrung von der Ganzheitlichkeit des Geistes ‑ der Erleuchtung. Wie es das gegenwärtige Oberhaupt unserer Linie, der 17. Karmapa Thaye Dorje, ausdrückt: "Buddhismus ist keine Religion. Buddhismus sind geeignete Mittel, die uns mir unserem Wesen verbinden."

Ist es nützlich, die buddhistischen Lehren in den absolut logischen Rahmen der Wissenschaft zu stellen? Könnte dies ein Weg sein, in den Buddhismus einzutreten?

Viele Menschen glauben heutzutage an Gurus in weißen Kitteln, die die Welt durch genaueste Messgeräte immer weitergehender beherrschen. Wo begabte Menschen etwas lernen wollen, sollte Buddhismus deswegen zugänglich sein. Wo Vertrauen besteht und klar gedacht wird, sollte ein Rahmen für weitere Entwicklung gegeben sein. Buddhas Lehre sollte als eine naheliegende Möglichkeit zur Verfügung stehen, wenn Leute für ihre Möglichkeiten offen sind.

Das beinhaltet, dass man als Buddhist genügend die Lehre untersucht und im Leben immer verständlich bleibt für andere. Weil der Glaubensdruck fehlt, können alle Lehren untersucht werden, und Buddhismus geht hier sehr weit. Wenn es einen Punkt gäbe, an dem Buddha und die Wissenschaft nicht übereinstimmen und die Wissenschaft hätte offensichtlich Recht, dann sollte man der Wissenschaft vertrauen. Selbst der Buddha wurde das wünschen. Es kann keine Lehre geben, die über der Wahrheit steht, sowie keine Religion anerkannt werden sollte, die gegen die Grundgesetze und die Wahrheit der Geschlechter geht.

Ist das nicht ein sehr intellektueller Ansatz - und nicht gerade der, der Diamantweg-Buddhismus-Übung?

Aus Erfahrung sprechen schließt einen Unterbau klaren Wissens nicht aus. Es ist aber wichtig dabei, ein Mindestmaß an menschlicher Erfahrung zu haben. Wer versucht, den Geist ohne eigene Reife ‑ sprich: nur intellektuell - zu erklären redet am Ende nur Wortsalat.

So hat zum Beispiel die durchgehende Logik des Buddhismus vielen Leuten im Westen das Gefühl gegeben, dass die Lehren etwas Trockenes oder Freudloses seien. Das sind sie aber offensichtlich nicht, was man in den Diamantweg‑Buddhismus‑Zentren hautnah erlebt, und es ist auch nicht die Erfahrung der Touristen, die Buddhisten in deren Ländern treffen. Sie finden sie meistens entspannt und lächelnd vor.

Die Idee, dass Buddhismus freudlos wäre, stammt von einem rein fehlerhaften Verständnis vom Ausdruck „Leerheit". Als westliche Übersetzer in die buddhistischen Kulturen kamen und die Texte kennen lernten, war ihre Sicht auf eine zweiheitliche Denkweise begrenzt. Dies ist die ,,Entweder‑Oder"‑Wahl, die wir im Westen benutzen. Für diejenigen, die die zeitlose Weite des Erlebens nicht erkennen konnten, konnte "Leerheit" nur Nicht‑Existenz bedeuten. Aufgrund des gleichen begrenzten Verständnisses erklären viele der frühen Übersetzungen buddhistischer Texte und Kommentare "Nirvana", das höchste Ziel, als Auslöschen oder Verschwinden. Natürlich ist das nicht der Fall. "Befreiung" ist schon großartig und "Erleuchtung" ist eine Explosion von Freude, Weisheit und Mitgefühl ‑ mit nichts Anderem vergleichbar.

Wie sollen wir in der modernen, eher wissenschaftlichen Sprache des Westens, dieses buddhistische Verständnis von Raum als sowohl „nicht etwas“ als auch „nicht nichts“ zugleich erklären? Wie können wir das Extrem der nihilistischen Auffassung von Raum als „bloßes Nichts“ vermeiden?

"Raum ist Wissen" ist vielleicht die beste Weise, es auszudrücken. Oder "Raum ist innewohnende Möglichkeit", "Raum ist selbstentstandene Freude" ‑ diese drei Behauptungen können selbst überprüft und sogar nachgelebt werden. Wer nach innen schaut, begegnet nackter Bewusstheit. Dann erscheint ein Gedanke, ein Gefühl, eine Erinnerung, und verschwindet zurück in diesen Raum. Die äußere Welt arbeitet in der gleichen Weise: Galaxien erscheinen, entfalten sich, verschwinden wieder in Schwarze Löcher und liefern vielleicht den Wasserstoff für das nächste Universum.

Wie können kritische Westler, die in einer wissenschaftsgeprägten Kultur aufgewachsen sind, den Buddhismus mit all seinen fremdartig anmutenden Meditationsformen, Mantras usw. annehmen?

Die Leute brauchen nur drei Arten des Vertrauens, um Vorteil vom Buddhismus zu haben: dass es ein wertes Ziel zu erreichen gibt ‑ die volle Entfaltung des Geistes, auch Buddha genannt; weiterhin zu den Mitteln, die einen dorthin führen ‑ Buddhas Lehren; und schließlich die Freunde auf dem Weg. Diese drei "Juwelen" sind alles was wir brauchen, nichts weiter. Sie bilden die grundlegende, oder auch äußere Zuflucht.

Um bestimmte Geisteszustände zu erreichen, kann man aber auch besondere Mittel einsetzen. Die wirksamsten davon arbeiten mit Einswerdung und Verschmelzung, mit Rückkopplungserfahrung von weiblichen, männlichen, einzelnen oder vereinigten, friedvollen oder schützenden Formen in besonderen Farben und mit friedlichen oder schützenden Werkzeugen in ihren Händen. Sie beeinflussen die eigene Vorstellung, den Energiefluss im Körper und dadurch auch immer grundlegender den Geist. Solche Meditationsformen stellen Seiten der eigenen erleuchteten Natur dar und sind nicht so etwas wie "Götter". Ihre Arbeit hilft den Wesen, mit ihrem eigenen Wesen in Verbindung zu treten. Diese Art der Meditation hilft uns, mit der uns innewohnenden Erleuchtung vertraut zu werden und Erfahrung von unseren vollen Möglichkeiten zu machen.

Die verwendeten Silben ‑ Mantras ‑ leiten Energie in erwünschte Zentren des Körpers. OM zum Beispiel setzt den Kopf in Schwingung, AH bringt Kraft in die Kehle, und HUNG oder HRI beleben innere Zustände in der Brust.

Da solche Ergebnisse messbar sind, und deswegen überzeugen, suchen Wissenschaftler wie Meditierende die sich entwickeln wollen, zunehmend ihre Erfüllung im Geist anstatt in der äußeren Welt, die ja weder Glück noch Leid erlebt. Nur der Geist erfährt alles und ist dauerhaft, deswegen ist es klug, dort den Sinn des Lebens zu suchen.

Wie gehen wir dann mit Sichtweisen wie Materialismus um?

Wenn wir gewohnheitsmäßig den Menschen in die Mitte der Geschehnisse stellen, werden unsere Werte sehr einfach. Man beurteilt dann einfach, ob eine Handlung den Menschen Entfaltung bringt oder nicht. Bis zu einem bestimmten Punkt ist Materialismus nützlich: wenn man zum Beispiel ein schnelles Auto hat, kann man mehr Menschen begegnen ‑ hoffentlich nicht mehr Verkehrspolizisten, sondern Leuten mir Belangen, über die man reden möchte. Und wenn man ein warmes Haus hat, muss man nicht so schwere Mäntel tragen, dass die Arbeit schwierig wird. Aber ab einer bestimmten Menge von Besitz, muss man Leute anstellen, die die Dinge bewachen, die man hat aber nicht braucht. Allmählich fangen dann die Dinge an, die eigene Energie und Zeit aufzubrauchen, was nicht nützlich ist. Kalu Rinpoche, einer unserer feinen Lamas, empfahl den Leuten, wie in einem Hotel zu leben. Man kann dort alles benutzen, weiß aber auch, dass man nichts mitnehmen wird.

Wie ist deiner Ansicht nach die Verbindung zwischen Gehirn und Geist?

Ich mag die Sicht, dass das Gehirn vor allem Eindrücke ausfiltert die wir nicht zum Überleben brauchen, während es die wichtigen Auskünfte an den Geist durchlässt. Wie bekannt diese Sichtweise unter meinen Kollegen ist, bin ich mir nicht sicher. Bestimmt würden aber die Lamas allgemein darin übereinstimmen, dass das Gehirn den Geist nicht erzeugt, sondern ihn umformt. Es ist der Empfänger, aber nicht der Sender. So wie die Wissenschaft denken auch wir, dass das Gehirn die Stelle ist, wo Wissen gespeichert wird. Dort liegen die geistigen Eindrücke, die einen vergewissern, wer man ist und was geschah. Der Strom von Eindrücken, der Unerleuchtete zu sein glauben, wird jedoch nicht vom Gehirn erzeugt, sondern laufend von ihm umgeformt und arbeitet dann durch die Nerven und Körper der Wesen. Geist ist seinem Wesen nach anfangsloser "Raum". Er erfuhr zahllose Leben zuvor und wird weitere erleben bis die Fähigkeit zur Bewusstheit stärker erlebt wird als alles dessen er sich bewusst sein kann. Zu dieser Zeit kann man dann wählen, ob man in einem zeitlosen Zustand jenseits des Ego verweilen und die grenzenlosen Eigenschaften und Einsichten des Geistes erfahren will, oder neue Körper annehmen mag, um den Wesen in der bedingten Welt zu helfen.

Zu dieser Frage gehört auch, dass die Tibeter ‑ so wie sicher eine Mehrzahl der Kulturen der Welt ‑ sich den Geist im Herzen vorstellen. Das Gehirn ist der Sitz für die Steuerung des Körpers. Bei Herz‑Transplantationen wird bemerkt, dass das gespeicherte Wissen des Empfängers bestehen bleibt, wohingegen Gefühle und Neigungen oft denen des Spenders ähnlich werden. Viele solcher Fälle sind beschrieben in dem Buch ,,The Heart's Code" von Paul Pearsall [Anm. Redaktion: Deutsche Ausgabe "Heilung aus dem Herzen", Goldmann]. Übrigens zeigen meine eigenen Erfahrungen voll in dieselbe Richtung.

Bei verschiedenen Gelegenheiten hast du erlaubt, dass deine Hirnaktivität wissenschaftlich aufgezeichnet wurde, während du meditierst. Denkst du, dass die Resultate solcher Studien über einige kuriose Ergebnisse hinaus von direktem Nutzen sind?

Erst einmal: große Erleichterung. Sie bewiesen alle, dass ich ein Gehirn habe. Seit meiner Kindheit kamen da öfter Zweifel auf... Die Dutzenden von Elektroden auf meinem Kopf während der Experimente in Zürich und Chicago zeigten, dass 35 Jahre gelebter Diamantweg‑Buddhismus nachweisbare Zeichen hinterlassen. Es gab selbstverständlich auch Bedingungen dabei, die die Befunde erschwerten. Vier Jahre Boxen, neun Jahre der chemischen Eigenversuche, durch die meine Generation hoffte, sie könnten die Welt verbessern, sowie einige Motorrad‑Unfälle und ‑Stürze haben alle ihre Spuren hinterlassen. Viele Messergebnisse waren jedoch nicht dadurch erklärbar. Innerhalb von vier his sechs Sekunden in die zweite, höchst erholsame Tiefschlafstufe einzutreten, ist ungewöhnlich. Im Durchschnitt braucht das etwa 90 Minuten. Oder: einen Kopf voller Theta­-Wellen zu haben, die normalerweise im Alter von zwei Jahren im Zentralhirn verschwinden, und bewusst die dramatischen Kurven epileptischer Anfälle zu erzeugen, während in jeder Zelle des Körpers riesige Wonne erfahren wird...

Es war tatsächlich witzig: aus den Augenwinkeln sah ich (es war nahe Chicago) die Wissenschaftler aufgeregt um ihre Computer umherlaufen, während ich das erste mal für dreieinhalb Minuten und das zweite noch länger, diesen Zustand mittels tiefen Atems und die Einstellung auf das Magnetfeld durch meinen Körper hielt. Man sollte solche Darstellungen vor allem für wissenschaftliche Zwecke geben. Die Nutzwirkung, wenn man mit unerwarteten Ergebnissen die vorgefassten Meinungen der Leute aufzulösen versucht, ist zu kurzlebig. Wenn in diesem Fall einigen der Millionen unter Epilepsie leidenden Menschen irgendwie geholfen werden könnte, wäre das eine große Freude. Die ganze Sache ist aber sehr langwierig, und da die Wissenschaft jetzt Hannahs und meine eigenen hochverwirklichten Lehrer, so wie Bokar Rinpoche unter der Lupe haben, höre ich damit auf. Auf keinen Fall dürfen Vergleiche oder Gedanken an Wettbewerb aufkommen zwischen Lehrern und Schülern.

Aus buddhistischer Sicht ist insbesondere die Quantenphysik von besonderem Interesse, nicht wahr? Einige Physiker sagen, dass die Welt eine „Schwankung des Vakuums“ ist, sozusagen ein "kostenloses Dinner“...

Es ist spannend, dass man die gleichen Einsichten bekommt, ob man mit Fernrohren, Mikroskopen und Teilchenzertrümmerern in die äußere Welt schaut oder durch Meditation in die innere. Hier die Sichtweise dazu: vor 2500 Jahren drückte sie Buddha so aus: "Form ist Leerheit, Leerheit ist Form. Form und Leerheit sind untrennbar." Heutige helle Köpfe auf dem Diamantweg würden es sicher so sagen: Wenn nichts ist, ist das der "Raum" des Geistes. Was innerlich oder äußerlich erscheint, ist das freie Spiel des Geistes. Schließlich ist die Tatsache, dass beides, Raum wie Erfahrung möglich sind, der ungehinderte Ausdruck des Geistes.

Alain Aspect bewies die Tatsache der Untrennbarkeit in der Quanten-Welt. Teilchen können augenblicklich kommunizieren, ohne für dem Informationsaustausch Zeit zu benötigen. Du behandelst dieses berühmte Experiment auch als Beweis für buddhistische Wahrheiten...

Solche Beweise sind sehr willkommen. Sie entfernen begrenzende zweiheitliche Gewohnheiten und fügen den für das Überleben nötigen "Entweder‑Oder"‑Beurteilungen die befreiende "Sowohl‑als‑auch"‑Sichtweise des Gewahrseins selbst hinzu.

Und es gibt eine weitere grundlegende wissenschaftliche Schlussfolgerung, dir für Buddhisten vertraut klingt ... Vor der Beobachtung ist Schrödingers Katze weder am Leben, noch tot, oder eigentlich sowohl tot als auch lebendig. Wie auch immer wir es anschauen: Tatsche ist, dass die Natur eines Dings nicht in sich selbst bestimmt werden kann, unabhängig vom Beobachter. Beobachter oder Methoden der Beobachtung beeinflussen das Resultat der Beobachtung.

Nichts ist von der Ganzheit abgeschnitten. Die Tatsache, dass etwas beobachtet wird, verändert es bereits. Man beeinflusst das Karma und die Erwartung des Untersuchers färbt jede Erfahrung.

Buddha gibt sehr genaue und vielfältige Erklärungen zur Wissenschaft der Wahrnehmung. Er beschreibt die "normale" folgernde Erfahrung als im Gegensatz stehend zum "unmittelbaren" Erlebnis, wenn der Geist in einem begrifflosen Zustand ist.

Buddhismus versteht diese Welt ‑ unsere Leben genauso wie alles um uns herum ‑ als einen Traum, denn alles fließt. Jede Lage ändert sich die ganze Zeit und nichts ist bleibend. Nichts außer der Raum verweilt unverändert in sich selbst und ist durch sich selbst bestimmt. Weil alles erscheint, sich nach den gegebenen Ursachen entfaltet und wieder auflöst, wird die Welt als ein gemeinsamer Traum verstanden, als die "gefrorenen" Gedankenformen (Karmas) der Wesen.

In tiefer Versenkung wird erkannt, wie die ausgleichende Weisheit, von Unerleuchteten als Stolz erlebt, alles Feste entstehen lässt; wie die spiegelähnliche Weisheit, aus unreiner Sicht der Zorn der Wesen, alles Fließende erzeugt; die unterscheidende Weisheit, meistens als unsere Anhaftung und Begierden erlebt, die Hitze hervorruft und wie die Erfahrungsweisheit, als gemeinsame Eifersucht verkannt, der Ursprung von Bewegung ist. Mit dieser wachsenden Erkenntnis und seiner reinen Sichtweise lösen sich Unwissenheit und Verwirrung auf, und Raum verändert sich von etwas Trennendem zu einem alles umfassenden Behälter. Es gibt also keine Welt die von den Wesen die sie träumen, formen und erfahren getrennt wäre.

Der Beobachter verändert das Beobachtete, sowie umgekehrt, denn alles ist Teil der gleichen Ganzheit. Deswegen ist die Unterscheidung in Subjekt und Objekt als getrennte und unabhängige Größen künstlich. Da sie durch Störgefühle geblendet und ohne letztendliche Erfahrung vom Geist arbeiten, liefern die Sinne aber den Wesen in jedem Augenblick genau die gegenteiligen Auskünfte. Die Bereitschaft, die Weisheiten statt der Störgefühle zu sehen, heißt ein sehr starkes und dauerhaftes Gedankenmuster zu durchtrennen. Es braucht Jahre an Meditation, um es aufzubrechen oder auch nur ernsthaft einzubeulen.

Wir sprachen viel über Gemeinsamkeiten zwischen Buddhismus und Wissenschaft. Aber es gibt natürlich auch Unterschiede. Wird es jemals möglich sein, die höchsten buddhistischen Lehren, die Untrennbarkeit von Raum und Freude, wissenschaftlich zu beweisen?

Das setzt wohl einen Geist voraus. Bis der Tanz des Geschehens messbar und als an sich freudvoll festgestellt werden kann, werden solche Höhen der Einsicht nur durch lebende Wesen in Meditation und durch ihr Leben und ihre Aussagen bewiesen werden können. Der Grund dafür, warum man Raum und Freude als untrennbar annehmen kann ‑ wobei eine entspannte und erwartungslose Einstellung für ihren Genuss nötig bleibt ‑ ist, dass alle Verwirklicher Zustände tiefster Ruhe als selbstentstandene Erfahrungen von Sinn, Liebe und Glück beschreiben, als einen grenzenlosen Reichtum den keine Worte umfassen können, und den man sicher nie wissenschaftlich außerhalb von dessen Erleber wird beweisen können.

Du sagst gerne, das Buddhismus keine Psychologie ist, dass aber die moderne Psychologie vom Buddhismus inspiriert wurde, nicht wahr?

Buddismus ist einfach "wie die Dinge sind". Wenn also Psychologie gut genug wird, wird sie zu Buddhismus. Wir haben tatsächlich schon jetzt eine sehr gute Zusammenarbeit. Psychologen führen die Leute aus ihren gestörten Erlebnissen in ein Innenleben, mit dem sie leben können. Von hier aus führt Buddhas Lehre sie jen­seits von Vorstellungen und Ich‑Wahn zu einer Erkenntnis davon was sie wirklich sind.

Die Psychologie arbeitet innerhalb der gewöhnlichen Geisteszustände. In diesen wird die Zweiheitlichkeit als wirklich erlebt und man hält auch das Disneyland der Gefühle für wahr. Solange dies so ist, bleibt die Kraft des Geistes gebunden und die bewusste Strahlkraft zwischen und hinter den Gedanken und Gefühlen zeigt sich nicht. Bei genügend guten Taten wandelt sich jedoch Menge in Wert. Nützliche Handlungen sind unentbehrlich um in Zuständen von Befreiung und Erleuchtung aufzuwachen, während schlechte Eindrücke die Freiheit des Geistes behindern. Mir anderen Worten: der Geist wird sich mit einem Überschuss und den richtigen Belehrungen von guten Gefühlen stufenweise selbst erkennen, aber nie aus einem Zustand voller Neurosen und Ängsten. Während man also immer noch in der bedingten Welt festhängt und mit wechselnden Erlebnissen schwankt, sind gute Gedanken und Gefühle der Weg. Wenn aber die Bewusstheit dessen was die Gedanken erzeugt und erlebt immer häufiger entsteht, lösen sich Erwartungen wie Ängste auf und jede Erfahrung ist fantastisch, da sie die innewohnende Möglichkeit des Geistes zeigt.

Du sagst auch, dass Buddhismus nicht eine Art Philosophie wäre. Aber wir kennen Gemeinsamkeiten zwischen buddhistischem Denken und zum Beispiel der Philosophie Heraklits, der sogar exakt die gleichen Beispiele verwendete.

Ja, Heraklit lebte kurz nach Buddha. Er war auch mutig und großartig. Statt zu versuchen, Unverständliches durch einen unbeweisbaren "Gott" wegzuerklären, haben beide stattdessen den Raum als grundlegend schwanger verstanden: innerlich mit Gedanken und Gefühlen spielend und äußerlich mit Welten und Ereignissen. Da Buddhismus die volle Verwirklichung des Geistes anstrebt und kein Glaubenssystem ist, muss auch alles logisch erklärbar sein. Wenn der Geist voll wirkt, enthält jede Frage ihre eigene Antwort und eine jede Entfaltung ist logisch befriedigend. Der Unterschied zwischen Buddhas Lehre und der Philosophie im westlichen Sinne ist, dass Buddhismus real und nicht formal ist und dass er keine leeren Grundsätze oder Schlussfolgerungen zulässt, die nicht mit Erfahrungen gefüllt werden können. Buddhistische Philosophie arbeitet lebensnah. Selbst die vielseitigsten Aussagen fügen dem Geist kein zusätzliches Sperrgepäck hinzu. Stattdessen zielen sie darauf ab, Gedankenmuster aufzubrechen, die die Wesen bei der Erfahrung der vollen Möglichkeiten des Geistes behindern. Buddhistische Gelehrte sind sich durchgehend bewusst, dass Begriffe so sind wie der Finger der auf den Mond zeigt, aber nicht der Mond selbst. Wer sich nur auf den Finger einstellt, wird nie den Mond sehen.

Wie steht es mit Tibetischer Medizin und westlicher Medizin? Widersprechen sie sich oder können sie zusammenarbeiten?

Sie arbeiten gut zusammen. Die Kunst westlicher Ärzte ist hervorragend für alles wo schnelle Entscheidungen gebraucht werden, wie zum Beispiel bei plötzlich auftretenden Krankheiten und chirurgischen Eingriffen. Der fernöstliche Ansatz ist hervorragend gegen langdauernde Krankheiten und um den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Sie gehören wirklich zusammen. Wenn jemand zum Beispiel Krebs hat, empfehle ich, zuerst die Ursache weitgehendst wegzuschneiden und danach mit der richtigen Mischung fernöstlicher Mittel alles wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Kann man sagen, dass Tibetische Medizin eher mit den Ursachen und westliche Medizin mit den Symptomen arbeitet?

Vielleicht eine gute Weise, es auszudrücken. Man kann auch sagen, dass die fernöstliche Heilkunst mit den künftigen Bedingungen im Körper arbeitet, wohingegen westliche Medizin auf das kurzfristig auftauchende eingestellt ist.

Bringt Wissenschaft einen besonderen Nutzen für Praktizierende des Buddhismus?

Jede wissenschaftliche Errungenschaft hat buddhistische Bedeutung, wenn sie eingesetzt wird um den Lebewesen zu nutzen. Es geht ja um die Erfahrung von Glück und je länger und besser man lebt, umso mehr kann man für andere tun.

Welche wissenschaftlichen Gebiete könnten in naher Zukunft am meisten vom Buddhismus profitieren?

Auf dem Gebiet des Breitflächigen, der Ausrichtung und der Sichtweise. Die Wissenschaft klettert gut. Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, in welchen Bäumen es sich lohnt und wo die Frucht steckt. Ein reifes Verständnis von der Welt ist wichtig. Hier gibt es zahllose offene Fragen und Wissens‑Bruchstücke wie die vom Hubble-Teleskop und anderen erstaunlichen Quellen, die sinngebend zusammengebracht werden sollen. Hier wäre ein Verständnis auf Grundlage des Diamantweg‑Buddhismus nützlich. Es zeigt, dass Raum und Geschehen beide Geist sind und wie sie sich ergänzen. Es könnte nützlich sein, ausreichendes und klares Wissen politisch unkorrekt zu verallgemeinern und ehrlich mit einer allesumfassenden Weltsicht zu verbinden.

Viele Wissenschaftler schaffen trotz ihres linearen Denkens eine breite allgemeine Sichtweise. Wenn sie sich "Raum" als enthaltend und ohne Anfang vorstellen können, wäre es logisch anzunehmen, dass wenn "Big Bang" nachweisbar ist, es auch zahllose andere gegeben haben muss und geben wird. Dies würde den Belehrungen Buddhas entsprechen, denen zufolge der zeitlose Geist immer spielt und äußere wie innere Welten entstehen lässt und wieder in sich aufnimmt. Raum muss seinem Wesen nach ungehindert sein und nichts kann seinem zeitlosen Wesen hinzugefügt werden. Was auf eine bestimmte Zeit und einen Ort begrenzt ist, wie zum Beispiel ein Körper, kann auch nicht die Ursache von etwas nicht‑dinglichem wie dem Geist sein. Zyklische, nichtlineare Verläufe herrschen im Abhidharmakosha vor und erklären das Entstehen und Verschwinden von Universen über unglaublich lange Zeiträume, die Kalpas und Antekalpas genannt werden. Auch die Vorstellung von Parallel‑Universen bildet eine Brücke zum Buddhismus. Es setzt zahllose Welten voraus, die aus den innewohnenden Möglichkeiten des Raumes entstehen. Damit verschwinden die letzten noch denkbaren Begrenzungen der Bewusstheit.

Kannst du dir vorstellen, dass Buddhismus und Wissenschaft in besonderen Weisen zusammenarbeiten werden?

Ich betrachte Buddhismus als den Kopf und Wissenschaft als die Arme, Beine und Augen. Wissenschaft erklärt "wie" und macht das praktische Leben der Leute reicher. Buddhismus zeigt "warum" und macht sie glücklich. Er hilft Leuten, besser zu leben, sterben und besser wiedergeboren zu werden.

Einstein sagte, das Buddhismus die einzige Religion ist, die ein konsistentes, logisches System ist, das der Erfahrung der Wirklichkeit als Ganzem folgt und dass er deswegen wissenschaftlichen Standards entspricht.
Können wir sagen, dass die höchsten buddhistischen Lehren wie „Das Große Siegel“ eine Wissenschaft des Geistes sind?

Das ist ganz deutlich der Fall. Wenn es eine Geisteswissenschaft gibt, wo der Geist mit ganzer Kraft unmittelbar auf sich selbst schaut, dann sind dies die Lehren des "Großen Siegel" und der "Großen Vollendung" ‑ des Mahamudra und Maha Ati.

Die Mittel des Mahamudra, oder Tschagtchen in Tibetisch, werden verwendet wenn das umzuwandelnde Gefühl Begierde ist. Maha Ati, oder Dzogtschen in Tibetisch wird bei Zorn gelehrt. Wer solche starken Gemütsregungen bewusst verwenden kann um die äußere Wirklichkeit sowie die Arbeitsweise des eigenen Geistes zu erfahren, erreicht schnell Erleuchtung. Sie sind ganzheitliche und dadurch kraftvollste Mittel, und lassen einen Raum als Freude erfahren. Aus dieser Sicht ist jedes Geschehnis ein kosmischer Scherz des Raumes, eine Entdeckung seines unbegrenzten Reichtums. Es gibt nichts Spannenderes und Aufregenderes als das strahlende Spiel des Geistes mitzumachen, zu erfahren wie er sich ausdrückt als furchtlose und alles‑durchdringende Weisheit, als selbstentstandene Freude und tatkräftiges Mitgefühl. Diamantweg‑Buddhismus ist die Wissenschaft, die zu dieser Erfahrung führt.