Aus: Buddhismus Heute Nr. 32, ( 2001)

Die Linie der Dalai Lamas - Teil 1

Von Michael den Hoet

Märchen, Mythen und Missverständnisse grassieren noch stets in den Köpfen vieler Westler, wenn es um Tibet und seine spezielle Ausprägung des Buddhismus geht. Doch die Unkenntnis scheint eine Ausnahme zu haben: Den Dalai Lama kennt fast jeder.
Übersicht
Atisha  982 - 1054
Tsong Khapa 1357 - 1419
1. Dalai Lama Gendün Drub 1391 - 1475
2. Dalai Lama Gendün Gyamtso 1475 - 1542
3. Dalai Lama Sönam Gyamtso 1543 - 1588
4. Dalai Lama Yönten Gyamtso 1589 - 1617
5. Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyamtso 1617 - 1682

Seit der damals 24-jährige Mönchkönig 1959 spektakulär aus seinem Heimatland vor der chinesisch-kommunistischen Unterdrückung floh, spätestens aber seit der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahre 1989 weiß man auch in unserem Kulturkreis um das im indischen Exil lebende Staatsoberhaupt Tibets. Der Dalai Lama - der heutige ist der 14. in seiner Ahnenreihe - wird als eine stets freundliche, humorvolle, aber auch intelligente und integre Person geschätzt, die seit nunmehr über 40 Jahren in rührender Weise um weltweite Sympathien für die tibetische Sache wirbt. Andererseits wird er von westlichen Gesprächspartnern oft und gerne in Sachen Buddhismus befragt. Dass diese Weltanschauung im Westen gemeinhin als eine vernünftige Religion anerkannt ist, dürfte nicht zuletzt auf das hohe Ansehen des weltweit wohl prominentesten Buddhisten zurückzuführen sein.

Doch was ist darüber hinaus über den Dalai Lama wirklich bekannt? Es wird etwa behauptet, der Mönch sei von jeher so etwas wie der König von Tibet, sowie das spirituelle Oberhaupt” der Tibeter und als solches stets hochgeachtet im ganzen Volk gewesen. Wenn ein Dalai Lama starb, wäre sein Nachfolger traditionell durch die Suche nach seiner Wiedergeburt bestimmt worden (wir kennen dieses Tulku-System auch aus unserer Linie, siehe Karmapa); in der Zwischenzeit hätte ihn immer wieder eine andere Wiedergeburt, der ranghohe Panchen Lama, in seinen Funktionen vertreten und den jungen Dalai Lama auf seine künftige Aufgabe vorbereitet usw. Bei näherem Hinsehen stellen sich manche dieser Behauptungen als Klischees und Halbwahrheiten heraus.

Dass zum Beispiel der Dalai Lama das geistige Oberhaupt aller Tibeter sei, stimmt natürlich nicht. In Tibet gab es vier große und etwa ein Dutzend kleinere Übertragungslinien (von den vielen Unterschulen ganz zu schweigen), die alle ihre eigenen Linienhalter bzw. Hauptlehrer hatten. Der Dalai Lama ist lediglich ein in seiner Linie sehr angesehener hoher Lama, den die Geschichte vor etwas mehr als 350 Jahren zum wichtigsten Politiker seines Landes machte. Er war auch innerhalb seiner eigenen Schule, den Gelugpas, in den letzten Jahrhunderten nur zeitweise das nominelle Oberhaupt. Was also ist dran am "Mythos" Dalai Lama? Wie mächtig waren die jeweiligen Dalai Lamas wirklich? Wo hat diese Linie ihre Wurzeln? Welche Rolle spielten die Panchen Lamas?

Atisha, Tsong Khapa und die Herkunft der Gelugpa-Linie

Der Dalai Lama gehört traditionellerweise der Gelugpa-Linie an. Von den vier Hauptlinien in Tibet war sie zum Zeitpunkt des chinesischen Einmarsches in den 1950er Jahren diejenige mit den meisten Anhängern. Angehörige dieser Schule hatten zuletzt die einflußreichsten Posten in der tibetischen Politik und der Verwaltung inne. Die Linie der Gelugpas bildete sich vor beinahe 400 Jahren heraus. Zu dieser Zeit gab es die anderen Hauptlinien Nyingma, Kagyü und Sakya schon länger.

Der wichtigste Teil der Übertragung des Buddhismus von Indien nach Tibet fand im 11. Jahrhundert statt. Zu den wenigen indischen Meditationsmeistern, die sich in dieser Zeit nach Tibet begaben, gehörte Atisha (982-1054). Der überaus gelehrte frühere Abt des Vikramashila-Klosters erreichte das Dach der Welt im Jahre 1042. Während seiner 12-jährigen Lehrtätigkeit betonte er gegenüber den Tibetern (die er anscheinend für ein rohes Volk hielt) oft den Aspekt der Disziplin und ordinierte zahlreiche Mönche. Leider hat er nicht für alles, was er wusste, geeignete Schüler finden können. Ein nicht unerheblicher Teil von tantrischen Übertragungen, die Atisha nicht hat weitergeben können, wurde schließlich von Tibetern selbst - vor allem Marpa ist hier zu nennen - nach Tibet geholt.

Atishas Hauptschüler, Dromtönpa, eröffnete im Jahre 1057 das Kloster Reting (oder auch: Raden) und begründete damit die Kadampa-Tradition, die in der Folge alle großen Schulen des tibetischen Buddhismus beeinflusste. In der Kagyü-Linie übrigens war es vor allem Gampopa, der diese Lehren in die Überlieferung einbrachte.

300 Jahre später wurde im äußersten Nordosten Tibets ein Kind geboren, welches die geistige Geschichte seines Landes nachhaltig prägen sollte: Dje Tsong Khapa (1357-1419). Als sich der 4. Karmapa, Rölpe Dorje, für einige Zeit in der Gegend wo dieser Junge aufwuchs, aufhielt, gab er ihm die Laiengelübde sowie Belehrungen. Karmapa sagte, dass es sich bei Tsong Khapa um "ein Kind, das von grossem Nutzen für die Wesen sein wird", handle. Später wurde Tsong Khapa Mönch, lernte in vielen verschiedenen Klostern und hatte - so wird gesagt - insgesamt 45 spirituelle Lehrer. Im Kloster Reting, wo er von 1402 bis 1405 lebte, studierte er insbesondere die Schriften der Kadampa-Tradition, zu denen er eine besondere Verbindung hatte. Auch als Lehrer reiste er viel, hatte zahlreiche Schüler in ganz Tibet, denen gegenüber er - in Anlehnung an den Lebensstil seines ersten Lehrers, Karmapa Rölpe Dorje - die Wichtigkeit von Disziplin und Ausdauer betonte. Darüber hinaus war er Halter von tantrischen Belehrungen.

Im Jahre 1407 gründete Tsong Khapa eine neue Schule im tibetischen Buddhismus, die er in Anlehnung an die von ihm propagierte strikte Lebensweise (sexuelle Enthaltsamkeit, Verzicht auf Alkohol, Fleisch und materiellen Luxus etc.) Gelugpa, das heißt: "Die Tugendhaften" nannte. Innerhalb kurzer Zeit schlossen sich ihr ein großer Teil der Kadampa-Praktizierenden sowie bisherige Anhänger anderer Richtungen an. Um ihre Eigenständigkeit gegenüber den älteren Überlieferungen zu betonen, verwandten die Lamas der neuen Schule bei Ritualen fortan gelbe Mützen anstelle der roten Kopfbedeckungen, wie sie bei den älteren Überlieferungslinien Nyingma, Kagyü und Sakya üblich gewesen waren. Deswegen werden sie zuweilen auch die "Gelbmützen" genannt. 1409 eröffnete Tsong Khapa in der Nähe von Lhasa das Kloster Ganden; in den darauffolgenden zehn Jahren gründeten zwei seiner nächsten Schüler in der gleichen Gegend Drepung und Sera. Diese drei Klöster zählten später zu den größten Tibets überhaupt - jeweils mehrere tausend Mönche lebten dort - und bildeten schließlich als die sogenannten "drei Säulen" die Grundlage der Gelugpa-Hausmacht in Zentraltibet.

Tsong Khapas prominentester Schüler war der Sohn einfacher Nomaden. Gendün Drub (1391 1475) wurde bereits im Alter von sieben Jahren Bewohner des Klosters Narthang, nachdem sein Vater gestorben war und seine Mutter nicht wusste, wie sie das Kind versorgen sollte. Er machte dort durch große Begabung, Intelligenz und Eifer auf sich aufmerksam und wurde unter den jungen Mönchen alsbald der Primus. Wie sein Hauptlehrer Tsong Khapa, dessen Schriften er eifrig studierte, soll er mehrere Dutzend Lehrer verschiedener Schulen gehabt haben. Später schrieb und reiste auch Gendün Drub viel. Insbesondere seine Gelehrsamkeit brachte ihm mehrere tausend Schüler ein, von denen einige sehr gute Resultate in ihrer Meditation erreicht haben sollen.

Im Jahre 1447 gründete er das Tashilünpo-Kloster in Shigatse. Der Bau dieser reichhaltig ausgestatteten Tempelstadt nahm 15 Jahre in Anspruch. Da Gendün Drub ein hohes Alter erreichte, erlebte er auch dessen Fertigstellung: Er starb dort mit 84 Jahren in Meditationshaltung und wurde zwei Generationen später nachträglich zum ersten Dalai Lama erklärt.

Zehn Monate später wurde innerhalb einer Nyingmapa-Familie ein Junge geboren, welcher früh Zeichen einer hohen Reinkarnation aufwies. Gendün Gyamtso (1475-1542) war gerade drei Jahre alt, als seine Eltern ihn auf eine Reise ins Tashilünpo-Kloster mitnahmen. Dort angekommen, setzte sich das Kind auf den Thron von Gendün Drub und nannte einige der anwesenden Mönche beim Namen. Die Wiedergeburt des früheren Klosterabtes war gefunden - und blieb gleich dort. Bereits mit elf erhielt er die Ordination zum Mönch, und im Alter von 16 Jahren, so wird berichtet, war der ungewöhnliche junge Mann imstande "100 geschriebene Zeilen in derselben Zeit, die man benötigt, um eine Tasse Tee zu trinken, in sein Gedächtnis aufzunehmen". Daneben verfasste er spontan Gedichte über beliebige Themen, die man ihm vorgab.

Um auch tantrische Belehrungen zu erhalten, wechselte er nach einigen Jahren ins Drepung-Kloster, wo er unter anderem die Werke von Milarepa studierte. Gendün Gyamtso erhielt eine Einladung des chinesischen Kaisers, die er ausschlug. Dafür etablierte er einige neue Klöster in Tibet. 1509 gründete er das Methog Thang-Kloster. Es liegt am Ufer des Lhamo Lhatso-Sees, berühmt für seine besonderen Visionen, die geübte Meditierende dort immer wieder bekommen haben. Daneben geht auch die Gründung des Klosters Chökhorgyal auf Gendün Gyamtso zurück.
Die politischen Verhältnisse in Zentral-Tibet waren in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts unklar. Das Vordringen der Gelugpa-Klöster in Gegenden, die bisher von Klöstern anderer Schulen dominiert waren, erweckte den Argwohn der angestammten Äbte und mächtigen Familienclans. Ein Höhepunkt der diesbezüglichen Auseinandersetzungen war der siegreiche Überraschungsangriff von Streitkräften, die das Kloster Drikung ausgeschickt hatte, auf das Kloster Olkha. Dies führte dazu, dass diese Stelle mitsamt 17 weiteren Klöstern von Gelugpa- zu Drikung-Kagyü-Klöstern zwangskonvertiert wurden.

In einem anderen Konflikt vermochte Gendün Gyamtso erfolgreich zu vermitteln. Von dem traditionellen Mönlam-Fest waren damals die Angehörigen der Gelbmützen ausgeschlossen. Durch seine Vermittlung erreichte - der auch in den anderen Linien sehr angesehene - Gendün Gyamtso, dass der Bann aufgehoben wurde: Für die nächsten Jahre richteten Kagyüs und Gelugpas das Mönlam-Fest gemeinsam aus.

"Tale-Lama" - ein hoher tibetischer Lama erhält einen mongolischen Titel

Es scheint in den jeweiligen Schulen des tibetischen Buddhismus voneinander leicht abweichende Erklärungen darüber zu geben, wie lange ein Bewusstsein benötigt, um wiedergeboren zu werden. In der Gelugpa-Schule hält man es durchaus für möglich, dass ein Verstorbener in Ausnahmefällen bereits relativ kurz nach Ablauf der 49 Tagen des Zwischenzustandes (Bardo) als neues Exemplar erscheint. Der Nachfolger von Gendün Gyamtso, Sönam Gyamtso (1543-1588), hatte es diesbezüglich eilig, denn er kam bereits vier Monate nach dessen Tod zur Welt. Da er allerdings ein so auffällig begabtes Kind war, wurden gleich zwei Suchkomitees auf diesen Jungen aufmerksam, welches sowohl vom Kloster Drepung als auch von Tashilünpo als die Wiedergeburt von Gendün Gyamtso anerkannt wurde. In vielen Dingen setzte Sönam Gyamtso Traditionen seiner beiden Vorgänger fort: Er studierte intensiv, reiste und lernte in verschiedenen Klöstern, wobei er auch in einigen Kagyü- bzw. Sakya-Klöstern ein willkommener Gast war. Er verfügte über Charisma und vermochte des Öfteren bei Streitigkeiten unter verschiedenen Interessengruppen in Tibet - die in dieser Zeit zunahmen - zu vermitteln. Sein Ruf drang bis in die Mongolei, wo damals verschiedene Stämme um die Vorherrschaft stritten.

Teile der Mongolei waren damals bereits buddhistisch beeinflusst, was insbesondere der dortigen Aktivitäten des 2. Karmapa, Karma Pakshi, sowie hoher Sakya-Lamas im 13. Jahrhundert zu verdanken gewesen war. Bei den meisten Stämmen im Lande nördlich von Tibet und China aber war davon 300 Jahre später nicht mehr viel zu merken. Die Tümed-Mongolen, damals regiert vom Althan Khan, gehörten dazu. Als Sönam Gyamtso dessen Einladung im Jahre 1578 nachkam, wurde er von diesem majestätisch empfangen: Der mächtige Fürst, damals bereits Herrscher über Teile Nord-Ost-Tibets, hatte eigens für diesen Besuch auf mongolischem Boden einen Tempel für seinen Gast erbauen lassen.

Althan Khan wurde ein ergebener Schüler von Sönam Gyamtso und unterband viele raue Bräuche, die es damals in seinem Lande gab. Schamanistische Unsitten wie Witwenverbrennung, Sklaven- und Tieropfer für Verstorbene und Götzenverehrung wurden verboten, sowie eine Strafverfolgung für Morddelikte eingeführt. Buddhismus wurde im Herrschaftgebiet von Althan Khan praktisch Staatsreligion, verbunden mit besonderen Privilegien für buddhistische Mönche. Er verlieh seinem Gast den Titel Biligün Tale Lama, der nachträglich auch auf seine beiden Vorgänger übertragen wurde. Aus "Tale", was auf mongolisch etwa Ozean” bedeutet, machten die Tibeter dann Dalai”. Die Linie der Dalai Lamas war etabliert und sollte in den nächsten Jahrhunderten ein bestimmender Faktor in den Beziehungen zwischen der Mongolei und Tibet werden. Mehrere Jahre nach seiner ersten Reise brach der Dalai Lama zu einem weiteren, längeren Aufenthalt in die Mongolei auf und starb auf dem Rückweg nach Tibet.

Der 4. Dalai Lama, Yönten Gyamtso (1589-1617) war der einzige Nicht-Tibeter in seiner Linie. Er wurde als Urenkel von Althan Khan in der Mongolei geboren. Als die Mongolen 1602 ihn schweren Herzens nach Tibet ziehen ließen, wurde das entstandene spirituelle Vakuum durch die Einsetzung eines mongolischen Tulkus gefüllt: Ein gleichaltriges Kind wurde als Maidari Hutuktu inthronisiert und zur Wiedergeburt des großen Jonangpa-Gelehrten und Geschichtsschreibers Taranatha (übrigens ein Schüler des 9. Karmapa) erklärt.

Als die offizielle Wiedergeburt des hoch angesehenen Sönam Gyamtso wurde Yönten Gyamtso bei seiner Ankunft in Lhasa sehr gefeiert. Eine lange Lebensspanne war ihm indes nicht beschieden: 1616 zeigten sich bei Yönten Gyamtso Anzeichen von schwerem Rheuma. Er starb wenige Monate später im Alter von nur 28 Jahren. Seine Asche wurde zwischen Tibetern und Mongolen aufgeteilt.

Der "Große Fünfte"

Um die Bedeutung des 5. Dalai Lama besser zu verstehen, lohnt es sich, vorab einen kurzen Blick auf gewisse politische Verhältnissse in Tibet während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu werfen.1 Von Unstimmigkeiten zwischen Angehörigen verschiedener Linien war bereits die Rede. Insbesondere die Spannungen zwischen Kagyüs und Gelugpas nahmen in dieser Zeit leider zu.

Zu Ehren des 4. Dalai Lama war ihm bei seiner Ankunft in Lhasa von Seiten des Klosters, in dem der 6. Shamarpa Chökyi Wangchuk residierte, neben anderen Geschenken auch ein Gedicht dargebracht worden. Das Umfeld von Yönten Gyamtso fasste dieses jedoch argwöhnisch als Beleidigung auf und sandten Shamarpa daraufhin eine scharfe Protestnote. Als bald darauf im Jahre 1605 der damalige Linienhalter der Karma Kagyüs (der 10. Karmapa Chöying Dorje war noch nicht gefunden) Lhasa aufsuchte, wurde er von den dortigen Gelugpas sehr ungastlich empfangen: Anstatt ihm ein Treffen mit dem prominenten jugendlichen Gelugpa-Tulku zu gewähren, welches wahrscheinlich die Missverständnisse leicht aus der Welt geschaffen hätte, wurde er gar von dessen mongolischer Leibwache bedroht.

Dies war nicht nur ein unfreundliches, sondern auch ausgesprochen kurzsichtiges Verhalten. Denn einer der Schüler des Shamarpa war ausgerechnet der König von Tsang und damals mächtigster Mann des Landes, der weite Teile Süd- und Zentraltibets beherrschte - und er galt als impulsiv: Als Karma Tensing Wangpo von der schlechten Behandlung seines Lehrers durch Gelugpa-Angehörige hörte, schickte er sogleich eine Armee nach Lhasa und vertrieb die mongolische Eskorte des Dalai Lama. Als letzterer wenig später nach Süd-Tibet aufbrach, kam ein Treffen zwischen ihm und Shamarpa erneut nicht zustande; es wurde von den Dienern bzw. Beratern des Dalai Lama - die ihn stark von der Außenwelt abschirmten - verhindert.

Auch unter den beiden Generationen nach Karma Tensing Wangpo brodelten die Spannungen weiter, die 1618 in einer blutigen Eroberung Lhasas unter Karma Püntsog Namgyal gipfelten. Zwei Jahre später holte eine als Pilgergruppe getarnte mongolische Armee mit einem Überraschungsangriff das verlorene Terrain für die Gelugpas zurück.

Der 5. Dalai Lama, Ngawang Lobsang Gyamtso (1617-1682) wurde 1619 entdeckt, aber erst 1622 zur Inthronisation ins Drepung-Kloster gebracht. Aufgrund der unsicheren politischen Lage gab es Überlegungen, den jungen Tulku in die Mongolei zu bringen, was dann aber nicht geschah. Nicht nur in Tibet, auch in der Mongolei gab es damals Rivalitäten zwischen verschiedenen Clans bzw. Stämmen, die sich oft nicht sicher waren, zu welchen Linien sie sich zugehörig fühlen sollten. Gushri Khan, Fürst der Koshot-Mongolen, hatte seine Wahl aber bereits getroffen. Er sammelte in den 1630er Jahren Truppen, um einem Hilferuf der bedrängten Gelugpas mit wirksamen Mitteln entsprechen zu können. Auch von anderen mongolischen Stämmen holte er sich dafür militärische Unterstützung, was dazu führte, dass sich Teile der von ihm befehligten Armee beim späteren Feldzug in Tibet zeitweise selbständig machten und plünderten. Aber auch konkurrierende mongolische Fürsten schickten Soldaten, so dass es zu einem regelrechten Bürgerkrieg auf tibetischem Boden kam.

Nachdem er 1640 in der osttibetischen Provinz Kham siegreich gewesen war, griff Gushri Khan auch Kagyü-Klöster in Tsang an. Der Dalai Lama schrieb zwar seinem Schüler, um ihn davon abzuhalten, doch vergeblich: Der Brief wurde abgefangen und erreichte Gushri Khan nicht mehr rechtzeitig. Shigatse wurde nach einer blutigen Schlacht erobert, als Folge der Kämpfe mußte auch Karmapa Chöying Dorje fliehen und konnte erst 1673, wenige Monate vor seinem Tod, in sein Stammkloster Tsurphu zurückkehren. Auch wenn Jahre später die Rechte der Kagyü- und der Sakya-Linien formell wiederhergestellt wurden, so sollten sie in Tibet nie mehr zu ihrer früheren Bedeutung zurückfinden.

1642 lud Gushri Khan den Dalai Lama mitsamt Gefolge in das Tashilünpo-Kloster ein. Mit einer prunkvollen Zeremonie ernannte der erfolgreiche Feldherr ihn zum Staatsoberhaupt von ganz Tibet und seinen engen Vertrauten Sönam Chöpel zum Desi, quasi dem Premierminister. Der Dalai Lama, dem vorher berichtet worden war, was der Khan mit ihm vorhatte, soll zunächst stark gezögert haben, diese "Ehre" anzunehmen. Nach einer mehrtägigen Zurückziehung entschied er sich doch für das Amt: Niemand in Tibet hatte auch nur annähernd soviel Einfluss auf Gushri Khan wie er - die Alternative wäre die totale mongolische Herrschaft und ein völliger Verlust der tibetischen Eigenständigkeit gewesen. Tatsächlich hat sich Gushri Khan, der bis zu seinem Tode 1655 in Tibet blieb, danach aus der tibetischen Innenpolitik herausgehalten. Hinterher beaufsichtigten seine beiden Söhne die Geschicke des Landes, doch auch sie mischten sich kaum ein.

Das Nebeneinander von Desi und Dalai Lama war eigentlich als ein System praktischer Arbeitsteilung gedacht gewesen - vergleichbar einer modernen konstitutionellen Monarchie, wo der König haupt-sächlich repräsentiert und der Premierminister regiert. Dementsprechend war Sönam Chöpel der oberste Politiker seines Landes, der sich in wichtigen Fragen stets mit dem Dalai Lama absprach. Dies funktionierte bis 1656 redlich gut, doch dann starb der erste Desi. Seine Position blieb zunächst mehrere Jahre lang vakant, und von seinen Nachfolgern konnte sich keiner längerfristig halten, so dass schließlich der Dalai Lama alle Macht auf sich vereinte.

Der 5. Dalai Lama gilt als Einiger Tibets, der ein modernisiertes, zentralistisches Staatswesen schuf: Die Gelugpa-Hochburg Lhasa machte er zur Hauptstadt und etablierte dort Regierungsinstitutionen. Unter seiner Regierung wurden für die verschiedenen Regionen (und in großen Klöstern) loyale Gouverneure eingesetzt, ein landesweites Steuersystem eingeführt und ein Gesetzeskodex geschaffen, der zum Teil drakonische Strafen enthielt. Die Machtkämpfe der unterschiedlichen Clans wurden beendet, wozu es jedoch auch des Einsatzes von Gewalt bedurfte. Das berühmte Orakel aus Tibets ältestem Kloster Samye holte er ins Kloster Nechung nahe Lhasa und ernannte es zum Staatsorakel. 1652 reiste er zu einem Kurzbesuch ins westliche China, wo er mit dem neuen Kaiser des Landes zusammentraf.

Die Etablierung des Panchen Lama

In die Zeit des 5. Dalai Lama fällt auch die Ernennung eines prominenten Tulkus. Zu den engsten Schülern von Tsong Khapa im 15. Jahrhundert hatte ein gewisser Khadrub Dje gehört; er wurde als Abt des Klosters Ganden eingesetzt. Drei Inkarnationen später war er als Lobsang Tenpai Gyaltsen (1567-1662) der Hauptlehrer des 4. und des 5. Dalai Lama. Aus freundschaftlichem Respekt wurde er von letzterem zum Panchen Rinpoche ernannt; ein Titel, der sich von Pandita Khenpo ableitet, eine Anspielung auf die Gelehrsamkeit von Lobsang Tenpai Gyaltsen. Die Funktion als der Abt des Tashilünpo-Klosters, die er nun einnahm, wurde dann auch auf die späteren Wiedergeburten des Panchen Lama übertragen. Während die Dalai Lamas traditionellerweise als Ausstrahlungen von ”Liebevolle Augen” angesehen werden, sieht man im Panchen Lama die Emanationen des ”Buddha des grenzenlosen Lichts”. Spätere Panchen Lamas sind zwar wiederholt sowohl unter den Lehrern als auch unter den Schülern der jeweiligen Dalai Lamas gewesen, aber es waren auch immer andere Lehrer an der geistigen Erziehung der Dalai Lamas beteiligt. Sowohl der heutige Dalai Lama als auch seine beiden Vorgänger hatten diesbezüglich mit den Panchen Lamas nichts zu tun, da sie jeweils ungefähr gleichaltrig waren.

Der "Große Fünfte" genießt unter Tibetern im allgemeinen noch heute ein hohes Ansehen. Eine Einschätzung, die insbesondere von den Anhängern der älteren Schulen im tibetischen Buddhismus nicht unbedingt geteilt wird, denn diese hatten unter seiner Regierung zeitweise sehr zu leiden. Andererseits: Lobsang Gyamtso hatte nicht Politiker werden wollen, und er war - zumindest in den ersten Regierungsjahren - ein Herrscher von mongolischen Gnaden. Es sind Beschreibungen überliefert, die davon sprechen, dass die ungewollte Verantwortung für das ganze Tibet ihn zu einem harten und wortkargen Mann gemacht hätte.

Dabei steht außer Zweifel, dass der 5. Dalai Lama außergewöhnliche Fähigkeiten hatte: Er verfügte über ein umfangreiches buddhistisches Wissen, beherrschte Sanskrit ausgezeichnet und schrieb viele Bücher. Er war überdies als Experte für tibetische Medizin, mystischen Tanz und als Künstler bekannt. Auch als Architekt machte er sich einen Namen: Der Neuaufbau von Tashilünpo geht ebenso auf ihn zurück, ebenso wie die Erweiterung des Medizinklosters auf dem Chakpori-Hügel in Lhasa und die Errichtung des Potala-Palastes, bis heute das größte Gebäude der Welt, an dem mehrere Jahrzehnte lang gebaut wurde.

Als der 5. Dalai Lama 1682 starb, wurde sein Tod jahrelang geheimgehalten. Es wurde verlautbart, er säße in Zurückziehung. Für den Fall, dass jedoch hoher Besuch nach Lhasa kam und sich eine Audienz schlecht vermeiden ließ, stand ein Double zur Verfügung, ein Mönch, der große Ähnlichkeit mit dem vormaligen Staatsoberhaupt hatte. Erst als die Mongolen misstrauisch geworden waren und die Lage nicht mehr zu beschönigen war, wurde vom Regenten Sangye Gyamtso das Ableben des Dalai Lama zugegeben. Was waren die Motive für dieses langjährige Versteckspiel? Es wird gerne behauptet, dass die vielen Arbeiter, die am Bau des Potala beteiligt waren, dies in erster Linie aus Liebe zum Dalai Lama taten: Wäre der Tod von Lobsang Gyamtso bereits früher bekannt geworden, hätten sie womöglich binnen kurzer Zeit ihr Werzeug aus der Hand gelegt und der Palast wäre unvollendet geblieben. Eine überzeugendere Erklärung bieten die außenpolitischen Verhältnisse: Der 5. Dalai Lama hatte sowohl zu den Mongolen als auch zu China (welches dabei war, mächtiger zu werden) gute Verbindungen gehabt. Sein Ansehen schützte Tibet und es war nicht sicher, ob die Nachbarn weiterhin die Unabhängigkeit des Landes respektieren würden.

1 Die diesbezüglichen Ereignisse sind im Kagyü Life Nr. 18, S. 33 - 36, ausführlicher als hier beschrieben. 


Michael den Hoet, 36 Jahre, seit ca. 15 Jahren Buddhist, Schüler von Lama Ole Nydahl. Historiker, wohnt in Kiel, arbeitet momentan in einem wissenschaftlichen Projekt im Bereich Denkmalschutz. Er war u.a. buddhistischer Vertreter auf einer Kulturkonferenz im russischen Wolgograd im Frühjahr 2000, wo es um die Geschichte von Deutschen, Kalmüken und Russen im unteren Wolgagebiet ging.