Aus: Buddhismus Heute Nr. 36, (Herbst 2003)

Kalachakra - Rad der Zeit

Ein Interview mit Lama Ole Nydahl

Zur Kalachakra-Einweihung des Dalai Lama in Graz im Oktober 2002, an der Lama Ole und Hannah Nydahl teilnahmen.

Könntest Du etwas zur Bedeutung des Kalachakra-Tantra erklären?

Buddha gab drei Gruppen von Tantras, für die volle Verwirklichung derjenigen Wesen, die sich gerne durch Form und Mittel ihrer Buddha-Natur nähern. Unter ihnen wandeln die „Mutter"-Tantras Anhaftung um. Die „Vater"-Tantras ändern Abneigung und die „nicht-zweiheitlichen"-Tantras lösen Unwissenheit auf. Kalachakra - Dünkhor auf Tibetisch - oder Rad der Zeit - ist hervorstehend unter den nicht-zweiheitlichen-Tantras. Wie andere Geheimlehren wurde es vor 2500 Jahren von Buddha gegeben und durch eine ungebrochene Linie von Praktizierenden übertragen, bis seine Zeit heranreifte. Öffentlich bekannt wurde es vor ungefähr 1000 Jahren in Kashmir, als diese Gegend von den Moslems zerstört wurde; und wie man aufgrund von Buddhas Voraussicht erwarten kann, hat es viel mit dieser Gefahr zu tun. Es hat aber auch einen ungewöhnlichen Beigeschmack von hinduistischer Kultur mit vielen Elefanten usw. Das Tantra beschreibt eine Zeit in der Zukunft, in der die Kräfte der Freiheit und der theokratische Islam, „Ka-Tsche" genannt, aufeinanderprallen werden. Zu dieser Zeit wird der Buddha Kalachakra mit dem Namen „König des Eisen-Rades" aus einer Welt auf der anderen Seite dieser Galaxie namens Shambhala erscheinen und der Zivilisation zum Sieg verhelfen. Danach, so verspricht der Text, wird es 100 Jahre lang sehr guten Dharma geben, wonach sich die Bedingungen verschlechtern werden bis der nächste Buddha, Maitreya, erscheinen wird. Dies ist ein sehr allgemeiner Umriss dieser Lehren, die viel Weltliches beinhalten, was in anderen Tantras nicht vorkommt.

Was geschieht, wenn jemand eine Kalachakra-Einweihung bekommt?

Eine Ermächtigung zu bekommen, stellt eine Verbindung mit dieser Übertragung und ihrem Kraftfeld dar. Im Falle von Kalachakra bedeutet es, dass man unter Bedingungen wiedergeboren wird, wo man die Freiheit unserer Zivilisation und Frauen schützen kann.

Warum ist das Kalachakra-Mantra geheim?

Das ist es überhaupt nicht. OM HANG TSCHA MA LA WA RA JA SOHA.
Jeder kann es verwenden, es ist genauso zugänglich wie OM MANI PEME HUNG.

Man braucht also keine Ermächtigung dafür?

Natürlich sind ein Lung, ein Gom-Lung oder eine Ermächtigung immer am besten, aber eigentlich braucht man es nicht. Jeder mit der oben erwähnten Einstellung kann das Mantra erfolgreich verwenden.

Wir haben so viele Mantras. Wie soll man diese verwenden?

Im Allgemeinen reichen KARMAPA CHENNO für einen selbst, OM MANI PEME HUNG für andere, OM AH HUNG BENZA GURU PEMA SIDDHI HUNG für weiteren Segen und OM TARE TUTTARE TURE SOHA für das Weibliche. Das „Rad der Zeit"-Mantra fällt in den Bereich besonderer Zwecke, wie die Mantras in den Grundübungen, das Mantra des Medizin-Buddhas oder das des eigenen Lehrers.

Warum hast Du an der Ermächtigung des Dalai Lama teilgenommen?

Ich habe bereits sechs oder sieben Kalachakra-Ermächtigungen von verschiedenen Lehrern bekommen, auch schon von ihm in der Schweiz. Alle waren einzigartig und es gab unter ihnen eine sehr besondere von Lopön Tsechu Rinpoche, die er vor einigen Jahren in Südspanien gab. Diese enthält die Übertragung, die ich bei Bedarf eines Tages weitergeben werde - einige sehr besondere Ermächtigungslinien, die vielleicht nur er hielt. Obwohl wir unterschiedliche Karmapas unterstützen -er muss halt den von den Chinesen gewählten nehmen, um mit ihnen im Gespräch zu bleiben - haben der Dalai Lama und ich seit 1972 ein gutes Verhältnis. Er nennt mich seinen alten Freund, was mich freut, umarmt mich oft wenn wir uns treffen und Hannah und ich waren ehrlich besorgt um seine Gesundheit. Letztes Frühjahr (2002) sagte er eine große „Rad der Zeit"-Ermächtigung in Bodhgaya ab, zu der 200.000, vor allem Tibeter, erwartet wurden. Einige Leute sagten damals, dass es aus politischen Gründen geschah, denn sowohl wütende Leute aus der Shugden-Linie, die von ihm ausgegrenzt wurden, als auch indische Buddhisten hätten gegen ihn demonstriert. Die letzteren, weil er so oft die Wünsche Chinas vertritt - und weil die Tibeter überall die Monumente mit dem Rauch der Butterlampen verschmieren.

Nähere Quellen sagten jedoch, dass er eine Magen-Operation brauche und dass es vielleicht um Krebs gehe. Weil es also so wichtig ist und wegen der Nähe unserer Verbindung gingen Hannah und ich hin, aber inoffiziell. Tief drinnen fühle ich mich sehr als sein Schützer. Auch Lopön Tsechu Rinpoche wollte, dass ich mich dort zeige. Da unsere Diamantweg-Freunde heute eine sehr lebendige Mehrheit der Buddhisten in den meisten westlichen Ländern stellen, gibt es selbstverständlich eine Menge Gerüchte, vor allem über mich. Deswegen wäre es sinnvoll mit Hannah zusammen dort zu erscheinen und zu zeigen, dass ich keine Kinder esse.

Ist die Kalachakra-Übertragung jetzt wieder an die Oberfläche gekommen?

Ja, das ist offensichtlich, denn fast alle bedeutenden Lamas geben sie jetzt. Über die letzten 20 Jahre hat sich wie erwähnt eine Bedrohung für den Westen aufgebaut und wir sollten dankbar sein, dass verantwortungsvolle Lamas das nötige Kraftfeld auch hier aufbauen. Nachdem wir sie und ihre Übertragung nach 1959 erhalten haben, schützen sie jetzt ihre wie unsere Zukunft. Der

Was können wir als Bürger demokratischer Länder tun, um unsere freien Gesellschaften zu schützen?

Der Beitrag eines jeden Diamantweg-Buddhisten ist es, nüchtern und bewusst die fortgeschrittene Reife einzusetzen, die unsere Sichtweise und Meditation uns schenken. Das bedeutet, furchtlos auf den größtmöglichen Nutzen für die größtmögliche Anzahl Wesen in die weitmöglichste Zukunft abzuzielen. Dafür muss mann Freiheit und Wachstumsmöglichkeiten über alles andere bewerten. Das Ziel erfordert auch, sich allen vermeidbaren Ursachen für Leid und anderen Hindernissen für menschliche Freiheit zu stellen. Unter anderem sollten Buddhisten mit Selbstachtung gewohnheitsmäßig alles anzeigen, was gegen die grundlegenden Gesetze der Menschlichkeit und andere Teile unserer demokratischen Verfassungen geht. Das heißt, Religionen, die Frauen unterdrücken, Leute in barbarischen Weisen wie durch Steinigung oder das Abschneiden von Händen und Füßen, bestrafen oder die Fatwas (religiöse Todesurteile) aussprechen oder „heilige" Kriege anfangen. Indem man als ein Beispiel für die menschliche Freiheit lebt und wo immer möglich andere mit den erziehenden Mitteln einer freien Presse schützt, kann mann vielen nutzen. Obwohl die volle Überwachungsgesellschaft immer mehr droht, muss für das oben stehende schon genügend Kraft sein.

Für die eigene Entwicklung von uns allen empfehle ich, alles was geschieht als Karma - Ursache und Wirkung - nicht Schicksal zu sehen und zu verstehen, dass das Verhalten von anderen und einem selbst Zeichen der erworbenen Reife sind.


Fragen von Zsuzsa Köszegi