Aus: Buddhismus Heute Nr. 33, ( 2001)

Zurückziehungen - eine Frage der Reife

Ein Interview mit Lama Ole Nydahl

Warum überhaupt Retreats machen? Wozu ist das gut?
Eigentlich bin ich hier nicht der Oberexperte. Der 16. Karmapa wünschte ausdrücklich von Hannah und mir, dass ich Zentren im Westen starte, während Hannahs Aufgabe sei, sowohl den Rinpoches zu helfen als auch mir beizustehen. Jedesmal, wenn uns die erlebte Nähe der Buddhas während unserer kürzeren Zurückziehungen zu sehr betörte, gab er uns schnell neue Aufgaben und versprach dabei, wir würden dasselbe geistige Wachstum erfahren wie die Leute in voller Zurückziehung. Deswegen sind meine Antworten oft Beobachtungen von "außen", sie basieren auf meinem gesunden Menschenverstand und den jahrelangen Erfahrungen so vieler Menschen. Wer eher das technische Wissen möchte, sollte Walli und Henrik1 fragen. Sie haben jahrelange praktische Erfahrung.

Kalu Rinpoche hat es spaßvoll so ausgedrückt: Mit dem Geist arbeiten ist so, wie wenn man jemanden schminken will. Wenn derjenige währenddessen tanzt, dann malt man vielleicht den Lippenstift auf die Nase und die Wimperntusche aufs Ohr - es geht nicht. Bringt man denjenigen aber dazu, dass er still sitzt, dann kann man alles genauso hinkriegen wie man möchte.

Zurückziehungen ermöglichen einem den Geist festzuhalten. Dann wird gezielte Arbeit mit dem Geist möglich. Man setzt bewusst die Eindrücke von der Außenwelt, die ständigen Ablenkungen usw., herab und wird dadurch fähig das innere Geschehen besser mitzubekommen. Allmählich lernt man, nicht auf innere Störungen einzugehen sie zu lenken und damit zu arbeiten.

Sollte man auf jeden Fall irgendwann anfangen Retreats zu machen oder ist das Geschmackssache?
Wenn man die gegebenen Mittel verwendet und einen Lehrer hat, der Raum und Freude verbindet, kann man ganz schnell anfangen. Buddhismus ist ja nur angewandte, gesunde Vernunft. Hat man aber Lehrer, die einen eher begriffsmäßigen Zugang zum Geist haben und wenig Freude erleben, dann sollte man eher warten, bis man selbst selbstvertrauende Freude erfährt.

Es gibt Leute, die kommen aus der Zurückziehung und alles ist viel steifer, umständlicher und weniger freudvoll als vorher. Da würde ich sagen, dass die Zurückziehung misslungen ist. Andere Leute hingegen ziehen sich zurück und kommen mit Überschuss wieder in die Welt, leichter als vorher. Bei denen ist die Zurückziehung - auch wenn sie alle möglichen Reinigungen erlebt haben mögen - tatsächlich gelungen, denn es gibt nur ein Ziel: den im Hier und Jetzt verweilenden Geist.

Gibt es Situationen, wo es für einen gar nicht so gut ist ein Retreat zu machen, wo Aktivität für die eigene Entwicklung besser wäre?
Wer sehr nach innen eingestellt ist, sollte erst Gleichgewicht in sein Leben bringen. Wer sich vor Herausforderungen und Spaß bereits versteckt und dann zusätzlich ins Retreat verschwindet, hat es am Ende noch schwieriger sich für die Umwelt zu öffnen. Man denkt am Ende vielleicht noch, man hätte irgendwas sehr Geistiges verwirklicht und wird noch unnützer. Viele meinen tatsächlich, dass man besonders heilig wäre, wenn man nichts wagt oder tut. Solche Leute könnten aber auch auf dem Friedhof ihre Zuflucht suchen, denn die da liegen machen ja überhaupt nichts.

Kurz: Zurückziehung sollte dazu führen, dass man die innewohnende Freude erfährt und danach mit Körper, Rede und Geist besser für andere arbeiten kann.

Am wichtigsten ist, dass mit der richtigen Sichtweise sogar kürzere Unterbrechungen von dem gewohnten Erfahrungsstrom zu innerer Zurückziehung führen. Wenn Buddhas Lehre von Ursache und Wirkung die Welt erklärt und der Geist ständig die Frische des Augenblicks erlebt, ist man in jeder Lage in innerer Zurückziehung. Anders gesagt: Man kann in einer Höhle sitzen und vom Broadway träumen und man kann den Broadway runtergehen und dadurch seinen Geist erkennen. Es ist alles eine Frage von der erworbenen Reife.

Du sagtest mal, man soll nicht zu schnell längere Retreats machen. Warum nicht?

Weil es sehr wichtig ist, dass die Leute nicht zu dünn, zu schwach oder zu nach-innen-gekehrt werden. Kalu Rinpoche hat kurz vor seinem Tod so gesprochen. Er bestätigte damit Hannahs und meine Beobachtungen völlig. Unter den Hunderten, die seine zölibatären Drei-Jahres-Zurückziehungen durchgemacht hatten, standen hinterher nur wenige kraftvoll im Leben und das machte ihm zu schaffen.

In Tibet konnte man sich zwar viele verwirrte Leute auf der Straße erlauben. Man hatte damals vielleicht zwei, drei Entschlüsse in der Woche zu fassen. Die Gesellschaft war sehr einfach und wer eine rote Robe trug, erhielt immer etwas zu essen. Aber heute im Westen heißt es, Bedingtes und Letztendliches zusammenzuhalten. Auch bei besten Vertiefungen darf die Verbindung mit der bedingten Ebene nicht verlorengehen, außer man will für immer in Zurückziehung bleiben. Wenn Leute sich vor dem Leben verstecken und dann weniger scharf, weniger fähig werden, ist das einfach nicht gut. Das ist nicht der Sinn der Sache.

Hat man nicht so tüchtige Lehrer, die mit einem leben, wie Walli und Henrik, die gerade einige unserer Zentren erfolgreich besuchten, soll man seinen Geist so behandeln, wie wenn man ein Stück Stahl veredelt. Man erhitzt es, kühlt es dann schnell und hämmert die Moleküle in eine Richtung aus. So sollen sich die erfahrenen Öffnungen in der Zurückziehung mit praktischen Abhärtungen auf der Straße zu echter Lebenserfahrung verbinden.

Außerdem: wer zu lange untätig war, sei es sexuell oder sonst im praktischen Leben, hat es oft schwierig, den Motor wieder in gesunder Weise anzukurbeln. Das kann auch dazu beitragen, dass die Leute sich nach langen Zurückziehungen abkapseln.

Ich würde also sagen: Am Anfang sind eher kürzere Zurückziehungen gut, alleine oder wenn man sich sehr liebt und vertraut als Paar. Wie ich aber bei der ersten Frage riet: Ist der Kraftkreis des Lamas unerschütterlich und voll guter Laune kann sich der Mediterende sehr viel erlauben.

Du hast auch öfter gesagt, dass es speziell bei den Grundübungen (Ngöndro) wichtig ist, sie nicht am Stück in Zurückziehung "durchzuziehen". Machen die Leute die Prozesse dann weniger bewusst durch oder was ist der Grund?
Es gibt da zwei Seiten und ich sehe gerne, dass man es ein bisschen mischt: Macht man die Grundübungen peinlich langsam, unter ständigem Kampf mit täglichen Ablenkungen, schafft es vor allem Reife. Man muss dann immer wieder Stellung zum Leben beziehen, immer wieder sein Wertesystem erneuern und sich klar machen, was man tut und warum man es tut.

Wenn man dagegen die Bedingungen hat alles in einem Schub durchzuziehen, gibt das eine riesige Schnell-Kraft. Sie wird einem auch später im Leben beistehen, weil vieles ab der Zeit leicht sein wird. Da wir beides brauchen, sehe ich gerne gemischte Umstände bei den Übungen und eigentlich denke ich, die Schützer lenken dort sehr viel mit.

Die Verbeugungen kann man neben all den anderen Übungen machen, in dem Fall sicher am besten morgens. Einige ziehen sie auch einfach in einem Stück durch. Werden die Reinigungsmantras oder weitere monatelange Meditationen zurückgezogen gemacht, würde ich raten, zusätzlich etwas Kraftvolles für den Körper zu tun, ihn dabei nicht zu vernachlässigen. Nützlich ist auch bei vielen, einige Tage währenddessen zu fasten. Das tut richtig gut.

Es gibt in den Zentren bei einigen Leuten die Idee, dass Leute, die gerne Zurückziehungen machen, für die Zentrumsarbeit ungeeignet sind. Andere sagen, die Zurückziehungen geben einem Kraft, hinterher besser zu arbeiten. Wie siehst Du das?
Grundsätzlich sind einige Menschen für fast alles gut und andere für recht wenig. Es gibt aber auch unterschiedliche Ausrichtungen. Da der Meditierende zwar viel lernen kann, wirkliche Charakterveränderungen aber kaum vorkommen, kann man mit etwas Erfahrung schon im Voraus sehen, was die Leute beitragen können und wollen! Also geht man davon aus, wie er war, bevor er die Tür hinter sich zu machte. Man sieht den "Kunden" schon an, ob sie hinterher der Gruppe nutzen können oder nicht. Zeitaufwendig sind vor allem die, die denken, sie verstünden nach dem Blick nach innen auch äußere Angelegenheiten besser, was selbstverständlich nicht der Fall ist.

Während der großen Aufbauphase, in der wir uns weltweit befinden, braucht der Diamantweg eher Segensträger als einsame Meditierende, aber jeder Beitrag ist wichtig. Irgendwie wissen die Leute auch selbst, wo sie hingehören. Es gibt die Zupack-Typen, die die nahe Verbindung zum Lehrer halten und dessen Kraft in die Gruppe bringen. Andere sind einfach mehr empfindlich und nach innen gekehrt. Wenn die Leute mich wegenZurückziehungen fragen, dann rate ich diesen Weg meistens den Zurückhaltenden. Auch die Leute die ins KIBI wollen, sind ein eigener Schlag. Sie sind braver und haben einen begriffsmäßigen Zugang zu der Lehre, lassen sich mitunter zu leicht durch Launen einschüchtern.

Die richtigen Macher habe ich aber gerne vor Ort in den Zentren. Es gibt zur Zeit eine Menge Wachstum zu schaffen und wir bilden diese Leute dazu bestens aus. Sie haben das Phowa und kennen von den großen Kursen die alles befreiende Sicht des Großen Siegels. Sie verwenden Mantras, sind sich gegenseitig sehr klare Spiegel, und machen jeden Tag in den freien Augenblicken Kurz-Meditationen. Die täglichen kurzen Meditationen außerhalb von der Zurückziehung, wo man im Nu mit dem Lehrer verschmilzt, können der Entscheidungskraft sehr helfen.

Dadurch kommen auch sie in der Entwicklung bestens voran. Bei Buddha geht es ja letztendlich um menschliche Reife, um die Fülle des Lebens und jeder muss sehen, wie er zum Wesentlichen kommt. Meine Erfahrung ist, dass wer gut arbeiten kann, auch bei gegebener Gelegenheit gut meditiert. Das gute Karma und die angewandte Kraft sind ihnen stete Freunde.

Wie kann man verhindern, durch Retreats weltfremd zu werden?
Dadurch, dass die Zurückziehungen eher kürzer sind. Dass man währenddessen stark wünscht, anderen bald nützen zu können. Dass man im Besitz einer verträglichen Gefährtin sein Geschlechtsleben nicht für die Zeit abstellt, sondern je nach Wunsch die Erfahrungen mit Freundin oder Freund teilt. Man wird sehr menschlich und es ist auch lehrreich, sich so zu öffnen. Ein guter Begleitgedanke bleibt dabei: "Wenn ich den Wesen nicht helfe, dann tut es vielleicht keiner". Die Einstellung, dass jede Entwicklung zum Besten aller sein soll, ist sehr wirksam.

Wem empfiehlst Du Gruppen- und wem Einzelretreats. Was sind die Vor- und Nachteile?
Wie fast überall herrscht hier die Kunst des Möglichen. Was wir anbieten, wird dankbar angenommen! Mitunter sagen wir auch: Die Buddhas laden ein. Oder: Es geht nach dem Prinzip des vorhandenen Nagels. Jede Form ist gut und man muss sowieso nehmen, was es gibt.

Gruppenretreats sind ja bei uns durchgehend recht offen, wie zum Beispiel die Phowa-Kurse, die Grundübungen oder die Njungnes. Die harte und allen so nützliche Arbeit ein Zentrum aufzubauen, gehört auch dazu und erlaubt zugleich wegen ihrer Eindeutigkeit und menschenfreundlichen Einstellung riesige Mengen von guten Eindrücken zu sammeln. Sie lassen dem Geist sein Selbstvertrauen und führen zu der erwünschten Geistesruhe und Einsicht.

Einzelzurückziehungen werden wohl später häufiger werden mit mehr Luxus im Westen und auch Natur in Osteuropa.

Manche Zentren machen ja auch die Grundübungen oder die 8. Karmapa-Praxis als Gruppenzurückziehung mit zum Teil bis zu fünfzig Leuten...
Es ist sehr gut, wenn die Leute das können und gerne wollen. Vor allem, wenn unsere tüchtigen Lehrer dabei sind, sollte jeder die Möglichkeit nutzen, auch nur für Tage oder Stunden. Man nimmt im Diamantweg an den Kraftkreisen teil, die aufgebaut werden und trägt den Segen mit.

Tage oder Monate für das Alleine-Meditieren einsetzen, ist vor allem für Reinigungen oder für geballtere Meditationen, wo man wenig Störung von außen wünscht. Sie sind nützlich bei Teilen des Ngöndro oder während man sich in eine besondere Buddhaform, die einen begeistert, hineinlebt und deren besondere Eigenschaften übernimmt und verwirklicht.

Man zieht sich auch zurück um den eigenen Geist besser kennenzulernen. Nach dem mitunter überwältigenden Reichtum an Mitteln im Ngöndro wollen immer mehr Leute vorerst einige Zeit formlos meditieren, so Richtung Shine/Lhagtong. Das ist aber noch viel schwieriger und hier rate ich unbedingt über die Zuflucht und eine kurze aufbauende und verschmelzende Phase mit dem erwünschten Buddha einzusteigen. Damit man hinterher als Buddha formlos meditiert und nicht als Heinz Schultz.

Gibt es eine Empfehlung von Dir zu Häufigkeit und Länge von Retreats für die Leute, die schon lange praktizieren?
Hier ist vieles die Kunst des Möglichen und jeder hat seine eigenen Bedürfnisse. Der 16. Karmapa sah es gerne, wenn man pro Jahr einen oder zwei Monate in Zurückziehung ging. Ich denke auch, dass das wunderbar wäre, bei den meisten muss die Zeit aber auf Kurse und Wochenenden verteilt werden und ob es mit Urlaub, Familie und die Anforderungen der Welt möglich ist, ist eine andere Frage.

Ganz viele moderne Diamantweg-Buddhisten müssen, wie erwähnt, vor allem mit der Sichtweise im Alltag arbeiten, in der "inneren Zurückziehung". Praktisches, tiefgreifendes Wachstum entsteht, wenn man die Sicht des Großen Siegels ungebrochen durch die Erfahrung des Tages hält. Wer von dieser Ebene aus die Welt anschaut und mit dieser Sichtweise die Welt angeht, wird sich richtig entwickeln. Man lebt die reine Einstellung, die man vom Lama bekommt, während die erhaltenen Rückkopplungserfahrungen einen geschmeidig und nützlich halten. Zurückziehungen, richtig gemacht, können die Reine Sichtweise sehr verstärken. Alle Ergebnisse müssen aber immer wieder auf der Straße auf ihre Festigkeit geprüft werden. Dort warten die Einflüsse, die einen abrutschen lassen.

Für viele heißt es ja bei vier Wochen Urlaub im Jahr, dass man sich entscheiden muss zwischen Kursen oder Zurückziehungen…
Oder man meditiert während der Kurse mehr, wobei man dann aber weniger Dharmaverbindungen knüpfen kann. Jeweils die Hälfte wäre sicher sinnvoll.

Allgemein rate ich zur Zeit den Tatkräftigen unter unseren Freunden eher zu den Kursen und zum Zentrumsaufbau. Da die Mehrzahl der großen alten Lamas schon gestorben ist, müssen wir von den noch lebenden die Kraftkreise weiterbringen. Weil die jüngeren Lamas offensichtlich mit weniger Kraft arbeiten werden wie die alten, müssen wir so viel Verantwortung wie möglich auf unsere idealistischen westlichen Schultern nehmen. Künzig Shamarpa und Lopön Tsechu Rinpoche wünschen das auch, sonst wäre die Übertragung bald fürs Museum.

Du hast in Zurückziehungen sehr hart praktiziert: viertausend Verbeugungen am Tag, sechzehn Stunden Diamantgeist usw. Ist das für jeden erstrebenswert oder soll jeder das für ihn passende Maß finden?
Hier soll jeder sehen, was ihm liegt. Hannah und mir macht so etwas Spaß.
Bei den Grundübungen darf man sich treten, aber bei den allgemeinen täglichen Vertiefungen soll man nur so lange weitermachen, wie es sich noch gut oder sinnvoll anfühlt. Wenn man aufhört, während es noch angenehm ist, wird man bald Lust haben wieder anzufangen.

Das Ngöndro ist wie erwähnt eine Ausnahme. Hier darf man sich verausgaben, seine Kraft spüren, sich etwas hart behandeln, so wie man 3 Minuten am Sandsack bleibt, damit die drei-minütigen Runden sich später kurz anfühlen.

Es muss aber die Einstellung dabei sein, dass es unendlich kostbar ist, Mittel verwenden zu können, die von den Lehrern der Linie benutzt und gelobt wurden. Weiter gehört der starke Wunsch dazu, das Gelernte zum Besten anderer einzusetzen.

Heute macht ja kaum jemand bei uns richtig lange Retreats, also jahrelang. Früher war das aber doch durchaus üblich, all die großen alten Meister haben viele Jahre Retreat gemacht. Passt das jetzt überhaupt nicht mehr für die Leute im Westen oder sind wir jetzt in einer Phase, wo es dafür noch zu früh ist? Fehlt den Leuten einfach noch die Grundlage dafür?
Marpa meditierte ohne lange Zurückziehungen, Naropa meditierte kaum. Er verlor die Steifheit seines Geistes durch 12 große und 24 kleine Unfälle. Noch dazu: Ganz viel von dem, was die Tibeter da durch ihre Zurückziehungen lernen, kennen wir schon aus der Schule. Unsere Konzentrationsfähigkeit, unser abstraktes, analytisches Denken, unser Wissen, unsere Weltsicht, sind tatsächlich den Nutznießern anderer Kulturen weit voraus. Ebenso erwerben wir viel Reife, die man anderswo durch lange Meditationen erreicht, durch eine durchsichtige, psychologisch angehauchte, menschenfreundliche Gesellschaft. Auch die angelernte Zusammenarbeit, unsere Aberglauben abbauende, bessere Ausbildung, sowie die Lebensnähe des modernen Laien-Diamantwegs, der unmittelbar im Leben einsetzbar ist, geben eine gute Grundlage für Meditation und ersetzen viel Sitz-Zeit. Wie Kalu Rinpoche kurz vor seinem Tod öffentlich selbst sagte, wusste er nicht, ob vieles von dem, was während der Zurückziehungen gemacht wurde, wirklich zur Buddhaschaft führe. Mit unserem Idealismus, gegenseitigen Vertrauen, unserem Wissensstand und einer offenen Kultur im Rücken, können wir schon früh den Leuten nutzen. Das passiert ja auch überall. Zu lernen wäre allgemeine gesunde Vernunft, Freude über das gute Karma, was einen zu einer Geburt im Westen führt und etwas mehr Geschmeidigkeit im Geist. Oft erlebt der Westler die Welt als viel zu eng und wirklich. Es geht aber um eine bewusste Entwicklung der Möglichkeiten des Raumes, um Selbständigkeit. In unserer Kagyü-Schule schickten die Linienhalter ja häufig ihre Schüler weg, bevor sie voll ausgebildet waren. Den Segen hat der Lehrer aber bei ihnen gehalten und so haben sie frei ihren eigenen Stil entwickeln und ihre innewohnende Kraft verwirklichen können. Lernen beim Lehren - solange das Band zum Lehrer hält und man es ohne Stolz schafft, sich im Kraftfeld der gegebenen Mittel zu entwickeln - ist sicher für viele heute der schnelle Weg. Selbstverständlich ist es Aufgabe des Diamantweg-Lamas, zu sehen, ob genügend Reife fur die Aufgabe vorhanden ist.

Die meisten Zurückziehungen wurden auch nicht so streng gehandhabt. Wenige starrten 30 Jahre lang eine Wand an. Da kamen Besucher und Familie vorbei, die das Essen brachten. Man ist aber mehr oder weniger an einer Stelle geblieben, wie zum Beispiel unser alter Freund, der bekannte chinesische Yogi Chen.

Es gab bekannterweise in Tibet auch ganz besondere Zurückziehungen, wo man sich einmauern ließ, lange Zeit ohne Licht verbrachte usw. Aber allgemein war es schon eher entspannt in ihren Retreats. Man strebte nicht nach völlig geballter Vertiefung die ganze Zeit über, wie wir Westler es uns vorstellen. Man ging auch weitgehend auf die besonderen Bedürfnisse und Wünsche der Kunden ein und auch im Westen haben einige während ihrer Drei-Jahres-Zurückziehung fast nur eine Übung gemacht und diese sehr schonend, weil ihnen sonst der Kragen geplatzt wäre.

Wenn man die Biographien der alten Meister liest, dann kann man schon denken, dass es gar nicht zu schaffen ist, ohne dass man zwanzig Jahre in der Höhle sitzt...
Das stimmt aus den obengenannten Gründen nicht. Marpa und Naropa haben weitgehend vom Leben gelernt, allerdings - wie wir Kagyüs heute - mit den höchsten Belehrungen als Grundlage. Es wäre aber schon sehr gut, wenn mehr Leute mehr Zeit hätten, um sich vom Ratten-Wettlauf der Welt zurückzuziehen. Obwohl überpersönliche Erfahrungen heute beim Halten der Reinen Sicht in Verbindung mit kürzeren Zurückziehungen und durch die Umsetzung in der Welt felsenfest werden, täte heute mehr Zeit für Vertiefung jedem Tatmensch gut. Da habe ich keinen Zweifel.

Was sollte ein jeder unbedingt vor einer Zurückziehung wissen?
Vielleicht zunächst, wie dauerhaft uns frühere Leben prägen. Dass derselbe Mensch wieder an der Öffnung der Höhle erscheinen wird, der früher in ihr verschwand. Klar wird man starke Erfahrungen machen, Störungen im Verhalten durchschauen und hoffentlich entfernen und später deswegen mehr für andere tun können; an Grundneigungen Richtung Offenheit oder Verschlossenheit der Welt gegenüber oder froher oder saurer Gesinnung sah ich aber bei den Hunderten, die vor allem bei Kalu Rinpoche die drei Jahre in Zurückziehung verbrachten, wenig wirkliche Änderungen. Das Ziel dieser langen, zölibatären Zeit ist vor allem eine Grundausbildung für Priester (Lamas), die die von ihrer Schule genutzten Pujas, Anrufungen, Rituale und Mantras weitgehend gemeinsam üben. Da werden feste Verhaltenmuster abwechselnd beim Alleinsein etwas aufgelöst und danach durch die Erwartungen der Gruppe wieder gefestigt. Längere Zeit alleine sein oder - ich kann das nicht genug betonen - mit geeigneter Gefährtin oder Gefährten zusammen, in deren oder dessen Gesellschaft man sich völlig öffnen kann, kann für die Tiefenarbeit an einem selbst wirksamer sein.

Wie sollte man als Anfänger seine ersten Zurückziehungen gestalten?
Wenn man die Verbindung zum gewohnten Alltäglichen brechen kann, ist das schon an sich sehr befreiend und da die nächstliegende geeignete Höhle sicher umständlich einzurichten ist, ist die Fahrt ins nächste Zurückziehungszentrum für ein Wochenende oder einige Wochen sehr nützlich. Sehr spannend sind auch Zurückziehungen im herzhaft-rauen Eurasien bis zum Altaigebirge oder dem Baikalsee. Die spannenden Stellen lohnen sich aber erst richtig für ein paar Wochen. Wir können inzwischen ein Dutzend Angebote in unseren Landzentren anbieten. Unsere Diamantweglehrer in Europa sind sehr vertrauenswürdig und lebenserfahren und wer sich den Luxus jahrelanger Vertiefungen leisten kann und will, sollte mit Walli und Henrik reden. Nimmt man sich genug Zeit für eine Diamantwegübung der Einswerdung mit Lama oder Buddha und für das Entspannen danach, kann man schon innerhalb von einem verlängerten Wochenende einen ersten Geschmack von dem bekommen, was der Geist eben verarbeitet und womit man ihm beistehen könnte.

Viele sehr fähige Leute leben ja die ganze Zeit unter einem sehr großen Erwartungs- und Handlungsdruck. Sie haben sich da zwar selbst reingebracht, kommen aber trotz diese Einsicht nicht so leicht wieder raus. Deswegen ist die Zeit, wo man sich diese Ruhe ermöglichen kann, schon sehr kostbar. Sie gut zu nutzen ist klug.

Einige ziehen es bei der Zurückziehung vor, kaum andere zu sehen. Ein kurzer Wortaustausch geht aber schon - das Ablenkende ist, in die Augen anderer zu schauen. Fühlt man sich aber danach, so ist es ganz in Ordnung, einmal am Tag kurz mit den Leuten zu essen. Kleine Spaziergänge runden Meditationserfahrungen erstklassig ab.

Macht man sich Zeitpläne für den Tagesablauf?
Sie sind nützlich, aber ohne zuviel Druck. Wenn man mal gerne ein bisschen länger sitzt und der Bauch knurrt nur mässig, dann kann man schon weitermachen. Wenn andererseits der Bauch sehr knurrt, dann kann man auch eine Stunde früher seine Protein-Mischung zusammenschütteln. Man hat genug äußere Zwänge und Regeln und Gesetze im täglichen Leben. Da kann ein reifer Mensch sich schon etwas Freiheit geben. Ablenkung und Faulheit dürfen daraus aber nicht entstehen.

Oft gibst Du auch als Richtlinie vier Meditationssitzungen am Tag vor...
Das ist der allgemeine Rat, den Hannah und ich selbst vom 16. Karmapa bekamen, die dort angeratenen Zeitangaben waren aber bestimmt aus einer Gesellschaft ohne Strom.

Vermenschlicht könnte die Sache so aussehen: Wenn man aufwacht, darf man sich gerne erst behaglich gegen irgendetwas lehnen und sich auf den Tag einstellen. Wie man dann beim Verstehen von der Einmaligkeit der jetzigen Lage frischer wird, drückt einem die aufsteigende Kraft im Körper allmählich den Rücken gerade. Es lohnt sich hier, aus ständig neuen Winkeln die vier Grundgedanken zum Leben anzuschauen. Versteht man sie wirklich und nimmt man deswegen bewusst Zuflucht, ist man ein reifer Mensch und wird mit einer unerschütterlichen Grundlage anderen und einem selbst sehr nutzen. Erst wenn die Zuflucht "sitzt", geht man weiter in die Stufen der Meditation hinein, aber immer lebensnah und mit viel Raum drumherum.

Wenn man spürt, dass irgendwo eine Störung gespeichert liegt, kann man sie begabt entsorgen und den erlebten Schmerz als eine Befreiung erleben. Auch Tränen der Dankbarkeit, die einem bei Durchbrüchen hochkommen können, haben zu guten Gedichten wie denen von Milarepa geführt und wie man nach innen weniger Unausgeglichenes mitträgt, kann man einer stil-besessenen Welt als Beispiel geschmeidiger nutzen.

Es heißt ja, dass es leichter ist, Retreat an gesegneten Plätzen zu machen, aber viele machen es auch zuhause. Ist es okay, an einer schönen und guten Stelle Retreat zu machen, auch wenn sie nicht gesegnet ist? Muss man dann etwas Besonderes beachten?
Man muss halt weg von Fernsprecher und Internet und Freunde sollen nicht "einfach vorbeikommen" können. Bei unseren geselligen Kagyüs ist das wohl zuhause schwierig. Wo ich auch wäre, ich würde auf jeden Fall immer bewusst und in alle Richtungen unserer flotten Linie danken. Auch würde ich anfangs sowie täglich Schwarzen Mantel mit dem "Om Ma Dag" auf Tibetisch herbeirufen oder den Text in der eigenen Sprache meditieren: Er kann was.

Wenn man zum ersten Mal an einer neuen Stelle meditiert, ist es für den Schutz und die ergiebigste Sicht wichtig, dass man zuerst durch die Zuflucht die Diamantwegebene einführt und jeden Tag den Schützern dankt.

Man kann den lokalen Energien doch auch Geschenke machen. Soll man das am Anfang vom Retreat machen oder am Ende?
Immer schnell zu geben, während die Welle der Großzügigkeit anhält, ist im nüchternen Zustand meist ratsam, sei es Menschen oder nicht-Menschen gegenüber. Zu groß auf die Sache eingehen würde ich aber nicht. Dann geht es leicht Richtung Aberglaube. Die Bodhisattva-Einstellung, dass man für alle Wesen aller Sorten meditiert, ist am wichtigsten. Obwohl es eine gute Einstellung ist, für alle Darbenden eine Wasserschale und etwas Essen hinzustellen - das ganze tibetische Ritual würde ich selbst auch nicht machen. Weder Buddhas noch Geister würden es mir abnehmen, weil ich dabei schmunzeln würde. Beschützt ist man aber von vornherein. Es heißt: Wer mit voller Bodhisattva-Einstellung meditiert, dem müssen sogar die bösesten Geister beistehen, denn er arbeitet ja auch für sie.

Sollte man immer seinen Lehrer fragen und um Segen bitten, wenn man ein Retreat machen will?
Ja, bei längeren Zurückziehungen würde ich das tun. Kurz anrufen oder emailen: "Ich hab die-und-die Zeit und habe das und das vor". Dann steht das Kraftfeld, selbst wenn der Lama vielleicht erst hinterher das eMail liest, weil er in Gegenden ohne Fernsprecher reist. In dem Augenblick, wo man sein Schutzfeld wachruft und durch das eMail oder den Brief erweckt, ist es schon da.

Kann man längere Zurückziehungen ohne Betreuung machen, also ohne regelmäßigen Kontakt zum Lehrer?
Kommt auf die Reife der Schüler an. Geistig wenig belastbare Kunden sollten sowieso milde Mantras in milder Gesellschaft sprechen, nicht alleine oder auf schützende oder vereinigte Buddhas meditieren. Bei Ausgeglicheneren mit Lebenserfahrung und unserer Sicht des Großen Siegels sollte der Lehrer wenigstens erreichbar sein. Nur wer schon viel Lebenserfahrung besitzt und seinen Geist gut kennt, sollte sich hinsetzen ohne den Zugang zu einem vertrauten Lehrer zu sichern. Es ist ja nicht schwierig: Wir haben inzwischen viele Lehrer mit richtiger Erfahrung. Sie kennen die Mittel und ihr guter, runder Humor zeigt, dass sie selbst die inneren Engpässe beseitigt haben und den Leuten helfen können. Wer in meinem Namen lehrt, hörte schon tausendmal, dass man die Trips nicht ernstnehmen soll. Sie verstehen, dass nur das Bleibende zählt, das sich jenseits von Erwartung und Befürchtung, Morgen und Gestern, Anhaftung und Widerwillen zeigt, die furchtlose Eingebung, die selbstentstandene Freude und die tatkräftige Liebe, die den zeitlosen Geist selbst ausmachen.

Lehrer mit Lebenserfahrung machen gute wie schlechte Erlebnisse zu Schritten auf dem Weg zum Erkennen des Erlebers von sich selbst. Sie bringen einem Sichtweisen bei, die sich auch im Leben bestens bestätigen. Lernt man zum Beispiel erst das, was auf der Welt geschieht als die Karmas der Wesen zu sehen und versteht dabei ihr Verhalten dazu als Ausdruck ihrer Reife, dann gibt es nichts, woran man nicht lernen wird.

Es gab doch auch Fälle, wo Du bei Leuten ein Retreat abgebrochen, weil etwas schiefging - oder?
Einmal in Rödby, denke ich, in den mittleren siebziger Jahren, wo sogar gute Freunde noch aus alter Hippiegewohnheit die Mittel unterschiedlicher Religionen und Therapien vermischten. Sonst - und das ist das Leitprinzip: Wer gesund in die Zurückziehung geht, wird sie auch gesund verlassen, wenn die Mittel richtig verwendet werden. Die Schützer sind näher als man denkt und es geht ja im Großen Siegel darum, im Hier und Jetzt entspannt und froh zu verweilen. Aus diesem Zustand entstehen Durchbrüche in den überpersönlichen Raum der Einsicht. Das ist die Sache und wenn man dabei merkt, dass man vielleicht auf irgendeine Neurose gestoßen ist, gibt es eine ganze Reihe von Mitteln. Man entspannt sich ein bisschen, entwickelt Mitgefühl für andere, denen es noch schlechter geht, versteht dass die Erfahrung bedingt und deswegen vergänglich ist, oder beobachtet den Verlauf genau aus dem Wunsch heraus, später anderen in ähnlicher Lage helfen zu können. Ein Fall, der wohl bei meinen Schülern nicht aufkommen wird, ist, dass die Leute während der Zurückziehung sauer oder moralistisch werden. Man müsste sie dann vielleicht täglich durchkitzeln.

Soll man im Retreat nur eine Praxis machen, oder kann man auch mischen? Zum Beispiel: Verbeugungen und Diamantgeist oder 8. Karmapa und Diamantgeist.
Verbeugungen sind immer nützlich, auch über die 111 111 hinaus. Sie heben den Busen und bringen die Biermuskeln auf die Schultern zurück. Was sitzende Übungen anbetrifft, gräbt man aber besser an einer Stelle tief. Hier lohnt sich die Einsgerichtetheit. Ich würde immer eine Hauptübung machen und alles andere unterstützend dazu - so wie den Lama andocken für Segen oder Schutz, Liebevolle Augen oder Befreierin für Mitgefühl heranrufen und einige Diamantgeist-Mantras wiederholen, wenn saure Erinnerungen auftauchen. Ich würde auch für die Ausrichtung der Sicht jeden Tag einen Vers vom Großen Siegel durchgehen.

Welche Ablenkungen sollte man auf jeden Fall ausschließen und welche sind eher wahlweise möglich?
Das kommt wieder auf die Reife der "Einsitzenden" an. Wer seinen Wunsch zum Besten aller Wesen erleuchtet zu werden, mitunter durch eine Viertelstunde Tagesschau verstärken kann, soll das tun. Wer aber von den Bildern und Nachrichten so gestört wird, dass er hinterher Schwierigkeiten beim meditieren hat, sollte es lassen. Da muss man erwachsen sein und sich nichts vormachen, denn Ablenkungen hat man ja schon genug, die Schlauen foppen sowieso immer die Dummen und viel ändern kann man von der Zurückziehung aus sowieso nicht.

Was ist mit Joggen, Spazierengehen usw.? Darf man das auch in geschlossenen Retreats?

Etwas Bewegung würde ich jedem raten. Wir kriegen fast alle viel zu wenig davon. Wer nicht morgens die hundert Verbeugungen macht, die ich sehr empfehle, oder die Freudvollen bei gemeinsamen Zurückziehungen genießt, dem täte bestimmt eine Viertelstunde joggen gut.

Kann man sich auch mit Leuten verabreden?
Man muss sehen, was der Meditation gut tut und es kommt auch darauf an, was für eine Art Zurückziehung man macht. Treffen zur Versöhnung zum Beispiel wäre etwas langfristig Beruhigendes, während Pläne fürs Geldmachen sicher stören würden. Man ist aber eher abgelenkt und unklar während man viel meditiert und bestimmt nicht besonders fähig in der bedingten Welt. Deswegen, um Peinliches zu vermeiden, würde ich mich wenn möglich entschuldigen und dann richtig reden wenn man wieder in der Welt ist.

Kann man abends auch ein Bier trinken?

Nein, davon würde ich abraten. Bei richtigen Retreats würde ich keine Drogen oder Alkohol reinlassen. Sie verstreuen den Geist während die Meditationen ihn sammeln. Vom Wesen her sind sie unvereinbar.

Wie steht es mit Sex bei einem Paar-Retreat?
Klar, wenn man sich mag. Wichtig ist dabei der Gedanke, dass man sich Glück zufügen will.

Woher weiß man, ob ein Partner für gemeinsames Retreat geeignet ist?
Ausprobieren, würde ich sagen. Wenn man sich nicht liebt, wird es am Ende eine Qual.

Sollte man bei einem Paar-Retreat die gleiche Praxis machen oder kann es auch verschieden sein, wenn man sich nicht gegenseitig stört?
Es kann verschieden sein, aber es ist schon ein gutes Gefühl, wenn man deutlich auf demselben Weg ist und ähnliche Meditationen macht. Selbstverständlich haben alle Buddhas dieselbe Essenz und jede Übung zeigt einem den eigenen Geist.
Vor allem die Mandala-Gaben sollte man aber nur mit anderen zusammen tun, die auch diese laute Übung machen. Sonst wirkt man sehr störend. Dasselbe gilt, wenn man Mantras sehr laut spricht.

Wie kommt man nach dem Retreat wieder gut in die Welt rein? Das fühlt sich manchmal recht schwierig an.
Ja, da kann ein sehr wattiges Gefühl entstehen und man muss sich wieder auf die Vorstellungswelt anderer einstellen. Man verließ soeben alle Buddhas, schenkte ihnen alles Gute und dann ist der Schaffner sauer über irgendwas oder ein paar Leute schlagen sich auf der Straße.

Man muss einfach jedesmal sehr schnell sehr stark werden. Einfach einsehen, dass man jetzt ganz viel Kraft erworben hat. Dass der Segen unzerstörbar da ist und dass man ab jetzt nur geben muss. Man sollte aufpassen, nichts Störendes aufzunehmen, sondern nur ohne Ende alles Gute zu geben. Wer aus der Zurückziehung kommt, ist sowieso der Reiche und man soll auch dieses Gefühl von Überschuss beibehalten und weitergeben.

Was soll man machen, wenn im Retreat richtig heftige innere Störungen aufkommen?
Am besten ist ein schnelles Guru-Yoga, ein "mit dem Lehrer verschmelzen". Sich einfach den Lama oberhalb seiner vorstellen, ihn in einen selbst herunterziehen und dann unerschütterlich der Lama sein. Einen Ölteppich an Mantras unter dem Gefühl halten bis es davonflutscht, nutzt auch sehr. An Vergänglichkeit und die gegenseitige Bedingtheit aller Dinge denken, hilft den Begriffsfrohen, dass die erfahrenen Störungen nichts Wirkliches sind. Zustände im Raum mit dem Mantra OM GATE GATE PARA GATE PARA SAM GATE BODHI SOHA aufzulösen nutzt auch einigen.

Bleiben Störungen aber trotz aller Gegenmittel lange, dann bitte 100 000 OM MANI PEME HUNG einblenden. Hilft das nicht, sollte man die Zurückziehung für einige Zeit abbrechen. Man darf keine schlechten Gewohnheiten unter solchen einprägsamen Umständen verstärken, sondern sollte einige Zeit in einem Zentrum mithelfen und dann später weitermachen. Es soll ja angenehm sein. Leidet man zu sehr, findet ein verwundetes Ego in der Zukunft immer Gründe nicht wieder zu meditieren.

Was soll man tun, wenn man im Retreat ist, der Geist aber einfach nicht loslassen kann von den Geschehnissen draußen?
Dann war man noch nicht lange genug zurückgezogen und sollte vielleicht erst an der Einstellung arbeiten und ein Buch Milarepas lesen. Für schnell auftauchende Ablenkungen mit wenig Masse hat man auch das "PE"-Geräusch, das schneidet gut.

Wenn man im Retreat sehr viel praktiziert, kann man etwas steif und mechanisch werden. Was würdest Du als Gegenmittel empfehlen?
Verstehen, dass Befreiung und Erleuchtung beide aus müheloser Entspanntheit entstehen. Sich auf Freude einstellen und sich angewöhnen, in allem irgend etwas Spannendes, Neues, Frisches, Sinnvolles zu erfahren. Ich weiß, es lautet nach Druck: Aber durch das übliche christliche Gedankengut muss man mitunter den Geist zwingen, die vor der Nase liegende Freude zu erfahren. Wer selbst zuviel Leid trägt, kann wenig für andere tun.

Wie kommt man in der Zurückziehung von Quantität zu Qualität - also von nur viel meditieren zu gut meditieren?
Erst sollte man die richtige Sichtweise zum Wesen des Geistes und seinem spielerischen Reichtum, also zur äußeren wie inneren Erscheinungswelt, entwickeln. Dass sie zwar wie Träume sind, also bedingt und ohne wirkliches oder dauerhaftes Sein, dass es aber große Unterschiede zwischen guten und schlechten Träumen gibt. Die guten befreien und erleuchten, während die schlechten einen abhängig machen. Wichtig ist auch, weniger Erwartung und Befürchtung zu haben. Anstatt Festhalten und Wegschieben, Morgen und Gestern, Erwartung und Befürchtung sollte man immer wieder zurückkehren zum Hier und Jetzt: Wer die Augenblicke stärkster Sammlung kurz hält, und sich dazwischen ehrlich entspannt, wenn das nicht mehr geht, vermeidet die schädliche "Weiße Wand"-Wirkung, die einem die geistige Spannkraft raubt. Dann wieder kurz und sehr stark bewusst sein und sich dann nochmals entspannen. So entwickeln sich die überpersönlichen, innewohnenden Eigenschaften am wirksamsten.

Wenn man die 8. Karmapa-Meditation im Retreat macht, soll man dann viele Mantras machen oder lange Verschmelzungsphase? Oder ist das individuell? Sollte man das vorher seinen Lehrer fragen?
Man selbst spürt, was der beste Einstieg für einen ist. Das Ziel ist aber die Verlängerung vom Zustand der Einswerdung jenseits der Begriffe. Hier verweilt der entspannte mühelose Geist, der mit viel Überschuss und Freude sich selbst vertraut. Mantras zu wiederholen kann sehr angenehm und entspannend sein, aber das Ziel, das wirklich zu erreichen ist, ist die reife Rundumsicht des Großen Siegels.

Im Retreat wird man sich der ganzen Vorgänge im Geist ja viel bewusster. Du gibst eigentlich wenig Beschreibungen zu all den Sachen, die da kommen und gehen. Andere Lehrer geben oft ganz genaue Beschreibungen, wie man die Phasen verlängern kann, oder auf welcher Stufe man jetzt gerade in der Meditation ist usw.
Ich fand bis jetzt keinen Grund, das Rad neu zu erfinden, gebe aber schon Ratschläge, wenn befragt. Viele Lehrer können die vergänglichen Erfahrungen auch viel besser beschreiben, weil sie die Vorgänge ernst nehmen. Ich lache oder staune kurz über die Spiele von Körper und Geist, erlebe alles aus der Sicht des Großen Siegels heraus. Wenn man den Geist als unbegrenzten, strahlenden Raum erlebt, heißt alles, was er erscheinen lässt ja nur, das Juwel von verschiedenen Seiten zu betrachten. Sind zum Beispiel viele Gedanken da, dann hat man einfach viel Energie. Sind es wenige Gedanken, dann strahlt das Gewahrsein um so klarer.

Alles ist ja das Spiel des Geistes. Er bestimmt, was er wahrnehmen will. Wenn man auf das innere Disneyland der Wesen zeigt, werden die Leute sich noch bewusster, dass es läuft und geben auch Kraft hinein. Wenn man die Eindrücke aber vorbeigehen lässt, sie einfach nicht so ernst nimmt und mit Vertrauen und Dankbarkeit für die Mittel weiterarbeitet, löst sich fast alles von selbst. Die Sicht des Großen Siegels schafft das.

Milarepa tat das durchgehend. Wenn seine Schüler ganz viel über ihre als so wichtig erlebten Gedanken reden wollten, sagte er: "Wenn Du die Größe des Berges siehst, wie können dich dann ein paar Büsche stören, die drauf wachsen? Wenn Du die Tiefe des Meeres erlebst, wie kannst Du Dich dann über ein paar Wellen aufregen?"

Man entscheidet selbst, ob man sich stark oder schwach macht. Da alles, was geschieht, sowieso das freie Spiel des Geistes ist, kann man es einfach genießen! Und diese Sicht bestätigt sich zunehmend: Alles wird immer spannender und schöner, wenn man tut was vor der Nase ist.

Es gibt aber schon ein paar Anweisungen, die ich gebe, wenn trotz aller Einsicht bedingte Erfahrungen zu "wirklich" erlebt werden. Man halte dann den Geist wie einen Elefanten, der von Dornen gestochen wird. Die Dornen sind schon da, aber er hat halt eine sehr dicke Haut. Auch wenn die Gedanken sehr störend wirken mögen, weil schwere Karmas hochkommen: Der Geist ist Raum und kaputtmachen können sie ihn nicht.

Das Ego wird öfters bocken, um sein Gebiet zu wahren und auch äußere Hindernisse werden sich karmisch stauen, die die Vertiefung verhindern. Dort hilft das Verständnis, dass man durch Widerstand stark wird, eben viel Schweres loslässt sowie das Lesen von Milarepas Gesängen. Man kann sich auch an eine tibetische Geschichte, die häufig erzählt wird, erinnern:
Ein Meditierender hatte vor seiner Höhle einen Dornbusch stehen, der bei jedem Verlassen der Stelle Fäden aus seinen Kleidern riss. Am Anfang seines Geschäfts dachte er dann jedesmal: "Ich sollte in das Dorf gehen und eine Axt holen." Am Ende war seine Überlegung aber dann auch schon weiter gegangen: Und wie wenn ich eben zu der Zeit einen Durchbruch erleben sollte? Es wird gesagt, der Busch steht noch da, aber der Mann wurde erleuchtet.

Eine noch allgemeinere Belehrung wäre, die Vertiefung so zu sehen, wie man ein Seil macht: Dreht man es zu hart, verknotet oder bricht man es. Dreht man es aber nicht, hat man nur lose Fasern in der Hand und kein Seil.

Ich sage gerne von Fall zu Fall, worauf meine Schüler aufpassen sollen. Ich kenne sie ja. Meistens haben sie aber "Das Große Siegel" in der Zurückziehung dabei und die Sicht des Buches ist der beste Schutz überhaupt. Der Lehrer soll nicht die veränderlichen Erfahrungen der Leute zu wirklich werden lassen. Das macht sie unfrei. Dann stecken sie noch mehr von sich rein: "Jetzt hab ich das verwirklicht, jetzt bin ich dies oder das" usw.

Man beurteilt sowieso viel zu viel im Leben, erlebt wegen Wellen und Bildern die Dauerkraft von Meer und Spiegel kaum. Wechselnde Gefühle sind für die Dichtkunst und Filme wichtig, der Erfahrung vom Geist nutzen sie aber erst sehr spät auf dem Weg. Den Mutigen soll die Erfüllung geschenkt werden, dem inneren wie äußeren Raum zu vertrauen und den Geist einfach so zu erfahren.

Es gibt ja auch ausführliche Erklärungen über die Sitzhaltung beim Meditieren. Auf solche Sachen gehst Du auch nicht ein.
Das lehren alles unsere tüchtigen Reiselehrer sowie die Zentrums-Leute vor Ort. Naropas Sieben Haltungen sind ihnen bekannt sowie die von Marpa. Ganze und halbe Dorje-Stellung sowie die der Bodhisattvas werden überall genutzt. Meine Aufgabe ist die Sicht von Welt und Geist.

Übrigens erfährt man doch, wie man am besten sitzt. Jeder spürt, dass der gerade Rücken besser ist, dass die aufrechte Stellung Körper und Geist nutzt. Hierzu gibt es übrigens eine Geschichte aus dem Zen: Als Buddha nach einigen Jahren nach Bodh Gaya zurückkehrte, waren viele Affen erleuchtet. Sie hatten seine Sitzhaltung nachgeahmt!

Unsere Freunde bekommen auch früh zu hören, dass die Weisheit in der linken Körperseite arbeitet während die rechte der Tat zugeordnet ist. Deswegen halten wir im Diamantweg das linke Bein und linke Hand unten und die rechten obendrauf. Hannah und ich haben einige Zeit lang den Freunden eine von Milarepa verwendete Vor-Tummo-Übung gezeigt zum Entlasten des Rückens, das war aber unangenehm für die Ellenbögen vieler, weil sie sie zu extrem machten. Wenn man sich auf die höchste Sicht einstellt, dann stellt sich für die meisten der Körper richtig ein.

Es bringt ja wenig, ein großes Gebäude von Lehren aufzubauen, wenn man dann hinterher dem einzelnen heimlich zuflüstern muss, sie hätten sich an einen Großteil nicht zu halten. Es ist sowieso für jeden anders. Und man kann außer bei geistigen Grenzfällen schon der Reife meiner Schüler vertrauen.

Es gibt da in der Meditation manchmal diesen ganz kurzen Moment, diesen Moment zwischen den Gedanken. Der ist aber so kurz und man möchte ihn so gerne verlängern...
Wenn man aufhört, ihn haben zu wollen, kommt er immer öfter, denn er entsteht nur aus einer Lage der Entspannung. Es ist so, wie ein schöne Frau kennenlernen: Man parkt seinen Porsche, legt das Scheckbuch oben auf das Dach und sie kommt. Läuft man ihr nach, dann holt sie die Polizei.

1 Leiter eines Laien-Retreatzentrums in der Nähe von Dhagpo Kagyü Ling in Südfrankreich 


Fragen von der Buddhismus-Heute-Redaktion, sowie von Caty Hartung, Claudia Knoll und Claudia-Magdalena Knittel.