Aus: Buddhismus Heute Nr. 3, (Winter/Frühjahr 1990)

Tulkus - Bewußte Wiedergeburten

Von Tenga Rinpoche

Es gibt viele verschiedene Arten von Tulkus. Die erste Art sind die höchsten Tulkus; das sind jene wie Buddha Shakyamuni und der erste Karmapa Düsum Khyenpa.

Die zweite Art heißt wörtlich "Tulkus der Geburt". Es sind die Tulkus, die sich in einer Weise zeigen, daß sie den Wesen je nach ihren Bedürfnissen helfen können. je nachdem, in welcher Weise sie für die anderen Wesen etwas tun können, erscheinen sie in Form eines Lamas oder spirituellen Freundes, manchmal auch in Form eines Khenpos, in Form einer Frau, in Form eines Yogis oder in Form eines Siddhas, eines Verwirklichten. Rein äußerlich ist kein Unterschied erkennbar gegenüber gewöhnlichen, normalen Menschen. Ob jemand ein Tulku ist, kann man also nicht an äußeren Dingen feststellen. Aber es gibt ein Zeichen dafür, daß jemand ein Tulku ist: nämlich wenn jemand eine besonders starke Aktivität hat und sehr, sehr viel für andere tun kann.

Wie wirken die Tulkus zum Wohl der Wesen? Tilopa zum Beispiel praktizierte seinen Weg in dieser Weise: sein Lehrer sah in einer Vision, daß Tilopa in eine bestimmte Stadt gehen und dort bei einem Freudenhaus bleiben solle, um den Mädchen zu helfen. Tilopa folgte diesem Rat seines Lehrers und ging zu dem Freudenhaus. Eine Frau dort ‑ obwohl rein äußerlich eine ganz normale Frau ‑ war ein Tulku, eine Weisheits‑Dakini. Indem Tilopa bei ihr lebte und praktizierte, erlangte er Verwirklichung.

Die Art und Weise, wie den Wesen geholfen werden kann, ist sehr unterschiedlich, und dementsprechend unterschiedlich ist das Verhalten der Tulkus. So erscheinen sie manchmal als Könige oder in vielen anderen Formen. Der Grund für diese Vielfalt ist, daß die Tulkus immer entsprechend den Einstellungen und Veranlagungen der Schüler wirken müssen. Wenn sie das nicht täten, würden die Schüler diesem Weg nicht folgen können, denn sie würden keine Freude daran haben.

Eine dritte Art von Tulku wird "Tulku der Kunst" oder "hergestellter Tulku" genannt. Dies bezieht sich auf die Abbildungen von Buddha: einerseits auf die Abbildung seines Körpers in Form von Tangkhas oder Statuen, andererseits auf die Verkörperung seiner Rede in Form von Texten und die Abbildung seines Geistes in Form von Stupas. Das sind die Stützen für Buddhas Körper, Rede und Geist.

Wie wirkt diese Art von Tulku zum Wohl der Wesen? Die "Tulkus der Geburt" sind gegenwärtig als Wesen und helfen anderen Wesen dadurch, daß sie ihnen Dharma‑Belehrungen geben. Sie zeigen ihnen den Weg, unterrichten sie und wirken so aktiv zu ihrem Wohl. Im Falle der "hergestellten Tulkus", also dieser verschiedenen Kunstgegenstände, wirken sie in der Weise zum Wohl der Wesen, daß aufgrund des Vorhandenseins dieser Dinge die Praktizierenden die Möglichkeit haben, Verdienst anzusammeln.

In welcher Weise können wir dadurch Verdienst ansammeln? Wir haben die verschiedenen Abbildungen von Buddhas Körper, Rede und Geist. Wir haben Statuen und Bilder von Buddha, von den Yidams und den Bodhisattvas. Dies und die Stupas und Texte stellen wir in unseren Altar. Wenn wir die ausführliche Version praktizieren, dann stellen wir die sieben Opferungen davor. Bei der kürzeren Version zünden wir einfach ein Räucherstäbchen an oder opfern ein Licht oder Blumen. Indem wir vor den Abbildungen von Buddhas Körper, Rede und Geist diese Opferungen darbringen, sammeln wir Verdienst an und reinigen uns gleichzeitig von unseren Verdunkelungen.

Die Texte sind Abbildungen der Rede Buddhas. Dies gilt sowohl für die in Tibetisch verfaßten Texte, als auch für die Bücher, die in unseren jeweiligen Sprachen geschrieben wurden und die Lehre Buddhas zum Inhalt haben. Sie sind ein Ausdruck der Lehre Buddhas und verkörpern das zweite der drei Juwelen, nämlich den Dharma. Deswegen sollten wir sie mit Respekt behandeln, zum Beispiel hochlegen und nicht darüber steigen. Es geht dabei nicht um die Form oder die einzelnen Buchstaben, sondern um die Bedeutung, die durch diese Buchstaben vermittelt wird. Die Bücher stört es natürlich nicht, wenn wir darüber steigen, aber man sollte die Texte mit Respekt behandeln, damit man mehr und mehr seinen eigenen Stolz verringern kann. Und man sollte sich bewußt sein: bis man Buddhaschaft erlangt hat, ist es nötig, sich auf diesen Weg zu stützen. Deswegen sollte man Respekt davor haben.

Ähnliches gilt auch für Glocke und Dorje, die wir als Vajrayana‑Praktizierende fast alle haben und verwenden. Man sollte sie nicht als allgemeine Gegenstände, wie zum Beispiel Messer oder Löffel betrachten. Sondern wir sollten verstehen, daß sie eine Verkörperung von Buddhas Körper, Rede und Geist sind.

Ein Dorje hat sehr, sehr viele Bedeutungen: der runde Teil in der Mitte des Dorje symbolisiert, daß Samsara und Nirvana aus der einen Natur entspringen, aus der Natur der Wirklichkeit. Aus der Natur der Wirklichkeit ‑ der Leerheit ‑ manifestieren sich all die zornvollen und die friedvollen Yidams heraus. Sie sind im Dorje insofern enthalten, als die oberen acht angedeuteten Blütenblätter die acht männlichen Bodhisattvas, und die acht unteren angedeuteten Blütenblätter die acht weiblichen Bodhisattvas symbolisieren. Die oberen und unteren fünf Speichen des Dorje, die vier und der eine in der Mitte, symbolisieren oben die fünf männlichen Buddhas und unten die fünf weiblichen Buddhas. All die verschiedenen Buddhas, die zornvollen und die friedvollen, sind eine Eigenmanifestation aus dem Dharmakaya‑Geist des Buddha, aus dieser einen Natur und verschmelzen auch wieder in diese Eine. Aus diesem Grund ist der Dorje insgesamt ein Symbol für den Dharmakaya‑Geist des Buddhas.

Was ist nun die Bedeutung der Glocke und des Lautes, der daraus kommt? Am oberen Teil der Glocke sind Buchstaben eingestanzt. Der Klang der Glocke und die Buchstaben ‑ die Keimsilben der acht weiblichen Bodhisattvas ‑ sind ein Symbol für die Lehre des Buddha.

Oben an der Glocke ist das Gesicht von Buddha Vairocana zu sehen. Er steht für die Umwandlung von Unwissenheit in die Dharmadhatu‑Weisheit. Sie ist die Grundlage für die anderen vier Buddhaweisheiten, die aus der Umwandlung der anderen vier Geistesgifte entstehen. Die fünf Speichen oben an der Glocke sind ihrer Natur nach diese fünf Buddha‑Weisheiten. Damit entspricht die Glocke einer Buddha‑Statue.

Wenn man die Glocke mit einem Buddhapalast vergleicht, dann wird der Buddhaaspekt, der sich innerhalb des Buddhapalastes befindet, durch das Gesicht von Vairocana und die acht eingestanzten Silben verkörpert. Der untere Teil der Glocke entspricht dem Vajraschutzkreis, der den Palast umgibt. Die vielen kleinen Dorjes unten und die herunterhängenden Girlanden sind ein Symbol dafür.

Glocke und Dorje symbolisieren also Körper, Rede und Geist aller Buddhas. Deswegen stellt man sie auf den Altar, wenn man sie nicht gerade verwendet.

Das Symbol oder die Stütze für Buddhas Geist sind die Stupas. Man unterscheidet bei Stupas acht verschiedene Formen. Der Grund dafür ist, daß Buddha Shakyamuni zwölf bestimmte Taten gezeigt hat, und acht davon als besonders wichtig betrachtet werden. Zu jeder dieser acht Taten Buddhas gehört eine Form von Stupa. Die erste dieser acht besonderen Taten von Buddha Shakyamuni war zum Beispiel, daß er nach seiner Geburt in Lumbini sofort sieben Schritte in jede der vier Himmelsrichtungen machte. Jeweils dort, wo er diese Schritte hingesetzt hatte, entstanden sieben Lotusblüten. Deswegen gibt es hierfür eine besondere Form von Stupa, bei der ein Teil Blütenblättern ähnelt.

Die Stupa, die viel gebaut wird ‑ die zum Beispiel auch am Kamalashila‑Institut oder am Karma Chöpel Ling (Rödby) steht, ist die sogenannte Erleuchtungs‑Stupa. Sie bezieht sich auf eine andere Tat von Buddha Shakyamuni, nämlich die des Manifestierens seiner vollkommenen Buddhaschaft. Buddha Shakyamuni praktizierte zuerst an einem Fluß sechs Jahre lang harte Askese und ging dann nach Bodhgaya. Er setzte sich in der Vajra‑Stellung unter den Bodhibaum auf einen Sitz aus Kushagras und erlangte vollkommene Buddhaschaft. Dies wird durch die eben beschriebene Stupa symbolisiert. Zusätzlich zu den beiden hier beschriebenen Stupas gibt es noch sechs andere Stupas mit etwas anderer Form, die jeweils zu einer der weiteren sechs besonderen Taten des Buddha gehören.

Dies alles zählt zu der "hergestellten" Form von Tulku. Sie sind ein Objekt, das uns ermöglicht Verdienst anzusammeln. Viele Stellen hier im Westen haben zur Zeit den Wunsch, Stupas zu bauen. Es gibt jetzt schon einige von den Erleuchtungs‑Stupas, und es wäre schön, wenn in Zukunft auch die anderen Stupaformen gebaut werden, damit alle vorhanden sind. Eine andere Form heißt Kadam‑Chörten (Stupa). Es ist diese runde Form, wie man sie von Indien her kennt. Es ist der Stupa für das Ereignis, daß Buddha in das Nirvana eingegangen ist.

Schließlich gibt es noch eine vierte Art, die "vielfältige" Art von Tulku, was sich auf alles bezieht, was zum Nutzen und Wohl der Wesen wirkt. Alle Gegenstände, alle Dinge, die den Wesen helfen, sind damit gemeint. Dazu zählen zum Beispiel all die verschiedenen Arten von Medizin, die den Wesen helfen, wenn sie unter Krankheit leiden. Auch manche Ärzte zählen dazu; insofern, daß sie mit Kranken und Arznei arbeiten, sind alle Ärzte gleich. Aber manche haben ganz von Herzen den Wunsch, den Wesen wirklich zu helfen. In so einem Fall ‑ wenn sie viel Liebe, Mitgefühl und Bodhicitta haben ‑ handelt es sich um Tulkus. Solche Wesen, heißt es, sind Ausstrahlungen von Buddhas und Bodhisattvas.

Wenn zum Beispiel manche Menschen einen Fluß überqueren müssen, dann ist eine Brücke oder ein Fährmann für sie eine Aktivität der Buddhas und Bodhisattvas. Für manche, die sehr unter Hitze leiden, ist der Mond sehr erfrischend und kühlend. Es ist etwas, was ihnen hilft, von ihren Qualen der Hitze frei zu werden und ist damit ein Zeichen der Aktivität der Buddhas und Bodhisattvas.


Von Tenga Rinpoche

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