Aus: Buddhismus Heute Nr. 29, ( 1999)

Der 17. Karmapa in Deutschland

Von Detlev Göbel

Wer könnte sich einen besseren Start für das neue Jahrtausend in Europa denken? Gyalwa Karmapa - einer der größten buddhistischen Meister, der als ein lebender Buddha gilt - besucht zum ersten Mal den Westen! Am 2. und 3. Januar ist er in Düsseldorf in der Philipshalle - ein Ereignis, das den westlichen Buddhismus nachhaltig prägen wird!

Seit der Tibetische Buddhismus Anfang der 70er-Jahre hier Fuß faßte und in den 90er-Jahren große gesellschaftliche Anerkennung erfuhr, lehrten schon viele buddhistische Meister aller möglichen Traditionen und Schulen in Deutschland. Die Besonderheit des Besuches des Gyalwa Karmapa zeigt sich jedoch, wenn man betrachtet, um wen es sich bei Karmapa handelt: Den ersten Besuch eines Lehrers seiner Dimension kann man als ein Jahrhundertereignis betrachten.

Gyalwa Karmapa gilt als einer der größten Meister des Buddhismus, der das Ziel der Lehren Buddhas - die völlige Befreiung von allen geistigen Schleiern und das Hervorbringen aller dem Geist innewohnenden Qualitäten - voll verwirklicht hat. Er ist der erste bewußt wiedergeborene Lama Tibets. Seit nunmehr 17 Leben hinterläßt er vor seinem Tod Hinweise - meist sogar schriftlich - auf seine Wiedergeburt. Diese führten jedesmal zur Auffindung eines Kindes mit besonderen Qualitäten, das sich an Freunde und Schüler aus dem letzten Leben erinnerte und seine Aktivität des letzten Lebens fortführte.

Schon vor über 2500 Jahren stand Gyalwa Karmapa - zu dieser Zeit bereits selbst voll erleuchtet - dem historischen Buddha Shakyamuni als "Liebevolle Augen" (skt.: Avalokiteshvara) zur Seite. Nach mehreren bedeutenden Leben als Verwirklicher (skt.: Yogi) in Indien wählte er all seine späteren Wiedergeburten nördlich des Himalaya, in Tibet. Hier erst wurde er bekannt unter dem Namen Karmapa - "Tatkraft der Buddhas", ein Hinweis auf seine besondere liebevolle Aktivität für die Wesen. Karmapa wurde auch berühmt als der "König der Verwirklicher", als der größte Meditationsmeister des Tibetischen Buddhismus, der als spirituelles Oberhaupt seit dem 12. Jahrhundert die Karma-Kagyü-Linie leitete.

Etwa 300 Jahre vor dem Dalai Lama - der erste Dalai Lama war ein Schüler eines Schülers des vierten Karmapa - begründete er in Tibet das System der bewußten Wiedergeburten. Er selbst fand über die Jahrhunderte die Wiedergeburten von unzähligen Lamas und half in dieser Weise, daß sie ihre Arbeit fortsetzen konnten.

Als Tibet Mitte dieses Jahrhunderts der chinesisch-kommunistischen Invasion zum Opfer fiel, gelang es dem 16. Karmapa nach seiner Flucht, das Weiterbestehen der Kagyü-Linie zu sichern. Mit Hilfe seiner Schüler, vor allem Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl, sorgte er dafür, daß das Wissen um die Natur des Geistes in die westliche Welt kommen konnte. Mehrere Reisen in den 70er-Jahren führten ihn in den Westen, mehrmals auch nach Deutschland. 1981 starb er in den USA.

Seine Wiedergeburt, der 17. Karmapa Thaye Dorje, wurde 1983 im besetzten Tibet geboren, konnte das Land jedoch 1994 verlassen. Seitdem lebte der 17. Karmapa zuerst einige Zeit in New Delhi und jetzt in Kalimpong in Nordindien. Unter der Leitung von Lehrern wie Künzig Shamar Rinpoche, Khenpo Tschödrag Rinpoche und Professor Sempa Dorje durchläuft Karmapa dort eine intensive buddhistische Ausbildung. Er studiert philosophische Texte, die tibetische Sprache und lernt intensiv Englisch bei dem australischen Lehrer Stewart Jarvis. Auch Naturwissenschaft und der Umgang mit den modernen Aspekten der westlichen Informationsgesellschaft - Computer, E-mail, Internet etc. - ist Karmapa bestens vertraut. Mehrere Stunden täglich verbringt er zudem mit Meditationsübungen und macht gelegentlich unter Anleitung verschiedene Zurückziehungen.

Karmapas Besuch in Deutschland ist seine erste Reise in den Westen, wo seit den ersten Besuchen des 16. Karmapa durch die Arbeit von Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl circa 250 Zentren der Karma-Kagyü-Linie entstanden sind, in Deutschland allein ungefähr 80.

Die Karma-Kagyü-Linie ist die am weitesten verbreitete und am deutlichsten in der Mitte der Gesellschaft stehende buddhistische Schule Deutschlands. Die meisten Menschen, die heute den Diamantweg-Buddhismus (skt.: Vajrayana) und die Lehren des "Großen Siegels" (skt. Mahamudra) der Karma-Kagyü-Schule praktizieren, haben jedoch den lebenden Buddha, der das Ziel dieser Lehren verkörpert und voll verwirklicht hat, nie persönlich kennengelernt. Die meisten kamen in der Zeit zum Buddhismus, als der 16. Karmapa gestorben und der 17. Karmapa noch nicht wiedergefunden worden war, und praktizierten unter der Anleitung vieler großer Lehrer, die vom 16. Karmapa ausgebildet und zum Lehren in den Westen geschickt oder zurückgeschickt wurden.

Viele übten mehr als zehn Jahre lang täglich Meditationen, die es dem Praktizierenden ermöglichen, durch die Inspiration des erleuchteten Lehrers Gyalwa Karmapa die Natur des eigenen Geistes zu erfahren. Man kann sich vorstellen, wie sehnsüchtig eine Begegnung mit der Wiedergeburt des 16. Karmapa erwartet wurde! Bei der ersten öffentlichen Vorstellung des 17. Karmapa im März 1994 in New Delhi standen nicht wenigen der Anwesenden - obwohl sonst fest im Leben stehende und bestimmt keine sentimentalen Charaktere - Tränen in den Augen. Die Karma-Kagyü-Linie ist die buddhistische Schule, in der am meisten die Offenheit zum Lehrer und ein liebevolles und inniges Vertrauensverhältnis von Lehrer und Schüler betont wird. Dieser Weg ist es, der schnellste Resultate der Meditation und intensive menschliche Entwicklung ermöglicht.

Nun endlich ist es für die vielen Praktizierenden möglich, den Hauptlehrer der Linie nicht nur in Meditation, sondern auch physisch zu begegnen. Seit der öffentlichen Vorstellung des 17. Karmapa 1994 in New Delhi, Indien haben ihn zwar schon Tausende von Westlern in Indien besucht und kennengelernt. Vielen war das aber bisher noch nicht möglich und entsprechend groß war die Freude, als Anfang Oktober die Bestätigung für den Besuch Karmapas bekannt wurde.

Karmapa wird an diesen beiden Tagen in Düsseldorf zwei "Ermächtigungen" geben, eine Besonderheit des Diamantweg-Buddhismus, bei der der Lehrer einen in das Kraftfeld eines Buddhas einführt. Der Nutzen einer solchen Ermächtigung kann nicht überschätzt werden; sie ist der geistige Same für Befreiung und Erleuchtung in kürzester Zeit. Die Gelegenheit, so etwas zudem von einem Meister wie Karmapa zu bekommen, ist etwas sehr Seltenes und Kostbares, was man getrost zu den wichtigsten Ereignissen des eigenen Lebens rechnen kann.

Traditionelle Texte aus Tibet sprechen davon, daß nur ein einziger Kontakt zu einem Wesen wie Karmapa so viele positive Eindrücke in den Geist pflanzt, daß diese auf viele Leben hin zu mehr Glück und weniger Leid führen werden. In einer Prophezeiung des Buddha selbst (aus dem Samadhiraja-Sutra) heißt es, "...wird der Erleuchtungs-Held mit der Löwenstimme kommen, genannt ‚Karmapa‘. Die Kraft, die er in tiefer Meditation erlangte, wird er zum Wohl der fühlenden Wesen verwenden. Indem sie ihn sehen, hören, berühren oder an ihn denken, werden sie zum Glück geführt."


Detlev Göbel, Jahrgang 1960, seit 1984 Schüler von Lama Ole Nydahl.
Reiselehrer seit 1992, Redakteur der "Buddhismus Heute".

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