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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 38, ( 2004)

Rumtek rückt näher

Von Michael den Hoet

Bestätigung für den 17. Karmapa Thaye Dorje: Karmapa Charitable Trust vom Höchsten Gericht Indiens als rechtmäßiger Eigentümer des Klosters Rumtek anerkannt

Der indische Supreme Court, das höchste Gericht Indiens, hat den Karmapa Charitable Trust als rechtmäßigen Eigentümer des Klosters Rumtek bestätigt. Das in der nordindischen Provinz Sikkim im Himalaja gelegene Kloster Rumtek ist seit den 60er Jahren der offizielle Sitz Seiner Heiligkeit des Karmapa, der heute neben dem Dalai Lama als einer der wichtigsten religiösen Würdenträger Tibets gilt. Das Urteil vom 5. Juli ermöglicht es dem Trust, die Kontrolle über Rumtek wiederzuerlangen und S. H. den 17. Karmapa Thaye Dorje an seinem rechtmäßigen Sitz einzusetzen. Der Supreme Court bestätigt damit zwei vorinstanzliche Gerichtsurteile. Eine Berufung gegen diese Entscheidung ist nicht möglich.

Der 21-jährige 17. Karmapa Thaye Dorje ist das Oberhaupt der tibetisch-buddhistischen Karma-Kagyü-Tradition und gilt als eine Zukunftshoffnung des Buddhismus. Er ist das spirituelle Oberhaupt von über 640 Zentren in 51 Ländern.

Sein Vorgänger, der 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje, war 1959 aus Tibet geflohen und hatte sich in Sikkim nieder gelassen. Dort ließ er das Kloster Rumtek als seinen neuen Hauptsitz errichten. Hier sammelte er auch wichtige Reliquien der Karma-Kagyü-Schule, unter an­derem die berühmte „Schwarze Krone" der Karmapas. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje bestimmte, dass der von ihm gegründete „Karmapa Charitable Trust" nach seinem Ableben die treuhändische Leitung des Klosters übernehmen sollte. Schließlich sollte diese dem 17. Karmapa nach Erreichen seiner Volljährigkeit übertragen werden.

Im Streit um die neue Karmapa-Inkarnation wurde Rumtek elf Jahre nach dem Tod des 16. Karmapa im Jahr 1981 Gegenstand einer erbitterten Auseinandersetzung. Obwohl für die Wiederauffindung des Karmapa der erste Linienhalter Shamar Rinpoche federführend verantwortlich war, präsentierten die beiden untergeordneten Linienhalter Tai Situ Rinpoche und Goshir Gyaltsab Rinpoche im Juni 1992 mit Urgyen Trinley einen eigenen Karmapa-Kandidaten. Entgegen den Gepflogenheiten ließen sie diesen vom Dalai Lama bestätigen, der jedoch einer anderen buddhistischen Richtung, der Gelugpa-Tradition, angehört. Sogar das Sekretariat für Religiöse Angelegenheiten der Volksrepublik China er­kannte diesen umstrittenen Jungen als Titelträger an.

Danach spitzten sich die Ereignisse zu: Am 2. August 1993 nahm eine von Tai Situ Rinpoche und Goshir Gyaltsab Rinpoche geleitete Gruppe Rumtek unter Anwendung von Gewalt ein. Sie stützte sich dabei auf Polizeitruppen, welche die damalige Regierung von Sikkim zur Verfügung gestellt hatte. Seitdem war der Besitz des Klosters eine Schlüsselangelegenheit in der Kontroverse um den Karmapa-Titel gewesen - vor allem, seit Shamar Rinpoche im April 1994 den 17. Karmapa Thaye Dorje der Öffentlichkeit vorstellte.

Fast zehn Jahre lang hatte der Karmapa Charitable Trust versucht, mit Hilfe der Gerichte die Kontrolle über Rumtek wieder zu erlangen. Nachdem die unter schwerem Kor­­ruptionsverdacht stehende Provinzregierung unter N. B. Bandhari abgewählt worden war, reichte er 1997 seine erste Klage beim Bezirksgericht in Gangtok ein. Bei der Anhörung wurde deutlich, dass die Gruppe um Gyaltsab Rinpoche, die unter der Bezeichnung „Tsurphu Labrang" auftrat, ihren Anspruch auf die Verwaltung Rumteks mit keinerlei Dokumenten belegen konnte. Demgegenüber legte der Karmapa Charitable Trust Protokolle von Sitzungen vor, die bis ins Jahr 1983 zurückreichten.

Nach einer erheblichen Verzögerung des Verfahrens, die von einer Antragsflut der Verteidigung ausgelöst wurde, verneinte das Bezirksgericht im Jahr 2002 den Anspruch von Gyaltsabs Gruppe auf die Verwaltung von Rumtek und bestätigte die Besitzrechte des Karmapa-Trust an dem Kloster.

Daraufhin gingen Gyaltsab Rinpoche und sein Sekretär Tenzin Namgyal beim High Court in New Delhi in Berufung. Da das Hohe Gericht keine neuen Beweise feststellen konnte, welche eine Anfechtung des ursprünglichen Urteils erlaubt hätten, verwarf es die Berufung am 19. März 2003.

Im Namen von Urgyen Trinley hatte Tenzin Namgyal die folgende Berufungsklage beim höchsten indischen Ge­richt, dem Supreme Court in New Delhi, eingereicht. Am 5. Juli 2004 verwarf das Gericht diese Berufung aufgrund auffälliger Widersprüche in der Berufungsschrift Tenzins, die dieser nicht erklären konnte, sowie mit der Begründung, dass Tenzins Gruppe keinerlei Dokumente vorweisen konnte, um den Anspruch auf die Leitung Rumteks zu belegen. Damit ist der Karmapa Trust nach indischem Gesetz der rechtmäßige Verwalter Rumteks.

Die Entscheidung eröffnet den Weg für den Karmapa Trust um die momentanen, unrechtmäßigen Bewohner aus Rumtek herauszuklagen und eine Inventarisierung der dort gelagerten Werte vorzunehmen. Sobald dieses Inventar durchgeführt wurde, kann die Verwaltung des Karmapa-Trusts über Rumtek wiederhergestellt werden. Dies wird den Weg für Gyalwa Karmapa Thaye Dorje ebnen, der somit zu dem Sitz zurückkehren könnte, den der 16. Karmapa einst begründete.

Eine detaillierte Darstellung der Geschichte des Falles Rumtek ist zu finden unter

http://www.karmapa-issue.org (in englischer Sprache).

Übrigens: Im Internet unter

http://www.atimes.com/atimes/China/FG21Ad06.html kann man einen Bericht von Julian Gearing aus der „Asia Times" über die Auswirkungen des Urteils auf die Karma Kagyü-Linie nachlesen.

(Artikel vom Juli dieses Jahres, in englischer Sprache)

Bericht auf der Basis einer Presseerklärung des IKKBO (International Karma Kagyu Buddhist Organization). Textbearbeitung: MdH


MICHAEL DEN HOET

Norddeutscher Historiker mit nieder-

ländischen Vorfahren. Seit 1986 Buddhist,

gelegentliche Vorträge und Artikel,

Mitarbeit in Presseangelegenheiten

für den BDD e.V. und Lama Ole Nydahl.

michael.den.hoet@diamondway-center.org.