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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 34, ( 2002)

Meditation und Einweihungen

Lama Ole Nydahl

Meditation

Grundlegend zielen alle Meditationen des Diamantweges auf die Einswerdung mit der Erleuchtung. Man verhält sich wie ein Buddha bis man einer geworden ist. Drei grundlegende Eigenschaften des Geistes sind die Hebel dazu: Sein Bewusstsein, seine Kraft und seine Fähigkeit zur Begeisterung. Alle bringen einen Zustand von erhöhter Empfindsamkeit, wodurch der Erleber sich als nicht-dinglich, leuchtend klar und seinem Wesen nach unbegrenzt erfährt.
Solche grundlegenden Erlebnisse beeinflussen das Leben der Übenden, und die daraus entstehenden Erfahrungen bestätigen sich im täglichen Leben. Die furchtlose Einsicht, selbst entstandene Freude und tatkräftige, vorausschauende Liebe, die daraus folgen, begeistern das Umfeld und der offene Austausch schafft Vertrauen, dass jeder Meditierer dies auch verwirklichen kann.

Eigentlich sind sogar die mit soviel Mystik umhüllten Meditationen des Diamantweges nichts als angewandte gesunde Vernunft. Sie verwenden nur jede Hilfe, die Buddha gab. Nachdem die Einstellung auf den Atem und die Vier Grundlegenden Gedanken den Geist beruhigt und vorbereitet haben, erfolgt immer die Zuflucht. Man nimmt sie am besten aus dem Wunsch heraus anderen nützen zu können. Sie sichert das äußere wie das innere Kraftfeld ab, bereitet alles für die tiefe Arbeit am Speicherbewusstsein vor. Mit diesem Aufbau fangen die Meditationen an, die durch die Sicht des Großen Siegels erleuchtend wirken.

Weg der Einsicht
Entscheidet man sich hier für den Weg der Einsicht, den der Held Marpa vor 950 Jahren in Nordindien von seinem Lehrer Maitripa lernte, scheint er zuerst überschaubar zu sein und mit dem heutigen Lebensstil leicht vereinbar. Er ist aber keineswegs so einfach wie viele glauben und bedarf bestimmt der erwähnten Vorbereitung sowie der Hilfe eines erfahrenen Lehrers. Dieser Weg ist am besten nach den Grundübungen (Ngöndro) zu betreten, da der riesige Aufbau von guten Eindrücken im Ngöndro der gefährlichen Weiße-Wand-Wirkung vorbeugt, die sonst dem Geist seine Kraft raubt. Verwirrte Alleinmeditierer und zu hörige, angepasste Gruppen sind hier warnende Beispiele. Sie sitzen einfach viel zu lange ohne Übertragungen durch einen Meister, der Bedingtes wie Letztendliches erkannt hat, zu erhalten. Auf diese Weise sind die Schleier nicht entfernbar, der Geist schläft ein und seine natürliche Frische geht verloren. Nur durch das bewusste, aber zuerst auf sehr kurze Zeiträume begrenzte und dann allmählich sich ausdehnende Schärfen und dem danach völligen Entspannen des Geistes wird die überlegene Begabung einer an sich strahlenden Einsicht erlangt.

Die Meditationen, die im eben erwähnten, wirksamen Kraftfeld erst zur bewussten Geistesruhe und danach zu befreiender Einsicht führen, heißen Shine/Lhagtong auf Tibetisch und Shamatha/Vipashyana auf Sanskrit. In den beiden früher erwähnten Meditationsstufen wurden ihre einfachen Mittel zuerst beschrieben, die das Ziel haben, einem selbst einen schützenden Abstand zu sichern. Die Beobachtung des Atems an der Nasenspitze, ohne dabei die Gedanken zu beurteilen, ist als Form weit verbreitet. Verbunden mit der Einstellung alles zum Besten aller zu tun und alle freudigen Errungenschaften an die Wesen weiterzuleiten, hat diese Übung verstärkte Kraft. Auf der höchsten Ebene wird Körper, Rede und Geist als mit dem Lehrer oder dem bevorzugten Buddha verbunden erfahren, während man entspannt im Reinen Land ihrer unbegrenzten Fähigkeiten verweilt und diese mühelos zum Besten aller einsetzt.

Weg der Mittel
Wer mit den Kräften arbeiten möchte, die dem Körper innewohnen, folgt den Lehren, die Marpa vor 950 Jahren von seinem anderen Hauptlehrer Naropa geschenkt bekam. Hier greift der Verwirklicher in einen großen gefüllten Werkzeugkasten. Buddhas nannte diese Ebene den Weg der Mittel. Dieser nutzt vor allem Menschen mit einer lebensnahen Einstellung. In den drei unteren buddhistischen Tantraklassen, Kriya, Charya und Yoga genannt, erweckte er die Menschen, die noch kein volles Vertrauen zu ihrer grundlegenden Reinheit besaßen. Er tat das durch das Ausstrahlen der einzelnen Buddhaformen. Seine Einweihungen in die vierte und nicht zu überbietende höchste Klasse, segneten diejenigen mit der höchsten Sicht. Hier verwandelte Buddha seinen eigenen Körper in die vereinigten weiblichen und männlichen Formen. Wie Hologramme vor unbegrenzter Kraft strahlend übertragen ihre Farben, Stellungen, Merkmale und Herzschwingungen, auch Mantras genannt, bis heute die erleuchteten Eigenschaften des Raumes an die Übenden. Der volle Ausdruck des Geistes als Raum und Freude untrennbar drückt sich nur durch die vereinigten Formen des so genannten Maha-Anuttara-Tantra aus, die befriedend, bereichernd, aber vor allem begeisternd oder kraftvoll schützend erscheinen können. Nur männlich/weibliche Formen in Vereinigung vermitteln alle Seiten der Erleuchtung. Sie ermöglichen die volle Verwirklichung während eines einzigen Lebens, wie die alt hergekommenen Texte bestätigen.
Mit einer Gruppe, die das Kraftfeld des Lamas hält, kann man auf die nahen Formen einer Linie meditieren, die er verkörpert. Es ist aber von großem Nutzen, wenn möglich die geleitete Meditation, Gum-Lung genannt, vom Lehrer selbst zu bekommen, sowie die Einweihung, Wang und die Erlaubnis, Lung. Die Anleitungen, wie die Meditationen auszuführen sind, heißen Thri und können recht unterschiedlich ausfallen. Hält der Lehrer seinen Stil und verursacht er später keine Peinlichkeiten, werden die durch Gum-Lung oder Wang im Speicherbewusstsein gepflanzten Erleuchtungssamen ständig heranwachsen. Sie sind dann Zugänge zu den Kraftkreisen von Lamas und Buddhas. Man erfährt sich hier als Hologramme in Reinen Ländern und kann als durchsichtige Lichtgestalten durch tiefes Atmen und der Arbeit mit den inneren Energiebahnen im Körper Zustände von riesiger Wonne erreichen. Mit der Sicht des Großen Siegels, dass Raum und Freude untrennbar sind, bringt auch dies die Erleuchtung.
Nur wenige - auch unter den Tibetern - kennen Sinn, Form und Aufbau einer Einweihung. Deswegen hier eine kurze Beschreibung einer Übertragungsweise, die während der letzten 2500 Jahre ungebrochen benutzt wurde: Sie fängt mit einer sinnbildlichen Reinigung von Körper, Rede und Geist der Anwesenden an, entweder durch Ausspülen des Mundes oder das Übergießen eines Handspiegels mit Safranwasser in Verbindung mit dem Sprechen eines hundertsilbigen Mantras. Die nächsten Taten des Lamas betreffen das geistige Umfeld. Es werden alle störenden Energien mit Kuchen bestochen, die sofort hinausgetragen werden. Danach wird der Ort mit einem schützenden Kraftfeld umgeben und der Lehrer liest die Entstehungsgeschichte des Textes auf Tibetisch vor. Anschließend wiederholen alle die Zufluchtsformel und entscheiden sich, allen durch die Einweihung erreichten Wachstum zum Besten aller Wesen einzusetzen.
Im Anschluss daran folgt die eigentliche Übertragung, wodurch die Kraft zur Einswerdung und Verschmelzung geschenkt wird. Hier werden üblich zwei Muster verwendet:
1. Der Lehrer vermittelt den Segen von Körper, Rede und Geist der gewählten Buddhaform. Möglicherweise wird der Verlauf durch eine Torma-Übertragung abgerundet, die zugleich die Eigenschaften und Tatkraft des Buddhas enthält.
2. Der Lama gibt die Vasen-Einweihung, die Geheime Einweihung, die Weisheits-Bewusstheits-Einweihung und die so genannte Wort-Einweihung für das Große Siegel. Auch diese können gekrönt und vervollständigt werden durch eine Torma-Einweihung.
Die "Vasen-Einweihung", bei der der Lama die Köpfe der Leute mit einer Vase berührt und ihnen daraus Nektar zu trinken gibt, schenkt die Kraft, den eigenen Körper als die Lichtform des Buddhas zu erfahren. Die "Geheime Einweihung", bei der man deren Herz-Schwingung ein Mantra wiederholt, öffnet die mittlere Energiebahn, die fünf Räder und 72000 Speichen, die einem jeden innewohnen. Die "Weisheit-Einsicht-Einweihung" vermittelt die Fähigkeit zur meditativen Vereinigung, verbindet dauerhaft weiblichen Raum und männliche Freude. Schließlich festigt die "Wort-Einweihung den endgültigen Zustand, das Große Siegel. Hier verschmilzt die Raum-Klarheit-Unbegrenztheit des Lamas in die eigene Offenheit, und man nimmt an der grenzenlosen Einheit aller Geschehnisse teil.
Gemeinsam an der einfachen und ausführlichen Vorgehensweise ist, dass grobe Störungen und feine Schleier in Körper, Rede und Geist des Empfängers entfernt werden. Zusätzlich setzen die verwendeten Vorstellungen, Kraftfelder und Schwingungen befreiende Samen ins Speicherbewusstsein der Anwesenden. Diese erlauben ihnen, alle dem Geist innewohnenden Möglichkeiten zu entwickeln und sein Wesen zu erfahren. Man wird auf Scheitel-, Hals-, Herz- und Handflächen berührt, wiederholt die Herzschwingungen der Buddhas, ihre Mantras, und verweilt in der Vereinigung von Raum und Freude. Schließlich tut oder sagt der Lama etwas so Unerwartetes, dass Augenblicke von zeitlosem, nacktem Bewusstsein entstehen: Dies ist die Vermittlung des Großen Siegels.
Von dem ungewohnten äußeren Rahmen abgesehen arbeiten Einweihungen also wie geleitete Meditationen mit Segnungen, nur auf Tibetisch. Ihre Texte sind gesungene Anrufungen an Körper, Rede, Geist, Eigenschaften und Tatkraft der Buddhas, die an gegebenen Stellen angehalten werden, um die eben aufgebauten, erkannten Kräfte weiterzuschenken. Das Wichtigste an ihnen ist, dass sie eine Verbindung zwischen eigener, augenblicklicher Einsicht und der Weisheit des zeitlosen Raumes herstellen. Dadurch bringen sie die volle Verwirklichung hervor, die die einzige wirkliche Zuflucht ist. Danach ist das Bewusstsein des Empfängers mit den Reinen Ländern verbunden. Jeder Laut wird zu Mantra und die Wesen sind Buddhas, Gedanken sind selbst entstandene Weisheit und die Dinge strahlen aus eigener Kraft heraus. Was auch geschieht oder nicht geschieht, wird als das freie Spiel des Geistes erkannt.
Wer diese letztendliche Sicht halten kann, ist glücklich. Sie bildet an sich den stärksten möglichen Schutz im Leben und bringt riesige Wonne. Zugleich verteilt sie ihre gute Einwirkung nach unten auf die zweite Ebene der Menschenfreunde, auf der Mitgefühl und Weisheit anliegt. Diese erweitert wiederum die Erfahrung der Selbstbezogenen, die mit Ursache und Wirkung arbeiten. Sind alle Buddhas in Reinen Ländern, ist Mitgefühl und Weisheit selbstverständlich. Jede schädliche Tat wird damit sinnlos, außer wenn die Wesen durch Unangenehmes am besten lernen.
So wirksame Mittel, durch einen vertrauenswürdigen Lama vermittelt, stärken nicht nur die innere Entwicklung der Schüler. Die erweckten Kraftfelder bleiben von Leben zu Leben um ihre Empfänger herum lebendig und machen zugleich die äußere Welt zum Lehrer. Vor allem greifen die überaus wirksamen buddhistischen Schützer oft durch. Bevor man überhaupt an sie denken kann, geschieht Unerwartetes. Schon die erste Silbe eines Mantras verdichtet die Tatkraft der Buddhas im Raum und die wiederholten Verschmelzungen mit ihnen in den Diamantweg-Meditationen führt zu der allmählichen Aufnahme ihrer erleuchteten Eigenschaften.
So lassen Einweihungen, geleitete Meditationen und Segnungen die Verbindung zur zeitlosen, unbegrenzten Einsicht entstehen, und während man diesen Zustand ausbaut und stärkt, lebt man schon in einem Reinen Land.

Weg der Begeisterung: Die Einswerdung mit dem Lehrer
Obwohl das Verweilen in durchdringender Einsicht und die Meditationen auf Buddhaformen großen Wachstum bringen: Erfahrungsgemäß sind die Meditationen auf den Lehrer als Buddha (skt.: Guru-Yoga, tib.: Lami Naljor) am wirksamsten. Sie werden in den Karma-Kagyü-Zentren der Laien und Verwirklicher um die Welt gelehrt und machen es möglich, in allen Lebenslagen die Eigenschaften des Geistes zu erkennen. Durch die Augen eines lebenserfahrenen Lamas zu schauen mit der Gewissheit, dass die erleuchtete Sicht einem jeden gehört, drückt mehr Erleuchtungsknöpfe im Menschen als irgendein anderes Mittel.
Dieser stete Zugang zum Geist, das Gewahrsein seines innewohnenden Reichtums, ist das Wichtigste. Dies sowohl während der Vertiefung als auch im täglichen Leben unaufhörlich zu erfahren, ist das Herzstück der Kagyü-Übertragung. Seit Buddhas ersten indischen Verwirklichern vor 2500 Jahren und während des vergangenen Jahrtausends im tibetischen Raum war das so. In den letzten 30 Jahren im Westen hat sich auch nichts geändert. Wer Vertrauen hat, erkennt das eigene Gesicht am besten in den Spiegeln, die der Lehrer für einen hochhält. Da schon bei der Zufluchtnahme die Verbindung zwischen der eigenen, möglichen Einsicht und der Weisheit aller Buddhas entstand, kann man hinterher alles Angenehme als Segen auffassen, während alles Schwierige das Speicherbewusstsein von den Ursachen späterer Leiden befreit. Noch dazu ist es freudvoll und hat Sinn, die gemachten Erfahrungen zum Besten anderer einzusetzen.
In Buddhas Lehre geht es niemals um Unterwerfung oder Hirnwäsche. Aufgabe des Lehrers ist es die Schüler selbständig zu machen. Seine Furchtlosigkeit ermöglicht ihre innere ÷ffnung und durch seine Freude finden sie die eigene Kraft. Wie sie sich immer öfters zutrauen anderen zu helfen, werden sie ähnliche überpersönlichen Tatbereiche in die Welt setzen wie er. Deswegen ist diese Meditationsart der schnellste Weg für die Glücklichen, die ihn verwenden können. Sich wie der Lehrer oder Buddha zu verhalten bis man einer geworden ist, lässt das Zeitlose und Unbegrenzte am eigenen Geist erscheinen.
Seit den indischen Verwirklichern und bis heute sieht man Schüler ihre vollen Fähigkeiten im Erfahrungsstrom ihrer Lehrer entfalten. Hier ein oft erwähntes Beispiel aus der Zeit, in der der Held Marpa, nach Guru Rinpoche, Buddhas Lehre das zweite Mal und für 900 Jahre - bis 1959- nach Tibet brachte: Als er in Nordindien von seinem Hauptlehrer Naropa lernte, erschien plötzlich dessen besonderer Meditationsbuddha Oh Diamant (tib.: Kye Dorje, skt.: Hevrajra). Er ist so groß wie ein Haus, blau und hat viele Arme, die alle Schädelschalen mit unterschiedlichen Tierarten und Elementen halten. Er umarmt seine blaue Gefährtin Nicht-Ich (tib.: Dagmema, skt.: Nairatma in stehender Vereinigung; sie sind durchsichtig und strahlen wie tausend Sonnen. Marpa war zutiefst beeindruckt und Naropa, der sicher wie jeder alte Inder aussah, fragte ihn: Jetzt siehst du ihn und mich. Wen willst du zuerst begrüßen? Marpas Denkweise ist leicht nachvollziehbar und er verbeugte sich vor dem Yidam. Naropa aber lachte: Irrtum, sagte er, bei uns ist alles der Lehrer. Er löste das riesige Kraftfeld in Regenbogenlicht auf und zog es in sein Herz.
So wichtig ist der Lehrer auch heute für den Diamantweg, und durch seinen Segen wird die Welt weit, frei und als ein Traum erlebt. Er macht es einleuchtend, dass Erleber, Erlebtes und Erlebnis untrennbar sind.

Genau wie bei dem Verweilen in der Raum-Einsicht des Geistes und der Verschmelzung mit den Buddhaformen, ist die natürliche Weiterentwicklung der Einswerdung das Große Siegel. Welchen Weg man auch bis dorthin gegangen ist: Diese Lehre verwirklicht alles und ist einmalig. Sie beinhaltet Grundlage die innewohnende Buddhanatur aller Wesen , Weg sinnvolles Leben und Mittel zur Vertiefung , und Ziel die volle Erleuchtung. Jede Vorstellung verblasst, wenn diese Einsicht unmittelbar übertragen wird. Am schnellsten befähigt diese Übertragung diejenigen, die auf der Grundlage von Vertrauen und Hingabe üben. Die grenzenlose Erfahrung dieser höchsten Ebene schafft völliges Ungekünsteltsein in jeder Lebenslage. Durch die Selbstbefreiung aller bedingten Verläufe macht sie sichtbar, dass nur die Raum-Klarheit-Unbegrenztheit des Geistes wirklich ist. Die daraus folgende Erkenntnis ist wunderbar: Wer einsieht, dass es viel wichtiger ist, sich von den auftauchenden Gedanken nicht ablenken zu lassen als sie zu beurteilen, arbeitet ohne inneren Verschleiß. Die Sicht setzt eine unmittelbare Kraft in jedem frei. Das Meer ist einfach bedeutungsvoller als seine Wellen, der Spiegel viel leuchtender als seine wechselnden Bilder.
Sind die ganzheitlichen Belehrungen an jene gerichtet, die eher von Begierden bestimmt sind, bauen sie auf den mühelosen Reichtum der Erscheinungen auf, auf den selbst entstandenen Reichtum eines jeden Augenblicks. Solche Leute fühlen sich während der Meditationen von den langen Verschmelzungsphasen der Mutter-Tantras angezogen. Diese Lehren zum Wesen des Geistes heißen das Große Siegel, Mahamudra oder Tschag-Tschen und werden von der Kagyü-Linie verwendet. Wenn Zorn oder Stolz vorherrschen, wird die selbst befreiende Eigenschaft des Geistes herausgestellt, dass sich alles wieder auflöst und vergeht. Dieser Bereich wird bei den Nyingmapas, der alten Schule Tibets gelehrt und wird die Große Vervollkommnung, Maha-Ati oder Dzog-Tschen genannt. Sie finden die lange, genaue Aufbauphase der Vater-Tantras in der Meditation nützlich. Beide Richtungen, aber auch der etwas bürgerlichere Weg der Sakyapas, sind in ihrer umformenden Kraft gleich. Sie enthalten alle Mittel, auf Einsicht- wie Energie-Ebene, die Körper, Rede und Geist erleuchten. Eine ähnliche, aber begriffsmäßige Belehrungsebene aus Buddhas Sutras, die der Große Mittlere Weg heißt (skt.: Madhyamaka, tib.: Uma Tschenpo), ist die Hauptlehre der Gelugpa-Schule, der Staatskirche Tibets. Sie baut vor allem Unwissenheit und Verwirrung ab. Da hier das Denken die Entwicklung treibt und es sehr dauern kann bis Verstandenes zur Erfahrung wird, ist es ein viel langsamerer Weg.

Die Buddhas, die vor allem Verwirrung umformen, gehören der Nicht-Dualistischen Tantraklasse an. Hier werden die aufbauenden wie verschmelzenden Schritte in der Meditation ungefähr gleich lang gehalten und der Geist wird durch mehrere Stützen gehalten, damit er nicht abstumpft oder zerflattert. Wie man bei denjenigen sieht, die ehrlich tun, was anliegt und wie der dritte Karmapa auch in seinen Wünschen zum Großen Siegel aussagt, führt das Beherrschen eines jeden Weges zu der Erkenntnis aller.

Auf ihrer Hochzeitsreise nach Nepal begegneten Ole Nydahl und sein Frau Hannah dem 16. Karmapa, dem geistigen Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus. Nach mehreren Lehrjahren in Himalaya wurden sie von ihm als seine ersten westlichen Schüler gebeten, die Lehre Buddhas in den Westen zu bringen. Seit über 25 Jahren hat Lama Ole Nydahl weltweit den Diamantweg-Buddhismus bekannt gemacht und bis heute mehr als 200 Meditationszentren gegründet, die er regelmäßig besucht.