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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 28, ( 1999)

Ein kurzer Überblick über das Leben Milarepas

Von Lopön Tsechu Rinpoche

Milarepa stammt zwar aus der Kagyü-Linie, ist aber weit darüber hinaus berühmt. Er wird von allen Traditionen Tibets gleichermaßen respektiert. Sein Name ist nicht nur in den buddhistischen Schulen Tibets be-kannt, sondern in der ganzen Welt, da die Bücher mit seiner Lebensgeschichte überall übersetzt wurden. Milarepas Qualitäten sind so besonders, daß wo auch immer man von ihm hört, wo auch immer sein Name erwähnt wird oder man die Möglichkeit hat, etwas über sein Leben zu hören oder zu lesen, Vertrauen und Offenheit im Geist entstehen.

Hier ein kurzer Überblick über sein Leben, gegeben anläßlich einer Milarepa-Ermächtigung.

Rechungpa, einer von Milarepas Hauptschülern, bat ihn zum ersten Mal, zu erzählen wo und wann er geboren worden war und was er alles erlebt hatte. So kam es dazu, daß seine Lebensgeschichte an einem Platz namens Nyanang, nahe der Grenze zwischen Tibet und Nepal, aufgeschrieben wurde.

Milarepa wurde um 950 nahe der nepalesischen Grenze in Gungthang - einer der vielen Provinzen Tibets - geboren. Die Gegend dort hieß Kya Ngatsa und ist drei Tage Fußmarsch von der Stelle entfernt, wo Lama Kalsang (Tsechu Rinpoches ständiger Begleiter) herkommt. Der Name seines Vaters war Mila Dorje Gyaltsen und der seiner Mutter Nyangtsa Kargyen. Die Familie war sehr wohlhabend, sie hatten ein großes Haus mit vier Pfeilern und acht Balken. Der Vater war Geschäftsmann, reiste sehr viel und machte alle möglichen Geschäfte. Als seine Frau schwanger war, befand er sich auch gerade auf Reisen, und es gab ja in jener Zeit keine Telefone, nichts von den heutigen modernen Kommunikationsmitteln. Als er also Leute traf, die aus seiner Gegend kamen, fragte er sie, ob seine Frau das Kind bekommen hätte. Sie erzählten ihm, daß ein Junge geboren worden sei und daß es Mutter und Kind gut gehe. Der Vater war so froh über die Nachricht, daß er gleich auf der Stelle dem Sohn den Namen Thöpaga gab, was bedeutet: "Gute Neuigkeiten". Mila war also der Familienname, der eigentliche Name Milarepas war Thöpaga. Später gebar die Mutter noch ein Mädchen, so daß Milarepa zu einer Schwester namens Peta kam.

Als Milarepa und seine Schwester noch sehr klein waren, wurde der Vater sehr krank und ließ, als sein Tod unmittelbar bevorstand, viele Verwandte herbeirufen, als Zeugen für seinen letzten Willen. Dann bat er einen Onkel und eine Tante, sich nach seinem Tod um die beiden Kinder zu kümmern. Er könne nun angesichts seines Todes nicht mehr für sie sorgen und denke, daß diese beiden Leute die Besten wären, seine Rolle zu übernehmen. Er bat sie, sich der Kinder anzunehmen und es wurde festgelegt, daß sie für Thöpaga verantwortlich sein sollten, bis dieser erwachsen sein würde.

Kurz nachdem der Vater gestorben war, kamen Onkel und Tante zu Milarepas Mutter und den Kindern und sagten: "Wir werden uns jetzt um euch kümmern und euer Haus und euren Besitz übernehmen". Die Mutter sagte: "Nein, das ist nicht, was mein Mann sagte. Er bat euch, nach meinen Kindern zu schauen und uns zu helfen, wenn irgendwas geschehen sollte. Er sagte nie, daß ihr unser Haus, unsere Felder und unseren Besitz übernehmen sollt".

Der Onkel ignorierte jedoch ihren Protest und die anderen Verwandten, die als Zeugen dabei gewesen waren, halfen ihr auch nicht. So wurde der Mutter und den Kindern ihr ganzer Besitz weggenommen. Sie lebten wie Diener in einem kleinen Teil des Hauses, bekamen kaum etwas zu essen und nur Lumpen als Kleidung. Sie hatten eine sehr schlechte Zeit dort, wurden wie Hunde behandelt und lebten unter armseligsten Umständen.

Milarepa hatte lesen gelernt und seine Mutter schickte ihn nun in Häuser zum Vorlesen von Texten. Es war eine Tradition, daß man verschiedene religiöse Texte rezitieren ließ, um damit langes Leben oder anderen Nutzen zu bewirken. Da Milarepa lesen konnte, hatte er damit die Möglichkeit, sich ein bißchen Essen oder Geld zu verdienen, das er dann zu seiner Mutter nach Hause brachte. So waren sie einigermaßen in der Lage zu überleben.

Milarepa hatte eine sehr schöne Stimme und manchmal, wenn er irgendwo zum lesen war, gab man ihm auch Chang, eine Art von Bier, zu trinken. Einmal bekam er ziemlich viel und war anscheinend recht betrunken, denn er begann abends auf dem Heimweg zu singen. Seine Mutter bereitete gerade in ihrer Unterkunft Tsampa zu, geröstetes Gerstenmehl, als sie ihn draußen singen hörte. Sie dachte, daß sich die Stimme wie die von Thöpaga anhörte, aber daß das ja nicht sein könne. Unmöglich, daß er singend heimkommt, wo es ihnen doch so schlecht ging! Als er aber näher und näher kam, erkannte sie, daß es tatsächlich er war und sie regte sich sehr darüber auf, wie er angesichts ihrer Leiden singen könne. Als Milarepa durch die Tür kam, warf sie ihm heiße Asche ins Gesicht, schlug ihn und machte ihm heftige Vorwürfe, was ihm einfalle, sich so zu benehmen. Sie drohte sogar, sich umzubringen. Milarepa wurde still und wußte nicht, was los war. Er machte sich Sorgen um die Mutter, entschuldigte sich und bat sie, nichts anzustellen. Er sagte: "Ich werde alles tun, was du von mir erwartest. Bitte sag, was ich tun soll".

So bereitete sie ihm am nächsten Morgen noch etwas Wegzehrung und schickte ihn dann mit dem Auftrag fort: "Finde einen Lehrer, der dir Schwarze Magie beibringen kann. Lerne von ihm und komm zurück. Ich will, daß du vor meinen eigenen Augen diese Schwarze Magie gegen Onkel und Tante praktizierst, sonst werde ich mich umbringen. Es reicht nicht, daß du es nur lernst. Du mußt es so gut lernen, daß du es auch erfolgreich anwenden kannst."

Er folgte ihren Anweisungen, überquerte einen Gebirgspaß und fand einen sehr bekannten Lehrer für Schwarze Magie. Milarepa erzählte ihm die ganze Geschichte von Anfang an, wie sein Vater gestorben war und Onkel und Tante den ganzen Familienbesitz an sich rissen. Er berichtete, wie schlecht sie behandelt wurden und was ein paar Tage zuvor geschehen war, als er betrunken heimkam und die Mutter ihm Vorwürfe machte. Milarepa bat den Lehrer inständig, ihm Magie beizubringen, denn wenn er nicht Onkel und Tante vernichten könne, dann würde sich seine Mutter umbringen.

Der Lehrer nahm ihn zuerst nicht an, aber Milarepa bat ihn immer wieder und wieder, bis er schließlich doch zustimmte, ihm eine dreieckige Hütte baute und ihm die Methoden beibrachte. Milarepa ging in die Hütte und praktizierte das Gelernte. Er war sehr fleißig, praktizierte intensiv was der Lehrer ihm beigebracht hatte und erhielt nach neun Tagen die Resultate. Zu dieser Zeit zog die Braut eines Sohns des Onkels ins Haus, was groß gefeiert wurde. Alle wichtigen Verwandten waren im Haus versammelt, tatsächlich all die, die damals Zeugen gewesen waren am Sterbebett des Vaters, als dieser Onkel und Tante bat, der Familie zu helfen, wenn etwas passieren würde. Sie alle hatten nichts unternommen als Onkel und Tante später Milarepa und seine Mutter so schlecht behandelt hatten. Als während der Feier Onkel und Tante einmal draußen standen, um die Geschenke an die Verwandten, ein üblicher Brauch zu der Zeit, zu besprechen, wirkte Milarepas Magie sich aus: Die Tiere im unteren Teil des Hauses verwandelten sich plötzlich in verschiedene Arten anderer Tiere, die dann das ganze Haus zum Einsturz brachten, so daß alle Leute darin starben.

All dies geschah, während Milarepa in seiner kleinen dreieckigen Hütte saß. Der weltliche Schützer, den er aktiviert und der für ihn diese Aufgabe getan hatte, brachte ihm die Köpfe von 35 Menschen. So wußte Milarepa, daß er erfolgreich gewesen war. Am nächsten Morgen ging er zu dem Lehrer und erzählte ihm, was geschehen war. Der Lehrer bestätigte ihm: "Du warst erfolgreich und kannst deine Zurückziehung jetzt beenden".

Im Dorf hörte Milarepas Mutter was geschehen war und war völlig außer sich vor Freude. Sie erzählte überall: "Jetzt seht ihr, was Onkel und Tante zugestoßen ist. Mein Sohn hat seine Arbeit gut gemacht." So redete sie überall und der Onkel und die Tante, die einzigen Überlebenden, regten sich darüber sehr auf. Sie kamen zu ihr und machten ihr Vorwürfe, wie sie sich so benehmen könne, wie sie so glücklich sein könne wo doch so viele Menschen gestorben seien. Sie setzten die Mutter ziemlich unter Druck, so daß diese einen Brief an Milarepa schrieb: "Du hast eine gute Arbeit geleistet, danke. Aber es reicht noch nicht, denn Onkel und Tante sind immer noch hier und belästigen mich. Zerstöre die ganze Ernte, so daß sie nichts zu essen haben und völlig vernichtet werden".

In dieser Gegend gab es manchmal Hagelstürme und es war auch gerade die Jahreszeit dafür. Sie bat Milarepa in dem Brief, daß er Hagelstürme schicken solle, die alles zerstören würden. Als Milarepa den Brief seiner Mutter erhielt, ging er damit zu seinem Lehrer und dieser sagte: "Du hast wohl keine einfache Mutter, Thöpaga. In Ordnung, ich werde dir beibringen, wie man Hagelstürme macht". Er gab ihm die Erklärungen und Milarepa ging wieder in seine dreieckige Hütte um sie zu praktizieren. Wieder war er erfolgreich: Ein Hagelsturm mit riesigen Körnern vernichtete die ganze Gegend. Die einzige Stelle, die verschont blieb, war der kleine Garten von Milarepas Mutter.

Nach diesen beiden Vorfällen, den vielen Toten im Haus und dem Hagelsturm, konnte Milarepa unter keinen Umständen mehr zurückkehren. Die Leute im Dorf hätten ihn umgebracht. So beriet er sich mit dem Schwarzmagier, wie es weitergehen solle. Sie kamen überein, daß angesichts der ganzen Situation und des Hintergrundes - dem Geisteszustand seiner Mutter und all der Sachen, die er nun getan hatte - es das Beste sei, sich zu verändern und den Dharma zu lernen. Er und sein Lehrer hatten zusammen Dinge getan, die schlimme Auswirkungen auf sie haben würden. Sie würden beide in niederen Existenzformen wiedergeboren werden, und so kamen sie überein, daß Milarepa fortgehen und den Dharma erlernen solle. Wenn er ihn gelernt und verwirklicht hätte - und er war ja sehr fleißig und erhielt schnelle Resultate in was auch immer er praktizierte - solle er sich an seinen Lehrer erinnern und auch ihm helfen.

Milarepas Lehrer schickte ihn erst zu verschiedenen anderen Lehrern. Sie waren zwar alle in Ordnung, aber wenn Milarepa zu ihnen kam, war klar, daß es nicht wirklich seine Lehrer waren; ihr Weg war nicht sein Weg. Einer von ihnen war ein großer Dzogchen-Lehrer, der Milarepa gleich die höchsten Lehren gab. Er sagte Milarepa, daß er mit diesen Lehren am gleichen Tag erleuchtet würde, wenn er sie am Tag praktizieren würde und in der gleichen Nacht, wenn er sie nachts üben würde. Milarepa dachte sich: "Ich habe neun Tage gebraucht, um die erste Art von Magie zu erlernen und sieben Tage für die zweite Art, und ich hatte sehr gute Resultate. Dies hier klingt wirklich sehr einfach."

Er dachte, daß der Lehrer ihm eigentlich keine Praxis zum Üben gegeben hatte. Also machte er es sich bequem, schlief und ruhte sich aus, ohne daß irgendwas weiter geschah. Nach ein paar Tagen kam der Lehrer um nachzuschauen und fand Milarepa im Halbschlaf vor. Milarepa sagte ihm, daß er nichts getan hätte, weil es so leicht klang. Er hätte nicht gewußt, was er eigentlich hätte praktizieren sollen und habe deshalb nur geschlafen. Milarepa war ehrlich und der Lehrer sagte ihm: "Es scheint, daß ich dir diese Belehrungen zu früh gegeben habe und es ist auch offensichtlich, daß wir keine richtige Lehrer-Schüler-Verbindung miteinander haben. Ich schlage vor, daß du zu einem anderen Lehrer gehst."

Schließlich wurde Milarepa zu dem geschickt, der sein wirklicher Lehrer wurde, zu Marpa dem Übersetzer. Bis zu dem Ort wo Marpa lebte, war es eine zweimonatige Reise, denn man mußte zu Fuß gehen, es gab kein anderes Transportmittel. Als Milarepa schließlich dort ankam, erzählte er Marpa seine Geschichte von Anfang an, wie sein Vater gestorben war und was danach alles geschehen war. Er ließ kein einziges Detail aus und sagte Marpa dann, daß er hier und jetzt nichts mehr besitze: "Ich kann dir nichts geben außer Körper, Rede und Geist. Bitte lehre mir das Dharma, ich muß ihn jetzt lernen, sonst bin ich für immer verloren." In dieser Weise wendete er sich an Marpa und bat ihn so eigentlich, ihm Essen, Kleidung und das Dharma zu geben. Marpa war am Anfang ziemlich distanziert und antwortete ihm: "Ich kann dir nicht alles geben, nicht Essen, Kleidung und das Dharma zusammen. Entweder gebe ich dir das Dharma, dann aber kein Essen und keine Kleidung. Oder du bekommst das von mir, mußt dir das Dharma aber von jemand anders holen."

In dieser Weise hielt er Milarepa erstmal auf Abstand und Milarepa mußte ihn immer und immer wieder bitten: "Ich muß von dir lernen. Bitte, ich schenke dir Körper, Rede und Geist. Nimm mich als Schüler an." Schließlich stimmte Marpa zu und sagte, daß Milarepa dableiben könne. Dann sagte er: "Ich möchte, daß du zuerst einmal ein Haus für meinen Sohn baust. Aus deiner Geschichte ist mir klar, daß du sehr fleißig bist, deshalb möchte ich, daß du meinem Sohn ein Haus mit neun Stockwerken baust. Danach werde ich dir den Dharma lehren." Damit fing für Milarepa die Zeit der harten Arbeit an. Das erste Haus, das Milarepa baute, sollte eine runde Form haben. Er mußte es ganz allein bauen und die Steine auf seinem eigenen Rücken herbeischleppen. Als er einige Stockwerke fertig hatte, kam Marpa zu ihm und sagte: "So wollte ich das Haus nicht! Reiß alles wieder ein, es soll anders aussehen."

Er sagte Milarepa dann, daß es die Form eines Halbkreises haben solle. Wieder tat Milarepa was Marpa ihm auftrug, riß das Haus ab und fing an, ein neues in Halbkreisform zu bauen. Als er wiederum einige Stockwerke fertig hatte, kam Marpa und sagte: "Nein, nein. So sollte es nicht gebaut werden, du mußt alles wieder einreißen. Ich will ein dreieckiges Haus." Milarepa konnte nichts sagen, denn Marpa hätte nur erwidert: "Was willst du? Du hast 35 Menschen getötet, wie kannst du mir irgend etwas sagen? Denkst du etwa, ich wüßte nicht was ich tue? Du solltest froh sein, daß du dieses Haus für mich bauen kannst." Wieder riß Milarepa alles ein und fing mit einem neuen Haus an. Als er einige Stockwerke des dreieckigen Hauses fertig hatte, kam Marpa zu ihm. Milarepa wandte sich jetzt an Marpas Frau als Zeugin: "Stimmt es nicht, daß er mir sagte, ich solle dieses Haus bauen?", denn Marpa sagte: "Ich habe dir nie gesagt, daß du so ein Haus bauen sollst. Natürlich sollst du kein dreieckiges Haus bauen."

Milarepa bat Marpas Frau, es zu bezeugen. Aber Marpa ignorierte das völlig: "Willst du jetzt etwa noch diese Frau als Zeugen nehmen und gar behaupten, ich sei betrunken gewesen? Wie kannst du so etwas tun? Das ist sehr schlecht. Reiß das Haus wieder ein!" Danach zeigte er ihm genau wie das Haus gebaut werden sollte, diesmal viereckig, und Milarepa fing wieder an.

Während der Bauzeit für dieses Haus erging es Milarepa besonders schlecht. Er bekam große Wunden auf dem Rücken, mußte aber trotzdem alles auf seinem Rücken tragen. Während der ganzen Zeit als Milarepa die Häuser baute, kamen andere Schüler zu Marpa und erhielten Belehrungen und Ermächtigungen von ihm. Milarepa sah das mit an, es wurde ihm aber nie erlaubt, daran teilzunehmen und er bekam nie irgendeine Belehrung. Schließlich ging es ihm so schlecht, daß Marpas Frau Dagmema sich einmischte. Seine Wunden auf dem Rücken waren so schlimm geworden, daß er die Steine einfach nicht mehr tragen konnte und so sagte sie zu Marpa: "Man läßt nicht einmal Tiere arbeiten, wenn sie solche Wunden haben, nicht einmal Pferde. Wie kannst du zulassen, daß Thöpaga mit diesen Wunden weiter Steine trägt?"

Sie bestand darauf, daß Marpa ihn besser behandeln und ihm die ersehnten Belehrungen geben solle. Danach wurden Milarepa zwar einige Pausen gewährt, aber Marpa gab ihm immer noch keine Belehrungen, bis er tatsächlich mit dem neun-stöckigen Haus fertig war. Eines Tages rief Marpa ihn dann herein, ließ auch alle anderen zusammenrufen und sagte allen, daß heute Thöpagas Tag sei. Er hätte seine Arbeit erledigt und sei nun bereit für den Dharma. Marpa segnete den Platz und gab ihm die Belehrungen.

Milarepa bekam die volle Übertragung von Marpa, alle Einweihungen und Belehrungen, und er praktizierte die Lehren entsprechend. Aufgrund seiner starken Verbindung zu seinem Lehrer Marpa war es Milarepa möglich, die vollen Resultate in einem Leben zu bekommen. Das ist es, was an Milarepa so besonders ist: er war fähig, den Anweisungen Marpas wirklich zu folgen. Diese wurden natürlich mit Berücksichtigung seines Hintergrundes gegeben. Diese Weise war der effektivste Weg, wie Marpa ihn lehren konnte, denn um in diesem Leben die Resultate zu bekommen, war es nötig, daß Marpa ihn all diese Härten durchmachen ließ.

Eines Tages während seiner Praxis ging Milarepa zu Marpa und bat ihn um die Erlaubnis, seine Heimat zu besuchen. Er sagte Marpa, daß er nur einmal dorthin gehen wolle, um zu schauen, wie es dort jetzt sei, ob seine Mutter noch am Leben sei oder nicht. Marpa erwiderte ihm: "Als du hierher kamst, sagtest du mir, daß du nichts hast und mir Körper, Rede und Geist schenkst. Jetzt plötzlich redest du, als wenn du noch etwas zu erledigen hättest. Ich weiß nicht, wovon du redest. Natürlich kannst du gehen, es liegt bei dir, du kannst tun was du willst. Wenn du denkst, daß du gehen mußt, dann tu das. Es ist okay, aber es ist nicht, was du mir am Anfang gesagt hast." Marpa sagte ihm auch, daß es ein langer Weg sei und daß er nicht glaube, daß sie sich in diesem Leben wiedersehen würden.

Milarepa ging also zurück in sein Heimatdorf, wo er das Haus, in dem er und seine Mutter gelebt hatten, in Ruinen vorfand. Drinnen lagen die Knochen seiner in der Zwischenzeit verstorbenen Mutter. Es war alles ein ziemlich trauriger Anblick. Er ging hinein, setzte sich und machte starke Wünsche. Dann sammelte er die Knochen seiner Mutter und formte daraus einige Tsatsas und eine kleine Stupa zum Nutzen seiner Mutter. Diese Stupa, in der auch eine Mala von Milarepa war, existiert heute nicht mehr, sie fiel der natürlichen Zerstörung zum Opfer.

Lopön Tsechu Rinpoche:
"Ich habe einige Zeit in der Gegend verbracht, wo Milarepa später in den Höhlen meditierte und habe sie alle besucht. In einigen blieb ich nur ein paar Tage, in anderen länger. Sie haben manchmal Namen, die mit der Art von Praxis zusammenhängen, die Milarepa dort übte, und die Namen haben insofern eine große Bedeutung. Der Name einer der Höhlen, in der Milarepa am Anfang seiner Praxis lebte, bezieht sich auf die Nesseln, die er damals immer aß. Ihr kennt das von den Bildern und Statuen: Er wird immer leicht grün dargestellt, weil er nur diese dort wachsenden Nesseln zu essen hatte. Die Höhle heißt Nessel-Höhle oder so ähnlich. Der Name einer anderen Höhle bezieht sich darauf, daß man nur schwer dorthin kommt und er es zu Fuß geschafft hat.

Dann gibt es drei Höhlen, deren Namen sich auf die drei Energiekanäle in unserem Körper beziehen. Milarepa praktizierte sehr viel Tummo, die "Innere Hitze" und arbeitete intensiv mit den Energien in den Kanälen im Körper. In diesen Höhlen gelang es Milarepa durch seine Praxis, die Energien in den einzelnen Kanälen vollkommen zu meistern; erst im rechten und im linken und dann im zentralen Kanal; und so tragen die drei Höhlen deren Namen. Nachdem Milarepa in der nach dem Zentralkanal benannten Höhle praktiziert hatte, erlangte er die volle Erkenntnis des Mahamudra. Er konnte sich schnell zu jedem Ort im Himalaya bewegen und war in keiner Weise mehr durch seinen Körper eingeschränkt; er konnte fliegen, wohin auch immer er wollte.

Er praktizierte auch in vielen weiteren Höhlen im Himalaya. Eine davon liegt in der Gegend wo Lama Kalsang herkommt. In mehreren dieser Höhlen kann man Hand- und Fußabdrücke von Milarepa im Fels sehen. Sie sind so deutlich, als wenn man eine Hand in Ton oder irgend etwas Weiches gedrückt hätte. Man sieht sie im Fels, als wenn dieser weich gewesen wäre.

Milarepa ist ein Beispiel für jemanden, der durch seine eigene Anstrengung, Fleiß und Vertrauen sowie durch die Verbindung mit seinem Lehrer fähig war, in einem Leben die volle Erkenntnis von Mahamudra zu gewinnen. Das ist sehr außergewöhnlich und ein Beispiel für uns. Auch wenn wir nicht fähig sind, genau wie er zu praktizieren, können wir doch seinem Beispiel folgen. Die Verbindung zu Milarepa ist ein sehr starker Segen auf unserem Weg. Er selbst sagte, daß wer auch immer von ihm hört, einen Segen bekommt und vor einer Wiedergeburt in den niederen Daseinsbereichen geschützt wird. Eine Verbindung zu Milarepa zu haben, ist also etwas sehr Glückverheißendes und Besonderes."