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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 39, ( 2005)

Interview mit dem 17. Karmapa Thaye Dorje

Fragen von Roman Laus, Claudia Knoll und Detlev Göbel

Könntest du etwas darüber erzählen, was du in den letzten Monaten vor deiner Europareise gemacht hast?

Während der letzten beiden Monate habe ich vor allem in der Shedra neben meinem Haus in Kalimpong studiert. Ich war dort zusammen mit anderen Mönchen des Institutes, und direkt vor meiner Abreise nach Europa hatten wir alle ein Examen.

War deine formelle Ausbildung nicht mit der Vidyadhara-Zeremonie, die in 2003 in Neu Delhi stattfand, abgeschlossen?

Meine Ausbildung in Meditation und Ritualen war abgeschlossen, jedoch nicht sämtliche Studien. Ich wurde zum Dorje Lopön ernannt, was bedeutet, dass ich das Studium der Übungen und Übertragungen beendet habe und dadurch authorisiert bin, diese Übertragungen weiterzugeben. Meine allgemeinen Studien sind aber noch nicht beendet. Nach ihrem Abschluss werde ich ein Khenpo sein.

Wie entwickelt sich das neue Institut in Kalimpong?

Es entwickelt sich sehr gut. Wir sind jetzt im dritten Jahr und haben ungefähr 80 Studenten.

Welchen Nutzen können die Übungen, die in den Diamantweg-Buddhismus-Zentren verwendet werden, den Menschen im Westen bringen?

Die Übungen in den Diamantweg‑Buddhismus‑Zentren können denselben Nutzen wie alle Praktiken und Belehrungen der Karma‑Kagyü‑Tradition haben. Es ist eine moderne Herangehensweise an die wesentlichen Lehren, die in der gleichen Weise wie in all den Jahren zuvor Resultate bringen können.

Du bist das Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie. Was bedeutet das?

Das Oberhaupt der Karma‑Kagyü‑Linie zu sein bedeutet einfach, dass derjenige die Verantwortung aufgreifen muss, um die Übertragungen des "Großen Siegels" (skt. Mahamudra) und der "Sechs Übungen Naropas" zu halten und weiterzugeben.

Was bedeutet der Name Karmapa?

Karmapa ist ein Sanskrit‑Ausdruck und bedeutet "Derjenige, der die Aktivität ausführt".

Was ist die Aktivität eines Karmapas?

Seit dem ersten Karmapa, Düsum Khyenpa, war die Hauptaufgabe, die Übertragungen am Leben zu halten. Er hielt alle Belehrungen und alle Übertragungen von Gampopa und sie wurden an seine zweite Wiedergeburt und an andere Karma‑Kagyü‑Meister weitergegeben. Meistens wurden sie an die Wiedergeburten des Shamar Rinpoche übertragen. In dieser Weise wurden sie bis heute ‑ bis zur 17. Wiedergeburt Karmapas weitergegeben. In der Karma­-Kagyü‑Linie ist der Linienhalter derjenige, der die Übertragungen hält. Die Hauptaktivi­tät des Karmapa ist es, die Dharma‑Aktivität, die Aktivität Buddhas, aufrecht zu halten und sie allen Wesen zu bringen. In früheren Zeiten geschah dies vor allem an Stellen in Tibet, aber heute hat sich die Aktivität so verbreitet, dass sie überall ist. Wie gesagt: Es geht darum, die Übertragung am Leben zu erhalten.

Was ist für dich die eigentliche Essenz des Buddhismus?

Das Dharma ist keine Religion, auch wenn es in vielen Ländern als eine solche anerkannt ist. Es hat etwas von Philosophie, aber es ist mehr als das, denn es enthält viele praktische Methoden, die man nutzen kann. Es sind einfach Lehren und Methoden, um unseren Geist für die uns allen innewohnende Buddha‑Natur zu öffnen.

Wie können die buddhistischen Methoden in unserer schnellen westlichen Welt helfen, schwierige Situationen im Leben - zum Beispiel Stress oder Depressionen - zu bewältigen?

Durch die Verwendung der buddhistischen Mittel werden wir fähig zu sehen, wie Samsara arbeitet. Wir erkennen, dass all die schwierigen Umstände, die uns begegnen, ihre Ursache in unseren negativen Handlungen, negativen Gedanken und negativer Rede haben. Durch die Anwendung des Dharma ‑ die Untersuchung der Ursachen und Wirkungen solcher Schwierigkeiten und Leiden ‑ wird man fähig, die Ursachen zu verhindern und die Probleme zu überwinden. Wir können unsere Situation verändern. Gerade jetzt haben wir die bestmöglichen Umstände, eine perfekte Gelegenheit, um vollkommene Verwirklichung zu erlangen.

In einigen früheren Interviews hast du Bemerkungen geäußert wie "Praktiziert hart!" oder "Ihr solltet mehr Anstrengung in eure Praxis legen!". Warum ist das nötig?

Das stimmt, ich sage das immer. Obwohl ich mir sicher bin, dass ihr alle sehr gut praktiziert, versuche ich zu ermutigen, noch etwas härter zu praktizieren, ein wenig mehr Schub zu geben. Wir sind alle Dharma‑Praktizierende in diesem Leben und haben diese wundervolle Gelegenheit, diesen Kostbaren Menschenkörper. Das Dharma steht uns jetzt zwar zur Verfügung, aber wir vergessen manchmal, dass wir es härter praktizieren sollten. Im westlichen Leben kann das zugegebenermaßen schwierig sein, weil man nicht viel Zeit hat. Die meiste Arbeit, in die die Leute verwickelt sind, hat mit dem Alltag zu tun, obwohl ich weiß, dass man damit sein ,,Dharma‑Leben" unterstützt. Aber wenn wir wirklich das Dharma praktizieren und frei von Samsara werden wollen, dann denke ich, dass wir härter praktizieren müssen. Natürlich ist dies hier nicht unser letztes Leben, aber es ist so kostbar! Es ist eine goldene Gelegenheit, und deswegen ist es so wichtig, es nicht zu vergeuden.

Hart praktizieren klingt für viele Westler nicht so einladend. Die Life-Style-Magazine sind voll mit Ausdrücken wie "Wellness", "Entspannung", und "Sei gut zu dir". Ist es möglich, Erleuchtung ohne harte Praxis zu erlangen?

Wenn ich von hart praktizieren spreche, dann will ich auf die Bedeutung des tibetischen Ausdrucks Tsöndru hinaus. Ich glaube, ihr verwendet jetzt Wörter wie Enthusiasmus oder freudige Anstrengung dafür. Hart praktizieren bedeutet nicht, dass man Körper und Geist unter viel Stress setzen soll. Es geht darum, sich mehr Zeit zu nehmen und die richtige Weise der Praxis zu finden. Zuerst einmal sollten wir eine sehr klare Sicht davon haben, was wir tun, und verstehen, welche Art von Resultat wir bekommen werden, zum Beispiel weniger Stress zu haben oder was auch immer. Dann sollten wir mit Freude praktizieren. Versucht mehr Zeit zu finden, versucht so viel wie möglich zu praktizieren.

Es gibt auch einen Unterschied zwischen einem Anfänger und jemandem, der schon lange Zeit praktiziert. Als Anfänger ist es gut, in kurzen Zeitabschnitten zu praktizieren und dann zu entspannen. Aber wenn jemand bereits an lange Meditationssitzungen gewöhnt ist, dann ist das für ihn leicht und einfach, je mehr ihr meditiert, um so mehr wird sich die Qualität eurer Meditation verbessern. Selbst das körperliche Gefühl wird besser und besser werden. Es ist ein stufenweiser Prozess.

Im Tibetischen gibt es den Ausdruck "Herz-Knochen", Nying-Rü. Was bedeutet er?

Es ist ein Wort um auszudrücken, dass man wirklich hart praktiziert, mit viel Entschlossenheit.

Ist es möglich, die Qualität der eigenen Dharma-Praxis zu ermessen?

Man muss sich ständig darüber bewusst sein, wie gut es bei einem selbst geht, überprüfen, welche Art der Verwirklichung man hat. Man muss bewusster werden. Seid geistesgegenwärtig, aber bewertet weder euch selbst noch eure Erfahrungen.

Ist das ohne einen Lehrer möglich?

Man braucht einen Lehrer, der Verwirklichung und Erfahrung hat, damit er einen anleiten kann und man nicht vom Pfad abkommt. Aber dann, wenn man diese Führung als ein Mittel benutzt, überprüft man die Dinge auch selbst.

Warum ist es gerade im Diamantweg so wichtig, einen Lehrer zu treffen?

Wenn man sich von Samsara befreien will, muss man das Dharma finden, und das kann man nicht allein. Man braucht Unterstützung und Hilfe ‑ und dafür ist der Lehrer am besten. Er ist derjenige, der uns den Weg zeigt und tatsachlich die Drei Juwelen ‑ Buddha, Dharma und Sangha ‑ repräsentiert. Jeder Lehrer hat die gleiche Essenz, und deswegen ist die richtige Weise, wie wir den Lehrer sehen sollten, auf seine oder ihre Qualitäten zu schauen und nicht auf die Form, die wir durch unsere fünf Sinne wahrnehmen. Im Moment ist alles, was wir durch die fünf Sinne erleben, illusorisch, so dass man in gewisser Weise verwirrt werden könnte.

Um dem allgemeinen buddhistischen Weg zu folgen, ist der Lehrer nicht so wichtig, aber im Diamantweg, dem Vajrayana, ist er fundamental. Da hier die Methoden sehr besonders sind, sollte dann auch die Verbindung besonders sein. Die Rolle des Lehrers ist hier sehr wichtig und man sollte sich auch sicher sein, dass er der richtige Lehrer für einen ist. Das gilt auch umgekehrt: Der Lehrer sollte sicher sein, dass man der richtige Schüler ist. Bis dahin brauchte es traditionell drei Jahre.

Was macht einen guten Dharma-Praktizierenden aus?

Ich würde sagen, um perfekte Praktizierende zu sein, müssen wir zu jeder Zeit bewusst sein und Bodhicitta, die erleuchtete Einstellung, haben. Das sind die wichtigsten Dinge. Mit diesen wird jede Praxis die wir machen und alles was wir im Alltag tun, immer positiv sein.

Was ist Bodhicitta, der Erleuchtungsgeist?

Solange die Wesen in Samsara sind und kein Bodhicitta haben, sind ihre Absichten und Handlungen immer auf ihr eigenes Glück ausgerichtet. Sie werden sehr selbstsüchtig und geraten so in viele Schwierigkeiten, zum Beispiel dass sie viele Emotionen haben, sie nicht kontrollieren können und nicht merken, ab welchem Zeitpunkt die Handlungen Probleme bringen. Aber wenn man Bodhicitta hat, hat man die Bewusstheit dafür, wie weit wir gehen können und an welchem Punkt eine Handlung negativ wird. Unser Handeln ist dann nicht nur für uns selbst, sondern immer für andere, ohne dabei Unterschiede zwischen ihnen zu machen. Der Prozess, hiermit als Anfänger zu beginnen und sich dann über verschiedene Stufen his hin zur vollen Verwirklichung zu entwickeln, macht den Bodhisattva‑Weg aus.

Man muss zwischen zwei Arten von Bodhicitta unterscheiden, dem relativen und dem absoluten. Relatives Bodhicitta beinhaltet, dass man liebende Güte und Mitgefühl entwickelt. Das beruht auf dem Verständnis, dass alle fühlenden Wesen aufgrund ihrer Störgefühle und ihres Karmas in Samsara leben. Dieses Verständnis führt natürlicherweise zu dem Wunsch nach Erleuchtung für alle Wesen. Mit diesem Wunsch handelt man dann als Bodhisattva und praktiziert die Sechs Befreienden Handlungen (skt. Paramitas), angefangen bei der ersten, der Großzügigkeit. Das macht das relative Bodhicitta aus. Letztendliches Bodhicitta ist das Verständnis der sechsten Paramita, der Weisheit. Durch die Verwirklichung des letztendlichen Bodhicitta werden alle sechs Paramitas vervollkommnet.

Was ist das Wichtigste auf dem Weg zur Erleuchtung?

Es gibt drei verschiedene Arten von buddhistischen Lehren. Wir, die wir davon die tantrischen Praktiken nutzen, müssen Bodhicitta entwickeln und die "innere und äußere Aktivität" anwenden. Das ist für uns, die wir die speziellen Methoden des Tantra verwenden, essentiell. Die "innere Aktivität" ist Geistesgegenwart, man überprüft den Zustand des eigenen Geistes. "Äußere Aktivität" bedeutet, gewissenhaft die äußeren Handlungen zu überprüfen.

Aber das Allerwichtigste ist Bodhicitta, die Bewusstheit dafür, dass unser Tun nicht nur für uns, sondern für alle Wesen ist. Die Wurzel davon ist liebende Güte und Mitgefühl. Ohne diese gibt es keinen Diamantweg.

Hängen die Resultate unserer Praxis davon ab, ob sie eine "höhere" Praxis ist? Letztes Jahr, in einem Interview mit der amerikanischen "Buddhism Today", sagtest du, dass es ohne die "Sechs Übungen Naropas" nicht möglich sei, in kurzer Zeit in die Tiefe zu gehen ...

Ich würde gar nicht von "höheren" oder "niedrigeren" Übungen sprechen. Buddha gab viele Arten von Methoden, und unter ihnen ist der Tantra‑Weg bekannt als der Pfad der sehr effektiven und geschickten Mittel. Die Sechs Übungen Naropas gehören zu diesem Pfad und bringen deswegen schnelle Resultate, wenn sie korrekt praktiziert werden. Dafür muss man ein sehr gutes Verständnis der ganzen Bedeutung des Dharma haben und Zeit im Retreat verbracht haben. Aber man kann nicht wirklich sagen, dass es "höher" wäre, so als ob zum Beispiel die Grundübungen etwas "Niederes" seien. Im Allgemeinen hängen die Resultate der eigenen Übung sowohl von der Intensität der Praxis als auch der eigenen Absicht ab, denn die Wurzel der Motivation sollte immer liebende Güte, Mitgefühl und die erleuchtete Geisteshaltung sein.

Wir beginnen mit dem festen Ziel in diesem Leben Erleuchtung zu erlangen, und wir werden Entschlossenheit brauchen, um gute Fortschritte zu machen. Unser Leben ist normalerweise sehr hektisch und deswegen ist es gut, die Prozesse wie die "Sechs befreienden Handlungen" stetig durchzuarbeiten. Wenn wir all die Methoden nutzen, die sowohl verfügbar sind als auch im Bereich unserer Möglichkeiten liegen, werden wir uns beständig entwickeln. In dieser Weise können wir in einem Leben Befreiung erlangen.

Wenn wir starke Wünsche gemacht haben, dann werden vielleicht die Bedingungen zusammenkommen, die es uns ermöglichen, die Sechs Übungen Naropas zu praktizieren. Andererseits können wir auch dem Mahamudra-Weg folgen, wie der Mahasiddha Saraha. Aber auch dieser erfordert Zeit im Retreat. Mit jedem Weg werden wir wirklich intensiv praktizieren müssen, wenn wir in diesem Leben Erleuchtung erlangen wollen.

Es kommt manchmal vor, dass bei Leuten, die schon viele Jahre praktiziert haben, die Inspiration und der Enthusiasmus der ersten Jahre verloren geht. Was würdest du in solchen Fällen raten?

Das liegt einfach in der menschlichen Natur, denke ich. So funktioniert Samsara, es ist einfach eine Gewohnheit, dass wir immer etwas Neues wollen. Sobald wir uns dann daran gewöhnt haben, langweilt es uns. Für die Dharma‑Praxis ist das ziemlich schlecht, und deshalb sollten wir versuchen, diese Gewohnheit aufzulösen. Wenn es dazu kommt, dann wäre es gut, über die ganz einfachen Grundlagen des Dharma nachzudenken: die vier Grundgedanken. Das Beste in dieser Situation wäre, zu den Grundlagen zurückzukehren.

Lama Ole und Hannah haben ungefähr 450 Zentren rund um die Welt gegründet und es scheint, dass es im Westen weiter wächst. Was siehst du als Grund für diese Entwicklung?

In erster Linie ist es das Karma aus den früheren Leben all der Dharma‑Freunde, das nun heranreift. Alle günstigen Umstände, die wir brauchen, müssen vorhanden sein. Hinzu kommt, dass wir jetzt das Allerwichtigste haben ‑ die Belehrungen, die wirklich geradewegs in unseren Geist gehen und ihn öffnen. Ich denke, dass es tatsachlich drei Hauptursachen gibt: die Schüler, den Lehrer und die Lehren. Jetzt müssen wir uns anstrengen, dieses Potenzial auch zu entwickeln.

Hast du besondere Wünsche?

Ganz einfach den Wunsch, dass jeder so schnell wie möglich Erleuchtung erlangt, wirklich jeder. Das ist alles.

Hast du eine Botschaft an die buddhistischen Praktizierenden? 

Das Dharma zu praktizieren ist das Wichtigste überhaupt und darüber hinaus ist es sehr wichtig, in jedem Aspekt eurer Aktivität Bodhicitta zu haben. Es ist sehr aufregend oder inspirierend, etwas Neues zu beginnen. Aber schwieriger ist es, das Begonnene fortzuführen. Es ist so schwer, weil es Zeit kostet und weil man Mut braucht. Es fordert uns viel ab. Deswegen möchte ich euch nahe legen, mit der Praxis fortzufahren und das Dharma in euren Leben so viel wie möglich zu nutzen.

 


Zusammengestellt aus zwei Gesprächen mit Gyalwa Karmapa - eines in Karma Gön, Spanien, am 30. Mai 2004, mit Fragen von Claudia Knoll und Detlev Göbel, das andere im Bus zwischen Prag und Brno in der Tschechischen Republik, am 23. Juni 2004 mit Fragen von Roman Laus.

Bearbeitet von Gyalwa Karmapa zusammen mit Hannah Nydahl, Tomek Lehnert, Caty Hartung, Steve und Christina James. Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Knoll und Detlev Göbel.