Aus: Buddhismus Heute Nr. 36, (Herbst 2003)

Im Drachen-Land - Pilgerreise mit Lama Ole Nydahl in Bhutan, März 2003

Von Detlev Göbel

Jomolungma, Lhotse, Nuptse, Kanchenjunga ziehen majestätisch draußen am Fenster vorbei. Für kurze Zeit bekommt die anmutige Schönheit der bhutanesischen Stewardessen der „Druk Air“ Konkurrenz. Alles drängt sich an den kleinen Fenstern des Fliegers um einen Blick zu erhaschen und zu fotografieren.

Wir fliegen von Kathmandu nach Paro in Bhutan und haben den Flieger „für uns“ - keine anderen Passagiere außer unserer Pilgergruppe. Über den Bordlautsprecher hören wir Lama Oles Stimme aus dem Cockpit. Er begrüßt uns zu unserer gemeinsamen Pilgerreise in das immer noch geheimnisvolle „Land der Drachen“.

Freunde aus allen Teilen der Welt begleiten Lama Ole, Hannah, Caty und Tomek auf einer Reise zu den heiligen Stellen des letzten Diamantweg-Landes der Welt.

Einige Tage mit Besuchen der heiligen Stellen des Kathmandu- Tales liegen hinter uns: Guru Rinpoches Höhlen in Parping und Yanglesho, Marpa-Stellen in Parping und Kimdohl, der Nagarjuna-Hill, Namo Buddha, und natürlich die großen Stupas Swayambhu und Boudha. So sind wir nun bestens eingestimmt auf Drukyül, das „Drachenland“, wie die Bhutanesen selbst ihr Land nennen.

Wir tauchen in die Wolken über dem Paro-Tal ein. Hier und da reißen sie für einen Moment auf und das Land öffnet sich uns in ersten kurzen Momenten: dicht bewaldete Berge, spärlich besiedelte Täler, die unverwechselbare liebevolle Architektur Bhutans selbst bei den einfachsten Bauernhäusern. Ein erster Blick auf den berühmten Paro Dzong, und schon landen wir auf dem einzigen Flughafen Bhutans auf 2300 Meter Höhe.

Hier wird man - wie angenehm! - die paar Hundert Meter zum Flughafengebäude nicht gefahren, sondern darf laufen. Ein paar Minuten, um sich zu erinnern, was uns über bhutanesische Etikette eingeschärft wurde. Wir sind hier auf Einladung von Lopön Tsechu Rinpoche, der in Bhutan aufgewachsen und hier eine sehr hochgestellte Persönlichkeit mit engsten Verbindungen zum Königshaus ist. Er hat für uns „gebürgt" und es ermöglicht, dass wir an heilige Stellen kommen werden, wo Touristen sonst keinen Zugang haben. Wir sollen uns also „benehmen" um ihm keine Schande zu machen. Die allgemein in Asien geltenden Regeln kennen die meisten von uns. Hier aber sollen wir nun auch noch würdevoll, zurückhaltend, nicht zu laut usw. sein - den „fröhlichen Barbaren" nur im Herzen tragen. So sind einige von uns also bei den ersten Kontakten mit den Bhutanesen fast ein bisschen steif.

Aus Kathmandu kommend ist der Flughafen Paro eine Oase der Ruhe und Sauberkeit. Bhutan wird scherzhaft, aber nicht zu Unrecht, als die „Schweiz des Himalaya bezeichnet. Einreiseformalitäten, Geldwechsel in die zungenbrecherische Währung Ngultrum, und schon warten draußen fünf Reisebusse auf uns, um uns erst einmal zum Hotel zu fahren. Jeder Bus hat vorne über dem Kühler ein großes Transparent „Lama Ole and his Group“.

Ein erstes „Kusu sangpo la“, der aus dem Reiseführer gelernte bhutanesische Gruß, lässt die Förmlichkeit zwischen uns und den Guides schmelzen.

Schon folgt die zweite Lektion: „How do say Thank You in Bhutanese?“ - „Ka drin che la“.

Erster Übermut kommt auf „How do say I love You in Bhutanese?“, und wird mit einigen strafenden Blicken bedacht.

Unsere Guides sprechen gutes Englisch und haben ein hervorragendes Wissen über alle möglichen Aspekte Bhutans, wie wir noch feststellen werden. Mehr und mehr freunden wir uns in den kommenden Tagen mit ihnen an, und diese Fahrt wird wohl auch für sie unvergessen bleiben.
Normalerweise fahren sie Touristen im Land umher oder machen mit ihnen Trekkingtouren. Buddhistische Pilgerreisen gibt es ab und zu, aber nicht in einer solchen Größe und vielleicht auch nicht immer mit so viel Spaß.
Lama Ole war zuletzt 1987 mit ca. 35 Leuten hier gewesen, durch Vermittlung von Tsechu Rinpoche und dem verstorbenen Topga Rinpoche. Es war die für viele Jahre letzte der Himalaya-Pilgerreisen, die Lama Ole jedes Jahr seit Beginn der 70er organisiert hatte.

Dass es jetzt wieder zu einer solchen Fahrt kommt, war die Initiative von Tsechu Rinpoche. Er sagte in Kathmandu Anfang 2002 zu Caty Hartung und Gergö aus Budapest: „Ihr solltet mal nach Bhutan“, und forderte sie auf, eine Pilgerreise mit Lama Ole, Hannah und ca. 60 von deren Schülern zu organisieren.
Im Sommer 2002 während der Chikshe-Kündröl-Ermächtigungen in Immenhausen sagten sie ihm, dass eine ca. dreitägige Reise möglich wäre. Rinpoche meinte daraufhin, das würde sich doch gar nicht lohnen, man müsse sich schon sieben Tage nehmen oder es sein lassen. Und er sagte, wenn sie sich sieben Tage nehmen, dann würde er auch selbst mitkommen.
Die bestmögliche Zeit war, es mit Oles jährlichem Besuch beim 17.Gyalwa Karmapa Thaye Dorje in Kalimpong zu verbinden. In diese Zeit fallen auch die Nepal/ Indien-Pilgerreisen (siehe letztes Heft), die von Hans Emberts High-Light-Travel zusammen mit Hannah Nydahl und Manfred Seegers organisiert werden.

Ein Bhutan-Reise-Team wurde zusammengestellt. Gergö aus Budapest, Tomek Lehnert, Hans Embert und Maggi Kossowski. Maggi übersetzt und organisiert für Tsechu Rinpoche seit vielen Jahren, hat durch einige Reisen auch gute Kontakte in Bhutan. Zusammen mit Achi Sönam Wangchuk aus dem bhutanesischen Königshaus stellte sie eine Tour für uns zusammen. Die Agentur „White Tara Tour" kümmerte sich um die Busse, Hotels, Guides usw.

Individualreisen sind in Bhutan praktisch nicht möglich, erst recht nicht bei einer Gruppe dieser Größe. Normalerweise zahlen Touristen je nach Saison zwischen 160 und 200 Dollar pro Tag, ein Pauschalpreis, der alles außer Souvenirs und ein abendliches Bier beinhaltet. Zusammen mit Tsechu Rinpoche, Lama Ole und Hannah sollen wir eine Woche lang all die heiligen Stellen Bhutans besuchen. Aber im letzten Moment macht die Gesundheit des mittlerweile 85- jährigen Rinpoches diesen Plan zunichte. Bei unserer Ankunft in Kathmandu Mitte März erfahren wir, dass Rinpoche in Bangkok im Krankenhaus liegt. Zwar schon wieder auf dem Weg der Besserung, aber zu schwach für die anstrengende Reise in Bhutan. So lässt er uns alle grüßen und hält die Verbindung zu uns durch tägliche Telefonate mit Maggi. Rinpoche wünscht, dass wir an jeder einzelnen der heiligen Stellen ein Gruppenfoto machen und er die Bilder später sehen kann. Jeden Tag will er genau wissen, was geschehen ist, ob es besondere Zeichen gab usw. er ist für uns wirklich „dabei“.

Ankunft im schönen Hotel Olathang. Unser Programm für den Tag ist zum Bersten voll. So ist nur kurz Zeit zum Gepäck ausladen, Duschen und Mittagessen, dann soll es losgehen zu den Heiligtümern des Paro-Tales.
Das Mittagessen wird mit Erleichterung aufgenommen: Bhutan ist berüchtigt für seine Chilis, die Küche gilt als die schärfste Asiens. Aber seit unserem letztem Besuch vor 16 Jahren hat man gelernt, die Küche dem Geschmack der 200 Dollar am Tag zahlenden Touristen anzupassen. Damals war ausnahmslos jedes Essen brennend scharf, für einige unter uns ungenießbar. Aber jetzt kocht man für die Touristen extra und legt den berühmten Chili daneben.
Im Hotel ist außer unserer Gruppe nicht viel los. Im Zuge des weltweiten Einbruchs des Ferntourismus seit 2001 ist auch in Bhutan der Tourismus um 40% in die Knie gegangen.

Wir springen in unsere fünf Busse und es geht los. Nur wenige wissen, wo es eigentlich hingeht und was es mit den heiligen Stellen auf sich hat. Die bhutanischen Namen der Stellen sind für den Ungeübten kaum zu merken. Aber Maggi bemüht sich überall, etwas zu erzählen. Um sie und Ole und Hannah drängt sich jedes Mal eine Menschentraube um etwas von den Erklärungen aufzuschnappen.
Einige unter uns erleben hier gleich eine harte Prüfung ihres gesunden buddhistischen Menschenverstandes durch unzählige Geschichten von Dämonen und Wundern. W er bisher nur den westlichen Diamantweg-Buddhismus kennen gelernt hat, schluckt hier erst einmal. Viele kamen erst in den 90ern zum Buddhismus, als nicht mehr so viele tibetische Lehrer in unsere Zentren kamen und hatten so weniger Zugang zu der durch Wunder, Naturkräfte, Geister, Dämonen usw. geprägten Weltsicht der Himalaya-Völker.

Unser erster Besuch gilt Kichu Lhakang, einer der heiligsten Stellen Bhutans überhaupt, wo Touristen sonst keinen Zugang haben. Unser Referenzschreiben, das die Guides mit sich führen, öffnet die Tore des Tempels.
Kichu (oder Kyerchu oder Kyichu, wie es in den Reiseführern heißt) ist zusammen mit einer Stelle in Zentralbhutan der älteste Tempel im Land. Noch bevor Guru Rinpoche nach Bhutan kam, ließ schon Mitte des 7. Jahrhunderts der tibetische König Songtsen Gampo 108 Tempel im Himalaya errichten, zwei davon im heutigen Bhutan.
Es heißt, damals hätte eine Dämonin über die Gegend geherrscht und die verschiedenen Tempel hätten den Zweck gehabt, sie zu bändigen. Der Jokhang-Tempel in Lhasa wurde auf ihrem „Herz" gebaut, Kichu auf ihrem „linken Fuß", Jampe Lhakang in Zentralbhutan auf dem „linken Knie usw.

Im Tempel findet sich eine dem Jowo in Lhasa gleiche Statue und uns fällt eine fast lebensgroße Statue mit den unverkennbaren Gesichtszügen des verstorbenen Dilgo Khyentse Rinpoche auf. Wir erfahren, dass er hier viel meditiert hatte. Es gibt sogar ein eigenes Zimmer von ihm, das man aber als so heilig ansieht, dass man es auch uns nicht zeigen mag.
Dann fordert der Tempel-Vorsteher Lama Ole auf, ein Mo - ein Orakel - zu machen. Er gibt Ole Würfel, und Ole wirft die 8, die an dieser Stelle beste Zahl. Genau sie bei einem Mo auf Anhieb zu bekommen, gilt als sehr glückverheißend und deutet auf eine gute Verbindung zu der Stelle hin. Jetzt lässt man Ole und Hannah auch in das Retreatzimmer von Dilgo Khyentse Rinpoche, in dem auch der 16. Karmapa schon einen Monat Retreat gemacht hat.
Als Tsechu Rinpoche abends davon erfährt, sagt er, dass diese ganze Situation besonders glückverheißend sei, denn mehrere besondere Ereignisse sind hier zusammengekommen: Wir sind am ersten Vollmond- Tag im neuen tibetischen Jahr in Paro gelandet, haben gleich die älteste Stelle des Buddhismus in Bhutan besucht und Lama Ole hat auch noch die beste Nummer des Tempels gewürfelt.

Die Statuen und Wandmalereien sind, wie überall später auf dieser Reise, überwältigend. Aber leider ist es uns nirgendwo erlaubt zu fotografieren, weil man Angst vor Statuenräubern hat. Man hat beobachtet, was über die letzten Jahrzehnte in Nepal geschehen ist. Dort sind Unmengen von Statuen aus den Klöstern gestohlen worden. Oft wurden den Statuen einfach die Köpfe abgeschlagen und diese dann ins Ausland verkauft. Auch Bhutan hat leider zunehmend damit zu kämpfen. Seit Anfang der 80er Jahre hat es sehr viel solcher Fälle gegeben, obwohl auf Raub an Tempeln und Stupas Lebenslänglich steht. Einige Fälle waren von extremer Grausamkeit begleitet, Mönche wurden umgebracht, einem Lama wurde die Kehle durchschnitten. So einsam wie die meisten Tempel gelegen sind, haben die Mönche wenig Chance gegen ein paar bewaffnete Männer. In der Tat sehen wir aber später in einem Kloster jemanden offen mit einem Gewehr über der Schulter herumlaufen, vielleicht als Abschreckung.
Man vermutet, dass die Räuberbanden von Indien oder Nepal aus gesteuert werden. Fotos von den wunderschönen Statuen in den Tempeln Bhutans wären wie ein Bestellkatalog für skrupellose Sammler im Ausland. So beschränken wir uns also überall auf das Fotografieren der Gebäude und unser obligatorisches Gruppenfoto für Tsechu Rinpoche.

Wir machen hier, wie überall vor den Altären in den kommenden Tagen, starke Wünsche, dass alle Wesen schnell Erleuchtung erlangen mögen und dass uns der Segen der Stellen folgen wird und unsere Arbeit im Westen unterstützt. Solche Wünsche an diesen kraftvollen und gesegneten Plätzen zu machen, ist unvorstellbar viel stärker als unter normalen Umständen. Viele von uns haben auch Bilder dabei von Freunden oder Verwandten, um so eine gute Verbindung zu diesen Kraftstellen zu knüpfen. Zeit für Meditation haben wir leider nur sehr selten, das Programm ist zu dicht.
Die Fahrt geht weiter durch das Paro-Tal zum Nationalmuseum Bhutans. Auf dem Weg dahin passieren wir Dungse-Lhakang, das von dem berühmten Thangtong Gyalpo erbaut wurde. Dieser große Nyingma-Meister und Tertön aus Tibet ist insbesondere dafür berühmt, dass er im 15. Jahrhundert überall im Himalaya Hängebrücken aus Eisen bauen ließ. Die Schmieden im Paro-Tal fertigten einmal 7000 Kettenglieder für ihn an. Auf diesen Meister geht auch die lange Zeit in unseren Zentren praktizierte Anrufung von „Liebevolle Augen" zurück. An mehreren Stellen auf unserer Reise weisen uns unsere Guides daraufhin, dass hier Thangtong Gyalpo gewirkt hat. Leider ist Dungse Lhakang, das gebaut wurde um natürlich! ein Ungeheuer zu zähmen, für die Öffentlichkeit geschlossen. Unsere Guides deuten einen unangenehmen Zwischenfall mit im Tempel rauchenden Touristen an...

Ta-Dzong, das Nationalmuseum Bhutans, ist der ehemalige Wachturm der etwas weiter unterhalb gelegenen Festung Rinchenpung Dzong, heute meist nur Paro-Dzong genannt. Hier bewundern wir Kunstschätze aus vielen Jahrhunderten, alte Waffen, alte Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens und viele alte Thangkas. Besonders schön ist ein Raum, in dem der Zufluchtsbaum dreidimensional mit vielen Statuen dargestellt ist. Wenn man den Raum betritt, steht man vor dem Kagyü-Zufluchtsbaum mit Dorje Chang in der Mitte. Man geht im Uhrzeigersinn drum herum und sieht die Zufluchtsbäume der Nyingmapas mit Guru Rinpoche im Zentrum und der Kadampas mit Atisha und Tsongkhapa.

Ein wenig unterhalb liegt die riesige Festung Paro-Dzong. (Hier wurden übrigens die bhutanesischen Szenen des Films „Little Buddha" von Bertolucci gedreht.) In früheren Zeiten spielte Paro Dzong eine wichtige militärische Rolle als Schutz gegen mongolische und tibetische Invasionsheere, die von Tibet aus durch das Paro-Tal herunterzogen.
Der Vorsteher ist ein Schüler von Tsechu Rinpoche. Wir bekommen einen Segen mit einem Phurba, der Shabdrung Ngawang Namgyal gehörte. Der Lama sagt: „Wenn man einmal mit diesem Phurba gesegnet wurde, hat man nie mehr Furcht und ist auch geschützt vor Unfällen." Vor einer riesigen Statue von Guru Rinpoche singen wir gemeinsam das Emaho, die Anrufung des „Buddha des Grenzenlosen Lichtes". Hier, wie an allen Stellen, die wir besuchen, überreichen wir dem Vorsteher ein schön gerahmtes Bild des 17. Karmapa Thaye Dorje, das immer freudig auf den Altar gestellt wird. Auch viele kleinere Bilder von Karmapa hinterlassen wir als Geschenk für die Klöster.

Shabdrung Ngawang Namgyal begegnet uns immer wieder. Ständig fällt sein Name, überall sieht man Bilder von ihm, unverkennbar mit dem langen spitzen Bart. Er ist derjenige, der Bhutan im 17. Jahrhundert geeint und nachhaltig die bhutanesische Identität geprägt hat. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts war die Drukpa-Kagyü-Schule in Bhutan die einflussreichste Kraft, das Land war jedoch in viele kleine Regional-Reiche zersplittert. Shabdrung Ngawang Namgyal lebte in Tibet in Ralung, dem Hauptkloster der Drukpa Kagyü. Er sollte der Nachfolger des Abtes werden und galt als Reinkarnation des berühmten Gelehrten Pema Karpo. Dann jedoch gab es plötzlich einen anderen Kandidaten für die Inkarnation, mit einflussreichen Unterstützern im Königshaus in Tsang. Alle Verhandlungen fruchteten nicht, die Lage wurde immer verwickelter. Leute kamen ums Leben, Prozesse wurden geführt, Gerüchte über geplante Mordanschläge auf Shabdrung Ngawang Namgyal machten die Runde - schließlich entschied sich Shabdrung Ngawang Namgyal zur Flucht nach Bhutan, wo er viele Anhänger hatte.

In Bhutan ließ er überall im Lande Festungen bauen und einte das Land allen äußeren und inneren Widerständen zum Trotz im Verlaufe von 30 Jahren. Mehrere Versuche der Tibeter und später der Mongolen, das im Süden aufkommende Machtzentrum zu erobern, konnten erfolgreich zurückgeschlagen werden. So wurde das Land das „Druk Yül", das Land der Drukpas. Das tibetische Wort „Druk" heißt Drache und der Name dieser Kagyü-Unterschule geht auf ein Ereignis im 12. Jahrhundert zurück. Einer von Gampopas Hauptschülern war Phagmo Drupa, er begründete die Phagdru-Kagyü-Schule. Er wiederum hatte einen Schüler namens Ling Repa, und dieser einen Schüler namens Tsangpa Gyare. Bei der Gründung eines Klosters sahen dieser und all seine Begleiter neun Drachen am Himmel, was sie als sehr glückverheißend empfanden. So bürgerte sich der Namen Drukpa-Kagyü für diese Schule ein. In früheren Zeiten war die Drukpa-Kagyü-Schule sehr verbreitet und populär in Tibet.

Zum Abschluss dieses ersten ereignisreichen Tages fahren wir in der Dämmerung das Paro-Tal hoch nach Norden, Richtung Tibet - wir wollen die alte Festung Drukgyel Dzong besichtigen.
Auf dem Weg sehen wir oben rechts in den Bergen das berühmte Kloster Tigernest, Taktsang, das wir erst am letzten Tag unserer Reise besuchen werden. Auf den Wiesen üben sich einige Bhutanesen beim Bogenschießen, dem Nationalsport Bhutans.
Drukgyel Dzong, einst eine stolze Festung, besteht nur noch aus Ruinen. Nachdem die ersten Angriffe Tibets abgewehrt worden waren, ließ Shabdrung Ngawang Namgyal 1647 diese Festung als Erinnerung an den Sieg bauen. Im letzten Jahrhundert brannte sie jedoch ab und wurde nicht wieder restauriert.
In den 70er Jahren hatte Lama Ole hier einmal eine Vision, wie er in einem früheren Leben gegen angreifende mongolische Truppen gekämpft hatte. Er sagt, einige seiner Schüler seien damals wohl dabei gewesen. Der Platz hat Kraft - gern mag man denken, man gehörte damals dazu. Wir singen in der Abenddämmerung ganz oben auf den Ruinen stehend unter einem strahlenden Vollmond zusammen die Anrufung von Mahakala Bernagchen. Bei klarem Wetter soll man von hier oben den Chomolhari, den heiligsten Berg Bhutans, sehen können. Auf diesem 7300er - wie auch auf dem Gaurishankar in Rolwaling in Nepal - wohnt die „Göttin langen Lebens" (tib.: Tashi Tseringma), die tantrische Gefährtin Milarepas, die hier als Schützerin von den Menschen verehrt wird.

Nachts nach dem Abendessen im Hotel Olathang. Auf den Zimmern gibt es Fernsehen mit BBC-News, die begierig geschaut werden. Am Morgen in Kathmandu sahen wir noch die Ansprache von George W. Bush, in welcher er den Ablauf des verlängerten Ultimatums an Saddam Hussein bekanntgab. Noch ruhen die Waffen.

Wir treffen uns alle im großen Versammlungssaal des Hotels. Organisatorisches für die ganze weitere Reise und für den nächsten Tag wird besprochen, Maggi verliest einen Brief von Tsechu Rinpoche an uns alle. Dann erklären Ole und Caty, wie es zu den Einladungen für diese Reise kam. Rinpoche hatte ja gesagt, sie könnten 60 Freunde mitnehmen, letztendlich wurden es dann inklusive Ole, Hannah, Caty und Tomek 72. Aber wie die Auswahl treffen unter Hunderten von alten Freunden, die wohl gerne dabei gewesen wären? Caty erklärt: Es wurden Leute eingeladen, bei denen unterschiedliche Funktionen zusammenkommen:
Dharma lehren, Organisation, Arbeit für wichtige Projekte, überregionale und internationale Arbeit usw. Es wurde auch versucht, aus vielen verschiedenen Ländern Leute dabei zu haben. Die Idee dabei: Die Fahrt soll auch einen ganz praktischen Nutzen für unsere gemeinsame Arbeit haben, indem sich Leute kennen lernen, man wichtige Dinge besprechen - kann kurz gesagt: bessere weltweite Vernetzung. Jeden Abend wird eine Liste vorgelesen, wer am nächsten Tag mit Lama Ole im Bus fährt. Insgesamt sind wir mit fünf Bussen unterwegs und jeder soll einmal die Gelegenheit haben, ein paar Stunden mit dem Lama im Bus zu reisen. In diesem Bus treffen sich dann auch unterschiedliche Projekte und Arbeitsgruppen aus unterschiedlichen Ländern, um anstehende Aufgaben und Ideen zu besprechen, oder sich einfach mal mehr kennen zu lernen.

Am Ende dieses Abends stellt sich jeder vor, sagt ein paar Worte dazu, wer er ist und was er macht. Die meisten kennen sich natürlich sowieso, aber es gibt auch neue Gesichter aus fernen Gegenden der Welt wie Sibirien, Kolumbien usw.
Mitternacht. Lama Ole feiert seinen 62. Geburtstag. Es gibt Bier und Rotwein, aber zum ersten Mal seit Jahren keine große Party. Zu kaputt sind viele von dem Tag, und wir müssen am nächsten Morgen ganz früh raus. Schlaf wird auf dieser Reise sowieso Mangelware. Jeden Tag müssen wir früher aufstehen. Wer schon 6 früh fand, darf sich über die Tage langsam daran gewöhnen, wie die Welt morgens um 5, 4 oder am letzten Tag gar um 3 Uhr aussieht. Dafür döst dann manch einer auf den langen Fahrten im Bus vor sich hin.

19. März, früh morgens. So haben wir uns bisher nur sehr selten gesehen: die Männer im Anzug, glänzende Schuhe, Schlips, und die Frauen in bester Ausgehgarderobe. An diesem Tag sind wir beim Je Khenpo und bei Achi Sönam Wangchuk, einer Angehörigen des Königshauses, eingeladen. Der Je Khenpo ist das spirituelle Oberhaupt Bhutans, und Achi Sönam Wangchuk war maßgeblich an der Organisation unserer Reise beteiligt.

Wir fahren zwei Stunden das Paro-Tal hinunter und dann hoch Richtung Thimphu, der Hauptstadt Bhutans. Für Thimphu selbst ist keine Zeit, wir fahren nur durch. Die Straße führt den Berg hoch, vorbei an dem riesigen Tashichö-Dzong auf dem anderen Flussufer. Hier ist der Amtssitz des Königs, mit 1000 Mönchen und 2000 Beamten, Angestellten usw. Hier, wie in allen Dzongs Bhutans, ist Religion und Administration vermischt. Auf unserer Reise im Jahr 1987 trafen wir den damaligen Je Khenpo hier im Dzong und hatten Gelegenheit die Schönheit der Tempel zu bewundern. Diesmal jedoch fahren wir ein paar Minuten weiter zum Dechen Phodrang Lhakang, dem ursprünglichen alten Dzong des Thimphu-Tales.
Im Hof wird uns ein Empfang mit Tee und Süßigkeiten bereitet. Der Je Khenpo ist um diese Zeit normalerweise in seinem Sitz in Punakha, aber zur Zeit hier auf Besuch in Thimphu, und leitet gerade eine Puja mit einigen kleinen Mönchen. Wir gehen in kleinen Gruppen hinein, sitzen ein bisschen dabei, meditieren und machen wieder Platz für die nächste Gruppe. Zum Ende der Puja dann drängen wir uns alle für den Empfang hinein. Lama Ole hat einen Ehrenplatz am Rand bekommen und meditiert während der Puja.
Später erst erfahren wir, dass es sich um eine Düsolma-Puja gehandelt hat. Düsolma ist die besondere Beschützerin von Marpa. Wir fassen dies als ein sehr gutes Zeichen auf, hat doch Tsechu Rinpoche einmal gesagt, dass man Marpas Mantra benutzen kann, um Lama Ole anzurufen. Überhaupt wird das Lebensbeispiel Marpas in letzter Zeit für uns, die wir Laien- und Verwirklicher-Buddhismus leben wollen, immer wichtiger.

Der Je Khenpo ist keine Inkarnationslinie, sondern wird alle drei Jahre von hochrangigen Vertretern der Mönchgemeinschaft neu gewählt, der jetzige Je Khenpo Tulku Jigme Chödra ist der 70. in dieser Position. Wie schon 16 Jahre zuvor von einem seiner Vorgänger bekommen wir von ihm, nachdem Lama Ole uns vorgestellt hat und verschiedene Geschenke überreicht wurden, eine Liebevolle-Augen-Einweihung.
Zum Abschluss führt uns der Kloster-Vorsteher um die Gebäude. An einer Stelle mit weitem Blick über die Berge der Umgebung erzählt er, wo das Kloster überall in den umliegenden Bergen Retreatstellen hat und dass dort viele Verwirklicher praktizieren.

In einem Hotel am Berghang über Thimphu hat Achi Sönam Wangchuk für uns einen Empfang im Garten eingerichtet. Bei unserer Ankunft erwartet uns eine Folklore-Gruppe, die bhutanesische Gesänge und Tänze aufführt. Im Garten sind zwei Zelte aufgebaut, denn hier auf 2400 Meter Höhe brennt die Sonne mittags. Es werden Tee und Knabbereien serviert, dann hält Achi Sönam Wangchuk eine bewegende Ansprache. Die warmherzige Weise, wie sie Lama Ole und Hannah und uns alles willkommen heißt, bewegt uns sehr.
Es gibt ein vorzügliches Mittagsbuffet, aber als dann die bhutanesischen Gesänge mit ihren schönen Melodien wieder einsetzen, bekommen einige von uns kaum ihr Essen hinunter. Selbst harte Hamburger Jungs „gestehen" später, dass sie ihre Teller abstellen und sich erst mal wieder fassen mussten um keine feuchten Augen zu zeigen. Die Herzlichkeit des Empfangs ist einfach überwältigend.

Wir haben an diesem Tag noch einige Stunden Fahrt vor uns, sodass wir bald schon wieder los müssen. Lama Ole zeigt den Bhutanesen noch eine professionelle Präsentation seiner Arbeit im Westen.
Man hat zwar schon gehört von vielen Zentren im Westen, aber ist dann doch über den Umfang des westlichen Diamantweg-Buddhismus erstaunt. In Bhutan ist Drukpa-Kagyü Staatsreligion, der Staat finanziert die Klöster usw, aber man hat zunehmend Probleme die Jugend zu erreichen. So zeigen einige Bhutanesen starkes Interesse an Oles Lehrstil und an Methoden wie zum Beispiel den geleiteten Meditationen. Es ist die Rede davon sie ins Bhutanesische zu übersetzen.

Auf dem Weg aus Thimphu hinaus besichtigen wir den Memorial Tschörten. Dieser Stupa, der innen begehbar ist, wurde erst 1974 in Andenken an den verstorbenen König Jigme Dorje Wangchuk gebaut. Auf drei Stockwerken sind hier dreidimensionale Yidam- Mandalas der Nyingma-Linie dargestellt.
Die meisten Formen sind für uns recht exotisch, es sind Terma-Zyklen mit denen wir nicht direkt arbeiten wie "Lama Gongdü" oder "Kagye" aber hier und da erkennen wir Formen wie „Diamantdolch" (tib.: Dorje Phurpa), die „Weisheitsgeberin mit Löwen-Gesicht" (tib. Senge Dongma) usw.

Auf der Fahrt nach Punakha kommen wir über einen 3100-Meter-Pass, der bei klarem Wetter sehr spektakulär sein soll, wir haben jedoch Nebel und es ist kalt. Dann jedoch führt uns die Fahrt immer tiefer hinunter und es wird zunehmend wärmer, Punakha liegt auf nur 1400 Meter. Ein Stück vor Punakha liegt der berühmte Chimi Lhakang, von unseren Guides schnoddrig „Mad Man's Monastery" genannt. Dieser Beiname ist wohl dem Buch „The Divine Madman" (deutscher Titel: „Der Heilige Narr) zu verdanken, welches das Leben des großen Verwirklichers Drukpa Künleg erzählt.
Drukpa Künleg war eine Inkarnation der großen alten Meister Saraha und Shavaripa und wirkte im 16. Jahrhundert in Bhutan. Seine Aktivität war ausgesprochen unkonventionell: Er trank Unmengen Bier, verführte all die Mädchen in den Tälern Bhutans und tat alles Mögliche, um feste Konzepte der Leute über einen „heiligen Mann" zu sprengen. Zugleich offenbarte er immer wieder, dass er kein gewöhnlicher Mann sondern ein Hochverwirklichter war. Er war zwar selbst kein Mönch, aber dieses von seinem Bruder erbaute Kloster Chime Lhakang gilt als sein Hauptsitz.

Wir kommen bei einsetzender Dämmerung an und müssen uns beeilen. Von den Bussen aus führt der Weg 20 Minuten durch ein Dorf, über Reisfelder, kleine Bäche und eine Ebene den Hügel zum Kloster hoch. Im Tempel steht eine Statue von Drukpa Künleg, und wir sprechen dem Lama auf Tibetisch die Anrufung Drukpa Künlegs nach. Der Kloster-Vorsteher gibt uns einen Segen mit Gegenständen, die Drukpa Künleg gehörten: Pfeil und Bogen und ein länglicher Gegenstand aus Holz, der Drukpa Künlegs Penis symbolisieren soll. Chimi Lhakang gilt in Bhutan als Fruchtbarkeitstempel und wird oft von Frauen besucht, die keine Kinder bekommen können. Das Kraftfeld von Drukpa Künlegs sexueller Kraft wirkt anscheinend noch immer fort. Je weiter wir in Richtung Bumthang, dem Herzland Bhutans, kommen, um so öfter sehen wir Phalli an den Häusern. Sie gelten als Fruchtbarkeitssymbole und auch als Schützer und finden sich in allen Variationen: an die Hauswände gemalt, geschnitzt über den Eingängen, an der Kühlerhaube von Trucks, sich im Wind drehend an den Ecken der Häuser vom Dach hängend. Diese Tradition geht auf Drukpa Künleg zurück.

Als wir gerade das Kloster verlassen wollen, fängt es an zu regnen. Es ist mittlerweile schon recht dunkel und wir müssen uns beeilen, denn in diesen Gegenden wird es sehr schnell sehr dunkel und man kann sich leicht verletzen bei einem Fehltritt. So rennen wir im Regen über die Wiesen und Reisfelder zurück. Kaum sind wir bei den Bussen angelangt, hört der Regen auf. Regen in so einer Situation gilt als Segenszeichen, und laut unseren Guides regnet es zu dieser Jahreszeit hier praktisch nie. Lama Ole sagt, dass es ein sehr gutes Omen für unsere gemeinsame Arbeit war, dass wir durch den Regen durch sind statt uns irgendwo unterzustellen.
Wir kommen in Dunkeln im Hotel bei Punakha an. Abends beantwortet Ole Fragen, und er spricht über die Bä-Yül, die geheimen Täler Guru Rinpoches.
Am nächsten Tag werden wir nach Bumthang kommen, die heiligste Gegend Bhutans, wo viele große Meister gewirkt haben. Bumthang ist ein solches Bä-Yül, ebenso wie zum Beispiel Rolwaling in Nepal und Pema Köd an der tibetischen Grenze bei Assam. Guru Rinpoche hat auf solche Täler einen besonderen Segen gelegt und den Leuten gesagt, dass sie in schwierigen Zeiten dort Zuflucht finden können. Alles, was im Kraftfeld eines solchen Bä-Yül geschieht, hat einen tieferen Sinn. Wünsche haben eine stärkere Kraft als an gewöhnlichen Stellen, Praxis geht tiefer im Geist. Ganz Bhutan gilt als Guru Rinpoches Land, aber Bumthang ist das Herzland davon.

20.3. Früh morgens besichtigen wir den Punakha Dzong, der 300 Jahre lang der Winter-Regierungssitz war.

Er liegt am Zusammenfluss zweier Flüsse und man betritt ihn über eine Hängebrücke.
Die Architektur ist überwältigend, und als wir einen der größten Tempel betreten, bekommen wir einen Einblick in die Fähigkeiten heutiger Handwerker in Bhutan: Dieser Tempel war 1986 ausgebrannt und ist völlig neu renoviert worden, in einer Qualität und Detailarbeit, die man heute nur noch selten sieht. Drei riesige Statuen von Guru Rinpoche, Buddha Shakyamuni und Shabdrung Ngawang Namgyal überschauen die Halle, in der immer noch Handwerker beschäftigt sind. Die Wände sind voll von Vitrinen mit großen Statuen von Linienhaltern und Buddhas. Uns zieht es aber zu einem Tempel, den uns Tsechu Rinpoche empfohlen hat - eine Art „Geheimtip", draußen am Eingang zum großen Dzong. Es ist der ursprüngliche alte Dzong, der "Dzong Chung". Rinpoche sagte uns, dass die Buddhastatue mit dem stärksten Segen din diesem kleinen weniger beachteten Tempel am Rande zu finden sei. Bei einer großen Flut vor einigen Jahren stürzten überall im Dzong Wände und Decken ein. Ein paar Zentimeter über dieser Statue hielt die Decke und die Statue blieb unbeschädigt. In Punakha-Dzong hatte Shabdrung Ngawang Namgyal seine letzten Jahre verbracht und er ist hier auch gestorben. In einem Tempel ist der Sarg mit seinem Leichnam untergebracht.
Unsere lange Fahrt nach Bumthang beginnt nach der Besichtigung. Wir halten noch kurz zum Tanken und Proviant Einkaufen in Wangdi, wo Shabdrung Ngawang Namgyal eine Vision von Mahakala hatte und daraufhin einen Dzong bauen ließ. Hier erreicht uns die Nachricht, dass der Krieg im Irak begonnen hat. Im Wohnzimmer einer Familie, die ein Hotel betreibt, findet sich ein kleiner Fernseher, so dass wir ein paar erste Informationen bekommen.

Viele Stunden auf endlosen Serpentinen liegen zwischen hier und Jakar, unserem Ziel im Bumthang. Die Landschaft ist überwältigend schön, Wälder mit langen Flechten in den Bäumen, weite Täler. Wir geraten in Schneetreiben und oben auf dem Pele-Pass auf 3100 Meter liefern wir uns zwischen einer Stupa und den allgegenwärtigen Gebetsfahnen-Wäldern eine Schneeballschlacht. Selbst unsere Guides greifen mit viel Spaß in die „Schlacht“ ein.

Wir rasten und picknicken an der Chendebji-Stupa im Tal. Sie ist im nepalesischen Stil gebaut worden, um die Dämonen des Tales zu besiegen. Wangdi, der Ehemann von Achi Sönam Wangchuk, trifft uns hier. Er ist mit seinem eigenen Wagen gefahren, um uns ein Stück zu begleiten.

In Trongsa, wo der größte Dzong Bhutans steht, halten wir diesmal nicht. 16 Jahre zuvor hatten wir hier übernachtet und den Dzong besichtigt, aber diesmal ist keine Zeit.

Nach dem Yutong-Pass, dem mit 3400 Meter höchstem unserer Reise, nähern wir uns Chamkar, der Hauptstadt Bumthangs. Wir sind in drei verschiedenen Hotels untergebracht, da es hier keine Herberge für eine so große Gruppe gibt. Der Standard ist deutlich einfacher als in den Nächten zuvor, aber die Magie der Gegend lässt das gerne vergessen. Holzöfen in den Zimmern lassen einige unter uns, die nur Zentralheizungen kennen und nicht bei den Pfadfindern waren, gerne auf die vom Wirt angebotene Hilfe beim Feuermachen zurückgreifen. Seine Methode: Holz, eine Schale Benzin, ein Streichholz.

Wangdi besucht abends die Gruppen in den drei Hotels, zum Teil ergeben sich interessante Diskussionen mit ihm über die unterschiedlichen Weisen buddhistischer Praxis in Bhutan und dem Westen. Eine Gelegenheit voneinander zu lernen. Einige unter uns bekommen hier zum ersten Mal einen Geschmack von den asiatischen Wurzeln des Diamantweges, und die Bhutanesen lernen einen buddhistischen Lebensstil kennen, der nicht von Staatsreligion und dem monastischen System geprägt ist.

21.3. Ein volles Programm liegt vor uns: „See Bumthang in 12 Hours". Es ist eine Schande: so ein fantastischer Platz mit so vielen heiligen Stellen und nur so wenig Zeit. Viele von uns sagen am Ende dieses Tages, dass sie irgendwann mit mehr Zeit wiederkommen möchten.

Bhutan ist etwas Besonderes, das wird schon bei der Ankunft im Westen des Landes deutlich. Aber Bumthang hat noch eine ganz andere Dimension. Irgendetwas Grundlegendes scheint hier noch zu stimmen. So war die Welt vielleicht, bevor sie verrückt wurde. Man sieht es in den Gesichtern der Leute, an den Kindern, die uns fast ausnahmslos am Straßenrand zuwinken. Wir besuchen Thangbi Lhakang, das einzige Karma-Kagyü-Kloster Bhutans. Es wurde im 15. Jahrhundert vom 4. Shamar Rinpoche erbaut. Der Tertön Pema Lingpa praktizierte hier und fertigte durch Wunderkräfte an einem einzigen Tag eine große Zahl von Statuen an. Hier dürfen wir ausnahmsweise die Wandmalereien fotografieren.

Der Kloster-Vorsteher erzählt, dass das Kloster 27 Gomchens - „Große Meditierende“ - hat, jedoch auch massive Geldprobleme, es reiche kaum fürs Essen. Der Staat finanziere vor allem Drukpa-Kagyü-Klöster, nicht aber dieses hier. Einige aus unserer Gruppe spenden spontan eine größere Summe Geld. Der Abt gibt Lama Ole verschiedene Reliquien, die hier aufbewahrt werden, in die Hand und wir bekommen alle einen Segen damit. Draußen auf der Wiese vor dem Kloster liegt ein großer Berg schwerer Steine. Ein einzelner Stein, bestimmt 100 kg schwer, liegt daneben. Die Leute hier sagen, die Stelle habe einen besonderen Segen: Wer es schaffe, den Stein dreimal um den Haufen zu tragen, ist sein ganzes schlechtes Karma los. Mehrere unserer Jungs versuchen sich an dieser „Abkürzung", letztendlich schafft es dann Steven aus London.

Obwohl Guru Rinpoche in Bhutan so eine zentrale Rolle spielt und wir überall seine Statuen sehen, ist bisher noch nicht so viel vom ihm die Rede gewesen. Das ändert sich jetzt, als wir nach Kurje Lhakang kommen.

Dieser Platz gilt als einer der heiligsten von ganz Bhutan, denn hierhin wurde Guru Rinpoche im 8. Jahrhundert eingeladen. Damals gab es hier in Bumthang einen König, der sich mit den örtlichen Dämonen angelegt hatte und daraufhin schwer krank wurde. Keine Medizin half und es stand schlimm um ihn. Man empfahl ihm als letzte Hoffnung Guru Rinpoche einzuladen. Dieser kam und meditierte hier, um den Dämon der Stelle zu unterwerfen. Die Kraft seiner Meditation war so stark, dass sich im Felsen hinter ihm der Abdruck seines Körpers abzeichnete, „Ku-rje" heißt wörtlich „Körper-Abdruck“.
Im alten Haupttempel sieht man links hinter der Guru- Rinpoche-Statue im Felsen den Körperabdruck. Guru Rinpoche erkannte eine der Töchter des Königs als eine Dakini und nahm sie zur Gefährtin - sie wurde eine seiner fünf Hauptgefährtinnen, Tashi Khyidren. Mit ihrer Hilfe besiegte er schließlich den Dämon und der König wurde wieder gesund. Der Dämon, Shelging Karpo, wurde zu einem Schützer.

Hier in Kurje Lhakang werden traditionell die Könige Bhutans verbrannt. Zwei Masten mit Gebetsfahnen kennzeichnen die Stellen, an denen frühere Könige verbrannt wurden, dem 1972 verstorbenen König ist ein Stupa gewidmet. In einem der neueren Tempel steht die grösste Guru-Rinpoche-Statue des Himalaya, ca. zehn Meter hoch.

Als der 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje 1959 mit ca. 160 Lamas aus Tibet floh, nahm er eine Route, die ihn zuerst nach Bhutan führte. Bumthang war damals die erste Station der Flüchtlinge, und hier in Kurje wurde Karmapa vom bhutanesischen König in allen Ehren empfangen. Er besuchte damals auch all die heiligen Stellen dieser Gegend.

Jeder ist von der Kraft der Stelle hier gepackt und wir schaffen es nicht, einfach so wieder hinauszugehen und weiterzufahren. So bitten wir Lama Ole, mit uns eine Meditation zu machen und wir meditieren einen Guru-Yoga auf Guru Rinpoche. Lama Ole erzählt, dass die Aktivität von Karmapa und Guru Rinpoche sehr nah beieinander liegt, die beiden sind tatsächlich untrennbar.

Unser nächstes Ziel ist der „Brennende See“, Mebar Tso. Hier fand der berühmte Tertön Pema Lingpa Dharma-Belehrungen, die von Guru Rinpoche versteckt worden waren, um schwierige Zeiten zu überdauern und von seinen Schülern wieder verbreitet zu werden. Die Dharma-Schätze heißen Termas, diejenigen die sie finden sind die Tertöns.

Wir laufen eine kleine Schlucht hinunter, am Ende findet sich die heilige Stelle. Ziemlich unspektakulär, wenn da nicht die Hunderten von Gebetsfahnen und in die Felsen gemeißelten Bilder wären. Hier soll Pema Lingpa, einem Hinweis von Guru Rinpoche folgend, voll bekleidet in die Schlucht gesprungen sein. Als er wieder aus dem Wasser auftauchte, hielt er ein Kästchen mit einem Terma in den Händen. Die Geschichte machte die Runde, aber die Leute redeten schlecht über Pema Lingpa, man hielt ihn für einen Hochstapler. So lud er die Leute zu der Schlucht ein, erschien mit einer Fackel in der Hand und sagte, dass er weitere Termas aus dem Wasser holen werde - und dass er mit noch brennender Fackel wieder auftauchen werde. Er war solange verschwunden, dass man ihn schon tot glaubte, aber plötzlich erschien er wieder - mit Termas und brennender Fackel. Von dieser Geschichte rührt der Name der Stelle.

Die letzte Station dieses Tages ist Jampe Lhakang, ein Tempel für den nächsten Gründer-Buddha, Maitreya. Dies ist die zweite der beiden Stellen in Bhutan, die schon vom tibetischen König Songtsen Gampo erbaut wurden. Insbesondere der beeindruckende „Rad der Zeit“-(Kalachakra)-Tempel mit einer großen Kalachakra-Statue, an der wir gemeinsam sein Mantra rezitieren und Wünsche für die Freiheit auf der Welt machen, bleibt hier in Erinnerung.

Abends im Hotel erleben wir eine bewegende Szene: Püntsok, der Chef unserer Guides, steht bei den Fragen und Antworten mit Lama Ole irgendwann auf und hat eine Frage. Er sagt, es sei für ihn offensichtlich, dass Lama Ole ein großer Lehrer sei und er habe viel Vertrauen in ihn. Er sei es jedoch von Kindheit an gewohnt, dass die Lehrer rote Roben tragen, warum Lama Ole das nicht tue?
Lama Ole sagt wie es ist: „Ich bin kein Mönch“. Püntsok erklärt, dass ihn das fehlende Rot tatsächlich etwas blockiert. Als Lama Ole scherzt und sagt, er werde morgen für Püntsok ein rotes Hemd anziehen, reicht jemand Ole einen roten Schal. Lama Ole legt ihn sich um, und auf einmal kommen erst Püntsok und dann alle anwesenden Bhutanesen zu ihm und bitten um einen Segen. Es ist eine wirklich bewegende Szene.

22.3. Wir treten die Rückreise an, auf derselben Route wie zwei Tage zuvor, denn es gibt nur eine Straße die Bhutan von West nach Ost durchquert.
Abends kommen wir in Punakha an und haben ein für uns sehr besonderes Ziel: Die Stelle, an der Lopön Tsechu Rinpoche aufgewachsen ist.
Die Busse winden sich lange einen Berg über Punakha hoch und schließlich erreichen wir das kleine Dorf Nobgang mit seinem Kloster Tso Lhakang. Vor vielen Jahrhunderten soll dies der Sommersitz von Shabdrung Ngawang Namgyal gewesen sein, später wurde das Kloster von einem Shamar Rinpoche geleitet. Lopön Tsechu Rinpoche hat als Kind ein Stück unterhalb des Klosters gelebt und hat sehr viel Zeit im Kloster verbracht. Der Blick von hier über das Tal und die Himalaya-Kette ist umwerfend.

Lama Ole sagt, man könne verstehen, dass jemand der, wie Tsechu Rinpoche, mit so einem Anblick aufgewachsen ist, später auch einen sehr weiten Geist habe. Rinpoche hat uns zuvor darauf hingewiesen, die Wandmalereien mit Milarepas Lebensgeschichte im ersten Stock des Klosters zu beachten, und sie sind wirklich beeindruckend. Laut Rinpoche gibt es außer dieser Stelle nur noch zwei andere, an denen man so etwas sehen kann: im Haupttempel des Buddha Dharma Center in Kathmandu, und in einem Kloster in Osttibet.

23.3. Sehr früh stehen wir auf, denn wieder haben wir eine lange Fahrt vor uns: Wir fahren zurück nach Paro und wollen heute noch hoch zum berühmten Taktsang, dem Tigernest.

Diesmal haben wir traumhaft schönes Wetter und genießen immer wieder Ausblicke auf die Schneeberge des Himalaya. Bhutan hat einige 7000er zu bieten.

Mittags sind wir in Paro und machen uns an den Aufstieg zum 3000 Meter hochgelegenen Taktsang Lhakang. Auf dieser Höhe haben die Lungen schon mehr zu tun als sonst, aber auch die Älteren und nicht so Trainierten unter uns schaffen es gut.

Der Blick auf Taktsang beim Aufstieg durch die Wälder gehört wohl mit zum Spektakulärsten, was eine Bhutan- Reise zu bieten hat. Unglaublich, mit welchem Aufwand dieses Kloster vor Jahrhunderten hier in die Felsen „geklebt“ wurde. Vor einigen Jahren hatte es hier einen schlimmen Brand (siehe Kagyü Life Nr. 24) gegeben, aber die Restaurierung ist gut vorangekommen. An dieser Stelle hatte sich Guru Rinpoche in seiner stark zornvollen Form als „Diamanthängbauch“ (tib.: Dorje Trollo) gezeigt, um negative Energien zu überwinden. Seine Gefährtin hatte sich in eine Tigerin verwandelt und so flogen sie zu einer Felshöhle hoch, wo Guru Rinpoche vier Monate lang auf „Diamantdolch“ (tib.: Dorje Phurba) praktizierte. Daher rührt der Name „Tiger-Nest“. Es gibt im Himalaya noch andere „Tiger-Nest“-Stellen: Dieses hier trägt den Geist-Segen Guru Rinpoches, eine Stelle in Zentraltibet seinen Körpersegen und eine in Osttibet seinen Redesegen.
In späteren Zeiten waren viele große Lehrer hier gewesen um zu praktizieren: Yeshe Tsogyal, Guru Rinpoches tibetische Gefährtin, berichtet in ihrer Biographie, dass sie hier ein halbes Jahr lang intensiv mit drei bhutanesischen Gefährten praktizierte. Am Eingang zum Kloster ist eine Quelle, deren Wasser den Segen der Praxis von Yeshe Tsogyal trägt; wir lassen alle in Asien angebrachte Vorsicht außer Acht und trinken davon. Milarepa hat hier praktiziert, Phadampa Sangye, Machig Labdrön, Thangtong Gyalpo usw., und praktisch alle großen Rinpoches sind irgendwann hier auf Pilgerreise gewesen und haben ihren Segen hinterlassen.
Die große beeindruckende „Diamanthängebauch“-Statue, die hier früher stand, scheint leider verbrannt zu sein. Aber man zeigt uns einen Raum, in dem halbfertige neue Statuen stehen, darunter eben auch eine ca. 3 Meter hohe „Diamanthängebauch“-Statue.

In einem Raum mit einer Guru-Rinpoche-Statue die einmal gesprochen haben soll, rezitieren wir gemeinsam Anrufungen von „Diamantdolch“, „Buddha des grenzenlosen Lichtes“, „Liebevolle Augen“, Guru Rinpoche und Mahakala. Dann bitten wir Lama Ole, uns hier als Abrundung der Reise in Bhutan das Bodhisattva-Versprechen abzunehmen.
Auf dem Weg aus dem Kloster zeigt man uns eine kleine Holzhütte in einer Felsspalte, die nur über eine steile Leiter zu erreichen ist. Hier sei die Retreatstelle von Yeshe Tsogyal. Aber nur der Lama selbst dürfe sie betreten, und so steigt Lama Ole alleine in die Hütte hoch.
Das Kloster wurde erst 1692 von Tenzin Rabgye, dem Nachfolger Shabdrung Ngawang Namgyals, erbaut. Bis dahin hatte es nur die Höhle und einige kleine Meditationshütten gegeben. Die Felsen um und über Taktsang sind noch immer übersät von kleinen Hütten, in denen praktiziert wird.

Auf dem Weg zurück halten wir an einer schönen Stelle mit Blick auf Taktsang. Lissy und Eckhard aus Hamburg, die schon 2002 einen Film über die Pilgerreise nach Indien produziert haben, haben so gut es unter den schwierigen Bedingungen dieser Tour ging, überall gefilmt. Hier nun filmen sie Lama Ole vor dem Tigernest, und Lama Ole spricht über die Reise und diese besondere Stelle.

24.2. Wir wollen abends um 18 Uhr zur täglichen Mahakala-Puja beim 17. Karmapa Thaye Dorje in Kalimpong sein. Das bedeutet ca. 14 Stunden Fahrt, und so stehen wir um drei Uhr in der Früh auf. In den den letzten Tagen konnten wir uns zunehmend daran gewöhnen, und der Scherz macht die Runde, dass wir bei einer einige Tage längeren Reise dann irgendwann gar nicht mehr geschlafen hätten.
Am südlichen Ende des Paro-Tales führt links die Straße nach Thimphu, aber wir fahren diesmal rechts Richtung Püntsoling, der Grenzstadt zu Indien. Je weiter wir ins südliche Bhutan kommen und je tiefer es aus den Bergen hinunter geht, umso mehr verliert sich die Magie des Landes. Zunehmend besteht die Bevölkerung aus Nepalesen und Indern. Zwar sieht man noch überall Gebetsfahnen und Stupas, aber das eigentliche Bhutan liegt eindeutig in den Bergen.
Am Ende dieses Tages erreichen wir Kalimpong. Wir haben gerade noch Zeit zum nach langer Fahrt nötigem Garderobenwechsel und genießen dann die Mahakala-Puja mit dem 17. Karmapa Thaye Dorje. Hier treffen wir auch viele Freunde von uns, die parallel zu unserer Reise eine Pilgertour zu den heiligen Stellen in Indien gemacht haben. Nahezu 200 Leute sind wir jetzt in Kalimpong, und am nächsten Tag gibt Karmapa uns eine Einweihung auf den kraftvollen Karma-Pakshi, den zweiten Karmapa, und das Bodhisattva-Versprechen. Wir haben die Gelegenheit Karmapas Eltern kennen zu lernen, die gerade zu Besuch sind, und Professor Sempa Dorje gibt Belehrungen. Er ist derzeit der Hauptlehrer Karmapas und gilt als einer der größten Gelehrten des Buddhismus. Lama Ole lädt ihn in unsere Zentren im Westen ein und wir hoffen, dass er die Zeit dafür finden wird.

Die Rückreise führt uns über Karkavitta und Bhadrapur nach Kathmandu, wo die meisten noch ein oder zwei Tage mit Shopping und Besuchen von Pilgerstellen verbringen. Lopön Tsechu Rinpoche ist leider noch nicht aus Bangkok zurück. Wir freuen uns alle auf ein Wiedersehen mit ihm im Sommer in Europa, nicht ahnend, dass diese Reise eins seiner letzten grossen Geschenke an uns war.



Detlev Göbel, Buddhist seit 1984, Diamantweg-Lehrer seit 1992, lebte 15 Jahre im Zentrum München, reiste bereits 1987 mit Lama Ole in Bhutan und leitet zusammen mit Hans Embert seit 2005 jährlich Bhutan-Pilgerreisen.
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