Aus: Buddhismus Heute Nr. 34, ( 2002)

Phowa in Israel

Bewusst sterben - Am toten Meer

Als die kleine Gruppe von vier Leuten, die Lama Ole Nydahl auf seinem Flug nach Tel Aviv begleiteten, in Israel antraf, wusste wohl niemand von ihnen ganz genau, was ihn erwarten würde. Phowa, "Bewusstes Sterben", in einem Land zu üben, in dem der Tod an der Tagesordnung ist, erschien allen eine spannende Idee zu sein. ZU RECHT!

Kaum in Tel Aviv angekommen, haben wir erst einmal Bekanntschaft mit dem israelischen Sicherheitssystem machen dürfen. Die nach dem 11. September in allen Zeitungen beschriebenen und hoch gelobten Kontrollen an den Flughäfen des heiligen Landes ließen nichts zu wünschen übrig. Fragen über Fragen darüber, woher man kommt, was man in Israel tun will, wo man übernachten wird, wann man gedenkt, wieder zurück zu fliegen, woher man die Unterkunft gebenden Personen kennt, wiederum wo man übernachten wird, und so weiter, und so weiter. Nach 10 bis 15 Minuten psychologischer Druckaussetzung, während der die anderen der Reisegruppe von mir fern gehalten werden, darf ich dann endlich weiter zum Förderband gehen. Die Leute dort arbeiten wirklich ordentlich, um die Bevölkerung und Touristen zu schützen.

Nach sechsmonatiger Vorbereitungszeit für den ersten Phowa-Kurs in ihrem Land wird Lama Ole von ca. 15 jungen Leuten aus allen vier israelischen Zentren voller Erwartung und mit strahlenden Gesichtern am Flughafen empfangen. Igor Ryazantsev , ein russischer Immigrant, filmt unsere Ankunft genau wie alle anderen Geschehnisse während des Kurses. Das von Igal Orlowski ins Hebräische übersetzte Buch "Über alle Grenzen", das nach einigen Schwierigkeiten doch noch zwei Tage vor unserer Ankunft aus dem Druck gekommen ist, wird Lama Ole überreicht. Davon abgesehen, dass die hebräische Schrift für einen Westeuropäer nur aus Hieroglyphen zu bestehen scheint, muss das Gehirn erst einmal verarbeiten, dass in der Druckerei kein Fehler unterlaufen ist, als die Titelseite auf die Rückseite gedruckt worden ist. Dass es nicht so einfach ist, Gewohnheiten zu durchbrechen, kann ich in diesem Land somit schon anhand des Aufschlagens eines Buches erkennen. Während der gesamten Woche war es mir kein einziges mal auf Anhieb möglich, ein hebräisches Buch richtig herum in die Hand zu nehmen und darin zu blättern.
Nachdem auch Hannah Nydahl angekommen ist, fahren wir noch in der Nacht zu der kleinen Gruppe in Be'er Sheva, die von der Hauptorganisatorin Tal Guri und ihrem Freund Igal geleitet wird. Nach einem liebevoll zubereiteten Frühstück, das mit selbstgemachten Köstlichkeiten angereichert war, brechen wir am nächsten Mittag zu einer zweistündigen Fahrt in die Wüste von Judäa auf.
30° C begleiten uns durch eine in der Sonne schillernde, sandfarbene, trockene Gebirgslandschaft, die wie eine Mischung aus Grand Canyon und Kalkberg erscheint. Die gut ausgebaute Straße schlängelt sich in weiten Serpentinen, die Lama Oles Geist sofort in die freudvolle Vorstellung versetzen, in Schräglage auf einem Motorrad sitzend durch die Kurven zu rauschen.
Aus dieser bizarren Wüstenlandschaft heraus eröffnet sich uns plötzlich von einem Hochplateau der freie Blick auf den Jordangraben und damit auf die spiegelglatte Oberfläche der tiefsten Depression der Welt (-416 m) - dem Toten Meer. Der Anblick dieser riesigen Wasserfläche ist genauso faszinierend und eindrücklich wie das Gefühl darin zu baden. Es ist unmöglich, die Füße unten zu halten - sie werden entweder zu der einen oder zu der anderen Seite aufgetrieben. Von dem reichhaltigen Salzwasser getragen schwebt man über das Meer und reibt sich mit dem aus dem Boden gebuddelten, mineralhaltigen, schwarzen Heilschlamm gegenseitig ein. Ein kleiner Fleck am Strand, der dicht mit Bambus bewachsen ist, beherbergt eine aus dem Wüstensand sprudelnde Süßwasserquelle, die uns als Klarwasser-Planschbecken dient. ES IST PARADIESISCH!
Nach dieser Heilkur geht es wieder bergauf. Auf der ersten Bergspitze erreichen wir ein palmenbewachsenes, grünes Resort mit kleinen sandgelben und orangefarbenen Gebäuden. So gelegen, dass man die Sonne über Jordanien und dem Toten Meer aufgehen und in der unendlichen Weite der Wüste wieder verschmelzen sehen kann. Wunderschöne Eindrücke, die uns nun fünf Tage lang erhalten bleiben sollen. Unser Kursort als Oase in der Wüste !!!
So wie es keinen typischen Israeli gibt, so gibt es auch keine typische israelische Küche. Und daher werden wir im Restaurant, das einem Kibbutz gehört, Tag für Tag mit einer Mischung unterschiedlicher kulinarischer Köstlichkeiten verwöhnt. Dass Israel selbst ein Schmelztiegel der verschiedensten Kulturen ist, spiegelt sich amüsanter Weise auch in der Vielzahl der verwendeten Phowa-Texte wieder: gesehen wurden sie in hebräischer, russischer, englischer, deutscher, tschechischer, ungarischer und griechischer Sprache.
Die kleine Gruppe von 70 Leuten findet sich täglich dreimal in der mit einer Klimaanlage ausgestatteten Meditationshalle ein. Da ca. 2/5 der Freunde russischer Herkunft sind, gibt es eine offizielle Übersetzung in ihre Muttersprache. Es herrscht eine ausgelassene und freudige Stimmung, welche die Konzentration jedoch über den ganzen Kurs in keiner Weise beeinträchtigt. Alle arbeiten beeindruckend zusammen - angefangen bei der russischen Übersetzung über die alltäglichen Organisationsnotwendigkeiten bis hin zur gegenseitigen Unterstützung bei Verständnisfragen oder emotionalen Ausbrüchen, von denen es allerdings nur wenige gibt. Die raren und kurzen Pausen zwischen den einzelnen Sessions werden dazu genutzt, vor Ort zu relaxen oder im Toten Meer zu baden.
Die schnelle Verdunstung des Wassers reichert die Luft auch noch an dem 400m über dem Toten Meer liegenden Kursort so sehr mit Mineralien an, dass sich das Nervensystem eines jeden sofort entspannt. Die Ruhe, die diesen Platz umgibt, lässt es völlig surreal erscheinen, dass wir uns im Radio und TV über einen Krieg informieren, der nur wenige Kilometer vor unserer Tür geführt wird. Die unter palästinensischer Selbstverwaltung stehende Stadt Jericho ist 30 km entfernt; der israelische Tourismusminister Rechawain Seewi wurde im nur 50 km entfernten Jerusalem ermordet, dessen Vororte Gilo und Har Homa unter Beschuss der Palästinenser stehen; in das ca. 40 km Luftlinie entfernte Bethlehem rücken am Freitag rund 20 Panzer der israelischen Armee ein und all das betrachtet man tatsächlich mit der gleichen Distanz wie vor dem Fernseher in Deutschland. Für die Israelis sind derartige Vorfälle so gewöhnlich geworden, dass sie keinen Wert mehr darauf legen, Details zu erfahren. "Es interessiert einen erst dann, wenn man selbst getroffen wird". Mit dieser Aussage wird mir das volle Ausmaß dessen bewusst, wie viel schwieriger es für diese Menschen sein muss, Mitgefühl für alle Wesen zu entwickeln.
Und Lama Oles Worte darüber, was für ein verdammt gutes Karma wir haben, die wir in die westeuropäischen Länder hinein geboren wurden, rutschen voller Intensität von meinem Kopf hinunter in mein Herz. Was für ein Geschenk, in diesem Land an einem Phowa-Kurs teilnehmen zu können.

Die Hälfte aller Teilnehmer erlernt die Praxis des Bewussten Sterbens hier zum ersten Mal. Die latent vorhandene Nervosität darüber, ob man eventuell der Einzige sein wird, der das heiß ersehnte, äußerliche Zeichen nicht aufweisen kann, wird durch Witz und Humor überspielt. Dass diese Zweifel nicht notwendig gewesen wären, zeigt im Nachhinein das beeindruckende Ergebnis: Schon nach fünf Sessions haben alle Neulinge ganz deutliche Zeichen auf ihren Köpfen und erst einmal einen freien Nachmittag verdient. Lama Ole ist von der starken Konzentrationsfähigkeit seiner Schüler sichtlich angetan und hebt zum Abschluss des Kurses noch einmal die spezielle Kraft in ihrem Geist und an diesem ganz besonderen Ort hervor. Auf dem Weg zurück zum Flughafen legen wir sowohl in der 4000 Jahre alten Stadt Jerusalem als auch in der zweitgrößten Stadt Israels, Tel Aviv, Zwischenstopps ein. Die sehr kurzen Eindrücke, die wir hier sammeln können, erzeugen einen spannenden Vorgeschmack auf die für das nächste Jahr geplante, israelische Städtetour mit Lama Ole Nydahl.
 


Tanja Böhnke
31 Jahre alt
seit 1999 Schülerin von Lama Ole Nydahl
wohnt in Hamburg arbeitet als Projekt- und Finanz-Controller in einer Multimedia-Agentur
t.boehnke@e-7.com

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