Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Karma Berchen Ling - Windhosen und fliegende Wohnwagen

Von Simona Scheibitz und Christoph Teufel

Im griechischen Zentrum Karma Berchen Ling ‑ von Insidern KBL genannt ist 2004 viel passiert. Es war ein Jahr umrahmt von Winterretreats und Wind‑Wundern von Haus‑Bau und ‑Instandsetzung, dem Besuch von Lama Ole Nydahl und dem erste Phowa‑Kurs hier seit 1997.

Eine spannende Verwirklicherstelle

An welcher Stelle kann man Windhosen und fliegende Wohnwagen sehen? Wo kann man sich fast sicher sein, jede Arbeit mindestens zweimal machen zu müssen? Wo wird auch ein Bürohengst zum Handwerksprofi? Wo kann man seine Outdoor‑Erfahrungen bestens einsetzen und neue ansammeln? Wo wird jedes Auto einem Härtetest unterzogen? Wo fährt man mindestens eine Stunde zum Einkaufen (und muss, damit die Tour sich auch lohnt, den Ausflug unbedingt mit einem Sprung ins Meer verbinden)? Wo fühlen sich Verwirklicher und Verwirklicherinnen zu Hause? Wo kann man in tollen Höhlen wunderbar meditieren? Wo kann man bestens den eigenen Geist beobachten und wo ändert sich dessen Zustand so schnell wie der Wind seine Richtung? Wo kommen zum Phowa‑Kurs mit Lama Ole Nydahl nur 250 Leute? In Karma Berchen Ling, am Schwarzen Berg auf der Peloponnes in Griechenland.

Die Ereignisse und Ergebnisse des vergangenen Jahres

Im Sommer 2003 konnte das Sanghahaus so fertig gestellt werden, dass es wintertauglich war. Zur Freude des KBL‑Teams wurde diese Chance gleich von mehreren wagemutigen Kagyüs für ein Winterretreat genutzt. Ohne Furcht vor Wind, Wetter oder den Stürmen im eigenen Geist ‑ die in KBL zuweilen heftiger als gewöhnlich ausfallen können ‑ ging es in den kalten und bergigen Süden. Meditation, Einheizen, die Wechsel des Wetters und der eigenen Geisteszustände betrachten, standen auf dem Programm.

Im April hatte der Platz, der über und über mit Blumen übersät war, etwas Neues zu bieten. Nachdem zwei Wohnwagen aus dem Winterlager vom tiefer gelegenen Dorf samt Baumaterial unter vielen Mühen auf den Berg nach KBL transportiert worden waren, bezwang der Wind einen Tag später gleich den ersten und zerlegte ihn in seine Einzelteile. Den zweiten konnte er zwar nicht zerlegen, rollte ihn aber gute 30 Meter in beeindruckenden Überschlägen über den Platz. Er landete auf dem Dach des Lamahauses, das den Angriff dank der stabilen Bauweise jedoch glücklicherweise unbeschadet überstand. Der am nächsten Tag eintreffende Arbeitstrupp hatte eigentlich anderes geplant, war dann aber mit Reinigungs-, Bergungs- und Entsorgungstätigkeiten vollauf beschäftigt.

Die Wellblechdächer der Caféteria mussten gefunden und wieder angebracht werden ‑übrigens zum dritten Mal in Folge, nachdem sie im Winter schon zwei Mal vom Wind entfuhrt worden waren. So manch andere Aufräum‑ und Bautätigkeit bedurfte mehrfacher Planung und Durchführung und man konnte sich entscheiden, ob man dies als anstrengend empfinden oder doch als Milarepa‑Tatigkeit genießen wollte...

Ab Mai gingen die Arbeiten weiter: das Sanghahaus wurde fertig eingerichtet und erhielt eine maßgeschneiderte (besser gesagt ,,maßgezimmerte") Küche, das Wellblechdach der Caféteria musste gleich mehrmals verlegt werden und am Lamahaus wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Hier konnte man wahrlich einen wunderbaren Wandel miterleben. Rohbau, Elektroinstallationen, Wasserinstallationen, Estrich, Verputz, Fliesen, Bad, Küche usw. machten aus dem Rohbau ein seinem Namen alle Ehre machendes Lamahaus. Die letzten Wochen vor Lama Oles Ankunft wurden noch alle Fertigkeiten gebraucht und die vielen fleißigen Hände und Köpfe ermöglichten schließlich die Fertigstellung. Während des sehr schönen und intensiven Phowa‑Kurses konnte auch das Dach noch fertig aufgesetzt werden. Lama Ole weihte das Haus daraufhin ein und baute mithilfe fünf riesiger Schützerknoten, die in griechischen Tonfiguren von Pallas Athene an den vier Ecken des Daches sowie unter dem Giebel eingebracht wurden, ein Schutzfeld auf. Jene, deren Berufung nicht die handwerkliche war, stellten ihre Kenntnisse und Fertigkeiten anderweitig nützlich zur Verfügung. Sie bekochten die fleißigen Bauhelfer, Meditierenden und Kursbesucher, halfen hei der Kursvorbereitung und ‑Organisation, betrieben eine Caféteria mit Super‑Kaffee und guter Musik und installierten sogar eine (meistens) funktionierende Internetverbindung via Satellit (!) am Schwarzen Berg. Der Shuttle‑Service sorgte mittels Pickup dafür, dass Helfer und Kursbesucher ohne eigenes Fahrzeug überhaupt nach KBL gelangen konnten.

Dank all dieser Hilfe konnten 250 Kagyüs ‑ neuer KBL Rekord ‑ einen wunderbaren Kurs bei fabelhaftem und wundersamer weise windfreiem Wetter genießen. So gewannen sie einen nicht ganz korrekten Eindruck von den Wind‑ und Wetterverhältnissen, die dort oft herrschen können...

Besonders froh waren alle über das neue Gompazelt, das nun KBL gehört und auch gerne für Kurse von anderen Zentren ausgeliehen werden kann. Im Gegensatz zum Zelt des letzten Jahres, das bei einem besonders kräftigen Sturm zusammengekracht ist (wobei den verdutzten Gompa‑Schläfern buchstäblich der Himmel auf den Kopf fiel, wobei zum Glück nichts passierte) ist das neue garantiert „wind‑ and waterproof". Beim Aufbau des Zeltes konnte man schwindelfreie Artisten (die alle schon Phowa hatten) hei der Arbeit bewundern und feststellen, dass etwas dran ist an der Furchtlosigkeit, die durch die Meditationspraxis entsteht.

Was die Arbeit in KBL besonders inspirierend und auch besonders spannend macht, ist das internationale Team. Die fleißigen Helfer und Meditierenden kommen aus aller Herren (und Damen) Länder, aber insbesondere aus Deutschland, Osterreich, Polen, Ungarn. So schließt man internationale Freundschaften, übt interkulturelle Kommunikation (verbal und nonverbal) und trainiert schon mal für die zukünftigen internationalen Projekte wie beispielsweise das Europazentrum. Eine riesige Erfahrung! Die gemeinsame Zeit an dem Platz schafft zudem eine ganz besonders enge Verbindung zwischen den Anwesenden.

Im Anschluss an den Phowa-Kurs blieben zum Glück noch einige Helfer länger am Platz - weitere kamen sogar erst nach dem Kurs (unter anderem deshalb, weil sie ihre Flüge schon für den ursprünglich vorgesehenen späteren Kurstermin gebucht hatten). Der Platz muss nämlich jedes Jahr vor November winterfest gemacht werden, so dass nichts wegfliegen und möglichst auch nichts weggetragen werden kann.

Zwei Bodhisattvas aus Straubing schenkten dem Lamahaus noch einen wunderschönen Ofen und bauten ihn auch ein. Das bedeutet, dass auch das Lamahaus nun für Retreats im Winter und Frühjahr genutzt werden kann. Allerdings ist es empfehlenswert, nicht alleine auf dem Platz zu sein, da die Energien dort doch ziemlich stark sind. Am besten nimmt man jemanden mit, der schon in KBL war und sich beispielsweise auch mit der Wasser‑ und Stromversorgung auskennt. Besonders gute Gesellschaft sind natürlich tatkräftige und furchtlose Schützer, die so schnell nichts schreckt, sowie muntere und strahlende Dakinis, die die trüben Nebeltage erhellen.

Wie es weiter geht

Fur KBL gibt es viele Pläne für 2005. Das erste Event in diesem Jahr ist ein 72‑Stunden-Verbeugungsretreat, das von 26. his 29. Mai 2005 stattfindet. Wer Lust und Ausdauer für diese Herausforderung mitbringt, ist herzlich eingeladen teilzunehmen. Bitte meldet euch hei Stephi Richter per E‑Mail an.

Direkt im Anschluss beginnt die diesjährige Bauphase. Ab Juni bis zum Beginn des Kurses mit Lama Ole im September stehen Feinarbeiten am Lamahaus und der Weiterbau des Dusch- und Werkstatthauses an. Schon ab Juni brauchen wir dafür Maurer und Eisenbieger. Außerdem sind Bauhelfer und Leute, die kochen, einkaufen und organisieren können, den ganzen Sommer über willkommen. Der Aufenthalt in KBL kostet 10 Euro pro Tag. Darin sind Verpflegung und Betriebskosten enthalten. Bitte bringt euer eigenes Zelt mit.

Highlight des Jahres wird sicher der Meditationskurs mit Lama Ole, der vom 8. bis 11. September stattfindet. Wir freuen uns darauf und auf alle, die kommen werden.

Aktuelle Informationen zu KBL, und Fotos findet ihr unter www.berchenling.org.


Simone Scheibitz
Ole Schülerin seit Silvester 2002, Mitglied der buddhistischen Gruppe Kirchheim-Göppingen, Berchen Ling Fan
32 Jahre, Volkswirtin/Kommunikations- und Weiterbildungsfachfrau.

Christoph Teufel
Zuflucht 2001 bei Lama Ole Nydahl, lebt in Innsbruck und liebt Karma Berchen Ling
28 Jahre, Physiotherapeut,