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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 28, ( 1999)

Losar in Kalimpong - Ein Reisebericht

Begegnungen mit Karmapa Thaye Dorje zum Tibetischen Neujahr '99

Eine Gruppe von zehn Leuten aus dem  Züricher Zentrum nahm die Neujahrsfeier vom 17. Februar ‘99 und Oles Besuch bei Karmapa zum Anlaß, um aus dem tiefverschneiten Europa nach Kalimpong im Nordosten Indiens aufzubrechen. Wir waren nicht ganz allein mit dieser Idee, wie sich zeigte – wir trafen rund 150 Westler, und an der Langlebensbuddha-Einweihung, die Karmapa am 19. Februar gab, nahmen wohl mehr als 1000 Leute teil. Waren es im Vorjahr noch 40 Westler und fand die damalige Einweihung noch im Empfangsraum von Karmapa statt, werden fürs nächste Jahr über 1500 Leute erwartet – so schnell entfaltet sich der Kraftkreis des jungen Karmapas (er wird im Mai dieses Jahres 16 Jahre alt)!

Begegnung von Karmapa und Lama Ole

Drei aus unserer Gruppe hatten die Gelegenheit, nach Lama Oles Ankunft am Abend des 17. Februar beim Zusammentreffen von Karmapa mit dem Quartett “TCHO” (Tomek, Caty, Hannah und Ole) dabei sein zu können. Ergreifend die Hingabe, mit der Ole und Hannah ihren Lehrer begrüßten!

Ole übergab den Ordner, in dem alle Zentren, die sich zur Zeit in Vereinsbesitz befinden, dargestellt und abgebildet sind, an Karmapa und legte so symbolisch alle Zentren in Karmapas Hände. Karmapa dankte Ole und Hannah für ihre Arbeit und die Zentren, und Ole betonte, daß es ja seine – Karmapas – Kraft und Wünsche gewesen seien, die alles entstehen ließen.

Erinnerungen an den 16. Karmapa tauchen auf, Ole erinnert an das kraftvolle Lachen, das mehrere Räume weit hallte. Er vergleicht die Aktivität des 16. Karmapa mit dem “Big Bang”, dem Urknall, und diese dehne sich stetig noch aus, so daß heute über 200 Zentren zur Verfügung stünden, um den Dharma zu lehren. Ole erläutert Karmapa die Prinzipien, wie die Zentren wachsen, nämlich nach dem “Graswurzelprinzip”, also nicht hierarchisch, und durch enge freundschaftliche Bande verbunden. Transparenz sei wichtig, alles müsse offen auf den Tisch gelegt werden, damit man nicht in Gefahr gerate, ins Abseits einer Sekte zu geraten.

Hannah und Ole laden Karmapa ein, bald im Westen zu lehren. Er antwortet, er sei darauf noch nicht vollständig vorbereitet, worauf Ole erzählt, wie Hannah und er zu lehren gelernt hätten, nämlich indem sie es einfach taten, resp. tun mußten (“learning by doing”). Als sie nämlich anfangs der 70er Jahre nach Kopenhagen zurückgekehrt waren, habe man ein Zentrum im Hinblick auf das baldige Kommen von Kalu Rinpoche gestartet. Dieser erschien jedoch mehr als ein Jahr nicht, die Leute wollten jedoch etwas über den Dharma erfahren, und so habe er, Ole, begonnen zu lehren und Zentren zu gründen, wobei man – Ole lacht laut dabei – keinen Fehler ausgelassen habe. Karmapa fügt hinzu, Fehler seien nützlich, um zu lernen.

Auffallend, wie offen und vertraut das Verhältnis von Karmapa mit Hannah und Ole war, obschon sie sich ja seit einem Jahr nicht mehr gesehen hatten. Karmapa verfolgte aufmerksam Oles Ausführungen, die, meist sprudelnd frisch, durch Pausen ergriffenen Schweigens ihren besonderen Rhythmus gewannen.

Ole fuhr fort, daß wir die Karmapa-Meditation weiterhin auf den 16. Karmapa praktizieren, da sie dessen Inspiration entsprungen war, und mit Freude darauf warten, daß er, der 17. Karmapa, uns seine eigene Meditation geben werde – worauf Karmapa fast erschrocken meinte, ob man schon jetzt damit rechne. Ole – lachend wie alle – beschwichtigte, daß er sich natürlich Zeit lassen könne, bis sich die Inspiration zeige. Als Ole bei anderer Gelegenheit Karmapa – als Initialzündung zum Beginn der Medizinbuddhapraxis im Westen – eine Einweihung auf den Medizinbuddha vorschlug, lehnte Karmapa ab mit dem Hinweis, er sei dazu noch nicht genügend vorbereitet – für uns Zeichen, wie gewissenhaft er seine Aufgabe nimmt.

Um mit möglichst vielen Menschen direkt kommunizieren zu können, lernt Karmapa die wichtigsten Weltsprachen. Neben Englisch, das er bereits fließend spricht, wünscht er auch Deutsch zu lernen, eine romanische (wohl Spanisch) und slawische Sprache werden folgen. Sehr viele Leute im Westen, so Ole, warten auf Karmapa, man werde wohl Riesenhallen brauchen, wenn er komme, und man sei sehr dankbar, daß Karmapa keine Mühe scheue, mit vielen Leuten in Kontakt zu treten und sie zu segnen. Darauf antwortet Karmapa schlicht, das sei seine Aufgabe.

Auch spannende Seiten (im landläufigen Sinn) des Lebens kommen zur Sprache: Karmapa hat den Video über Oles Fallschirmsprung gesehen – “es war, als wäre ich selber gesprungen!” – und Ole verspricht ihm, daß wenn er nach Europa komme, er auch springen werde, worauf Karmapa begeistert mit “Ja” zustimmt.

Ole erinnert dann an die rasanten Autofahrten durch Frankreich mit dem 16. Karmapa (wir fragen uns, ob sich Karmapa daran wohl auch erinnert) und berichtet von den tollen Motorrädern, die heute zur Verfügung stünden, und dem BMW, der 260 schaffe – Karmapa fragt nach: “Meilen?” und nimmt zur Kenntnis, daß es bloß km/h sind. Solcherlei Aktivitäten seien natürlich nur ohne Roben und in Jeans möglich, was Karmapa nicht erschüttert, überhaupt will er es offen lassen, ob er zeitlebens Mönch bleibt… Er ist im übrigen von kräftiger Statur, trainiert täglich Liegestützen und sonntags steht ein Lauf auf den nahegelegenen Berg auf seinem Programm.

Karmapa hat Tomeks Buch (Rogues in Robes, Gauner in Roben) teilweise gelesen und findet es gut. Ole betont einmal mehr, daß er sich in keiner Weise eingemischt und nichts gelesen habe, bevor es fertig geschrieben war, worauf Tomek in einer Mischung aus Verzweiflung und Freude ergänzt, daß Ole bloß jeden Tag gefragt habe, wie weit er sei… und Hannah nüchtern festhält, daß Ole sich zwar inhaltlich völlig rausgehalten, das Erscheinen aber möglichst beschleunigt habe. Shamarpa (den Ole anschließend traf), hält das Buch für sehr wichtig und wünscht, daß es auf Tibetisch und Nepali übersetzt wird.

Rumtek

Am Tag nach Losar (18. Februar) machte unsere Gruppe zusammen mit vier Freunden aus Deutschland einen Ausflug nach Rumtek, dem Stammkloster des 16. Karmapa in Sikkim, das in der jüngeren Geschichte unserer Linie eine so wichtige Rolle spielt. Rumtek ist ein Dorf, das sich in etwa 2000 Meter Höhe auf dem Gangtok, der Hauptstadt Sikkims, gegenüberliegenden Berg befindet. Fast das ganze Dorf und das Kloster sind eingegrenzt und werden bewacht. Im Klosterhof wurden vor wenigen gelangweilten Zuschauern Tänze dargeboten, ein einsamer Gyaltsab Rinpoche schaute vom ersten Stock aus zu. Wir vermissten die “Segensschwingung” früherer Tage – das Kloster wirkte wie eine Mischung aus Museum und Kulisse. Der Stupa mit den Reliquien des 16. Karmapa ist nur noch durch eine Glasscheibe zu sehen, eine Umschreitung also nicht möglich, und Fotografieren ist verboten. Die Mönche wirken unbeteiligt, die Stimmung ist gedrückt und unfroh, der Mönch, der uns den Stupa-Raum aufschloß, war unwirsch und ließ uns nur ein paar Minuten Zeit in dem Raum, wo früher die Besucher lange meditieren konnten. Für die in unserer Gruppe, die früher, also vor 1992, schon mit Ole in Rumtek waren, war es ein ziemlicher Schock.

Ganz anders war die Stimmung im Hause der Familie von Lama Tsultrim Namgyal, dem persönlichen Diener des 16. und heute des 17. Karmapa, nur wenige hundert Meter unterhalb des Klosters. Kaum hatten wir mitgeteilt, wer wir waren, wurden wir freudig empfangen, freundlich bewirtet und ein intensiver Austausch fand statt. Wir erfuhren, daß das ganze Dorf gespalten ist, und zwar heute etwa zur Hälfte, das heißt die Hälfte des Dorfes hält zu Künzig Shamarpa und Karmapa Thaje Dorje. Die Situation ist insofern besser, daß man sich nur noch aus dem Wege geht und nicht mehr offen bekämpft.

Hingegen ist es den Shamarpa-Anhängern seit 1992 nicht mehr möglich, ins Kloster zu gehen. Die Mönche im Kloster sind neben wenigen Alteingesessenen vorwiegend arbeitslose Bhutanesen, die in Roben gesteckt wurden.

Noch ein Stück weiter unterhalb des Klosters liegt das Haus von Künzig Shamarpa, wo die Getreuen von Karmapa wohnen, rund 150 Mönche, darunter viele jugendlichen Alters, in einem kleinen, dreistöckigen Haus. Der Karmapa Charitable Trust hat nun wegen der widerrechtlichen Übernahme des Klosters ein Gerichtsverfahren angestrengt und es sollte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Karmapas Mönche wieder in ihr Kloster zurückkehren können. Wir trafen sie in der Gompa, einem Ameisenhaufen ähnlich. Natürlich hatten sie große Freude, so unverhofft Besuch zu bekommen. Es gab eine kurze, herzliche Begegnung, bloß war es ihnen peinlich, uns nichts anbieten zu können.

Am Tag darauf kamen die meisten Mönche nach Kalimpong zur Einweihung. Dabei kam es zum ersten Zusammentreffen seit 1992 von Ole mit seinen etwa dreißig alten Freunden aus Rumtek. Gelegenheit für Ole, einige Mißverständnisse zu klären, nämlich, daß er nichts gegen Mönche in Asien habe, daß im Gegenteil die Rumtekmönche im Westen als Helden gälten. Hingegen halte er den Mönchsweg für Westler im allgemeinen für ungeeignet.

Für die Tibeter war es sehr wichtig, Ole gesund und kraftvoll zu sehen, gilt er doch als Schützer der Linie. Sie sehen dies als gutes Omen für die Übertragungslinie.

Einweihung

Vor der Einweihung auf den Buddha des Langen Lebens (skt.: Amitayus, tib.: Tsepame) fand die Übergabe der Kataks an Karmapa statt, Reihen von Hunderten von asiatischen Mönchen und Laien zogen an Karmapa, der im Eingang des Hauses auf einem Thron saß und den schwarzen Hut trug, vorbei. Vor der eigentlichen Einweihung, die in einem Zelt auf einem größeren Platz neben dem Haus gegeben wurde, hielt Sempa Dorje – der jetzige Dharmalehrer Karmapas, einer der gelehrtesten Männer des gesamten tibetischen Buddhismus, der alle vier Übertragungen hält – eine Rede, die von Hannah übersetzt wurde. Dieser Lehrer stammt aus einem kleinen Dorf im westlichen Himalaya, seine Ausstrahlung war heiter und klar, und er gab seiner Freude Ausdruck, vor einem derart internationalen Publikum sprechen zu können. Er sprach über das Verhältnis zum Lehrer in den drei Fahrzeugen, die Notwendigkeit, zu checken und nicht blind zu glauben, und die Hingabe an den Lehrer, dem man vertraut – in einer Art und Weise, wie wir es von Ole gewohnt sind. Es freute uns alle natürlich sehr, daß eine derart tiefe und grundlegende Übereinstimmung über zentrale Themen zwischen dem Lehrer Karmapas und Ole besteht – eine Freude, die Ole mit uns teilte!

Die Einweihung gab Karmapa prachtvoll gekleidet mit dem Gampopa-Hut. Nach der stundenlangen Katak-Übergabe folgte die ebenfalls stundenlange Segnung der ganzen Schar von 1000 Leuten. In natürlichem Gleichmut, gegen Ende leicht verschwitzt (es war um die 30 Grad warm), die Beine eingeschlafen, war er ein lebendiges Zeugnis dafür, daß er da ist, um den Menschen zu helfen.

Wir begegneten Karmapa Thaje Dorje in den paar Tagen bei verschiedenen Gelegenheiten. Immer war er frisch, offen und natürlich. Er empfängt Besucher auch im inoffiziellen Rahmen; so hatten wir die Möglichkeit, Persönliches zu erzählen und zu fragen. Seine herzliche und spontane Art, mit uns in Kontakt zu treten, beeindruckte uns sehr. Karmapas 14jähriger Bruder, ein Gelugpa-Tulku, war für einige Tage zu Besuch und uns fiel auf, daß er eine ganz andere Ausstrahlung hatte.

Die Begegnungen mit Karmapa und Ole erfüllten uns alle mit Freude und Energie und stärkten uns, einige Reinigungen gelassen hin- und unsere Aufgaben im Dharma wahrzunehmen!


Matthias Sommerauer, geb. 1950, Psychiater in eigener Praxis, Zuflucht 1996 bei Lama Ole, lebt seit einem Jahr im Zentrum Zürich.