Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

"Unser Verhältnis empfinde ich als nächste Familie"

Von Lama Ole Nydahl

Interview mit Lama Ole Nydahl zum Besuch des 17. Karmapa Thaye Dorje in Europa in 2004.

Lama Ole, du und deine Frau Hannah haben den 17. Karmapa Thaye Dorje auf den meisten Stationen seiner Europa-Tour dieses Jahr begleitet. Könntest du uns etwas über deine Eindrücke von dieser Reise erzählen?

Als steter Haupteindruck bleibt, wie erwachsen wir alle geworden sind - wie ausgeglichen und reif wir inzwischen die Spiele der Gesellschaft beherrschen. Es gab keine Spinner, keine schwierigen Leute, die sich vorzeigen müssen. Stattdessen sah man eine runde Zusammenarbeit und alles war bestens in die Wege geleitet in unseren Diamantwegzentren überall. Was die Lamas wohl zum ersten Mal richtig entdeckt haben, und was Karmapa, Shamarpa, Shangpa Rinpoche samt Fußvolk hell begeistert hat - und was sie offensichtlich nicht wussten, ist, wie hart wir arbeiten. Auf Karma Gön in Spanien einem Phowa-Kurs aus wenigen Metern beizuwohnen, mit täglich neun Stunden Urgeräuschen aus 2100 Kehlen, hinterließ bei ihnen einen bleibenden Eindruck.

Ein anderes Schlüsselerlebnis war in Hamburg, wo sie die Dauertiefe unserer Einstellung verstanden - dass es um die Sache und nicht um die Exotik geht. Dort besuchten Lama Tsültrim Namgyal und seine Kollegen einen meiner Vorträge und sahen mit Verwunderung, dass der Saal noch voller war als bei der Einweihung am nächsten Tag - dass die Leute also nicht kamen, um die „Giraffen" zu sehen, wie wir Dänen sagen, sondern um zu lernen. Klar war ich superfroh und noch überzeugter, mein bekanntes „Filtern" der neuen Leute und die Schwingungen in unseren Zentren würden uns die spannendsten Menschen zuführen.

Wie war dein persönlicher Eindruck von Gyalwa Karmapa? Gab es für dich in der Begegnung mit ihm etwas sehr Herausstehendes?

Hochbegabt, aufmerksam, alle Auskünfte zu sich nehmend und für seine 21 Jahre unglaublich reif. In dem Alter kam ich selbst aus dem dänischen Heer und fing an, die Wirtshäuser Kopenhagens auseinander zu nehmen. Er hat inzwischen auch „Die Buddhas vom Dach der Welt" und „Über alle Grenzen" gelesen und schmunzelt über den Unterschied seiner Rollen damals und jetzt. Unser Verhältnis erlebe ich als nächste Familie und ich denke, er sieht mich als Quelle von viel Allgemeinwissen und vor allem als seinen Schützer, was ich auch bin. Die langen Strecken im Kleinbus quer über Europa zusammen waren ein Daueraustausch auf allen Ebenen und er genoss es, bei unseren Laien kein steifes, rituelles Gesicht aufsetzen zu müssen. Hannah und ich haben ihm - jede/r in seiner/ihrer Weise - viel Geheimes aus der tibetischen Welt erzählen können, was seiner Arbeit nutzen wird, aber was asiatische Höflichkeit unter den Tisch fallen lässt.

Wie siehst du die Bedeutung dieser Reise für die Diamantweg-Praktizierenden in Europa? Siehst du einen Unterschied zu Karmapas erstem Besuch im Westen vor vier Jahren?

Obwohl Karmapa das letzte Mal sehr jung war, mit der riesigen Begegnung in Düsseldorf anfing und auch öfters auf der Fahrt krank war: Unser Wachstum in Tiefe wie in Breite überall wurde ihm voll bewusst. Er erwähnte mehrmals, der Diamantweg sei der Weg der Zukunft und suchte Wege, vor allem nach den Einweihungen und in entspannten Augenblicken seine Dankbarkeit zu vermitteln.

Hat Karmapa sich dir gegenüber geäußert über seine neuen Eindrücke in den westlichen Zentren?

Das musste er nicht. Es war klar. Er fühlte sich überall vor allem gut. In Karma Gön, Passau, Heidelberg, Hamburg, Braunschweig, Amden und Budapest waren halt der Raumgewinn und die Bauleistungen hervorragend. Aber sonst umfasste ihn das breite Diamantweg-Gefühl überall.

Was sagt er über unsere Art zu leben und zu praktizieren als westliche, moderne Laien- und Verwirklicher-Buddhisten?

Wie schon erwähnt - dass wir die Zukunft sind. Er fühlte sich mit der Offenheit in unseren Beziehungen und den weiten Rollen unserer Frauen sehr gut und war vor allem froh über unser Verhalten den Kindern gegenüber, dass es Kinderschutzgesetze gibt. Bei Tibetern wie bei vielen Naturvölkern heißt Erziehung einfach platt hauen. Allgemein sieht er es als hohe Verwirklichung, mit Körper, Rede und Geist für die Wesen zu arbeiten und zugleich nicht von der bedingten Welt gefangen zu werden.

Gyalwa Karmapa hat vor allem Einweihungen gegeben, nur selten Belehrungen. Geschah das auf seinen Wunsch hin, wünscht er das zurzeit noch so?

Es ist seine eigene Wahl, vor allem breit zu gehen. Auch der 16. Karmapa arbeitete so und schickte dann die Leute weiter für die Einzelheiten. Wie ihr wisst, tue auch ich dasselbe, bestens unterstützt vom nahen Team und unseren Experten überall. Belehrungen, so wie unsere Reiselehrer und ich sie geben, findet man übrigens in alt hergebrachten Kulturen kaum. Der Lehrer erklärt hier einfach die Worte oder Erläuterungen eines von allen anerkannten und als weise angesehenen und meist Jahrhunderte alten Meisters und es werden keine Fragen gestellt. Nur wer einen sehr hohen Titel besitzt, zieht hier mitunter Beispiele aus der jetzigen Zeit hinzu, die den Stoff den Zuhörern nahe bringt. Sicher denkt Karmapa so lebensbezogen wie wir, aber er hat diesen Stil des Austausches nicht gelernt und will keine Fehler machen. Auch muss er als Mönch viel feierlicher arbeiten - unser entspannter und tabuloser Stil wäre in Asien schon wildes unhöfliches Yogitum.

Lopön Tsechu Rinpoche hat ja während der letzten Jahre riesige Einweihungen gegeben. Also bestand der Wunsch bei vielen, die davon gehört hatten, in der Weise den Übungen näher zu kommen.

Gyalwa Karmapa gab einige Einweihungen, die in Europa viele Jahre nicht mehr gegeben wurden, wie auf Mahakala „Schwarzer Mantel" und „Höchste Freude". Wie kam es dazu, habt ihr ihn darum gebeten?

Die Ehre für Schwarzer Mantel gehört Pedro. Höchste Freude usw. waren die Wünsche von Hannah und mir.

Können wir damit rechnen, dass Karmapa in den kommenden Jahren regelmäßig solche Touren machen wird?

Es ist noch nicht entschieden und so dauerhaft wie in den Jahren 2000 und 2004 werden die Fahrten sicher nicht. Es wäre aber schön, wenn er öfters kommen könnte.

Wird sich durch seine Aktivität im Westen deine Aktivität verändern?

Denke ich nicht, außer er gibt mir besondere Aufträge. Dass er an den vollen Tagen lehrt und ich an den Reisetagen die Arbeit übernehme, hat sich bestens bewährt. Die Leute spüren einfach meine Begeisterung für ihn als Einleitung und er wird nicht zu sehr verschlissen. Dass wir jetzt auch Rumtek gewonnen haben, lässt uns trotz der erstaunlichen Einseitigkeit der Presse vor den „Insidern" sehr gut dastehen.

In Karma Gön haben Gyalwa Karmapa, Künzig Shamar Rinpoche und einige andere Rinpoches zum ersten Mal hautnah einen großen Phowa-Kurs (mit 2100 Teilnehmern) miterlebt. Wir hörten, dass sie sich teilweise sehr beeindruckt geäußert haben. Kannst du darüber etwas erzählen?

Die Frage beantwortete ich schon am Anfang, weil sie mir so wichtig ist. Dass wir in eigener Sprache ein psychologisches, erfahrungsmäßiges und selbstständiges Verhältnis zur Lehre anstreben, bedeutet in keiner Weise „Buddhismus light", wie einige Neider es gerne darstellen, sondern noch mehr Eigenverantwortung und Reife. Dass unsere höchsten Lehrer jetzt wissen wie wir üben, ist ein großer Gewinn.


Die Fragen stellten Claudia Knoll und Detlev Göbel.

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