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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 32, ( 2001)

Ein Interview mit Lama Ole Nydahl

von Martina Zemlicka

Im November 2000 führte die in Los Angeles lebende Journalistin Martina Zemlicka mit Lama Ole Nydahl im "Diamantwegs Buddhistischen Zentrum Los Angeles" ein Interview. Dieses wird in der in Los Angeles herausgegebenen deutschsprachigen Zeitschrift Stadtmagazin erscheinen. Mit freundlicher Genehmigung von Martina Zemlicka hier einige Auszüge:

Ich habe in den letzten Wochen vor Deiner Ankunft in L.A. die Aufregung und Vorfreude im Buddhistischen Zentrum mitbekommen und viele Menschen kennengelernt, die gerne von Dir und Deinen Lehren erzählen und Dir volles Vertrauen schenken. Ist ein Lama ein Heiliger?
Viele missverstehen das Wort "heilig". Es kommt von "heil" und bedeutet, dass man in jeder Weise taugt - man ist ganz, bringt und kann auf allen Ebenen etwas. Einige Menschen haben eher die Vorstellung von "heilig" gleich nichts können und nichts wagen. Da kann man ja gleich auf den Friedhof gehen und sich vor den Kunden dort verbeugen, denn die da liegen tun ja gar nichts.
Richtig heilig bedeutet im Grossen Weg Buddhas, man hat Überschuss, sieht die allgemeine Lage und tut etwas für andere. Die buddhistische Heiligkeit ist überhaupt viel weniger schutzbedürftig wie die aus dem Nahen Osten vor 1000 Jahren in die westliche Kultur herübergebrachte. Ihr Sinnbild wäre kein unberührtes Jungferlein, sondern eine durchs Leben erfahren gewordene Frau, die das Reine als das Zeitlose Wesen der Dinge erkennt und alles Bedingte als an sich vergänglich und dessen freies Spiel. Mein Job als Lama ist daher auch, in allem den Geist zu erkennen und immer gewahr zu sein. "Was spielt sich ab? Was erfahren die Leute? Wie kann ich sie in diesem Augenblick bestmöglich mit dauerhaften Werten in Verbindung bringen?" So wirkt meine "Heiligkeit".

Ich sehe die vielen Menschen, die mit Dir unterwegs sind, die Dich umgeben, und ich habe gehört, Du beantwortest viele Briefe und E-mails pro Tag. Wie schaffst Du das alles?
Man macht es sich leicht, hält den Geist an einer Stelle und lässt die Beine herumlaufen. Die meisten Leute machen das umgekehrt: die halten den Hintern auf einer Stelle und lassen den Geist herumspringen. Dadurch werden sie müde.
In einigen Monaten werde ich 60, und ich habe jeden Tag seit fast 28 Jahren in einer neuen Stadt gelehrt. In Europa kommen zu den Vorträgen inzwischen selten weniger als 500 Menschen und mein letzter Kurs in Moskau umfasste 1700 Menschen, die lernen wollten, bewusst zu sterben. Erschwerend für die Arbeit waren bis jetzt vor allem die jährlichen Herbst-Grippen. Jetzt habe ich entschieden, dass ich mich künftig impfen lasse. Vorträge leiden durch Schnupfen und Heiserkeit ziemlich.

Kann dir die tibetische Medizin mit ihren Kräutern nicht helfen, dein Immunsystem zu stärken?

Vielleicht, aber die muss man wohl regelmässig einnehmen und immer daran denken - da ist eine Spritze einfacher. Ich halte viel von der westlichen Medizin für akute Probleme. Für langfristige Beschwerden, die mit dem Gleichgewicht im Körper zu tun haben, sind die Tibeter, Inder und Chinesen sicher besser.

Du versuchst, die westliche und östliche Kultur zu verbinden und den Buddhismus dem Westen nahezubringen. Ist das überhaupt möglich?

Das geht sehr gut. Viele Menschen haben auf diesem Bereich einen angeborenen Qualitätssinn. Wenn sie die Möglichkeit bekommen, etwas zu erfahren, woran sie früher glauben mussten, dann sind sie dankbar und greifen immer praktisch zu. Freunde und ich haben in den letzten 28 Jahren 300 Diamantweg-Zentren rund um die Welt entstehen lassen. Idealismus war der Ansporn und so entstanden Vertrauen und nahe Freundschaften. Nicht dass wir riesige Menschenmassen unmittelbar bewegen. Die Hälfte der Gruppen bestehen wohl im Kern aus etwa 30 Menschen und einigen Hundert drum herum, die gezielt meditieren oder eine stete Verbindung halten. Die Bereicherung unserer Gesellschaften durch buddhistische Sichtweise - und vor allem die des Diamantweges - ist selbstverständlich viel weitergegangen. Der Grund, dass meine schöne Frau Hannah und ich immer mit Freude weiter schaffen, ist so etwas wie ein Feuer im Nacken. Wir haben seit 1968 zusehen müssen, wie fast alle unsere großen, alten Lamas gestorben sind. Und die jungen Rinpoches sind zwar weltgewandter, aber haben leider nicht die gleiche Kraft.

Woran liegt das?
Die Zeit ist verrückt geworden. Früher saß man 30 Jahre in der Höhle und beobachtete seinen Geist. Heute springt man von einem Jet zum Auto und soll währenddessen dieselbe Vertiefung erreichen. Die Tibeter selbst schaffen die Übertragung ihrer ganzen Reichtümer nicht mehr, das ist heute ganz sicher und deswegen ist es so wichtig, dass der ausgebildete und unverbrauchte Westen eingreift.
Hinzu kommt, dass die freien Tibeter nach wie vor im Exil leben und das begabteste Viertel der Bevölkerung nach bewährtem kommunistischem Muster getötet wurde, vor allem während der Kulturrevolution Ende der 60er Jahre. Die Rotchinesen erlauben zwar inzwischen, dass die Mönche zum Anziehen der Touristen Roben tragen, aber die buddhistische Ausbildung bleibt verboten.


Werden die buddhistischen Lehren bei den Tibetern unter der Hand weitergegeben?

Teilweise, aber bei so harter Unterdrückung überlebt vor allem der politische Wille zur Freiheit. Tibet als Kultur ist ziemlich am Ende. Es herrscht Aberglauben wegen der fehlenden Ausbildung und viele haben den Buddhismus schon fast zu einem Glauben an den Dalai Lama umgestaltet. Vor allem die politischen Robenträger haben ihn seit Jahrhunderten viel zu sehr verkirchlicht, viel zu steif und unhandlich gemacht. Neue Besen fegen am besten. Ich denke, es kommt im Westen jetzt eine riesige Blüte des Diamantweg-Buddhismus, weil wir einfach das Kulturelle beiseite lassen und uns auf die Geistesbelehrungen einstellen. Zu dem Zweck ist unsere kritische westliche Ausbildung tatsächlich die beste Grundlage überhaupt. Ein Beispiel: Ich habe in den letzten Jahren weltweit 40 000 Westlern das bewusste Sterben beigebracht. Das sind Menschen, von denen viele vorher nur eine ganz kurze Verbindung mit dem Buddhismus hatten. Dennoch bekamen alle während der Übungen gute körperliche Zeichen, wie eine kleine, sicht- wie spürbare Öffnung etwa zwei Handbreiten hinter der Haarlinie auf dem Schädel.

Nach dem Tod?

Nein, schon als Lebender. Diese Öffnung entsteht von selbst, während man lernt, das Bewusstsein hochzuschleudern. Später wird das dann während des wirklichen Sterbens auf "Auto-Pilot" geschehen. Der Geist wird aus Gewohnheit in das Herz eines Buddhas gehen und sich in dessen Kraftkreis weiterentwickeln. Dafür gibt es eine bestimmte Meditation, in der Westler die Zeichen des Erfolges oft schneller bekommen als die Tibeter, die in der Vorstellungswelt aufgewachsen sind. Das kann nur an unserer Schulausbildung liegen, die uns beigebracht hat, gezielt zu lernen, kritisch zu denken und den Geist gesammelt zu halten sowie an unserer häufig rührend reinen Sichtweise.

Wie kann man Stress und Buddhismus vereinen?
Durch ein geschmeidiges Gefühl für die Möglichkeiten des Augenblicks. Wir nutzen zum Beispiel jede Gelegenheit um innerlich ein Mantra laufen zu lassen. Diese Schwingungen sind auch ohne unterstützende Meditation sehr wirksam, sie bringen die Wesen in ihre Mitte. Wir stellen uns auch oft vor, wenn wir in Vertiefung oder bloß so sitzen, dass wir Licht aus unserem Herzzentrum zu allen Wesen strahlen und alle ihre Leiden auflösen und wünschen dabei, dass es ihnen gut gehen soll.

Wie führt man Menschen zum Buddhismus?

Erstens - nie durch Mission oder irgendeinen Druck. Damit erreicht man nur die Unselbstständigen, die bei Glaubensreligionen sowieso viel besser aufgehoben sind wie bei Buddha. Besteht der Wunsch sich zu entwickeln, hilft man den Begabtesten durch die Herausstellung der Eigenschaften des Geistes: dass er offen ist wie der Raum, leuchtend und ohne jegliche Grenze. Den Liebevollen, "denksamen" und menschlich sehr wertvollen Leuten wäre beizubringen, wie Mitgefühl und Weisheit zum Wachsen gebraucht werden und sich ergänzen können. Die Belehrung für die eher Schreckhaften wäre vor allem, wie man mit Ursache und Wirkung umgeht, um sich selbst und anderen wenigst möglich Schwierigkeiten zuzufügen.
Buddha lehrt also drei Arten von Menschen, die es auch heute gibt: Die zuletzt erwähnten Menschen, die sich am Leben die Flossen verbrannt haben, möchten sich daher schützen. Sie sind bereit, zu dem Zweck riesige Begrenzungen ihrer Freiheit hinzunehmen indem sie zum Beispiel Nonne oder Mönch werden. Zu ihrem Besten lehrte Buddha genauestens über Ursache und Wirkung und gab die beruhigenden und Abstand schaffenden Meditationen. Denjenigen, die sich stärker fühlen, die die Welt umgestalten wollen, Spaß haben und etwas erfahren wollen, lehrt er über Mitgefühl und Weisheit. Die Einstellung ist hier, alles zum Besten aller Wesen zu tun und man versteht zur selben Zeit, dass die Welt eigentlich wie ein Traum ist - dass sich alles ständig ändert und man diese vorbeifliegende Welt durch die immer wechselnde schwarze und rosa Brille der eigenen inneren Launen erfährt. Den Begabtesten sagte er schliesslich: "Wir sind alle schon Buddhas. Benimm Dich wie einer, bis Du einer geworden bist."

Wie überzeugst Du Menschen, die Buddhismus ablehnen? Da spreche ich vor allem von der älteren Generation, die Todesangst haben, weil um sie herum altersbedingt Freunde, Kollegen und Familienmitglieder zu sterben beginnen. Sie beschäftigen sich mit dem Thema, sind aber nicht offen genug, um sich mit dem Buddhismus eingehender zu befassen.
Wir haben hier zur Zeit vor allem zwei Möglichkeiten: Den Weg durch Snobismus und das Aufmerksam machen auf die Ergebnisse der Wissenschaft. Snobismus heißt: "Viele Schauspieler und Berühmtheiten machen Buddhismus. Er ist in, cool und spannend." Doch viel überzeugender ist das Verständnis vom Wesen des Erlebers - des Geistes - selbst: Dass das Gehirn das Bewusstsein nicht herstellt, sondern es umformt. Dass es der Empfänger ist und nicht der Sender. Wenn einem aufgeht, dass das Gehirn einen schon vorhandenen Strom von Eindrücken auffängt und verarbeitet, ist es plötzlich nicht mehr lächerlich, etwas jenseits vom Tod zu suchen. Mit steigender geistiger Offenheit wird dabei festgestellt, dass man solche Gegebenheiten schon im täglichen Leben oft bewiesen bekommt. Viel öfters, als statistisch zu erwarten wäre, weiß man, wer anruft bevor man den Hörer abhebt oder man denkt an Leute, deren Brief kurz danach ankommt. Der Raum hört durch solche Erfahrungen auf, etwas Trennendes oder ein schwarzes Loch zu sein und wird dann eher ein Behälter, der uns alle umfasst. Er vermittelt zwischen uns und verbindet alles.

Wie gehst Du mit "Ursache und Wirkung" um? Bist Du ein Mensch, der wirklich nie schwarzfährt, der nie irgendwo eine Zeitung mitgehen lässt? Bei diesen kleinen Dingen fängt es doch im Prinzip an - oder gibt es da "Ausnahmeregelungen"?
Nein, Schwarzfahren würde ich nicht, aufzufliegen dabei wäre einfach zu peinlich. Stell dir mal vor, wie das in der Presse aussehen würde! Ich vertrete eine 2500 Jahre alte, edle Sache und bin selbst fast 60 Jahre alt. Ich kann mich nicht beim Schwarzfahren erwischen lassen.

Also gehts da eher ums Peinliche und gar nicht so sehr um die Wirkung?

(Ole lacht.) Ja, hier geht es vor allem ums Peinliche. Die Bahn überlebt sowieso durch meine Steuern. Ich fahre aber durchgehend viel schneller, als erlaubt ist, und tue das auch gerne - aber das ist mit meinem Leben als freier Mensch vereinbar. Ich bin nicht hirntot und kann selbst entscheiden, was Strasse, Motorrad oder Auto ermöglichen.
Aber für kleine Unehrlichkeiten geschnappt zu werden, das wäre ein Gesichtsverlust, und das gibt es bei mir nicht. Man muss sich ja jeden Morgen beim Rasieren in die Augen schauen können. So etwas würde auch meine Freunde sehr stören, und das will ich ihnen nicht antun. Ich betreibe nur die heldenhaften Untugenden.

Welche heldenhaften Untugenden sind denn so vertretbar - trotz Ursache und Wirkungs-Prinzip?

Neben freiem Fahren und Denken, sich über die guten Frauen freuen. Aber das ist ja zum gegenseitigen Vorteil.

Da sind wir bei einem guten Thema angelangt: Was ist eine "gute Frau" für Dich?
Eine gute Frau ist eine, die ihren Reichtum erkennt und aus Überschuss heraus handelt. Sie wünscht zu lernen und etwas zu geben. Eine arme Frau ist dafür eine, die sich absichern und die bestehende Lage festzuhalten versucht. Meine besten Lehrer waren immer wunderbare großzügige Frauen auf der Welt.

Du verfolgst ein besonderes Hobby: Machst Du das Fallschirmspringen bewusst, um die Angst vor dem Tod abzubauen?
Nach einem halben Dutzend Sprünge mit einem Lehrer hoffe ich, dieses Jahr bei Kassel die Zeit zu finden für den Alleinsprungschein. Es geschieht aber nicht, um die Angst vor dem Tod zu entfernen. Eher erwarte ich, ein Verwirklicherziel zu erreichen. Es ist spannend, im Sprung den Geist zu beobachten. Hier erlebt man einen Zustand von Bewusstheit jenseits von Begriffen, die zeitlos und sehr wichtig ist. In unserer Diamantweg-Fachsprache heißt er "Ein Geschmack". Während dieser Erfahrung ist man völlig bewusst, ohne sich etwas bewusst zu sein. Man erlebt den Spiegel hinter den Bildern und das zeitlose Meer unterhalb der Wellen. Diesen Zustand erlebt man sehr gut im freien Fall.

Ist es auch ein ähnlicher Zustand, den man in sexueller Ekstase erreichen kann?
Ja, bei körperlicher Vereinigung entsteht höchste Freude. Sie erscheint wo alles stillsteht und die Partner und wir verschmelzen. Ein solcher Zustand wird auch beim Motorradfahren in der Kurve erfahren.
Beim Fallschirmspringen kippt man in Bananenstellung aus dem Flugzeug. Ungefähr eine Minute lang erfährt man ein riesiges Rauschen und kommt auf fast über 250 Stundenkilometer, die Geschwindigkeit einer BMW RS 1200 auf der Autobahn. Hier begegnen sich äußerer und innerer Raum in der Erfahrung völliger Freiheit. Der Beobachter innen und die riesige Weite draussen sind in dem Augenblick eins.

Was geht in Deinen Gedanken vor in diesem Zustand?

Solche Erfahrungen sind jenseits von Gedanken. Man ist einfach leuchtend bewusst, und unsagbar glücklich. Bloß beim Beschreiben des Zustandes bekomme ich gerade jetzt Flammen im Bauch.

Setzt das Blockaden frei oder was bewirkt das?

Ich meditiere seit 30 Jahren und mein Geist ist frei - aber meine Schüler kommen nach der Landung zu mir. Sie haben den Flug als riesige Befreiung genossen.

Kann man das Schnurziehen nicht vergessen?
In Holland schon, da öffnet sich der Schirm selbstständig. Sonst wird man halt Maulwurf im nächsten Leben (Ole lacht). Kann man schon - das tun jedes Jahr einige, und es ist schon besser, als vor den Zug zu springen. Hier gibt es wenigstens keinen armen Lokführer, der hinterher ganz kaputt ist.

Stichwort "Meditation" - warum soll man meditieren?

Ein Bewusstsein zu haben, das man nicht nutzt, ist dumm und sinnlos. Unser Geist ist zu allem fähig, und noch dazu ist er der einzige, der Glück erfahren kann. Aus Unwissenheit suchen die Leute das Glück immer außen, aber die Autos oder Häuser können ja nicht glücklich machen. Wenn der Geist durch die Sinne auf angenehme Gegenstände stößt, wird ein Gefühl von Glück erzeugt. Es hört aber nach einiger Zeit wieder auf, weil es zur Gewohnheit wurde und keine Genugtuung mehr bringt. Wer Glück in der äußeren Welt sucht, ist schlichtweg auf der falschen Spur. Er sucht da, wo nichts Dauerhaftes zu finden ist. Wer aber versucht, den Geist an sich kennenzulernen, ist klug. Er findet tatsächliche Erfüllung, denn die Leuchtkraft des Geistes ist zeitlos. Bedingte Glückszustände sind ihrem Wesen nach kurzfristig, aber die zeitlose Weite des Geistes kann nie vergehen. Wer den Geist wahrnimmt, stellt immer fest: Er ist nur toll. Er ist offen wie der Raum und leuchtend klar. Er hat keine Grenzen und ist die Quelle jeden Glücks.

Was ist Meditation eigentlich? Wie kann man Meditation definieren?

Es gibt verschiedene Mittel in den Religionen, die jenseits-begriffliche, ganzheitliche Geisteszustände hervorrufen sollen. Die Christen zum Beispiel beten, um sie zu erfahren. Alle buddhistischen Meditationen im allgemeinen, sowie auf der Ebene des Diamantweges haben zwei Phasen: eine "beruhigende und festhaltende", in der man sich auf das einstellt, was man erreichen möchte, und die der "klaren Einsicht", in der man es verwirklicht. Im Diamantweg sind die Namen "Geburtsphase" (wo der Buddha entsteht) und die Phase der "Einswerdung" (wo man ihre Eigenschaften als einem selbst innewohnend erkennt).
Eine volle Meditation fängt mit einer ganz einfachen Vertiefung an, wie das Spüren des Luftstroms an der Nasenspitze. Wie eine Tasse Kaffee, die nicht mehr geschüttelt wird, entsteht so ein Zustand der Einsicht, wo man sich Buddha, seiner Lehre und den Bodhisattva-Freunden auf dem Weg als sichere Zuflucht öffnet. Danach folgt die Einstellung auf Liebe und Mitgefühl. Man wünscht die Erleuchtung, um anderen richtig nützen zu können und wird dadurch weiter geführt zu den wirksamsten Meditationsebenen, die die meisten Knöpfe im Speicherbewusstsein drücken. Hier erkennt sich der Geist entweder unmittelbar durch die formlosen Wege des Großen Siegels oder der Großen Vervollkommnung, oder man stellt sich Licht- und Energieformen von unterschiedlichen Buddhas vor, die unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten auf der Ebene der Reinheit darstellen. Hier erwecken die friedvollen oder schützenden, weiblichen oder männlichen, einzigen oder vereinigten Buddhagestalten samt ihrer Mantra- Schwingungen überpersönliche, einem jeden innewohnende Eigenschaften wie Mut, Freude, Kraft, Mitgefühl, Weisheit usw. Danach löst man die Energieformen in Licht auf. Es verschmilzt mit einem und alles Innere wie Äussere löst sich auf. Übrig bleibt der leuchtend-bewusste Raum, der sich keiner Sache gewahr sein muss, und der Geist ruht völlig in sich selbst. Hier ist er von nichts mehr abhängig und braucht nichts mehr. Dieser mühelose Zustand ist sehr erstrebenswert. Jeden Augenblick beseitigt er Unmengen von geistigem Müll.

Es löst sich dann alles Schlechte auf?
Ja, es wird entsorgt durch Nicht-Beachtung und kehrt in den Raum zurück. Die festen Gewohnheiten, die Erwartungen und Befürchtungen, das Morgen und Gestern, das Festhalten und Wegschieben, das ganze geistige Disneyland verliert hier seinen Halt und wird stattdessen zur Erfahrung. Alles Sinnvolle, was das zeitlose Wesen des Geistes ausmacht, so wie Furchtlosigkeit, Freude und Liebe, entsteht dann umso frischer und unmittelbarer im Geist.

Manche Menschen sind dem Buddhismus gegenüber skeptisch, weil sie denken, dass Frauen darin nicht gleichberechtigt sind.

Das stimmt auch, auf der Ebene der Weltteile, der Länder und ihrer althergekommenen Bräuche. Hier werden die Frauen - außer in einigen Matriarchaten und den freiheitlichen Ablegern der westlichen Kulturen - durchgehend schlecht behandelt. Was ihnen im Islam widerfährt, erschüttert ja heute immer stärker jeden Menschenfreund. Auch gibt es von Seiten der Klöster einen ständigen Einfluss, der die Geschlechter auseinandertreibt. Viele, die dort leben, haben nicht von der Natur aus die Veranlagung, nur vom eigenen Geschlecht umgeben sein zu wollen. Damit solche Leute nicht fliehen und irgendwo eine Familie gründen, mussten die Reize der Frau und die eines Laienlebens herabgesetzt werden. Buddhas Lehre ist hier aber eindeutig. Jedes Geschlecht hat die Buddhanatur und dadurch die Möglichkeit, sich zu erleuchten. Auf Diamantwegsebene vertritt die Frau für den Laien die Eingebung und für den Verwirklicher den Raum, dem seine Freude entspringt.

Wie ist es dann in lesbischen oder homosexuellen Beziehungen?

Man empfiehlt sie nicht im Buddhismus. Sie scheinen mehr Leid, Krankheit und Störgefühle auszulösen als normale Verbindungen. Man geht davon aus, dass die Leute mitunter im früheren Leben ein Paar waren und eine starke Verbindung miteinander hatten. Sie kamen dann in dieses Leben mit dem selben Geschlecht aber die Anziehung arbeitete weiter. Eine andere Möglichkeit ist, dass man das andere Geschlecht im letzten Leben einfach nicht gemocht hat. Also wird man vom eigenen angezogen.

Heißt das, man wird dann mit seiner sexuellen Vorliebe bestraft?
Nein, es gibt keinen Bestrafer. Wir haben im Buddhismus keine richtenden oder strafenden Götter. Doch wenn einer in einem Leben dauernd denkt, das andere Geschlecht sei furchtbar, arbeitet die Einstellung mit ins nächste Leben hinein, und dann sitzt man das nächste Mal vielleicht da mit einem Vertreter der eigenen Gattung an der Hand.

Kann und soll man überhaupt nach der buddhistischen Vorstellung sexuelle Vorlieben ändern?
Unter meinen Schülern gibt es mehrere Fälle, wo das geschehen ist. Es ist einfach praktischer, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich gebe zu, dass es mich freut, wenn es geschieht.

Beziehungen ist ein Thema, mit dem sich jeder wahrscheinlich ein Leben lang auseinandersetzt. Ich habe nun voller Überraschung gehört, dass Du ganz offiziell zwei Frauen hast. Wie geht es Dir und den Frauen damit?
Früher hatte ich wegen des ständigen Reisens ganz viele Frauen. Das gehörte zur Zeit damals und war auch in Ordnung. Wir waren gute Freunde, sie lernten meditieren und wir teilten viel Gutes. Doch dann kam Aids, und da musste ich als Lehrer einfach ein Beispiel setzen. Es gab eine bekannte buddhistische Gruppe, Dharmadhatu, deren bisexueller Lehrer seit 1983 wusste, dass er HIV-positiv war. Trotzdem hat er bis 1988 seinen Schülern nichts gesagt und sie nicht geschützt. Einige wurden krank und sind gestorben - er selber auch. Es war ein furchtbarer Skandal. Als dies bekannt wurde, habe ich gewusst, dass so etwas niemals dem Diamantweg zustoßen darf. Daher wurde ich bürgerlicher.
Es geht sehr gut mit Hannah und Caty. Hannah, meine Frau, ist die Hälfte des Jahres bei mir - eigentlich die angenehmste Hälfte mit einer Reise um die Welt im Frühling und einem Monat in der transsibirischen Eisenbahn. Caty kriegt die härteren Monate auf der Autobahn in Europa, aber auch die kurze Herbstfahrt nach Australien und in die USA. Wenn Hannah nicht bei uns ist, hilft sie den Tibetern, die sehr dankbar sind. Es passt uns allen gut. Die beiden Frauen arbeiten nah zusammen und mögen sich.

Wurdest Du niemals mit Eifersucht der Frauen untereinander konfrontiert?

Kaum, und nur ganz am Anfang. Die beiden sind einfach froh entwickelte Menschen und wünschen sich gegenseitig alles Gute. Ich hatte früher eine sehr schöne dänische Frau als Begleiterin, aber das ging nicht, weil sie mich für sich haben wollte. Ermöglicht wird diese sehr erfolgreiche Zusammenarbeit durch die Reife meiner Frauen. Sie setzen die Arbeit für andere an erste Stelle und alles persönliche dahinter. Meinen tiefen Dank und ein ständiges Lob für ihre Sichtweise und wie sie das schaffen.

Erwartest Du von Deinen Frauen Treue?

Das Gebiet lasse ich bewusst ganz aus. Ich könnte es mir zeitmäßig nicht leisten. Buddhistisch gesehen müsste ich Liebhaber meiner Frauen als Brüder behandeln. Ich müsste besonders auf sie eingehen, und dafür habe ich einfach keine Zeit. Also weiß ich es besser nicht. Sonst müsste ich eine Kategorie von besonderen Schülern einführen.

Das heißt, vielleicht ist es so, und Du möchtest es gar nicht wissen?

Ich frage nie, aber sie sagen selbst, dass sie nur bei mir sind.

Wie fühlst Du Dich hier in den Vereinigten Staaten?
Ich genieße Amerika, es ist wie ein Vitamin für den Geist, sehr vielseitig und sehr groß. Inzwischen kann man hier auch fahren, ohne jeden Tag ein paar Polizisten vom europäischen Fahren und der Freiheit auf der Autobahn erzählen zu müssen. Die Amerikaner sind viel weniger zynisch, viel dankbarer und viel offener in vielen Bereichen, aber bekanntlich oft oberflächlich und sie sind halt Christen. Sie haben sogar ihren Gott auf der Dollarnote. Europa ist geistig viel kritischer, weil wir so viele Kriege hatten mit demselben Gott auf beiden Seiten und vielen Witwen hinterher. Die Amis sind sehr unkritisch. Man kann ihnen ungefähr alles verkaufen, wenn sie denken, es sei christlich. Auch ist New Age aus meiner Sicht nichts als verwirrtes Wunschdenken. Erst jetzt, nach 23 Jahren Reisen in Nordamerika, kommt der Diamantweg in ähnlich ausgebildete Gesellschaftsschichten wie in Europa.

Ist es in den USA für Dich schwieriger, Zentren aufzubauen als in Europa?

Bis jetzt war das so, vor allem wegen der unkritischen politisch-korrekten Mischkultur und der Scheu davor, Unterschiede bloßzustellen. Da nach der Sicht von Glaubens- und Vertragsreligionen nur ein Weg recht sein kann, vertuscht man aus bestem Willen alle wirklichen Unterschiede. Für Erfahrungsreligionen ist diese Einstellung das reine Gift. Bei uns geht es um sehr klare Wege und erfahrbare dauerhafte Ziele. Das Beste, was dem Diamantweg jemals geschah ist, dass wir vor kurzem mehrere Meditationsgruppen an den amerikanischen Unis bekommen haben. Die Studenten sind unterscheidungsfähig und kritisch, und so wird der Diamantweg-Buddhismus jetzt amerikanisch und bleibt klar zugleich.

Was möchtest Du mit Deinem Einsatz für den Buddhismus erreichen?

Mein Ziel ist, wichtigste menschliche Freiheiten zu erhalten. Ein riesiges Atemloch aus der bedingten Welt heraus, das erst 1500 Jahre in Indien und danach seit 950 Jahren in Tibet von Lehrer zu Schüler überbracht wurde, darf jetzt nicht schließen. Ich wünsche zutiefst, dass das ganze psychologische und philosophische Wissen des Diamantwegs im Westen weiterleben kann, und dass künftig Menschen ihren Zugang finden können. Schaffen wir das, hat dieses Leben tiefsten Sinn.
Was mich stört, ist jeder Verlust an Reichtum und Möglichkeiten; wenn man sieht, wie Tierarten aussterben, Kulturen plattmissioniert werden, Sichtweisen verschwinden, Meditationsübertragungen nicht weiter vermittelt werden und unzählige Pflanzen verschwinden: Jedes Mal, wenn es enger wird, wenn Menge Wert verdrängt, verlieren wir alle sehr. Deswegen soll der Lehrer die Zentren auch aufmischen, wenn die Leute zu brav und "kirchlich" werden. Man muss sie dann zwingen, wieder neu zu denken und an sich zu arbeiten. Die geistige Ausrichtung soll ein sinnvolles Verhalten in der Welt eröffnen. Sie soll einen zugleich innerlich festigen und nach außen geschmeidig halten. Ich fühle mich oft wie die Spitze eines Speeres, die öffnet und Richtung gibt. Der riesige Stiel dahinter ist der Wunsch aller nach Glück und Entfaltung.

Wohin soll die menschliche Entwicklung gehen? Man hört oft diesen Begriff "Erleuchtung". Was bedeutet das eigentlich wirklich?
Unendliche Freiheit innen und außen. Die Erfahrung, dass der Geist wie Raum ist, kein Ding und deswegen unzerstörbar. Untrennbarkeit von Erleber, Erlebnis und Erleben. Diese Erkenntnis macht furchtlos und lässt alles äußere wie innere als sein freies Spiel erscheinen. So wird man reich und froh. Schließlich wird erkannt, dass der Geist mehr als die Fähigkeit zum folgerichtigen Denken ist, die ja bei den Völkern und Menschen der Welt sehr unterschiedlich vorhanden ist. Dass man Gefühl, Traum und Erinnerungen dort fortsetzen kann, wo die Abstraktion aufhört. Die Erkenntnis, dass dieser frohe leuchtende Raum unbegrenzt ist und uns alle umfasst, macht einen noch dazu nett und man handelt zum Besten anderer aus den Möglichkeiten des Hier und Jetzt heraus. Wenn es uns gelingt, die grossen heranrückenden Gefahren von Islam und Übervölkerung zu bändigen, sollte mit der Befreiung der unzähligen körperlichen Leiden durch die Fortschritte der Wissenschaft eine bessere Welt möglich werden.

Das Stichwort "Überbevölkerung" führt mich zu einem Gedanken, mit dem ich mich seit Jahren beschäftige, aber noch keine Antwort gefunden habe. Jeder von uns hat einen Geist und eine Seele, die nach buddhistischer Philosophie wiedergeboren werden. Wie ist es möglich, dass plötzlich so viele Wesen existieren. Gibt es da überhaupt eine Begrenzung?

Tiere haben einen Geist, fühlen Glück und Leid. Wesen aus anderen Welten haben einen Geist… Es gibt vier Bereiche, die durch unsere Sinne nicht erfassbar sind, die aber in Meditation wahrgenommen werden können. Diese Wesen haben auch einen Geist - wir nennen sie Götter, Halbgötter, Geister und Erleber von Verfolgungswahn oder Höllenzuständen. Wegen des fehlenden Körpers erfährt das Bewusstsein alles sehr stark, aber es gibt nichts Feststellbares.
Seit der Erfindung des Penicillin überleben weltweit die meisten Kinder. Es ist aber offensichtlich, dass nur wenige von ihnen die Bedingungen mitbringen für ein gutes Leben. Wenn ein Land humanistischer, liebevoller und reicher wird, fallen die Geburtsraten scheinbar immer. Sie steigen aber, wo starkes Leid herrscht, wie in Afrika, wo furchtbarste Folter, Krankheiten und Kriege herrschen. Ganz viele haben sich offensichtlich die Ursachen geschaffen für schwierige Geburten und wenige für die angenehmen wie in den gebildeten Klassen Amerikas oder Europas. Da sich Gewohnheiten und Karma beim Kreuzen einer Grenze leider nicht ändern, leiden Neuankömmlinge in reicheren Ländern meistens einfach im reicheren Umfeld, aber als Unterklasse weiter. Sie nutzen die neuen Freiheiten nicht, sondern unterdrücken zum Beispiel auch hier weiterhin ihre Frauen.

Heißt das, die Seelen werden heute anders verteilt als vor hundert Jahren zum Beispiel als weniger Menschen auf der Erde lebten?
Es ist alles das Spiel des Möglichen. Vor 100 Jahren hatten wir eine Milliarde meistens arme Menschen, jetzt gibt es über sechs, wovon etwa jeder Zehnte im Wohlstand lebt. Bewusstseinsströme, die mit guten Eindrücken aus Vorleben gefüllt sind, werden dabei von den netten Ländern mit Ausbildung und humanistischer Gesetzgebung und sozialem Verständnis angezogen, während die mit vielen schädlichen Taten Belasteten zu den Stellen gehen, wo gekämpft, gelitten und gefoltert wird. Dass nun immer mehr Wesen in die unvorteilhaften Gebiete hineingeboren werden, ist noch ein Grund, Geburtenbegrenzung in den armen Weltteilen und in den Ghettos der reichen Länder durchzuführen. Hier sollte der Menschenfreund fröhlich zupacken. Er sollte sich bewusst sein, dass wenn er den Wesen nicht nützt, dann tut es vielleicht keiner.


Interviewerin:
Martina Zemlicka ist Österreicherin und arbeitet als freie Journalistin in Los Angeles. Dieses Interview führt sie für das in L.A. erscheinende deutschsprachige "Stadtmagazin".