Im Drachen-Land - Pilgerreise mit Lama Ole Nydahl in Bhutan, März 2003Von Detlev Göbel
Jomolungma, Lhotse, Nuptse, Kanchenjunga ziehen majestätisch draußen am Fenster vorbei. Für kurze Zeit bekommt die anmutige Schönheit der bhutanesischen Stewardessen der „Druk Air“ Konkurrenz. Alles drängt sich an den kleinen Fenstern des Fliegers um einen Blick zu erhaschen und zu fotografieren.
Wir fliegen von Kathmandu nach Paro in Bhutan und haben den Flieger „für uns“ - keine anderen Passagiere außer unserer Pilgergruppe. Über den Bordlautsprecher hören wir Lama Oles Stimme aus dem Cockpit. Er begrüßt uns zu unserer gemeinsamen Pilgerreise in das immer noch geheimnisvolle „Land der Drachen“. Freunde aus allen Teilen der Welt begleiten Lama Ole, Hannah, Caty und Tomek auf einer Reise zu den heiligen Stellen des letzten Diamantweg-Landes der Welt. Einige Tage mit Besuchen der heiligen Stellen des Kathmandu- Tales liegen hinter uns: Guru Rinpoches Höhlen in Parping und Yanglesho, Marpa-Stellen in Parping und Kimdohl, der Nagarjuna-Hill, Namo Buddha, und natürlich die großen Stupas Swayambhu und Boudha. So sind wir nun bestens eingestimmt auf Drukyül, das „Drachenland“, wie die Bhutanesen selbst ihr Land nennen. Wir tauchen in die Wolken über dem Paro-Tal ein. Hier und da reißen sie für einen Moment auf und das Land öffnet sich uns in ersten kurzen Momenten: dicht bewaldete Berge, spärlich besiedelte Täler, die unverwechselbare liebevolle Architektur Bhutans selbst bei den einfachsten Bauernhäusern. Ein erster Blick auf den berühmten Paro Dzong, und schon landen wir auf dem einzigen Flughafen Bhutans auf 2300 Meter Höhe. Hier wird man - wie angenehm! - die paar Hundert Meter zum Flughafengebäude nicht gefahren, sondern darf laufen. Ein paar Minuten, um sich zu erinnern, was uns über bhutanesische Etikette eingeschärft wurde. Wir sind hier auf Einladung von Lopön Tsechu Rinpoche, der in Bhutan aufgewachsen und hier eine sehr hochgestellte Persönlichkeit mit engsten Verbindungen zum Königshaus ist. Er hat für uns „gebürgt" und es ermöglicht, dass wir an heilige Stellen kommen werden, wo Touristen sonst keinen Zugang haben. Wir sollen uns also „benehmen" um ihm keine Schande zu machen. Die allgemein in Asien geltenden Regeln kennen die meisten von uns. Hier aber sollen wir nun auch noch würdevoll, zurückhaltend, nicht zu laut usw. sein - den „fröhlichen Barbaren" nur im Herzen tragen. So sind einige von uns also bei den ersten Kontakten mit den Bhutanesen fast ein bisschen steif. Aus Kathmandu kommend ist der Flughafen Paro eine Oase der Ruhe und Sauberkeit. Bhutan wird scherzhaft, aber nicht zu Unrecht, als die „Schweiz des Himalaya bezeichnet. Einreiseformalitäten, Geldwechsel in die zungenbrecherische Währung Ngultrum, und schon warten draußen fünf Reisebusse auf uns, um uns erst einmal zum Hotel zu fahren. Jeder Bus hat vorne über dem Kühler ein großes Transparent „Lama Ole and his Group“. Ein erstes „Kusu sangpo la“, der aus dem Reiseführer gelernte bhutanesische Gruß, lässt die Förmlichkeit zwischen uns und den Guides schmelzen. Schon folgt die zweite Lektion: „How do say Thank You in Bhutanese?“ - „Ka drin che la“. Erster Übermut kommt auf „How do say I love You in Bhutanese?“, und wird mit einigen strafenden Blicken bedacht. Unsere Guides sprechen gutes Englisch und haben ein hervorragendes Wissen über alle möglichen Aspekte Bhutans, wie wir noch feststellen werden. Mehr und mehr freunden wir uns in den kommenden Tagen mit ihnen an, und diese Fahrt wird wohl auch für sie unvergessen bleiben. Ein Bhutan-Reise-Team wurde zusammengestellt. Gergö aus Budapest, Tomek Lehnert, Hans Embert und Maggi Kossowski. Maggi übersetzt und organisiert für Tsechu Rinpoche seit vielen Jahren, hat durch einige Reisen auch gute Kontakte in Bhutan. Zusammen mit Achi Sönam Wangchuk aus dem bhutanesischen Königshaus stellte sie eine Tour für uns zusammen. Die Agentur „White Tara Tour" kümmerte sich um die Busse, Hotels, Guides usw. Individualreisen sind in Bhutan praktisch nicht möglich, erst recht nicht bei einer Gruppe dieser Größe. Normalerweise zahlen Touristen je nach Saison zwischen 160 und 200 Dollar pro Tag, ein Pauschalpreis, der alles außer Souvenirs und ein abendliches Bier beinhaltet. Zusammen mit Tsechu Rinpoche, Lama Ole und Hannah sollen wir eine Woche lang all die heiligen Stellen Bhutans besuchen. Aber im letzten Moment macht die Gesundheit des mittlerweile 85- jährigen Rinpoches diesen Plan zunichte. Bei unserer Ankunft in Kathmandu Mitte März erfahren wir, dass Rinpoche in Bangkok im Krankenhaus liegt. Zwar schon wieder auf dem Weg der Besserung, aber zu schwach für die anstrengende Reise in Bhutan. So lässt er uns alle grüßen und hält die Verbindung zu uns durch tägliche Telefonate mit Maggi. Rinpoche wünscht, dass wir an jeder einzelnen der heiligen Stellen ein Gruppenfoto machen und er die Bilder später sehen kann. Jeden Tag will er genau wissen, was geschehen ist, ob es besondere Zeichen gab usw. er ist für uns wirklich „dabei“. Ankunft im schönen Hotel Olathang. Unser Programm für den Tag ist zum Bersten voll. So ist nur kurz Zeit zum Gepäck ausladen, Duschen und Mittagessen, dann soll es losgehen zu den Heiligtümern des Paro-Tales. Wir springen in unsere fünf Busse und es geht los. Nur wenige wissen, wo es eigentlich hingeht und was es mit den heiligen Stellen auf sich hat. Die bhutanischen Namen der Stellen sind für den Ungeübten kaum zu merken. Aber Maggi bemüht sich überall, etwas zu erzählen. Um sie und Ole und Hannah drängt sich jedes Mal eine Menschentraube um etwas von den Erklärungen aufzuschnappen. Unser erster Besuch gilt Kichu Lhakang, einer der heiligsten Stellen Bhutans überhaupt, wo Touristen sonst keinen Zugang haben. Unser Referenzschreiben, das die Guides mit sich führen, öffnet die Tore des Tempels. Im Tempel findet sich eine dem Jowo in Lhasa gleiche Statue und uns fällt eine fast lebensgroße Statue mit den unverkennbaren Gesichtszügen des verstorbenen Dilgo Khyentse Rinpoche auf. Wir erfahren, dass er hier viel meditiert hatte. Es gibt sogar ein eigenes Zimmer von ihm, das man aber als so heilig ansieht, dass man es auch uns nicht zeigen mag. Die Statuen und Wandmalereien sind, wie überall später auf dieser Reise, überwältigend. Aber leider ist es uns nirgendwo erlaubt zu fotografieren, weil man Angst vor Statuenräubern hat. Man hat beobachtet, was über die letzten Jahrzehnte in Nepal geschehen ist. Dort sind Unmengen von Statuen aus den Klöstern gestohlen worden. Oft wurden den Statuen einfach die Köpfe abgeschlagen und diese dann ins Ausland verkauft. Auch Bhutan hat leider zunehmend damit zu kämpfen. Seit Anfang der 80er Jahre hat es sehr viel solcher Fälle gegeben, obwohl auf Raub an Tempeln und Stupas Lebenslänglich steht. Einige Fälle waren von extremer Grausamkeit begleitet, Mönche wurden umgebracht, einem Lama wurde die Kehle durchschnitten. So einsam wie die meisten Tempel gelegen sind, haben die Mönche wenig Chance gegen ein paar bewaffnete Männer. In der Tat sehen wir aber später in einem Kloster jemanden offen mit einem Gewehr über der Schulter herumlaufen, vielleicht als Abschreckung. Wir machen hier, wie überall vor den Altären in den kommenden Tagen, starke Wünsche, dass alle Wesen schnell Erleuchtung erlangen mögen und dass uns der Segen der Stellen folgen wird und unsere Arbeit im Westen unterstützt. Solche Wünsche an diesen kraftvollen und gesegneten Plätzen zu machen, ist unvorstellbar viel stärker als unter normalen Umständen. Viele von uns haben auch Bilder dabei von Freunden oder Verwandten, um so eine gute Verbindung zu diesen Kraftstellen zu knüpfen. Zeit für Meditation haben wir leider nur sehr selten, das Programm ist zu dicht. Ta-Dzong, das Nationalmuseum Bhutans, ist der ehemalige Wachturm der etwas weiter unterhalb gelegenen Festung Rinchenpung Dzong, heute meist nur Paro-Dzong genannt. Hier bewundern wir Kunstschätze aus vielen Jahrhunderten, alte Waffen, alte Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens und viele alte Thangkas. Besonders schön ist ein Raum, in dem der Zufluchtsbaum dreidimensional mit vielen Statuen dargestellt ist. Wenn man den Raum betritt, steht man vor dem Kagyü-Zufluchtsbaum mit Dorje Chang in der Mitte. Man geht im Uhrzeigersinn drum herum und sieht die Zufluchtsbäume der Nyingmapas mit Guru Rinpoche im Zentrum und der Kadampas mit Atisha und Tsongkhapa. Ein wenig unterhalb liegt die riesige Festung Paro-Dzong. (Hier wurden übrigens die bhutanesischen Szenen des Films „Little Buddha" von Bertolucci gedreht.) In früheren Zeiten spielte Paro Dzong eine wichtige militärische Rolle als Schutz gegen mongolische und tibetische Invasionsheere, die von Tibet aus durch das Paro-Tal herunterzogen. Shabdrung Ngawang Namgyal begegnet uns immer wieder. Ständig fällt sein Name, überall sieht man Bilder von ihm, unverkennbar mit dem langen spitzen Bart. Er ist derjenige, der Bhutan im 17. Jahrhundert geeint und nachhaltig die bhutanesische Identität geprägt hat. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts war die Drukpa-Kagyü-Schule in Bhutan die einflussreichste Kraft, das Land war jedoch in viele kleine Regional-Reiche zersplittert. Shabdrung Ngawang Namgyal lebte in Tibet in Ralung, dem Hauptkloster der Drukpa Kagyü. Er sollte der Nachfolger des Abtes werden und galt als Reinkarnation des berühmten Gelehrten Pema Karpo. Dann jedoch gab es plötzlich einen anderen Kandidaten für die Inkarnation, mit einflussreichen Unterstützern im Königshaus in Tsang. Alle Verhandlungen fruchteten nicht, die Lage wurde immer verwickelter. Leute kamen ums Leben, Prozesse wurden geführt, Gerüchte über geplante Mordanschläge auf Shabdrung Ngawang Namgyal machten die Runde - schließlich entschied sich Shabdrung Ngawang Namgyal zur Flucht nach Bhutan, wo er viele Anhänger hatte. In Bhutan ließ er überall im Lande Festungen bauen und einte das Land allen äußeren und inneren Widerständen zum Trotz im Verlaufe von 30 Jahren. Mehrere Versuche der Tibeter und später der Mongolen, das im Süden aufkommende Machtzentrum zu erobern, konnten erfolgreich zurückgeschlagen werden. So wurde das Land das „Druk Yül", das Land der Drukpas. Das tibetische Wort „Druk" heißt Drache und der Name dieser Kagyü-Unterschule geht auf ein Ereignis im 12. Jahrhundert zurück. Einer von Gampopas Hauptschülern war Phagmo Drupa, er begründete die Phagdru- Kagyü-Schule. Er wiederum hatte einen Schüler namens Ling Repa, und dieser einen Schüler namens Tsangpa Gyare. Bei der Gründung eines Klosters sahen dieser und all seine Begleiter neun Drachen am Himmel, was sie als sehr glückverheißend empfanden. So bürgerte sich der Namen Drukpa-Kagyü für diese Schule ein. In früheren Zeiten war die Drukpa-Kagyü-Schule sehr verbreitet und populär in Tibet. Zum Abschluss dieses ersten ereignisreichen Tages fahren wir in der Dämmerung das Paro-Tal hoch nach Norden, Richtung Tibet - wir wollen die alte Festung Drukgyel Dzong besichtigen. Nachts nach dem Abendessen im Hotel Olathang. Auf den Zimmern gibt es Fernsehen mit BBC-News, die begierig geschaut werden. Am Morgen in Kathmandu sahen wir noch die Ansprache von George W. Bush, in welcher er den Ablauf des verlängerten Ultimatums an Saddam Hussein bekanntgab. Noch ruhen die Waffen. Wir treffen uns alle im großen Versammlungssaal des Hotels. Organisatorisches für die ganze weitere Reise und für den nächsten Tag wird besprochen, Maggi verliest einen Brief von Tsechu Rinpoche an uns alle. Dann erklären Ole und Caty, wie es zu den Einladungen für diese Reise kam. Rinpoche hatte ja gesagt, sie könnten 60 Freunde mitnehmen, letztendlich wurden es dann inklusive Ole, Hannah, Caty und Tomek 72. Aber wie die Auswahl treffen unter Hunderten von alten Freunden, die wohl gerne dabei gewesen wären? Caty erklärt: Es wurden Leute eingeladen, bei denen unterschiedliche Funktionen zusammenkommen: Am Ende dieses Abends stellt sich jeder vor, sagt ein paar Worte dazu, wer er ist und was er macht. Die meisten kennen sich natürlich sowieso, aber es gibt auch neue Gesichter aus fernen Gegenden der Welt wie Sibirien, Kolumbien usw. 19. März, früh morgens. So haben wir uns bisher nur sehr selten gesehen: die Männer im Anzug, glänzende Schuhe, Schlips, und die Frauen in bester Ausgehgarderobe. An diesem Tag sind wir beim Je Khenpo und bei Achi Sönam Wangchuk, einer Angehörigen des Königshauses, eingeladen. Der Je Khenpo ist das spirituelle Oberhaupt Bhutans, und Achi Sönam Wangchuk war maßgeblich an der Organisation unserer Reise beteiligt. Wir fahren zwei Stunden das Paro-Tal hinunter und dann hoch Richtung Thimphu, der Hauptstadt Bhutans. Für Thimphu selbst ist keine Zeit, wir fahren nur durch. Die Straße führt den Berg hoch, vorbei an dem riesigen Tashichö-Dzong auf dem anderen Flussufer. Hier ist der Amtssitz des Königs, mit 1000 Mönchen und 2000 Beamten, Angestellten usw. Hier, wie in allen Dzongs Bhutans, ist Religion und Administration vermischt. Auf unserer Reise im Jahr 1987 trafen wir den damaligen Je Khenpo hier im Dzong und hatten Gelegenheit die Schönheit der Tempel zu bewundern. Diesmal jedoch fahren wir ein paar Minuten weiter zum Dechen Phodrang Lhakang, dem ursprünglichen alten Dzong des Thimphu-Tales. Der Je Khenpo ist keine Inkarnationslinie, sondern wird alle drei Jahre von hochrangigen Vertretern der Mönchgemeinschaft neu gewählt, der jetzige Je Khenpo Tulku Jigme Chödra ist der 70. in dieser Position. Wie schon 16 Jahre zuvor von einem seiner Vorgänger bekommen wir von ihm, nachdem Lama Ole uns vorgestellt hat und verschiedene Geschenke überreicht wurden, eine Liebevolle-Augen-Einweihung. In einem Hotel am Berghang über Thimphu hat Achi Sönam Wangchuk für uns einen Empfang im Garten eingerichtet. Bei unserer Ankunft erwartet uns eine Folklore-Gruppe, die bhutanesische Gesänge und Tänze aufführt. Im Garten sind zwei Zelte aufgebaut, denn hier auf 2400 Meter Höhe brennt die Sonne mittags. Es werden Tee und Knabbereien serviert, dann hält Achi Sönam Wangchuk eine bewegende Ansprache. Die warmherzige Weise, wie sie Lama Ole und Hannah und uns alles willkommen heißt, bewegt uns sehr. Wir haben an diesem Tag noch einige Stunden Fahrt vor uns, sodass wir bald schon wieder los müssen. Lama Ole zeigt den Bhutanesen noch eine professionelle Präsentation seiner Arbeit im Westen. Auf dem Weg aus Thimphu hinaus besichtigen wir den Memorial Tschörten. Dieser Stupa, der innen begehbar ist, wurde erst 1974 in Andenken an den verstorbenen König Jigme Dorje Wangchuk gebaut. Auf drei Stockwerken sind hier dreidimensionale Yidam- Mandalas der Nyingma-Linie dargestellt. Auf der Fahrt nach Punakha kommen wir über einen 3100-Meter-Pass, der bei klarem Wetter sehr spektakulär sein soll, wir haben jedoch Nebel und es ist kalt. Dann jedoch führt uns die Fahrt immer tiefer hinunter und es wird zunehmend wärmer, Punakha liegt auf nur 1400 Meter. Ein Stück vor Punakha liegt der berühmte Chime Lhakang, von unseren Guides schnoddrig „Mad Man's Monastery" genannt. Dieser Beiname ist wohl dem Buch „The Divine Madman" (deutscher Titel: „Der Heilige Narr) zu verdanken, welches das Leben des großen Verwirklichers Drukpa Künleg erzählt. Wir kommen bei einsetzender Dämmerung an und müssen uns beeilen. Von den Bussen aus führt der Weg 20 Minuten durch ein Dorf, über Reisfelder, kleine Bäche und eine Ebene den Hügel zum Kloster hoch. Im Tempel steht eine Statue von Drukpa Künleg, und wir sprechen dem Lama auf Tibetisch die Anrufung Drukpa Künlegs nach. Der Kloster-Vorsteher gibt uns einen Segen mit Gegenständen, die Drukpa Künleg gehörten: Pfeil und Bogen und ein länglicher Gegenstand aus Holz, der Drukpa Künlegs Penis symbolisieren soll. Chime Lhakang gilt in Bhutan als Fruchtbarkeitstempel und wird oft von Frauen besucht, die keine Kinder bekommen können. Das Kraftfeld von Drukpa Künlegs sexueller Kraft wirkt anscheinend noch immer fort. Je weiter wir in Richtung Bumthang, dem Herzland Bhutans, kommen, um so öfter sehen wir Phalli an den Häusern. Sie gelten als Fruchtbarkeitssymbole und auch als Schützer und finden sich in allen Variationen: an die Hauswände gemalt, geschnitzt über den Eingängen, an der Kühlerhaube von Trucks, sich im Wind drehend an den Ecken der Häuser vom Dach hängend. Diese Tradition geht auf Drukpa Künleg zurück. Als wir gerade das Kloster verlassen wollen, fängt es an zu regnen. Es ist mittlerweile schon recht dunkel und wir müssen uns beeilen, denn in diesen Gegenden wird es sehr schnell sehr dunkel und man kann sich leicht verletzen bei einem Fehltritt. So rennen wir im Regen über die Wiesen und Reisfelder zurück. Kaum sind wir bei den Bussen angelangt, hört der Regen auf. Regen in so einer Situation gilt als Segenszeichen, und laut unseren Guides regnet es zu dieser Jahreszeit hier praktisch nie. Lama Ole sagt, dass es ein sehr gutes Omen für unsere gemeinsame Arbeit war, dass wir durch den Regen durch sind statt uns irgendwo unterzustellen. 20.3. Früh morgens besichtigen wir den Punakha Dzong, der 300 Jahre lang der Winter-Regierungssitz war. Er liegt am Zusammenfluss zweier Flüsse und man betritt ihn über eine Hängebrücke. Viele Stunden auf endlosen Serpentinen liegen zwischen hier und Jakar, unserem Ziel im Bumthang. Die Landschaft ist überwältigend schön, Wälder mit langen Flechten in den Bäumen, weite Täler. Wir geraten in Schneetreiben und oben auf dem Pele- Pass auf 3100 Meter liefern wir uns zwischen einer Stupa und den allgegenwärtigen Gebetsfahnen-Wäldern eine Schneeballschlacht. Selbst unsere Guides greifen mit viel Spaß in die „Schlacht“ ein. Wir rasten und picknicken an der Chendebji-Stupa im Tal. Sie ist im nepalesischen Stil gebaut worden, um die Dämonen des Tales zu besiegen. Wangdi, der Ehemann von Achi Sönam Wangchuk, trifft uns hier. Er ist mit seinem eigenen Wagen gefahren, um uns ein Stück zu begleiten. In Tongsa, wo der größte Dzong Bhutans steht, halten wir diesmal nicht. 16 Jahre zuvor hatten wir hier übernachtet und den Dzong besichtigt, aber diesmal ist keine Zeit. Nach dem Yutong-Pass, dem mit 3400 Meter höchstem unserer Reise, nähern wir uns Chamkar, der Hauptstadt Bumthangs. Wir sind in drei verschiedenen Hotels untergebracht, da es hier keine Herberge für eine so große Gruppe gibt. Der Standard ist deutlich einfacher als in den Nächten zuvor, aber die Magie der Gegend lässt das gerne vergessen. Holzöfen in den Zimmern lassen einige unter uns, die nur Zentralheizungen kennen und nicht bei den Pfadfindern waren, gerne auf die vom Wirt angebotene Hilfe beim Feuermachen zurückgreifen. Seine Methode: Holz, eine Schale Benzin, ein Streichholz. Wangdi besucht abends die Gruppen in den drei Hotels, zum Teil ergeben sich interessante Diskussionen mit ihm über die unterschiedlichen Weisen buddhistischer Praxis in Bhutan und dem Westen. Eine Gelegenheit voneinander zu lernen. Einige unter uns bekommen hier zum ersten Mal einen Geschmack von den asiatischen Wurzeln des Diamantweges, und die Bhutanesen lernen einen buddhistischen Lebensstil kennen, der nicht von Staatsreligion und dem monastischen System geprägt ist. 21.3. Ein volles Programm liegt vor uns: „See Bumthang in 12 Hours". Es ist eine Schande: so ein fantastischer Platz mit so vielen heiligen Stellen und nur so wenig Zeit. Viele von uns sagen am Ende dieses Tages, dass sie irgendwann mit mehr Zeit wiederkommen möchten. Bhutan ist etwas Besonderes, das wird schon bei der Ankunft im Westen des Landes deutlich. Aber Bumthang hat noch eine ganz andere Dimension. Irgendetwas Grundlegendes scheint hier noch zu stimmen. So war die Welt vielleicht, bevor sie verrückt wurde. Man sieht es in den Gesichtern der Leute, an den Kindern, die uns fast ausnahmslos am Straßenrand zuwinken. Wir besuchen Thangbi Lhakang, eine der wenigen Karma-Kagyü-Klöster Bhutans. Es wurde im 15. Jahrhundert vom 4. Shamar Rinpoche erbaut. Der Tertön Pema Lingpa praktizierte hier und fertigte durch Wunderkräfte an einem einzigen Tag eine große Zahl von Statuen an. Hier dürfen wir ausnahmsweise die Wandmalereien fotografieren. Der Kloster-Vorsteher erzählt, dass das Kloster 27 Gomchens - „Große Meditierende“ - hat, jedoch auch massive Geldprobleme, es reiche kaum fürs Essen. Der Staat finanziere vor allem Drukpa-Kagyü-Klöster, nicht aber dieses hier. Einige aus unserer Gruppe spenden spontan eine größere Summe Geld. Der Abt gibt Lama Ole verschiedene Reliquien, die hier aufbewahrt werden, in die Hand und wir bekommen alle einen Segen damit. Draußen auf der Wiese vor dem Kloster liegt ein großer Berg schwerer Steine. Ein einzelner Stein, bestimmt 100 kg schwer, liegt daneben. Die Leute hier sagen, die Stelle habe einen besonderen Segen: Wer es schaffe, den Stein dreimal um den Haufen zu tragen, ist sein ganzes schlechtes Karma los. Mehrere unserer Jungs versuchen sich an dieser „Abkürzung", letztendlich schafft es dann Steven aus London. Obwohl Guru Rinpoche in Bhutan so eine zentrale Rolle spielt und wir überall seine Statuen sehen, ist bisher noch nicht so viel vom ihm die Rede gewesen. Das ändert sich jetzt, als wir nach Kurje Lhakang kommen. Dieser Platz gilt als einer der heiligsten von ganz Bhutan, denn hierhin wurde Guru Rinpoche im 8. Jahrhundert eingeladen. Damals gab es hier in Bumthang einen König, der sich mit den örtlichen Dämonen angelegt hatte und daraufhin schwer krank wurde. Keine Medizin half und es stand schlimm um ihn. Man empfahl ihm als letzte Hoffnung Guru Rinpoche einzuladen. Dieser kam und meditierte hier, um den Dämon der Stelle zu unterwerfen. Die Kraft seiner Meditation war so stark, dass sich im Felsen hinter ihm der Abdruck seines Körpers abzeichnete, „Ku-rje" heißt wörtlich „Körper-Abdruck“. Hier in Kurje Lhakang werden traditionell die Könige Bhutans verbrannt. Zwei Masten mit Gebetsfahnen kennzeichnen die Stellen, an denen frühere Könige verbrannt wurden, dem 1972 verstorbenen König ist ein Stupa gewidmet. In einem der neueren Tempel steht die grösste Guru-Rinpoche-Statue des Himalaya, ca. zehn Meter hoch. Als der 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje 1959 mit ca. 160 Lamas aus Tibet floh, nahm er eine Route, die ihn zuerst nach Bhutan führte. Bumthang war damals die erste Station der Flüchtlinge, und hier in Kurje wurde Karmapa vom bhutanesischen König in allen Ehren empfangen. Er besuchte damals auch all die heiligen Stellen dieser Gegend. Jeder ist von der Kraft der Stelle hier gepackt und wir schaffen es nicht, einfach so wieder hinauszugehen und weiterzufahren. So bitten wir Lama Ole, mit uns eine Meditation zu machen und wir meditieren einen Guru-Yoga auf Guru Rinpoche. Lama Ole erzählt, dass die Aktivität von Karmapa und Guru Rinpoche sehr nah beieinander liegt, die beiden sind tatsächlich untrennbar. Unser nächstes Ziel ist der „Brennende See“, Mebar Tso. Hier fand der berühmte Tertön Pema Lingpa Dharma-Belehrungen, die von Guru Rinpoche versteckt worden waren, um schwierige Zeiten zu überdauern und von seinen Schülern wieder verbreitet zu werden. Die Dharma- Schätze heißen Termas, diejenigen die sie finden sind die Tertöns. Wir laufen eine kleine Schlucht hinunter, am Ende findet sich die heilige Stelle. Ziemlich unspektakulär, wenn da nicht die Hunderten von Gebetsfahnen und in die Felsen gemeißelten Bilder wären. Hier soll Pema Lingpa, einem Hinweis von Guru Rinpoche folgend, voll bekleidet in die Schlucht gesprungen sein. Als er wieder aus dem Wasser auftauchte, hielt er ein Kästchen mit einem Terma in den Händen. Die Geschichte machte die Runde, aber die Leute redeten schlecht über Pema Lingpa, man hielt ihn für einen Hochstapler. So lud er die Leute zu der Schlucht ein, erschien mit einer Fackel in der Hand und sagte, dass er weitere Termas aus dem Wasser holen werde - und dass er mit noch brennender Fackel wieder auftauchen werde. Er war solange verschwunden, dass man ihn schon tot glaubte, aber plötzlich erschien er wieder - mit Termas und brennender Fackel. Von dieser Geschichte rührt der Name der Stelle. Die letzte Station dieses Tages ist Jampe Lhakang, ein Tempel für den nächsten Gründer-Buddha, Maitreya. Dies ist die zweite der beiden Stellen in Bhutan, die schon vom tibetischen König Songtsen Gampo erbaut wurden. Insbesondere der beeindruckende „Rad der Zeit“-(Kalachakra)-Tempel mit einer großen Kalachakra- Statue, an der wir gemeinsam sein Mantra rezitieren, bleibt hier in Erinnerung. Abends im Hotel erleben wir eine bewegende Szene: Püntsok, der Chef unserer Guides, steht bei den Fragen und Antworten mit Lama Ole irgendwann auf und hat eine Frage. Er sagt, es sei für ihn offensichtlich, dass Lama Ole ein großer Lehrer sei und er habe viel Vertrauen in ihn. Er sei es jedoch von Kindheit an gewohnt, dass die Lehrer rote Roben tragen, warum Lama Ole das nicht tue? 22.3. Wir treten die Rückreise an, auf derselben Route wie zwei Tage zuvor, denn es gibt nur eine Straße die Bhutan von West nach Ost durchquert. Lama Ole sagt, man könne verstehen, dass jemand der, wie Tsechu Rinpoche, mit so einem Anblick aufgewachsen ist, später auch einen sehr weiten Geist habe. Rinpoche hat uns zuvor darauf hingewiesen, die Wandmalereien mit Milarepas Lebensgeschichte im ersten Stock des Klosters zu beachten, und sie sind wirklich beeindruckend. Laut Rinpoche gibt es außer dieser Stelle nur noch zwei andere, an denen man so etwas sehen kann: im Haupttempel des Buddha Dharma Center in Kathmandu, und in einem Kloster in Osttibet. 23.3. Sehr früh stehen wir auf, denn wieder haben wir eine lange Fahrt vor uns: Wir fahren zurück nach Paro und wollen heute noch hoch zum berühmten Taktsang, dem Tigernest. Diesmal haben wir traumhaft schönes Wetter und genießen immer wieder Ausblicke auf die Schneeberge des Himalaya. Bhutan hat einige 7000er zu bieten. Mittags sind wir in Paro und machen uns an den Aufstieg zum 3000 Meter hochgelegenen Taktsang Lhakang. Auf dieser Höhe haben die Lungen schon mehr zu tun als sonst, aber auch die Älteren und nicht so Trainierten unter uns schaffen es gut. Der Blick auf Taktsang beim Aufstieg durch die Wälder gehört wohl mit zum Spektakulärsten, was eine Bhutan- Reise zu bieten hat. Unglaublich, mit welchem Aufwand dieses Kloster vor Jahrhunderten hier in die Felsen „geklebt“ wurde. Vor einigen Jahren hatte es hier einen schlimmen Brand (siehe Kagyü Life Nr. 24) gegeben, aber die Restaurierung ist gut vorangekommen. An dieser Stelle hatte sich Guru Rinpoche in seiner stark zornvollen Form als „Diamanthängbauch“ (tib.: Dorje Trollo) gezeigt, um negative Energien zu überwinden. Seine Gefährtin hatte sich in eine Tigerin verwandelt und so flogen sie zu einer Felshöhle hoch, wo Guru Rinpoche vier Monate lang auf „Diamantdolch“ (tib.: Dorje Phurba) praktizierte. Daher rührt der Name „Tiger-Nest“. Es gibt im Himalaya noch andere „Tiger-Nest“-Stellen: Dieses hier trägt den Geist-Segen Guru Rinpoches, eine Stelle in Zentraltibet seinen Körpersegen und eine in Osttibet seinen Redesegen. In einem Raum mit einer Guru-Rinpoche-Statue die einmal gesprochen haben soll, rezitieren wir gemeinsam Anrufungen von „Diamantdolch“, „Buddha des grenzenlosen Lichtes“, „Liebevolle Augen“, Guru Rinpoche und Mahakala. Dann bitten wir Lama Ole, uns hier als Abrundung der Reise in Bhutan das Bodhisattva-Versprechen abzunehmen. Auf dem Weg zurück halten wir an einer schönen Stelle mit Blick auf Taktsang. Lissy und Eckhard aus Hamburg, die schon 2002 einen Film über die Pilgerreise nach Indien produziert haben, haben so gut es unter den schwierigen Bedingungen dieser Tour ging, überall gefilmt. Hier nun filmen sie Lama Ole vor dem Tigernest, und Lama Ole spricht über die Reise und diese besondere Stelle. 24.2. Wir wollen abends um 18 Uhr zur täglichen Mahakala-Puja beim 17. Karmapa Thaye Dorje in Kalimpong sein. Das bedeutet ca. 14 Stunden Fahrt, und so stehen wir um drei Uhr in der Früh auf. In den den letzten Tagen konnten wir uns zunehmend daran gewöhnen, und der Scherz macht die Runde, dass wir bei einer einige Tage längeren Reise dann irgendwann gar nicht mehr geschlafen hätten. Die Rückreise führt uns über Karkavitta und Bhadrapur nach Kathmandu, wo die meisten noch ein oder zwei Tage mit Shopping und Besuchen von Pilgerstellen verbringen. Lopön Tsechu Rinpoche ist leider noch nicht aus Bangkok zurück. Wir freuen uns alle auf ein Wiedersehen mit ihm im Sommer in Europa, nicht ahnend, dass diese Reise eins seiner letzten grossen Geschenke an uns war. Detlev Göbel, Buddhist seit 1984, Reiselehrer seit 1992, lebte 15 Jahre im Zentrum München, reiste bereits 1987 mit Lama Ole in Bhutan und leitet zusammen mit Hans Embert seit 2005 jährlich Bhutan-Pilgerreisen. redaktion@buddhismus-heute.de |
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