Aus: Buddhismus Heute Nr. 35, (Winter/Frühjahr 2003)

Der erste Teil des Chig She Kün Dröl

Von Thomas Böhm

"EINS ERKANNT - ALLES VERWIRKLICHT"

EIN BERICHT ÜBER DIE ZEHNTÄGIGE EINWEIHUNGSREIHE MIT LOPÖN TSECHU RINPOCHE IM SOMMER 2002 BEI KASSEL

 

"Eines erkannt - alles verwirklicht"- das war das geflügelte Wort dieses Sommers. In vielen heiteren und ernsthaften Gesprächen der Kagyü-Buddhisten tauchte der Name der Einweihungsreihe wie von alleine aus den Sprachzentren auf. Der Grund: Die schon im Jahr 2001 angekündigte, aber ausgefallene Veranstaltung hatte die Diamantweg-Praktizierenden zwölf Monate lang beschäftigt. Wegen einer Krankheit des 84-jährigen Lamas Lopön Tsechu Rinpoche verschoben, beeinflussten die Buddhas des "Chik She Kün Dröl" zum zweiten Mal die Ferien- und Kursplanung. Während des Wartens auf diese Zeremonie, die es in solch einer Dimension lange nicht gab, stand ein Bündel von Fragen im Raum.

Aufgeklärte Buddhisten rätselten, wie sie eine Woche lang jeden Tag eine Hand voll Einweihungen durchstehen sollten. Wie ausgeprägt würde der tibetisch-kulturelle Charakter sein? Würden sie trotz der vermutlich blendenden Übersetzung von Hannah und Lama Ole den Texten folgen können? Kann man sich zwei Dutzend Meditations-Aspekte merken? Wieviele Stunden würde Tag für Tag das Stehen in der Segensschlange dauern?

Eine Einweihungsreihe in dieser Größenordnung hat es in Europa seit dem Jahr 1989 nicht mehr gegeben. In Rødby auf der dänischen Insel Lolland gab Jamgön Kongtrul Rinpoche damals in drei Wochen an etwa 600 Praktizierende das Kagyü Ngagdzö (Schatz der Kagyü-Mantras) mit 29 Übertragungen weiter; Tengpa Rinpoche gab die "Übertragung durch Lesen" (Lung) dazu. Damit vergleichbar, abgesehen von Lama Oles einwöchigen Phowa-Kursen, war seitdem nur die Kalachakra-Initiation im spanischen Karma Gön, die Lopön Tsechu 1995 nach der Stupa-Einweihung zelebrierte.

In diesem Sommer erfüllten sich die Wünsche, die Lopön Tsechu und seine Freunde und Schüler im Westen seit dem vergangenen Jahr hegten. Der übliche 14-tägige Sommerkurs in Immenhausen bei Kassel wurde um eine Woche verlängert. Die Einweihungstage vom 8. bis 14. Juli verliefen leicht und beschwingt wie die übrigen Tage. Das Warten hatte sich gelohnt. Freudvoll beantworteten sich die meisten Fragen von selbst.

Wer ist lange Rituale in tibetischer Sprache gewohnt? Die Mehrzahl der heutigen Besucher und Mitglieder der westlichen Diamantweg-Zentren und -Gruppen bauten ihre Verbindung zu Lama Oles Kraftfeld lange nach dam Kagyü Ngagdzö und der Kalachakra-Einweihung auf. Die wenigen - oder vielen? - Quellen für Erfahrungen mit der tibetischen Sprache: täglich eine Schwarzer-Mantel-Anrufung, einmal im Jahr einige Tage lang mit Lama Ole die Phowa-Puja singen sowie die Einweihungen von Karmapa Thaye Dorje, Shamarpa Rinpoche, Lopön Tsechu Rinpoche und anderer Lamas aus Asien.

Tibetisch anmutende Rituale blieben auf ein Minimum begrenzt, weil Lopön Tsechu und Lama Kalsang eine Woche lang in uneigennütziger Weise bescheiden aber bestimmt ihre "Arbeit" machten. Die Erklärungen von Rinpoche übersetzte Hannah in der ihr eigenen humorvollen, stets wachen Weise. Direkt im Anschluss verdeutschte Lama Ole die englische Übersetzung.

Das professionelle Programmheft erleichterte die Orientierung. Ein mindestens acht Mitarbeiter zählendes Team hat es produziert. Als täglicher Begleiter nahm das Heft Notizen, schriftliche Ergänzungen und ein Bild von einem zusätzlichen Buddha-Aspekt auf. Nun hat es einen Ehrenplatz in den Bücherregalen.

Auf ein praktisches Maß gegenüber anderen Einweihungen reduziert, beendete die energische, kraftvolle Segnung von Lama Ole zur Mittagszeit die tägliche Session im Zelt. Von Helfern geleitet, wanderte, tanzte - machmal sprang er fast - der Lama durch die Reihen der Teilnehmer und übertrug ihnen unerwartet schnell den Segen. Nur einmal, am Schlusstag, bestand Rinpoche darauf, von seinem Platz aus selbst jeder und jedem einzeln die Übertragung zu geben.

Durch den Verzicht auf die bekannte stundenlange Segensschlange entstand Zeit an den Nachmittagen. Eine Vielzahl von Aktivitäten füllte die freien Stunden aus: Zentrumstreffen mit Caty und Ole, Austausch mit Freunden und neuen Bekanntschaften, Vorträge von Dharmalehrern, Treffen von Arbeitsgruppen - nicht zuletzt sprangen auch während der Einweihungstage mutige Menschen mit Fallschirmen aus einem Flugzeug ab.

Und welche Bedeutung hat die Veranstaltung für Alltag und Meditationspraxis? Wie häufig Gedanken und Gefühle zu dieser Woche zurückschweifen, ist individuell verschieden. Der Kontakt mit dieser gleichermaßen geballten und facettenreichen Ausdrucksform des Erleuchtungsgeistes hat unterschiedliche Erfahrungen, Einsichten und Erlebnisse zur Folge. Ob direkt im Zelt oder im räumlichen und zeitlichen Umfeld gemacht, ob bewusst oder unterbewusst im Speicherbewusstsein, sie bereichern das Leben und den Geist.

Und so werden schon wieder Urlaubs- und Reisepläne geschmiedet. Denn vom 27. Juli bis 3. August 2003 überträgt Lama Lopön Tsechu Rinpoche in Immenhausen die 22 kraftvoll schützenden Buddhaaspekte des zweiten Teils von "Eines erkannt - Alles verwirklicht".

DIE ÜBERTRAGUNGSLINIE
Lopön Tsechu Rinpoche berichtete am ersten Tag, wie er selbst die Übertragung erhielt. Zusammengestellt hat der 9. Karmapa Wangchuk Dorje (1555-1603) die insgesamt 44 Buddhaaspekte. "Es handelte sich um Übertragungen von Diamantweg-Meditationen, die er größtenteils von seinen Hauptlehrern, dem 5. Shamarpa, dem 1. Pawo Rinpoche und dem 6. Situ Rinpoche erhalten hatte", heißt es im Programmheft. Lopön Tsechu erhielt die Übertragung in den 1940er Jahren von Palpung Khyentse Rinpoche, einem späteren Lehrer des 16. Karmapa.

Damit Vertrauen während der Einweihung enstehe, dass Lama und Buddha dasselbe seien, schildere er die Umstände, die es ihm ermöglicht hätten, die Übertragung zu bekommen, erläuterte Lopön Tsechu Rinpoche (zusammengefasst aus der englischen Übersetzung von Hannah Nydahl und der deutschen Übersetzung von Lama OleNydahl):

Als Lopön Tsechu etwa 20 Jahre alt war, lebte er in Bhutan. Damals sorgte die Dharma-Praktizierende Achi Wangmo, ein Mitglied der bhutanesischen Königsfamilie, dafür, dass Rinpoche an der Einweihung teilnehmen konnte. Achi Wangmo war eine sehr religiöse Person. Sie heiratete nicht und widmete ihr ganzes Leben der Dharma-Praxis. Achi Wangmo und andere Mitglieder der königlichen Familie hatten den großen Wunsch entwickelt, den 15. Karmapa Khakyab Dorje einzuladen. Aber zu dieser Zeit war es auf Grund der tibetischen Politik dem 15. Karmapa nicht möglich,selbst dorthin zu reisen. Stattdessen schickte Karmapa Khakyab Dorje jemanden, um die Einweihungen und Erklärungen zu geben, um die der König gebeten hatte.

Zu dieser Zeit lebte ein hochverwirklichter Lama namens Palpung in Osttibet. Er war einer der Hauptschüler des 15. Karmapa und wurde später ein Lehrer des 16. Karmapa. Schließlich lud der König Palpung Rinpoche nach Bhutan ein, wo dieser viele Karma-Kagyü-Belehrungen und -Einweihungen gab.

Zur damaligen Zeit wurden in der Öffentlichkeit nur die Einweihungen für langes Leben gegeben. Es war normal und alltäglich, dass tantrische Einweihungen nicht öffentlich waren. So wurde auch diese Einweihungsreihe nicht einfach an jeden gegeben, sondern nur an die königliche Familie, die den Lama eingeladen hatte.

Durch die Freundlichkeit von Wangmo Achi, die später vom 16. Karmapa zur Nonne ordiniert wurde, nahm auch Lopön Tsechu daran teil. Sie lud ihn dazu ein, so dass er die komplette Übertragung von Palpung Rinpoche erhielt. Durch dessen Nähe zum 15. Karmapa war die Übertragung sehr direkt.

Auf diese Weise erhielt Lopön Tsechu die volle Übertragung von vielen Einweihungen der Kagyü Linie, darunter das Chik She Kün Dröl. Es wurde in mehreren Versionen gegeben, in einer langen, einer mittleren und einer kurzen Form. Rinpoche bekam damals zwar die lange Version. Für diesen Kurs erschien Rinpoche die lange Form zu lang und die ganz kurze zu kurz, so dass er in Immenhausen die mittlere weitergab.


Thomas Böhm, wohnt seit Dezember 2002 im Buddhistischen Zentrum Kiel, Zuflucht 1987 bei Lama Ole in Hamburg. Studium der Kulturwissenschaften, ausgebildeter Sport- und Lokalredakteur.