Aus: Buddhismus Heute Nr. 30, ( 2000)

Gemeinsam den Diamantweg gehen

Von Lama Ole Nydahl

Im Tibetischen ist das Wort für Erleuchtung "Sang-Gye" ("gereinigt - voll gereift"). Es bezeichnet einen Zustand, der am Besten in einem frischen und vertrauensvollen Umfeld mit den richtigen Mitteln für Körper, Rede und Geist und guter Anleitung erlangt wird.

Seit 2500 Jahren beweisen Buddha (als die letztendliche Zuflucht) und wesentliche Teile seiner 84.000 Belehrungen (als Wege zur Entwicklung für verschiedene Menschen und Kulturen) ihre zeitlose Gültigkeit. Auch die 254 Regeln, die das Verhalten der buddhistischen Mönche bestimmen oder die 350 Gelübde für buddhistische Nonnen werden noch heute in ihren Klöstern gelebt. Als der tibetische Buddhismus in den Westen kam, begeisterte er jedoch vor allem freidenkende und am Hebel des Lebens stehende Menschen. Es entstand eine neue Form den Buddhismus auszuüben: durch Freundschaft und Idealismus geprägte, sogenannte Laien und Verwirklicher-Zentren. Hier wohnt man gemeinsam oder möglichst nah und schafft ein buddhistisches Angebot auch für andere, ohne deshalb Beruf und Familie aufzugeben. Gereift durch die Spielregeln von Demokratie und Durchsichtigkeit, mit Ausbildung, kritischem Denken und dem Internet versehen, können Laien heute erstklassig buddhistisches Wissen anwenden und zugleich zeigen, wo die Lehre im Leben hingehört. Anderen den Einstieg in Meditation zu ermöglichen, bringt ihnen Freude und Sinn.

Obwohl Buddhas Lehre als gesunde Vernunft Hirn und Herz bestens verbindet, ist eine menschenfreundliche Lebensweise verbunden mit dem Ansammeln gleich welcher Mengen an Wissen nicht ausreichend. Lebende Beispiele sind nötig. Dadurch werden die, die in den Zentren leben oder sie vertreten überaus wichtig und ihr Verhalten schenkt den Wesen Anleitungen für ihr eigenes Wachstum. Sie liefern nützliche Mittel, Vorbilder und den Beweis, daß die Belehrungen wirken. Die Sicherheit, daß bedingte aber bewußte Schritte zu einem unbedingten und dauerhaften Ziel führen, sind ab einer gewissen Entwicklungsstufe ein riesiges Geschenk.

Wenn alle Besucher in unseren Diamantweg-Zentren große Denker und dadurch fähig wären, unter allen Umständen eine unbefangene Sicht der Geschehnisse zu halten, wäre alles leicht. Sie würden dann die Launen eines einzelnen Buddhisten oder einer Gruppe als Widerspiegelung ihrer inneren Entwicklungen auf einem an sich vollkommenen Weg sehen. Das scheint jedoch die Ausnahme zu sein; offensichtlich kommen die Leute schon mit bestimmten persönlichen Erwartungen zu uns und werden auch beeinflußt von der Art und Weise, wie sie dort empfangen werden.

Die Sichtweise sollte unbedingt stimmen, um die besten Köpfe langfristig zu begeistern. Aber es steht außer Zweifel, daß auch das gefühlsmäßige Umfeld einladend sein muß, damit Wesen sich einem solchen Schatz nähern können. Deswegen können nur Zentren, die Überschuß für Neue haben - und zusätzlich zu dem Reichtum unserer geleiteten Meditationen auch Tee, Freundlichkeit, verständliche Bücher, unsere Zeitschrift Buddhismus Heute und etwas menschliche Zuwendung bieten - erwarten, daß Neue später ihre Freunde mitbringen werden. Ohne diese Wärme wird man zu einer kulturellen, exotischen Attraktion für ähnlich Selbstbezogene, gibt aber wenigen das Vertrauen, daß die eigene Sicht auch die ihre ist und freudvoll gelebt werden kann.

Selbst bei dem feinsten Angebot bleibt also der menschliche Austausch wichtig. Nur wenige schaffen es aber, ständig eine gute Ausstrahlung und die nötige Geschmeidigkeit zu zeigen. Selbst die gefestigten Gruppen sind durch persönliche Belange und ein "Sich-Ausbrennen" verwundbar. Deswegen müssen wir diese wichtigsten lebenden Vermittler des Buddhismus schützen: ohne die Idealisten, die die praktische Arbeit in der Welt machen, läuft nichts.

Welche Erfahrungen sind auf diesem Gebiet während der letzten 28 Jahre beim Aufbau unserer derzeit 260 Zentren weltweit entstanden?

Vor allem die Zusammenarbeit ist bedeutsam und daß sich eine Gruppe wie eine Ganzheit oder eine Familie fühlt. Das Verständnis, daß alle gewinnen, wenn sich ein Mitglied entwickelt, beinhaltet, daß man sich jedermanns Möglichkeiten und Wünsche bewußt ist und sich darüber freut, während man die Wachstumsaufgaben teilt. Die Fähigkeit, nebeneinander zu "marschieren", wenn alles glatt geht und eine Wagenburg zu bilden wenn nicht, ist das Merkmal eines wirklichen Zentrums. Wenigstens einmal am Tag zusammen zu essen, macht Bände und hat sich als wichtig herausgestellt. Zusätzlich sollten die Zentrumsmacher häufig gemeinsam meditieren. Auch wenn sie am Rand sitzen, weil sie vielleicht andere Meditationen üben ist es für sie und die Neuen von Vorteil. Abgesehen von Meditationen, die man alleine machen muß, bringt gemeinsames Sitzen die breitesten Ergebnisse.

Um die Worte Churchills zum Kriegsanfang vor 60 Jahren zu umschreiben: Mit Voraussicht kann man Blut vermeiden, mit der richtigen Einstellung auch Tränen sparen, aber es gibt für einen Bodhisattva keine Möglichkeit, um Schweiß herumzukommen. Harte Arbeit ist unerläßlich und da es nach einer europäischen Redensart 40 Jahre braucht bis man erwachsen wird - oder vielleicht 60, um menschlich zu werden, wie die Chinesen behaupten - kann man nicht erwarten, daß alles nur fließt.

Das gilt sowohl für die Zentren als auch für ihre Bewohner und Besucher. Erleuchtete Kraftfelder durchdringen zwar vom ersten Segen des Lamas an sowohl Menschen als auch Räume, sie werden aber aufgrund der Zähigkeit von karmischen Eindrücken und Gewohnheiten nur allmählich erfahren. Obwohl in einer Diamantweg-Gruppe die Übertragung der Linie von Anfang an gegenwärtig ist, wird die volle Entwicklung der ihr innewohnenden Einsichten und Erfahrungen langwierig sein.

In Dänemark dauerte es 25 Jahre bis man gelernt hatte, zusammenzuarbeiten. Andere Stellen sind an der Oberfläche weniger aufmüpfig und sehen eine Zeitlang geeint aus, bis dann die Unterschiede hochkommen. Das Entscheidende bei solchen Erfahrungen ist, daß man sie als Schritte auf dem Weg erlebt und einfach weitermacht. Nur eines unserer Zentren hat tatsächlich einmal beschlossen, sich selbst aufzulösen. Es war eine pädagogische Damengruppe in Hannover, die mehr Zeit für ihre Kinder wollten. Das geschah vor 20 Jahren und die Freunde fühlten sich bald recht leer. Als jemand anderes die Verantwortung übernahm, waren viele wieder dankbar dabei. Tatsächlich besitzen nur einige Wenige die nötigen äußeren Bedingungen und die Einstellung für dauerhafte Zentrumsarbeit. Ein gewisser Wechsel ist auch gesund und fast überall ergreifen Freunde fließend die Aufgaben, die andere wegen Familie oder Geschäft loslassen müssen. Wesentlich in diesem Verlauf ist ein Gefühl der Dankbarkeit für das was geleistet wurde, daß Freundschaften be-wahrt bleiben und daß die, die früher die Verantwortung trugen, weiterhin die wichtigen Neuigkeiten erfahren. Indem die "Alten" das Zentrum nutzen und mithelfen wann immer möglich, tragen sie praktische Lebensweisheit und die Mittel der Gesellschaft bei, während sie ihrerseits an der durchsichtigen und jung haltenden Frische einer bewußten Lebensführung zum Besten anderer teilnehmen.

Der Reichtum unserer Gesellschaften ermöglicht viel Gutes. Unter anderem verbreitet sich allmählich als Ergebnis unseres Überschusses eine zunehmende Offenheit einem sehr zufriedenstellenden Lebensstil aus Osttibet gegenüber. Ich sehe das als höchst förderlich für menschliche Freiheit und Wachstum. Die damit verbundene Sichtweise beinhaltet die des Großen Siegels für Begierde-Typen und die der Großen Vollendung für die eher Zornigen (s. a. "Das Große Siegel" Vers 19) und stellt jede Tat und Erfahrung in einen erleuchteten Zusammenhang. Indem man Geschehnisse als das Karma der Wesen versteht und ihr Verhalten dazu als Ausdruck ihrer Reife erkennt, wird das Leben zu einem offenen Buch. So werden alle Ereignisse zu Schritten auf dem Weg, und auch die Lebenslage läßt sich bestens nützen. Freunde vermitteln sich gegenseitig Jobs, passen auf die Kinder auf während einer meditiert oder finden die Stellen, wo sie sich zurückziehen können. Allmählich entstehen dadurch wie in althergekommenen Gesellschaften richtige "Buddhisten-Sippen", in denen die Menschen wissen, was sie beitragen können, was wo gerade gebraucht wird oder in die Wege geleitet werden kann. Es liegt in unseren Händen, sich den inneren Herausforderungen zu stellen, während man sich gegenseitig gute Rollen zuschiebt.

Die Sichtweise des Sowohl-als-Auch ist immer erst dann zu vermitteln, wenn sie für eine sinnsuchende Welt verständlich ist. In einer leichten, undogmatischen Weise sollte auch gelehrt werden, daß man Himmel und Hölle durch Gedanken, Worte und Taten und die eigene Sichtweise schafft. Indem wir dabei die Freiheit des Geistes und die Selbständigkeit der Wesen betonen, geben wir der Welt ein einmaliges Geschenk. Es vereint die höchste Sicht von der jedermann innewohnenden Buddhanatur und der Erscheinungswelt als ein Reines Land mit dem kritischen Wissen über die bedingten Entwicklungen in der Welt.

Gereift durch Meditationen, die überpersönliche Zustände des Geistes hervorbringen und glühend von der Freude des Teilens von solchem Glück, sind unsere Zentren wahre Juwelen.


Auf ihrer Hochzeitsreise nach Nepal im Jahr 1969 begegneten Ole Nydahl und seine Frau Hannah dem 16. Karmapa, dem geistigen Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie des Tibetischen Buddhismus. Nach mehreren Lehrjahren im Himalaya wurden sie von ihm als seine ersten westlichen Schüler gebeten, die Lehre Buddhas in den Westen zu bringen.
Seit über 25 Jahren hat Lama Ole Nydahl weltweit den Diamantweg-Buddhismus bekannt gemacht und bis heute mehr als 200 Meditationszentren gegründet, die er regelmäßig besucht.