Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

"Ich entscheide mich für's Glücklichsein"

Interview mit Zuzia Czapnik

Im Frühling 1976 haben die Eheleute Zuzia und Wladyslaw Czapnik Lama Ole Nydahl zum ersten Mal nach Polen eingeladen. Die Begegnung fand in Krakau statt und wurde der Anfang des Buddhismus der Karma Kagyü Schule in Polen. Anlässlich des 25. Jubiläums dieses Ereignisses erschien in der polnischen Ausgabe der Zeitschrift "Buddhismus Heute" dieses Interview - eine Erinnerung von Zuzia.

Kannst du dich an den Tag erinnern, an dem du Lama Ole zum ersten Mal getroffen hast?
Ich kann mich sehr gut erinnern. Damals arbeiteten mein Mann und ich in einer Telefonzentrale - ich als Telefonistin, Wladyslaw als Instandhalter. Eines Tages sagte Wladyslaw aus einem starken, inneren Impuls heraus: "Behalte du die Zentrale im Auge, ich gehe kurz nach Hause rüber". Eine Weile später standen Ole und Hannah an der Schwelle unserer Wohnung und stellten sich lächelnd vor. Wladyslaw bat sie herein. Ole musste sein ganzes Sprachgeschick anwenden, denn Wladyslaw, der nie Englischunterricht besucht hatte, sprach das selbst erlernte Englisch genau so aus wie man es schreibt.

Was geschah während dieses ersten Besuches?
Ich erzählte von meinen Zen-Übungen, die ich damals praktizierte, erklärte ihm die Konzentration auf das Hara. Während ich das sagte, fühlte ich mich, als sei ich der Meister. Ole hörte aufmerksam zu und wiederholte nur: "Ja, ja, gut". Auf einmal legte er seine Hand, mit einem kleinen Gegenstand darin, auf meinen Kopf. Ich spürte, wie warme Tropfen von oben in mich hineinströmten. Eine Erfahrung, die ich bis dahin noch nicht kannte. Erst einige Zeit danach erfuhr ich: Es war der Segen.

Danach bereitete ich das Essen zu. Hannah las ihre Bücher. Währenddessen machten sich Ole, Wladyslaw und unsere Tochter Ania auf den Weg, ein paar gute Freunde zu finden, um sie von der Ankunft der Gäste zu benachrichtigen [damals hatte selten jemand ein Telefon]*. Den Ersten trafen sie nicht an, den Zweiten auch nicht und der Dritte war ebenfalls nicht da. Völlig resigniert gingen sie zu dem Vierten, und siehe da, hier fanden sie auch alle Übrigen versammelt.

An diesem Tag gab uns Ole die Mahayana-Zuflucht und am Abend zeigte er uns Dias aus Tibet. Am nächsten Tag bekamen wir die Karmapa-Meditation. Im Zen brauchten wir uns nichts vorzustellen, wir arbeiteten nur mit dem Atem. Hier gab es zum ersten Mal eine Vergegenwärtigung. Ich stammte aus einer protestantischen Familie und war es nicht gewohnt, mir die Vielfalt religiöser Formen vorzustellen. Für Wladyslaw war die Meditation auf verschiedene Buddhaformen kein Schock wie für mich. Er war sehr glücklich, das zu bekommen, wonach er immer gesucht hatte. Damals ließ Ole auch das Buch "Über die Natur des Geistes" da - in dem Ole und Hannah die Lehren von Kalu Rinpoche niedergeschrieben hatten.

Hast du bei der ersten Begegnung mit Ole geahnt, dass vor dir ein künftiger Lama und Lehrer steht, der dein Leben verändern würde?
Solche Fragen stellt man sich erst nach Jahren. Ich empfing Gäste immer mit großer Freude, doch damals erwartete ich eher einen Gentleman aus dem reichen Westen. Ich wusste nicht, was ein Verwirklicher ist. Ole sah nicht wohlhabend aus, mir blieben die abgewetzten Koffer in Erinnerung. Es kam mir damals nicht in den Sinn, dass sie wegen der zahlreichen Reisen so aussahen. Andererseits haben mich die bescheidenen polnischen Verhältnisse nicht in Verlegenheit gebracht, in denen wir lebten. Ich musste ihnen nichts vormachen.

Oles Besuch bei euch war kein Zufall. Kannst du uns erzählen, wie es dazu kam?
Für mich war der Diamantweg etwas Geheimes. Wladyslaw wollte ihm immer begegnen, wollte Neues erfahren, war immer auf der Suche. Beim Ordnen seiner Papiere fand ich Notizen und Broschüren über den Buddhismus noch aus dem Jahre 1957. Er war Mitglied im "Polnisch-Indischen Verein". Während er Zen praktizierte, leitete er den Verein "Jednota Braci Polskich" (Polnische Unitarier). Ein Mann aus dieser Gruppe fand in Kopenhagen das buddhistische Zentrum von Ole, als er nach einer günstigen Übernachtungsmöglichkeit suchte. Nach seiner Rückkehr erzählte er Wladyslaw, er habe sooo... einen (hier ballte er die Hand zu einer Faust) Vajra-Meister getroffen. Wladyslaw bat um seine Adresse. Er schrieb Ole einen Brief, in dem er die Erfahrungen beschrieb, die er in seinen Träumen machte. Ole antwortete sofort: "Ich komme." Wir waren auf diesen Besuch nicht vorbereitet. Wir wussten, dass nach Westeuropa und Amerika manchmal "fernöstliche Gurus" kommen, die sich dann als Betrüger entpuppen. Es kam uns in den Sinn, ob das nicht einer von ihnen sein könnte. Wladyslaw schlug deswegen vor, Ole solle erst ein Jahr später kommen. Diese Zeit wollte er nutzen, um mit ihm zu korrespondieren, um ihn besser kennen zu lernen. Ohne sich darüber den Kopf zu zerbrechen, tauchten Ole und Hannah im Oktober 1976 in Krakau auf.

Wann kam Ole wieder nach Polen?
Das nächste Mal kam er im April 1977 nach Krakau, dann im März und November 1978, und im März und Oktober 1980. Damals brauchten wir bereits eine größere Wohnung für den Vortrag. Oles erster Besuch außerhalb von Krakau fand im März 1981 in Danzig statt, zur Zeit der "Solidarnosc". Gerade zu dieser Zeit haben die "traurigen Herren" [so nannte man die Spitzel] ihre Notizen gemacht. Als Ole uns sagte, dass wir in einem Land lebten, in dem wir viel mehr Zeit zum Meditieren hätten als die Menschen im Westen, steckten sie ihre Notizblöcke weg - wir waren keine Bedrohung für sie.

Im Januar 1983 mussten wir für den Vortrag einen noch größeren Saal mieten. Es kamen um die 500 Leute. [Die politische Lage war angespannt und öffentliche Versammlungen verboten, so dass Wladyslaw befürchtete, man könnte uns verhaften oder in irgendeiner anderen Weise die Veranstaltung stören. Er fühlte sich für uns verantwortlich. Das ist nicht einfach zu verstehen für jemanden, der diese Zeit nicht kennt.]

Nach Oles Besuchen begannen auch andere Lamas nach Polen zu kommen... .
Der erste tibetische Lama, der Polen besuchte, war Ayang Rinpoche. Das war im November 1981. Es war Ole, der ihn nach Polen einlud, um uns die Phowa-Praxis zu geben. Das fand in Stettin in einer privaten Wohnung statt. Wir waren damals 45 Leute. Es dauerte zehn Tage. Wir verbrachten die Zeit beim gemeinsamen Essen, Schlafen und Meditieren... nur Karol und Herminka verließen unsere Gruppe, heirateten in Krakau, verabschiedeten sich von den Hochzeitsgästen, kehrten zu uns zurück und beendeten erfolgreich die Praxis.

In Krakau wiederum war 1984 Beru Khyentse Rinpoche der erste Tibeter. Er war einer der hohen Tulkus um den Karmapa. Er gab uns eine Reihe von Einweihungen: auf "Rote und Weiße Befreierin", "Buddha des Grenzenlosen Lichtes", "Mahakala", "Rote Weisheit" und "Diamantgeist". Die Zeremonien kamen direkt aus Tibet mit einer Fülle von Formen und komplizierten Vergegenwärtigungen. Im März 1986 kam Tenga Rinpoche nach Krakau und im Juni besuchte uns Situ Rinpoche. Im Mai 1987 kam zum ersten Mal Lopön Tsechu Rinpoche nach Warschau. Etwas später im November kam Jamgön Kongtrul Rinpoche nach Posen. Im November 1989 besuchte uns Gyaltsab Rinpoche in Warschau und ein paar Tage später Beru Khyentse Rinpoche. 1991 kam Lopön Tsechu Rinpoche nach Krakau und später nach Kuchary. 1994 erschien Künzig Shamarpa Rinpoche zu einem kurzen Besuch in Krakau.

Ich erinnere mich, wie ich die Mahlzeiten für Lama Tsechu vorbereitete. Ich versuchte, die alte tibetische Tradition einzuhalten, nach der zuerst der Lama die Mahlzeit zu sich nimmt und erst danach die anderen essen können. Der Dolmetscher hatte großen Hunger, aber auch er musste warten. Er war unzufrieden, doch ich deutete auf Wojtek, der meditierend in einer Ecke der Küche saß und sagte: "Wenn du so praktizierst wie er, kriegst du etwas zu essen".

Am Anfang gab es viele Enthusiasten, die mit ihrem Eifer und ihrer Hingabe andere ansteckten. Was denkst du, warum sind diese Leute später einfach verschwunden?
Der Buddhismus ist ein Erfahrungsweg, wir gehen ihn gemeinsam, aber jeder hat das Recht anzuhalten, zu prüfen, zu betrachten... Diejenigen, die die ganze Zeit vorwärts gehen, sind die Glücklichen, weil sie Vertrauen zum Lehrer haben, sich sicher fühlen und ohne Hindernisse praktizieren können. Manchmal ist ein wenig Leid die Ursache dafür, dass jemand die Motivation verliert. Ich selbst war an einem solchen Punkt, als ich 1980 mit der Diamantgeist-Praxis fertig war und mich mit anderen Augen betrachten musste. Das war sehr schmerzhaft.

Wo hat eure Gruppe am Anfang meditiert?
Nach Oles erstem Besuch stellte Wladyslaw unser Zimmer zweimal in der Woche zur Verfügung. Anfangs leitete er die Meditationen selbst, bereitete die Vorträge mit Dharmabelehrungen vor, übersetzte und bearbeitete Texte, die uns helfen sollten, den Diamantweg kennen zu lernen und zu verstehen. Er betreute auch Gruppen in anderen Städten, besuchte und unterstützte sie. Andere folgten ihm. Als wir mehr wurden, trafen wir uns täglich in einer anderen Wohnung, aber stets dieselbe Gruppe - wir waren nahe Freunde. Wir waren gerne zusammen. Es war die Zeit der Faszination und des Kennenlernens. Wir waren so voller Energie, dass wir jeden Tag in einen anderen Stadtteil zum gemeinsamen Meditieren fuhren. Im Berufsleben fand damals kaum jemand Erfüllung. Jeden Tag hatten wir ein anderes Programm: Zum Beispiel mittwochs ging man zu Richard zur Liebevolle-Augen-Meditation, am Donnerstag zu Czapniks zur Karmapa-Meditation, freitags zu Lodka und Zbyszek zur Diamantgeist-Meditation usw. So ging das bis ins Jahr 1988, bis wir einen eigenen Raum in der Dukatowstraße hatten. Ein Teil der Gruppe kam weiterhin zu uns. Die Donnerstagstreffen in unserem Haus dauerten bis 1991, bis wir in das heutige Zentrum umzogen.

Alle haben dein Haus in Erinnerung - mit Wladyslaw in der kleinen Küche, in der Gespräche auf höchster Ebene stattfanden und mit dir, wie du schaffend und Essen vorbereitend die mühevoll ergatterten Vorräte mit den Gäste teiltest. Wie bist du damit zurechtgekommen?
Damals dachte ich nicht daran, aber heute mache ich mir manchmal Vorwürfe, dass ich vielleicht meine Familie vernachlässigt habe - vor allem meinen kleinen Sohn. Das Zubereiten von Maultaschen, Pfannkuchen oder Suppe ist weder kompliziert noch teuer und alle wurden satt. Manchmal brachte jemand etwas zu essen mit - meistens war das Schmelzkäse.

Problematisch wurde es, als der Zucker rationiert wurde. Zum ersten Mal in meinem Leben begann ich darauf zu achten, wie viel Zucker andere Leute verwendeten. Ich konnte nicht mehr schlafen - ich dachte an den Zucker. Als ich losgelassen hatte - "wenn es keinen Zucker gibt, werden wir nicht süßen" - der Zucker blieb, nur das Problem war weg.

In kürzester Zeit wurde euer Haus (54 qm) zu einem Zentrum nicht nur für Krakau, sondern für ganz Polen. Es erfüllte auch die Rolle eines kostenlosen Hotels für Durchreisende.
Ja. Es kamen Leute aus Stettin, Warschau, Posen und Danzig: Janek Gegalo, Danusia und Wojtek Tracewscy, Grzesiu Dybko, Tadeusz Uchto, Ewa Orzechowska, Beata Piech, Grzesiu. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Namen, aber um so besser an die einzelnen Menschen. Jeder hatte einen Schlafsack und legte sich dort hin, wo gerade Platz war. Manchmal blieb mir selbst kaum Platz.

Diese frühe Phase war leichter für die geistige Entwicklung. Alles war einfacher, die Leute hatten mehr Zeit, alles war billiger, obwohl ich sehr wenig verdiente, war es kein Problem für alle zu kochen.

Wladyslaw hat zusammen mit einigen anderen bei der Übersetzung buddhisti­scher Bücher und Texte Pionierarbeit geleistet. Wie war das damals?
Bereits bei seinem ersten Besuch ließ uns Ole das Buch "Über die Natur des Geistes" da, das Wladyslaw und Marek Has übersetzten. Er gab uns auch eine Kassette mit der Liebevolle-Augen-Puja [von Ole und Hannah selbst gesungen] und als er das nächste Mal kam, erhielten wir den Text dazu. [In der Zwischenzeit hatten wir den Text vom Tonband abgeschrieben und verwendeten so lange diesen. Er unterschied sich natürlich vom Original...]. Wir bekamen auch den Text für die Karmapa-Meditation. [Ein Problem war das Vervielfältigen. Damals gab es keine Kopiergeräte für den privaten Gebrauch und selbst wenn, war das Kopieren und Veröffentlichen für Privatpersonen ohnehin verboten. Doch Wladyslaw fand einen Weg. An seiner Arbeitsstelle gab es ein Kopiergerät. Zu dieser Zeit wurden nicht nur Zucker und Schokolade, sondern auch Wodka rationiert. Obwohl wir selbst keinen Wodka tranken, lösten wir unsere Marken tüchtig ein. Die Herren, die das Kopiergerät bedienten, freuten sich darüber, und wir hatten unsere Kopien - heimlich herausgetragen in einer schwarzen Aktentasche].

Das Problem bei den ersten Übersetzungen bestand darin, dass es im Buddhismus viele Begriffe gibt, deren Bedeutung von der in anderen Religionen abweicht. Man musste den Buddhismus erst kennen lernen und verstehen, um die richtigen Worte für bestimmte Zustände zu finden oder ihre Bedeutung neu zu definieren. Es brauchte seine Zeit, bis Begriffe wie Geist, Unwissenheit, Bewusstsein, Raum, Mitgefühl, Leerheit sich in unserer Sprache etablierten. Manchmal verwenden Leute, die über den Buddhismus schreiben, ohne ihn zu praktizieren, verschiedene Begriffe wie zum Beispiel Dreifaltigkeit für drei Kayas, was einen ganz anderen Effekt hervorruft. Hinzu kam, dass alles Gedruckte zensiert wurde. Wir durften DIN A5 Broschüren bis zu 16 Seiten drucken, und es war schwierig diese Begrenzung zu überwinden. Die Bücher hefteten wir zu Hause selbst.

Du hast gearbeitet, warst eine Säule der Sangha, Ehefrau, Mutter - und deine Praxis?
Sogar meine Tochter wundert sich, wie ich das gemacht habe. Ich war streng zu mir selbst - "verschwende keine Zeit, verschwende kein Geld" - eine Erziehung aus dem Elternhaus. Es stimmt, der praktische Teil des Lebens war meine Aufgabe, Wladyslaw kümmerte sich um den geistigen. Ich stand jeden Tag um halb fünf auf. Ich breitete meine Decke in der Küche aus und meditierte. Kurz vor sechs machte ich Schluss und widmete mich dem Haushalt. Um acht Uhr war ich in der Arbeit. Nachmittags ging ich zu den gemeinsamen Meditationstreffen. Am Wochenende schloss ich mich für den halben Tag im Zimmer ein und habe praktiziert. Als ich Urlaub machte, ging ich kaum aus dem Haus. Die ganze Zeit meditierte ich in meinem Zimmer. Der Vermieterin erklärte ich, ich sei sehr müde und bräuchte viel Schlaf.

Gibt es etwas, was du als erfahrene Buddhistin der jungen Generation auf den Weg geben möchtest?
Vor allem das Ziel nicht aus den Augen verlieren - bevor wir es nicht deutlich sehen, sollten wir bedingungsloses Vertrauen haben. Wenn wir bei unseren Lehrern Fehler sehen, sollten wir verstehen, es sind unsere eigenen Projektionen, da der Lehrer uns nur unseren eigenen Geist zeigt. Wenn Hindernisse auftauchen, wenden wir uns an den Lehrer und fühlen Dankbarkeit. Und die Praxis! - Es geht nicht darum, einen Wettbewerb mit sich selbst oder anderen zu führen, sondern jeden Tag regelmäßig zum Wohle der anderen zu praktizieren.

Dein Motto?
Ich habe alles durchgemacht, was ein Mensch durchmachen kann - den Krieg, den Verlust von Brüdern, vom Ehemann und vom Sohn. Wenn ich heute die Wahl habe, glücklich oder unglücklich zu sein, entscheide ich mich für's Glücklichsein.

*[Anmerkungen in Klammern] - einzelne, von den Übersetzern eingefügte Sätze zum besseren Verständnis des Inhalts


Übersetzung: Ania Czapnik und Marta Wandzilak