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Aus: Buddhismus Heute Nr. 32, ( 2001)

Kampf um Tibets Seele

aus der Asiaweek

Während Exiltibeter um die wahre Inkarnation eines höchsten Lamas kämpfen, setzt Peking diesem Prozess seinen Stempel auf. Werden die Chinesen den nächsten Dalai Lama auswählen? Aus der ASIAWEEK vom 20. Oktober 2000 von Julian Gearing

Der folgende Artikel erschien im Oktober 2000 in der Zeitschrift ASIAWEEK. In der Ausgabe vom 20. Oktober war die Karmapa-Kontroverse Titelthema - „Lama Wars". Der britische Journalist Julian Gearing hatte zuvor in Tibet, in Dharamsala und an verschiedenen Stellen in Europa recherchiert. Er hatte unter anderem Gespräche mit dem Dalai Lama geführt, beide Karmapa-Kandidaten und sowohl Tai Situ als auch Shamarpa Rinpoche getroffen.

Wir drucken - mit freundlicher Genehmigung der ASIAWEEK und Julian Gearings - eine Übersetzung des Artikels, denn zum ersten Mal hat eine maßgebliche internationale Zeitschrift einen gut recherchierten Bericht über die Karmapa-Kontroverse gebracht. Die ASIAWEEK ist in Europa im normalen Zeitschriftenhandel nicht erhältlich.

Urgyen Trinle schafft zwar noch ein Lächeln, aber sein Geduldsfaden ist dünn geworden. Der einstige Wirbelwind von Aufmerksamkeit der Medien ist der Langeweile gewichen, während er wartet und die Tage zu Wochen werden. In der Gefangenschaft eines Goldenen Käfigs im Kloster Gyuto, am Fuß des Hügels auf dem der Exil-Wohnsitz des Dalai Lama in Dharamsala liegt, gewährt der 15 Jahre alte Karmapa-Lama buddhistischen Pilgern flüchtige Audienzen, nimmt Gebets-Schals an und überreicht rote Bänder. Ein Rätsel, Urgyen Trinle wird von Soldaten bewacht und daran gehindert, Interviews zu geben. Sein Schicksal liegt weitgehend in den Händen indischer Behörden, die darüber entscheiden müssen, ob man Chinas Wut riskieren will indem man ihm erlaubt, den Exil-Thron Karmapas im Kloster Rumtek in Sikkim einzunehmen. Sie wurden von seinem plötzlichen Erscheinen auf indischem Boden vor neun Monaten überrascht und in Verlegenheit gebracht.

Damals hatten die tibetische Exilgemeinschaft und internationale Journalisten gespannt der Geschichte des großgewachsenen und gutaussehenden Karmapa-Lama gelauscht, wie er mutig Schneepässen und Grenzwachen trotzte, um aus seinem von Chinesen kontrollierten Heimatland zu fliehen. Die Flucht des jungen Lama war wie ein Widerhall auf die Flucht des Dalai Lama selbst im Jahre 1959. Viele Leute fragten sich seitdem: Könnte dieser charismatische Junge der Nachfolger des alternden 14. Dalai Lama werden, als Führer der tibetischen Diaspora? Die Frage gewinnt zusätzliche Dringlichkeit, da Tibeter im Ausland zunehmend besorgt sind über interne Risse und die ausbleibende Entwicklung in den Bemühungen, einen Dialog mit Peking über Tibets Zukunft zu eröffnen.

Wer aber ist Urgyen Trinle? Und ist er der echte 17. Karmapa, der drittwichtigste spirituelle Führer Tibets nach den Dalai und Panchen Lamas? Im Alter von sieben Jahren aus einem Nomadenzelt gepflückt, wurde er mit Pekings Segen im Kloster Tsurphu als Kopf der 900 Jahre alten Karma-Kagyü-Schule, eine der vier buddhistischen Hauptschulen in der Region, eingesetzt. Aber über seiner Anerkennung hängen seitdem schwerwiegende Vorwürfe von Betrug und politischen Gaunereien seitens seiner Unterstützer, die zum Erscheinen eines rivalisierenden Karmapa im Jahre 1994 führten. Seit Urgyen Trinles Ankunft in Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung, hat sich die Kontroverse verschärft. Seine Flucht aus China hat die Kluft innerhalb der Karma-Kagyü-Schule nicht nur vertieft, sondern auch Aufmerksamkeit auf die schlecht verhüllte Fehde zwischen ihr und der dominierenden Gelugpa-Schule des Dalai Lama gelenkt.

Noch bedeutender ist, dass die Karmapa-Kontroverse Licht auf die zunehmende Verwicklung Pekings in die Auswahl hoher tibetischer Lamas geworfen hat. Wenn die Chinesen bestimmen können, wer als der nächste Dalai, Panchen und Karmapa Lama anerkannt wird, ist ihre Kontrolle über Tibet besiegelt, da die Top-Lamas von den zutiefst frommen Menschen verehrt werden. Für Exiltibeter ist dies ein immer lebendigerer Albtraum. Der Dalai Lama, weithin angesehen als die einzige Figur mit der Autorität die tibetische Exilbewegung zusammenzuhalten, ist jetzt 65. „Wenn er stirbt, wird es gefährlich hier", sagt Thupten Rikey, Redakteur des Tibet-Journal in Dharamsala. Ängste über die Sterblichkeit des Dalai Lama wurden geschürt durch einen neulichen Auto-Unfall. „Wenn er stirbt und Peking seine Wiedergeburt beeinflussen oder bestimmen kann, sind die Exilanten wirklich in Schwierigkeiten" sagt ein Tibet-Spezialist in Hong Kong. „Viel könnte davon abhängen, wie die Karmapa-Affäre ausgeht."

Der für Urgyen Trinles Anerkennung und Inthronisierung verantwortliche Mann ist Tai Situ Rinpoche, 45. Als einer der vier mit der Bewahrung der Karma-Kagyü-Linie beauftragten Regenten wird er von tibetischen und westlichen Anhängern gleichermaßen verehrt. Von Taipeh bis New York preisen Hunderttausende seine Bemühungen um die Verbreitung des buddhistischen Dharma, die Lehren. Sie setzen ihr Vertrauen auch in sein Urteil in Schlüsselfragen wie der Anerkennung des Karmapa-Lama.

In seinem geräumigen neuen Kloster Sherab Ling sitzend, eine Zwei-Stunden-Fahrt von seinem Schützling entfernt, spricht Tai Situ sanft und leutselig. Urgyen Trinle, darauf besteht er, ist die echte Wiedergeburt des verstorbenen hochverehrten 16. Karmapa-Lama. „Es gibt nicht so etwas wie ‚beweisen', es ist schon bewiesen", sagt der Regent der Asiaweek. „Karmapa ist Karmapa, Buddha ist Buddha, der Dalai Lama ist der Dalai Lama. Wir sind Gläubige. So ist das."

Der kleine, bebrillte Mönch hat Einfluss, Macht und sicherlich Geld. Während eine Gruppe westlicher Anhänger geduldig auf eine Segnung wartet, legen bhutanesische Künstler letzte Hand an eine riesige Buddha-Statue im Haupt-Gebetsraum seines modernen Klosters, das inmitten von 47 Morgen waldiger Hügel liegt. Einer der 200 Mönche putzt und poliert das große Foto von Urgyen Trinle auf dem Haupt-Thron. Mit seiner effizienten Anmeldung, Freiluft-Cafes und draußen geparkten Vierrad- Antriebs-Fahrzeugen, ist die Einrichtung weit entfernt von den dunklen, rattenverseuchten Kammern der mittelalterlichen Klöster Tibets. Westliche Pop-Musik klingt aus einem Ghetto-Blaster in einem der hellen Mönchs-Quartiere. Nur die gewölbeartige Gebetshalle erinnert noch an das traditionelle Tibet.

Die Suche nach dem Karmapa, so Tai Situ, „wurde entsprechend den Anweisungen des letzten Karmapas durchgeführt", welche in Form eines Briefes kamen, der - wie Tai Situ sagt - von Urgyen Trinles Vorgänger geschrieben wurde. Die Karma-Kagyü-chule begann die tibetische Tradition der Auffindung wiedergeborener hoher Lamas vor 900 Jahren. Tibeter glauben, dass fortgeschrittene Lamas Briefe, Träume, Meditationen und Zeichen benutzen können, um Tulkus - erleuchtete Wesen - zu identifizieren. Tai Situ ist ein Tulku.

Aber in den Augen seiner Kritiker hat der Regent eine andere Seite. Sie werfen ihm Fälschung, Gewalt, Einschüchterung, Hintergehen des Dalai Lama und Geschäftemacherei mit Peking vor - alles im Bestreben, die Kontrolle über die Karma-Kagyü-Schule zu erlangen. Auch die indische Regierung ist wegen Tai Situ besorgt. Letzten Monat erhielt sie eine Warnung von China, Urgyen Trinle kein Asyl in Sikkim zu gewähren. Dem Regent, der von 1994 bis 1998 wegen anti-indischer und „krimineller" Aktivitäten aus Indien verbannt war, wird zur Zeit die Einreise nach Sikkim verwehrt. Die Inder sorgen sich um Recht und Ordnung, nachdem es Prügeleien zwischen Tai Situs Mönchen und Anhängern des rivalisierenden Karma-Kagyü-Regenten Shamar Rinpoche gab. Shamarpa stellte einen konkurrierenden Anwärter, Thaye Dorje, für den Karmapa-Thron vor.

Während Urgyen Trinle in Dharamsala festsitzt, ist der 17-jährige Thaye Dorje - der vor sechs Jahren leise aus Tibet entwich - frei, sich in der Welt zu bewegen und zu lehren. „Die Leute sollten beruhigt sein, dass er der Karmapa ist, denn er wurde entsprechend den Karma-Kagyü-Traditionen erkannt", sagte der schroff-gesichtige Shamarpa der Asiaweek. Vor sechs Jahren stützte er sich auf einen Traum, auf Meditationen und glückverheißende Zeichen, um den damals am Jokhang Tempel in Lhasa lebenden Thaye Dorje zu finden. „Der 16. Karmapa bestätigte meine Position als der Shamarpa, dem zweithöchsten Rang in unserer Schule", fügt er hinzu. „Historisch ist der Shamarpa ermächtigt, Karmapas zu identifizieren und zu erkennen."

Die Blockade bedeutet, dass beide Anwärter in der Schwebe sind. Sie warten auf die offizielle Inthronisation und die Überreichung der heiligen Schwarzen Krone, eine Zeremonie, die am 21. Geburtstag Karmapas stattfinden soll. Nie zuvor in der Geschichte der tibetischen spirituellen Abfolgen hat es eine solche Krise gegeben. Konkurrierende Kandidaten schon, aber mit nur einem Anerkannten. Jetzt gibt es zwei anerkannte Karmapas.

Tai Situ ist herablassend gegenüber seinen Rivalen. „Wir sind traurig, dass so etwas geschah", sagt er. „Es gibt viele Leute, die Buddhas Namen nicht kennen, die den Buddhismus schlecht repräsentieren. Wir können uns davon nicht unter Stress setzen lassen." Auf dem Thron in seinem Besucher-Zimmer sitzend, sieht Tai Situ nicht gestresst aus. Er hat die Überhand im Propaganda-Krieg, aus einem einfachen Grund: Der Dalai Lama unterstützt Urgyen Trinle. Das bedeutet, dass dies auch die meisten Tibeter tun. Tai Situ hat es sogar geschafft, die normalerweise skeptische internationale Presse für sich zu gewinnen. Urgyen Trinle ist der Karmapa, schreiben Journalisten. Keine Frage.

Und doch werden Fragen gestellt, nun da die Suche nach den Wiedergeburten hoher Lamas aus den engen Schutzwällen des Himalaya herausgetreten ist. In Anbetracht des wachsenden internationalen Reizes des Tibetischen Buddhismus - selbst Hollywood-Stars wie Richard Gere und Pierce Brosnan sind Bewunderer - zieht die Angelegenheit mehr Aufmerksamkeit denn je auf sich. Sie ist Inhalt unabhängiger Untersuchungen, Bücher und sogar Debatten im Internet. Ist der einzigartige Prozess missbraucht worden? Haben seine Hüter sogar eine Farce aus ihm gemacht, in ihrem Streben nach Macht und Wohlstand?

Die Antworten liegen in den unangenehmen Zwischenfällen in einer Religion aus dem Mittelalter. Mit 18 Monaten wurde Tai Situ als die 12. Wiedergeburt einer Linie spiritueller Lehrer anerkannt, die neben dem Karmapa-Lama gearbeitet hatte. Aber er lebte in einem besetzten Land. Vier Jahre zuvor hatte die chinesische Armee ihre „friedliche Befreiung" Tibets vollendet. Der Vorgang wurde in dem 17-Punkte-Abkommen besiegelt, unterschrieben von Peking und dem tibetischen Repräsentanten Ngabo Ngawang Jigme. Unter Tibetern wird Ngabo dafür bis heute beschimpft.

Als der 16. Karmapa-Lama Tibet am Vorabend der Revolte gegen Peking im Jahre 1959 verließ, folgte ihm Tai Situ. Der Dalai Lama floh kurz danach. Chinesische Verwüstungen in Tibet fanden ihren Höhepunkt in der Kulturrevolution 1966 bis 1976, in deren Verlauf über 6000 Klöster zerstört und zehntausende Mönche und Nonnen getötet, eingesperrt und verstreut wurden. Als Ende der 70er Jahre Deng Xiao Ping an die Macht kam, versuchte er, einen Teil des Schadens zu beheben. Peking erlaubte, dass einige Klöster repariert wurden und ließ begrenzte religiöse Freiheit zu. Aber da der Versuch, die tibetische Opposition durch Gewalt zu zerschlagen gescheitert war, suchten die chinesischen Behörden nach einem Weg der Einflussnahme auf die Auswahl der hohen Lamas. Die Gelegenheit dazu ließ nicht lange auf sich warten.

Mit dem Tod des 16. Karmapa im Jahre 1981 im Alter von 56 Jahren, standen Tai Situ, Shamarpa, Gyaltsab Rinpoche und Jamgon Kongtrul Rinpoche vor einer erschreckenden Herausforderung. Die jungen Regenten waren mit der Suche nach der Wiedergeburt ihres Meisters betraut worden. Der 16. Karmapa hatte sich als fähiger, charismatischer Führer erwiesen. Von seinem Sitz in Rumtek hatte er ein spirituelles und weltliches Imperium erbaut, mit Millionen von Anhängern und großem Vermögen. Er lag auch lange in Streit mit dem Dalai Lama, da sein Kloster in Sikkim eine Gegenmacht zu der Exilregierung des Dalai Lama in Dharamsala geworden war.

Die Suche nach dem nächsten Karmapa-Lama zu führen, war eine Aufgabe, die traditionell zwischen den jeweiligen Wiedergeburten des Tai Situ und Shamarpa wechselte. Der Shamarpa war 200 Jahre lang von früheren Dalai Lamas mit einem Bann belegt, aber vom 14. Dalai Lama im Jahre 1963 wieder eingesetzt worden, im Bemühen, die Tibeter zu einigen. In der feudalen Karma-Kagyü-Hierarchie bedeutet jedoch die Wiedereinsetzung des Shamarpa als die Nummer 2 nach dem Karmapa, dass Tai Situ und seine Anhänger eine Stufe nach unten geschoben wurden. Die Bühne für Ärger war vorbereitet.

Das böse Blut trug dazu bei, dass die Suche nach dem 17. Karmapa stockte. Zur gleichen Zeit sahen die Regenten Gelegenheiten in der Zunahme von populären und lukrativen Dharma-Zentren, die in Asien und im Westen gegründet wurden. Tai Situ begann Lehr-Tourneen im Ausland, die zu einer einträglichen Sache wurden und ihm in Hong Kong den Titel „Der letzte Kaiser" einbrachte, wegen seinem Hang zu teuren Hotel-Suiten. In Schottland freundete er sich mit Akong Tulku Rinpoche an, der half, das buddhistische Zentrum Samye Ling zu gründen. Es war Akong, der die Gelegenheit erkannte, die Chinas neue Politik der offenen Türen bot.

Im Versuch, einige tibetische Exilanten zurückzulocken, begann Peking „Tatsachen-Findungs-Missionen" der Exilregierung und private Besuche zuzulassen. Nach Reisen sowohl in Tibet, als auch in die chinesische Hauptstadt, startete Akong eine Reihe humanitärer Projekte unter seiner Schirmherrschaft, Rokpa-„Hilfe". Er wurde auch Tai Situs Repräsentant gegenüber der chinesischen Regierung. Der Regent selbst erhielt die Erlaubnis für einen vier-monatigen Besuch in Tibet, während dem er Maßnahmen für Bildung und das Gesundheitswesen und die Bewahrung und Verbreitung der buddhistischen Kultur vorschlug. „Wir versuchen mit jedem in Tibet zu arbeiten, vom Dalai Lama runter bis zu jedem Exiltibeter. Das ist unsere Pflicht", sagt Tai Situ. Wie andere Lamas im Exil, versuchten er und Akong vordergründig ihren Leuten zu helfen und die beschädigte religiöse Infrastruktur zu reparieren. Dafür ernannte Peking Akong zum „Lebenden Buddha".

Die Verzögerung in der Auffindung des 17. Karmapa-Lama führte zu gegenseitigen Beschuldigungen. Tai Situs Anhänger starteten eine Brief- und Fax-Kampagne und bezichtigten Shamarpa. Sie begannen und verloren ein Gerichtsverfahren mit der Behauptung, er versuche Karmapas Vermögen zu stehlen. Am 19. März 1992 zeigte Tai Situ seinen drei Mitregenten einen Brief im A4-Format, angeblich vom 16. Karmapa geschrieben und mit Anweisungen, wo seine Wiedergeburt zu finden sei. Shamarpa war schockiert. „Der Brief war offensichtlich gefälscht", sagt er. „Ich habe ihn Wort für Wort untersucht und erkannte, dass die Handschrift nicht die des 16. Karmapa war, sondern eher die von Tai Situ. Tai Situ weigerte sich jedoch standhaft, den Brief gerichtswissenschaftlich prüfen zu lassen."

Tai Situ faxte dann eine Kopie des Schreibens an den Dalai Lama und teilte ihm mit, dass alle Regenten sich hinsichtlich seiner Authentizität einig waren (obwohl Shamarpa das gar nicht war). Auf dieser Basis akzeptierte der Dalai Lama den Fund. Es war ein politischer Coup von Tai Situ. Er hatte die Einmischung des Dalai Lama in die allerwichtigste Angelegenheit einer anderen buddhistischen Schule manipuliert. Shamarpa war entsetzt. „Es ist nicht die Rolle des Dalai Lama, darin einbezogen zu werden", sagt er. „Alle früheren Karmapas wurden innerhalb der Karma-Kagyü-Schule anerkannt."

Urgyen Trinle soll aufgrund von in dem Brief dargelegten Unterweisungen gefunden worden sein. Tai Situs Kritiker werfen ihm jedoch vor, dass er noch bevor er sich die Zustimmung des Dalai Lama eingeholt hatte, schon in Tibet war, seinen Karmapa fand und die Auswahl mit Peking abklärte. 1991 soll Tai Situ Urgyen Trinle in Tibet eine buddhistische Einweihung gegeben haben. Im gleichen Jahr, so sagt eine Quelle aus der chinesichen Regierung, habe Peking eine interne Anweisung erlassen, Mönchen des Klosters Tsurphu zu erlauben, die Suche nach dem neuen Karmapa zu beginnen, „auf Basis des Willens des 16. Karmapa". Eine tibetische Quelle kommentiert: „Dies deutet darauf hin, dass Tai Situ mit den Chinesen zusammenarbeitet, seit er den Prophezeiungsbrief hatte." (Die Erwiderung des Regenten gleicht den Worten seines Freundes Akong Rinpoche: „Wir versuchen mit jedem in Tibet zu arbeiten. Das ist unsere Pflicht.") In einer üppigen Zeremonie im Jahre 1992, der Tausende beiwohnten, wurde Urgyen Trinle - „der chinesische Karmapa" tituliert - im Kloster Tsurphu in Tibet eingesetzt. Dies war das erste Mal, dass chinesisch-kommunistische Behörden an der Anerkennung eines hohen tibetischen Lamas beteiligt waren.

Innerschulische Konflikte verschlimmerten sich zwischen den Exiltibetern. 1993 vertrieben Anhänger von Tai Situ gewaltsam Shamarpa und seine Unterstützer aus dem Kloster Rumtek. Im nächsten Jahr wurde Urgyen Trinle auf den Platz des Himmlischen Friedens und in die große Halles des Volkes nach Peking eingeladen. Der chinesische Präsident Jiang Zemin gratulierte ihm und trug ihm auf, für das Wohl seines Mutterlandes und der Kommunistischen Partei zu arbeiten.

Angefeuert von ihrer erfolgreichen Intervention in die Einsetzung des Karmapa-Lama, unternahmen die Chinesen schon bald den nächsten Zug. Der 10. Panchen Lama war 1989 gestorben und es war noch keine Wiedergeburt anerkannt. Auf einem Geheimtreffen zwischen chinesischen und tibetischen Beamten wurde 1993 ein Plan ausgeheckt, wie man Kontrolle über die Anerkennung spiritueller Führer Tibets durch den Dalai Lama bekommen könne. Als der Dalai Lama 1995 seine Entdeckung des fünf Jahre alten Gendün Chökyi Nyima als den neuen Panchen Lama verkündete, verhafteten die Chinesen den Jungen. Sie feierten Gyaltsen Norbu, den fünf Jahre alten Sohn eines kommunistischen Kaderbeamten, als den 11. Panchen Lama. Dies hatte peinliche Auswirkungen für den Dalai Lama. Da er und der Panchen beide zur Gelugpa-Schule gehören, kann der Panchen seine Wiedergeburt anerkennen. Und die Chinesen haben beide Panchens in der Hand.

In der tibetischen Exilgemeinschaft wuchsen die Probleme des Dalai Lama. Er wurde dafür kritisiert, „vorzeitig" seine Anerkennung von Gendün Chökyi Nyima verkündet zu haben, was in der Gefangennahme des Jungen resultierte. Sein Bann im Jahre 1996 gegen die Verehrung der traditionellen Gottheit Shugden der Gelugpa-Schule brachte weitere Spannungen. Diese Anbetung, so erklärt der Dalai Lama, „stehe der tibetischen Regierung und den Leuten diametral entgegen". Diese Vorschrift rief Proteste von Gelugpa-Mitgliedern in Indien und im Westen hervor. „Der Dalai Lama verweigert uns unsere religiöse Praxis, unsere Menschenrechte", beschwert sich Geshe Kelsang Gyatso, der das englische kult-ähnliche Manjushri-Zentrum leitet. Der blutige Mord an Lobsang Gyatso, einem angesehenen Vertrauten des Dalai Lama, und zweier seiner Schüler im Jahre 1997 löste Ängste über einen Anschlag auf das Leben des Dalai Lama aus. Das alles war gutes Futter für Pekings Propaganda-Maschinerie. Den Chinesen wird auch nachgesagt, Anti-Dalai-Gruppen zu finanzieren.

Über lange Zeit schon schwierige Verhältnisse zwischen der Gelugpa und der Karma-Kagyü-Schule wurden durch die Einmischung des Dalai Lama in die Anerkennung des Karmapa-Lama weiter belastet. Es belebte bittere Erinnerungen an die 60er Jahre, als Gyalo Thondup, der Bruder des Dalai Lama, alle tibetischen Schulen unter Gelugpa-Kontrolle bringen wollte - wenn nötig auch mit Gewalt. Als sich 14 tibetische Exil-Siedlungen zusammenfanden, um gegen seinen Plan zu kämpfen, brach Unruhe in der Gemeinschaft aus. Im März 1977 wurde auf den Anführer der Siedlungen, Gungthang Tsultrim, aus nächster Nähe mehrfach geschossen. Der Mörder gestand, von der tibetischen Exilregierung 300 000 Rupies dafür bekommen zu haben. Er sagte, sie hätte ihm noch mehr angeboten um den 16. Karmapa-Lama zu töten.

Als der Dalai Lama im Januar dieses Jahres Urgyen Trinle nach seiner Flucht umarmte, wuchsen die Hoffnungen auf eine Versöhnung zwischen der Gelugpa- und der Karma-Kagyü-Schule. Dass der Flüchtling nach Dharamsala statt zum traditionellen Karmapa-Sitz Rumtek in Sikkim ging, legte nahe, dass er unter den Schutz der Gelugpas trat. Das deckte sich mit den Ambitionen dieser Schule, alle spirituellen Linien im Exil unter ihrem Dach zu vereinen.

Es stärkte auch die Stimmung der Gelugpas, mit ihren vielen Sorgen. In Anbetracht des fortgeschrittenen Alters des Dalai Lama und seiner Unfähigkeit zu einem Dialog mit Peking zu kommen, nehmen die Forderungen nach einem radikaleren und eventuell gewaltsamen Vorgehen für Tibets Zukunft zu. Chaos und das Anwachsen „einer wütenderen Form des tibetischen Nationalismus" befürchtend, drängte Dharamsala die Chinesen neulich zu Verhandlungen mit dem Dalai Lama. Ohne seinen „gemäßigten Einfluss", schreibt die Exilregierung in einem 45-seitigen Bericht, „würden verschiedene Fraktionen damit beginnen, unterschiedlich zu handeln."

Urgyen Trinles Ankunft half auch Tai Situ. Der Regent war ausgeglitten. Karmapa den Chinesen in die Hand zu geben, hatte sich gerächt. Kaum hatte Peking seinen „Lebenden Buddha", wurde Tai Situ nicht mehr gebraucht. Er schaute bestürzt zu, wie Thaye Dorje als ein rivalisierender Karmapa eingesetzt wurde. Bei der Inthronisierung 1994 im Karmapa International Buddhist Institute in New Delhi, warfen Tai Situs Anhänger Steine und Beschimpfungen, riefen „der Karmapa ist falsch, eine politische Auswahl!" Scheiben gingen zu Bruch und Dutzende wurden in dem stundenlangen Handgemenge verletzt, bevor indische Polizei für Ruhe sorgte. Und während Urgyen Trinle in Tibet dahinsiech, verzweifelte sein Sponsor im Angesicht dessen, dass Thaye Dorje auf seiner internationalen Lehr-Tournee immer mehr Übergetretene und Spenden einsammelte. Ein Anhänger in München sagt: „Tai Situ sah die Massen, die Thaye Dorje in Deutschland anzog, und das gleiche in Taiwan. Es untergrub seinen Einfluss. Er musste handeln, um Urgyen Trinle aus Tibet herauszukriegen und konkurrieren zu können."

Wie machen sich die rivalisierenden Karmapas im Vergleich? Im August schien Thaye Dorje in seinem Element zu sein, als er 1000 Anhängern in der französischen Dordogne Erklärungen und Segen gab. Seine Antworten auf ihre religiösen Fragen zeigten, dass er kein Dummkopf ist. Er ist nicht nur versiert in den buddhistischen Schriften, sondern auch in weltlichen Dingen wie Kricket, Computer, dem Internet und der Musik der Spice Girls. Thaye Dorje mag Pizza Hawaii, Computer-Spiele und Star-Wars-Videos. „Die Zeit wird zeigen, wie dies (die Karmapa-Kontroverse) ausgeht", sagte er Asiaweek. Und wie wäre es, Urgyen Trinle zu treffen? „Das wäre in Ordnung", sagt Thaye Dorje. „Es wäre interessant."

Der intensive, sechs Fuß große Urgyen Trinle ist schwerer zu ergründen. Asiaweek hatte zwar eine Audienz, konnte ihn aber nicht interviewen, so groß ist die den „Vogel im Käfig" umgebende Paranoia, wie ein Helfer grummelte. Indische Wachen wurden letzten Monat verdoppelt, nachdem Geheimdienst-Agenten Wind bekamen von einem Fluchtplan, eventuell nach Rumtek, dem begehrten Karmapa-Sitz. Der Dalai Lama spricht von einem vorzüglichen Gedicht, das der junge Lama für ihn geschrieben habe. „Ich sehe hinsichtlich seiner Spiritualität ein großes Potenzial", sagt er. „Spektakulär", beschreibt ein westlicher Anhänger Urgyen Trinle. Andere sprechen hingegen von Wutanfällen und einem niedrigen Intelligenz-Quotienten.

Letztendlich wird Politik entscheiden, wer auf dem Karmapa-Thron sitzt. In den vergangenen zwei Monaten haben Urgyen Trinles Anhänger den Druck auf Indien erhöht, ihn den Karmapa-Sitz in Rumtek einnehmen zu lassen. Hunderte von ihnen kamen von überall auf der Welt im August nach Dharamsala, um eine Konferenz über die Angelegenheit abzuhalten. In ihren Emails spekulieren sie über einen bevorstehenden Asylanten-Status. Aber New Delhi ist vorsichtig. „Die indische Regierung hat effektiv Thaye Dorje anerkannt, indem sie ihn in New Delhi wohnen lässt", sagt ein westlicher Karma-Kagyü-Anhänger. „Und sie hat schon seit langem Shamar Rinpoche als den höchsten Regenten unserer Linie anerkannt."

Ob zu Recht oder Unrecht - New Delhi befürchtet auch, dass Peking ein falsches Spiel spielt. Es ist unwahrscheinlich, dass China, wie einige indische Beamten sagen, tatsächlich Urgyen Trinles Flucht aus Tibet organisiert hat (die meisten Quellen denken, dass Dharamsala oder vielleicht Tai Situ eine Rolle dabei spielten). Aber die Chinesen können Nutzen daraus ziehen, wenn sie in der Lage sind, in der Zukunft Verhandlungen mit ihm als Repräsentant der tibetischen Exilgemeinschaft zu führen.

Aus diesem Grunde ist die Frage, ob Urgyen Trinle dem 14. Dalai Lama als Anführer der Tibeter nachfolgen könnte, so bedeutend. Dieses Szenario ist „unmöglich" - darauf besteht Sonam Topgyal, Kabinetts-Vorsitzender der Exilregierung. „Der Karmapa wird wie jeder andere Lama lehren." Aber andere stimmen nicht damit überein und merken an, dass zwar gerade jetzt die Gelugpa-Schule dominiert, in der Vergangenheit aber auch andere Fraktionen - einschließlich der Karma Kagyü - regierten. „Viele Leute haben sich in ihren Köpfen darauf festgelegt, dass der Dalai Lama regiert, aber das ist nicht notwendig", sagt Akong Rinpoche der Asiaweek. „Es könnte auch eine andere Schule ins Spiel kommen." Selbst Sonam gibt zu: „Es gibt viele andere Lamas (neben dem Dalai). Die Tibeter könnten sogar entscheiden, eine nicht religiöse Person zu wählen."

Peking für seinen Teil wartet auf den Tod des Dalai Lama. Es glaubt, dass dies das Ende der fünfzigjährigen „Tibet-Frage" signalisieren würde. Aber einige Tibeter argumentieren, es könne genau der Punkt sein, wo Pekings wirkliche Probleme beginnen. „Wenn der Dalai Lama stirbt, gibt es Chaos", sagt Generalsekretär Pema Lhundup auf dem Tibetischen Jugend Kongress der Asiaweek im Juli. „Die aufgestaute Frustration gegen die chinesische Besatzung wird kaum von seiner Heiligkeit unter Kontrolle gehalten. Sein Abtreten könnte der Funken sein, der einen Aufstand entzündet." (Lhundups Worte könnten gespenstisch zutreffend sein. Der freimütige Politiker starb Wochen nach dem Interview. Er fiel von einem Gebäude, was von der indischen Polizei als Unfall gesehen wurde.) Ein Aufstand würde zwar keine chinesischen Soldaten aus Tibet vertreiben und wahrscheinlich gewaltsam unterdrückt werden. Aber es würde Peking kolossale Kopfschmerzen bereiten, ausgerechnet zu einer Zeit, wo es sich um wirtschaftliche Öffnung und Verbesserung seines internationalen Ansehens bemüht.

In Tibet selbst haben die chinesischen Behörden die Zügel gestrafft. „Vielleicht zum ersten Mal seit der Kulturrevolution machen selbst einfache religiöse Handlungen eine Person verdächtig", erzählt Ronald Schwartz, Autor von „Kreis des Protestes", einem Buch über Tibet-Politik. „Dies geht über den Dalai Lama hinaus und betrachtet Tibetischen Buddhismus an sich als potenzielle Bedrohung der chinesischen Herrschaft. Es ist nicht unvorstellbar, dass er in der gleichen Weise wie Falun Gong und andere sogenannte Kulte behandelt wird, die die Macht der Kommunistischen Partei herausfordern."

Um die gewalttätigeren Szenarien zu vermeiden, hofft Peking, die Schlacht um Tibet durch Kontrolle der Wiedergeburten hoher Lamas zu gewinnen. Der Tod des Dalai Lamas wird ziemlich sicher dazu führen, dass der chinesisch gesalbte Panchen Lama den Nachfolger des Dalai Lama anerkennt. Die Chinesen kündigten letztes Jahr an, dass der nächste Dalai Lama in Tibet geboren würde - und somit unter ihrer Kontrolle. Sie ignorieren die Zusicherung des Dalai Lama, dass er im Exil geboren werde, und witzeln nur, dass er dann als blauäugiger Westler wiederkäme. Dass die meisten Tibeter Chinas Auswahl ablehnen werden, zählt nicht. Wenn schon zwei Karmapa-Lamas zu solchen Spannungen in der tibetischen Diaspora führten, werden duellierende Dalai Lamas noch schlimmere Spannungen bringen. „Die Chinesen sehen unsere Spaltung über Religion und Ideologie und versuchen sie auszunutzen, um die Exilgemeinschaft zu zerstören", sagt Dharamsalas Sonam.

Aus diesem Grunde ist die Karmapa-Saga so verheerend für die Tibeter. Sie hat eine kraftvolle Schule, die Karma Kagyü, gelähmt und die Tür für chinesische Einmischung in Tibets Politik der Wiedergeburten geöffnet. Wer immer beim Rennen um den Karmapa-Thron gewinnt und sich die heilige Schwarze Krone auf den Kopf setzen kann, wird eine zerrissene Linie vorfinden. Der Gewinner wird seine Krone besonders gut festhalten müssen. Der Verlierer könnte Tibet und das tibetische Volk sein.


Ins Deutsche übersetzt von Detlev Göbel.