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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 35, (Winter/Frühjahr 2003)

Neulich in Ungarn

Oft entstehen die Ideen und Möglichkeiten ja, wenn genug Raum für Spontanität da ist. Beispiel: Es ist Februar und es sind zehn Tage Zeit für eine Zurückziehung. Was ein Luxus! Aber schon wird's wieder auf gut deutsch "planungsintensiv": Wohin? Bei wem? Auto? Flieger? Bahn? Offen, halboffen, geschlossen? Mal was Neues ausprobieren? Altbewährtes nutzen?

Wir sitzen in gemütlicher Runde und reden so vor uns hin, da bringt Catys klarer Geist den entscheidenden Vorschlag: Ungarn wäre gut für euch. Das neue Budapester Zentrum besuchen und dann auf dem Land in Becske das Retreat machen. Gergö übernimmt die Organisation vor Ort, so müssen wir nur noch die Reise buchen.

Budapest hatten wir das letze Mal bei der Karmapa-Europareise erlebt. Schon damals hatte uns die Stadt völlig fasziniert. Mittlerweile sind mit dem neuen Zentrumsgelände Meilensteine gelegt worden in der ungarischen Karma-Kagyü-Geschichte und wir sind gespannt auf die neue Stelle.

Wir landen bei strahlendem Sonnenschein und genießen einen ersten Rundgang durch die Stadt. Es ist ein "Muss", einmal im Budaviertel durch die historische Altstadt auf dem Burgberg zu schlendern und den gigantischen Ausblick über die Stadt und das ganze Donautal zu erleben. Dann macht man vielleicht einen Zeitsprung und shoppt sich durch die "vaci utca", die größte und moderne Einkaufsmeile im Pester Teil der Stadt. Und wenn's dann eine Pause braucht, lässt man sich in einem der nostalgischen Caféhäuser aus den Zeiten der k.u.k. Monarchie nieder. So erreichen wir schließlich den Bezirk, in dem das Zentrum steht. Wir nehmen den Seiteneingang von der "Huzarstraße" aus durch ein kleines Tor und stehen im Hof des zur Zeit größten Zentrumsprojektes der Diamantweg-Zentren im Westen. In der Gompa herrscht reger Betrieb: Es ist 8. Karmapa-Wochenende und nur um's mal erwähnt zu haben: Hier sitzen 30 (!) junge Kagyüs, die ihre Vorbereitenden Übungen in kürzester Zeit absolviert haben und nehmen am Wochenendkurs teil.

Dann werden wir aufs Herzlichste im Café begrüßt und als "Hamburger Baucafé-Stammtischler" fühlen wir uns gleich wohl. Zur Auswahl stehen neben verschiedenen alkoholischen und nicht-alkoholischen Getränkesorten ein vegetarisches und ein fleischhaltiges Gericht. Dazu zwei Sorten feinster ungarischer Desserts. Wir bestellen einmal alles, teilen mit den Freunden am Tisch, es schmeckt köstlich und wird ein richtig lustiger Abend.

Ein weiterer Tag folgt, an dem wir die "Urlaubsfreiheit" genießen, noch ein bisschen Sightseeing und Praxis am Nachmittag. Wieder ist die Gompa gut gefüllt und wir kommen in dem Genuss eines ungarischen "10-Minuten-Eies" (so werden in Hamburg die neu eingeführten Kurzvorträge vor den täglichen Karmapameditationen liebevoll genannt). Die Sprache ist so schön und wild wie die vortragende junge Dame.

Am nächsten Morgen geht es los. Wir packen die Sachen für das Retreat. Gergö hat uns einen netten jungen Mann als Fahrer organisiert und so schaukeln wir bei klarem Wintersonnenschein raus aufs Land. Eine gute Autostunde von Budapest entfernt liegt das Dörfchen BECSKE. Dort haben die Ungarn ein großes Stück Land und ein Grundstück mit zwei Häusern, einem Anbauhäuschen und einer Pagode gekauft. Seit mittlerweile zwei Jahren gibt es auf dem großen, hügeligen Landstück einen Sommerkurs mit Lama Ole, zu dem ca. 800 Kagyüs anreisen, meditieren und eine schon jetzt legendäre Party am Schluss feiern.

Wir sind im Lamahaus untergebracht. Im Winter ist das nahezu die einzige Möglichkeit, da die anderen Einheiten nicht beheizbar sind. Zu dieser Jahreszeit auf dem Land friert es noch fast jede Nacht. Der Grundstückshund (und Bewacher) begrüßt uns lautstark. Er weiß schon jetzt: Es kommen ein paar fette Tage auf ihn zu. Im Lamahaus steht uns eine geräumige Küche, ein Vorratsraum, ein weiterer Schlafraum, der für Verbeugungen genutzt werden kann, ein Schlafzimmer und ein Wannenbad zur Verfügung.

Das Grundstück liegt ganz am Ende der Dorfstraße und wir machen uns auf Erkundungsgang Richtung Dorf. Hinter jedem Zaun ein wilder Hund und freundlich grüßende Menschen. Es gibt vier Lebensmittelläden, die von Cola, Fanta, Bier über Käse, Milch, Gemüse, Weißbrot bis hin zu Kinderspielzeug, Nylonstrümpfen und Teelichtern alles haben. Die Verkäuferin scheint die Anwesenheit von westeuropäischen Großstädtern nicht mehr zu befremden. Man spricht kein deutsch, es gibt aber ein Englisch-Ungarisches Wörterbuch. Alle Menschen in diesem Dorf leben seit ein paar Jahren mit dem Phänomen Kagyü-Sommerkurs. Sie räumen ihre Wohn- und Schlafzimmer und vermieten an die Gäste.

Wir sind hier in einer der ärmsten Regionen des Landes. Der konjunkturelle Aufschwung dieser Tage hilft für mehrere Monate! Wir freuen uns über diese Offenheit. Kurz darauf treffen wir die Familie, die das Grundstück das Jahr über betreut. Sie bietet uns an, in der Dorfschule mittags mitzuessen. Da sich das dann aber doch zeitlich und logistisch etwas schwierig gestaltet während eines Retreats, besprechen wir, dass wir statt dessen jeden Mittag per "Fahrradkurier" mit Tupperware und deftiger ungarischer Küche beliefert werden.

Und dann kann es losgehen. Inmitten dieser dörflichen Routine und Gelassenheit kommen wir sehr schnell zu Ruhe und Konzentration. Der Tag beginnt mit krähendem Federvieh und einer Sitzung mit einem frisch ausgeschlafenen Geist. Kein Telefon, kein Handy, kein Fernsehen, keine Sanghatermine usw., Erfahrungen, die sich als gute Übung erweisen, unserem Business-Alltag die Aufmerksamkeit und Bedeutung beizumessen, die notwendig ist. Jede Sitzung, die man nach zwei bis vier Stunden abschließt, zeigt, wie kostbar die Zeit ist und wie gut es ist sie bewusst zu nutzen.

Nach der ersten Woche sind die Knochen dann ziemlich steif gesessen und wir dehnen die Mittagsspaziergänge rund um das Kursgelände etwas aus. Zu dieser Jahreszeit ist alles noch ein wenig grau, aber man kann deutlich ahnen, wie prachtvoll die Sommer hier sind. Ganz oben am Waldrand stehen zwei kleine Holzhütten, die für Sommerretreats geeignet sind oder für die Ganzjahresyogis unter uns. Urig ist es auf jeden Fall.

In der Praxis kommen ein paar eindrucksvolle Trips vorbei, aber auch das kann man hier in der Einfachheit und Klarheit der Umgebung leichter vorbeiziehen lassen. Ich gebe zu und als Tip weiter, dass man sich an solchen Tagen hier fast kindlich an mitgebrachte Milka-Schokolade, Demeter-Grießbrei und Bohnenkaffee klammert! Die letzen Tage fliegen vorbei und schon ist wieder Abholtag. Wir nehmen den Segen und die Inspiration, die wir hier erlebt haben, als großes Geschenk mit.

Noch ein Tag und ein bunter Abend in der Budapester Sangha bringen uns ruck zuck ins Leben und wir sind einmal mehr froh über die Aktivität und Lebensfreude unserer Zentren.


Lissy Eggert, Regieassistentin bei Film und Fernsehen, hat Zuflucht seit 1995