Aus: Buddhismus Heute Nr. 28, ( 1999)

Sehr liebe Freunde!

Editorial von Lama Ole Nydahl

Sehr liebe Freunde!

 

Eigentlich hatte ich einen Beitrag zu buddhistischen Sinnbildern für „Buddhismus heute“ auf dem Schreibtisch. Da wir aber mit dieser Ausgabe zehn höchst erfolgreiche Jahre „Kagyü life“ abrunden,  hier stattdessen etwas ganz Breites zu unserer Geschichte.

Wenn Völker und ihre Bräuche sich über die Jahrtausende begegneten, war das selten zum gegenseitigen Vorteil. Meistens unterdrückte der besser bewaffnete oder vernetzte Stamm die anderen und es gab wenig Austausch, dafür aber jede Menge Leid.

Aus welchen Gründen haben wir heute die freudige Gewißheit, daß uns seit den späten sechziger Jahren der Gegensatz gelang? Wie konnten wir es schaffen, daß sich zwei so unterschiedliche, aber hochentwickelte Kulturen wie die tibetische und westliche zum Besten beider und der Welt so wirksam ergänzten? Sicher nicht, weil wir bessere Menschen waren als andere, sondern im Rückblick kamen bei dieser Begegnung einmalige Bedingungen zusammen. Sie ermöglichten Verantwortlichen aus beiden Gruppen, mit immer größerer Übersicht zu arbeiten. So gewann der Westen riesige vorher unbekannte Bewußtseinsräume und eine einmalig wirksame Stelle zum befreienden Durchatmen in der bedingten Welt. Die Halter der höchsten Lehren Buddhas waren nach der Zerstörung ihres Landes nicht weniger beglückt: Ihre einzigartigen Weisheiten zum Wesen des Geistes würden jetzt nicht in staubigen Museen verkommen oder zu Ritualen erstarren in Klöstern fernab vom Leben. Die mittel- und osteuropäische Begeisterung für den Diamantweg der Laien und Verwirklicher stieß Tore zu ungeahntem Wachstum auf und versprach genug Berührung mit freien, idealistischen und ausgebildeten Menschen, daß Buddhas Lehre in ihrer ganzen Breite würde überleben können.

Welche Umstände trieben diese gefestigten und so verschiedenartigen Kulturen sich gegenseitig in die Arme? Kurz gesagt: Beide waren gezwungen, umzudenken. Beide hatten schwere Verluste hinter sich.

Das Spiel mit der Chemie war dem Westen in den sechziger Jahren sichtbar zu teuer geworden. Ein paar fortschrittliche Städte an den Küsten Nordamerikas, sowie London, Amsterdam und Kopenhagen bei uns wiesen verheerende Verluste in der früher so hoffnungsvollen Drogenszene auf. Bereits vor AIDS und Gelbsucht C wurde klar: Wir mußten gründlich umdenken. Da wir zu ehrlich waren, um den freiheitsuchenden Geist mit Drogen zu betäuben, rückte jetzt der althergekommene drogenfreie Meditationsweg ins Blickfeld.

Schon während der späten sechziger Jahre geschahen die ersten Begegnungen mit Hindu-Gurus. Diese kamen zwar durchgehend als zu süßlich und persönlich an, um ernst genommen zu werden, bereiteten aber wie früher die Theosophen den Weg für die Lamas und Verwirklicher jenseits der Himalajas im westlichen Bewußtsein vor. In ihren Spiegel schauten auch die Stärksten gerne und es entstand Offenheit und Vertrauen fast auf den ersten Blick. Obwohl eine Mehrheit von ihnen voll überzeugt war – und viele es noch sind –, daß die Erde flach sei, sogen wir fast kritiklos ihr Beispiel und Wissen auf. Trotz der 600 Jahre, die sich unsere Gesellschaft an ihrem Gottesstaat und seinem Feudalismus vorbei entwickelt hat, sprangen viele gerne in die angebotene heile Welt zurück und das Lernen fing an. Es sollte 20 Jahre dauern bis uns klar wurde, was vom angebotenen Reichtum bloße tibetische Bräuche und was letztendliche Bedeutung war und wo uns Buddha die Lehren des Großen Siegels mit Lichtformen und Mantras, das klare Licht des Geistes, vermittelte.

Und wie öffneten sich die Tibeter für uns? Zuerst für ein Jahrzehnt gar nicht. Obwohl die Westler sie in den Flüchtlingslagern versorgten und weitgehend für ihr Überleben verantwortlich wurden, teilten sie von ihrem Wissen wenig mit. Es ist auch nicht schwierig, zu verstehen, daß die Tibeter zauderten, sich fremden Bräuchen zu öffnen. Obwohl ohne Demokratie, Durchsichtigkeit, Presse, Parteien und soziale Fürsorge und mit oft unmenschlichen Gesetzen fühlten sie sich als die zentrale Stelle und anderen Ländern menschlich weit voraus. Und warum? Schaut man von Tibet aus in den Westen, gab es die Moslems mit Scharia-Strafen, Koran und Frauenunterdrückung. Im Norden hatten die Mongolen auf Geheiß des 5. Dalai Lama zur Zeit unseres Dreißigjährigen Krieges die drei alten „Rotmützen“-Meditationslinien in Tibets Mitte zerstört. Im Süden, in Assam, wohnten echte Menschenfresser und im Osten konnten sie beim besten Willen die Denkweise der Chinesen nicht ergründen und erlitten dadurch ständig riesige Schlappen. 1959 aus ihrem Land vertrieben und meistens in Lagern Nordindiens untergebracht, hatten die 85000 überlebenden Flüchtlinge wenig Neigung oder Möglichkeit, der Welt ein großes geistiges Angebot zu machen. Man verkannte das kommunistische System und hoffte darauf, doch bald zurückkehren zu können. Also wurde versucht, die mitgebrachten Einsichten und Mittel zu erhalten, während auch die Ausgebildeten scharenweise an TBC starben. Als die Kulturrevolution 1966 bis 1968 von sechs Millionen Tibetern ein Viertel das Leben kostete und von 6500 Kulturgebäuden alle bis auf 13 zerstört wurden, mußten auch die Tibeter ihr Wissen weitergeben, wenn es nicht verlorengehen sollte. Wir waren die Glücklichen, die es empfingen, vielleicht auch, weil wir die einzigen waren. Viele der jungen Tibeter wollten in den Städten Teppiche verkaufen und die Welt erfahren, nicht Texte auswendig lernen. Auch die umherziehenden Völker zeigten wenig Offenheit. Wie andere Asiaten waren sie seit Jahrhunderten ihren eigenen Sitten fest verschrieben.

Doch ohne erhobene Augenbrauen seiner Kollegen wird Tibets erster bewußt wiedergeborener Lama, der 16. Karmapa, das Ruder nicht umgelegt haben. Daß er uns Westlern nach der ersten Begegnung 1969 in Kathmandu den Zugang zur Lehre ermöglichte, war ein Zeichen ungewöhnlicher Weitsicht.

Und warum ist er damit so über den Schatten Tibets gehupft? Weil jeder „Rassist“ ist, ob er es zugibt oder nicht. Das ist nicht in der Weise gemeint, daß man andere verfolgen möchte oder für ihre guten Eigenschaften blind wäre, sondern jeder gewohnheitsmäßig denkt, daß die Leute eigentlich so auszusehen hätten wie er selbst. In verwurzelten, nichteuropäischen Gesellschaften ist das vor allem so und von der tibetischen Warte aus beobachtet sind wir recht beunruhigend. Tiefe Stimmen, rübenfarbiges Haar, große Nasen, lange, unruhige Glieder und gefühlsgesteuertes und oft unlogisches Verhalten waren ihre ersten Eindrücke. Lernen sie uns dann näher kennen, stört sie vor allem der Familienkrach, oft sogar höchst peinlich nach außen getragen.

Zu unseren Gunsten sprach aber auch vieles: wir haben Mitgefühl. Sonst wären wir nicht um die halbe Welt gereist, um sie mit Essen, Kleidern, Arznei, reinem Wasser und heiß begehrten Patenschaften zu versorgen.

Und wir sind klug: was wir tun wirkt. Das konnte uns keiner absprechen und nicht nur in weltlichen Bereichen. Das stete Wachstum unserer Diamantweg-Zentren bis heute fußt auf einer Ergänzung, die Karmapa schon 1969 voraussah: Hier bringen die Tibeter das, was zu lernen ist, eben Buddhas höchste Lehren, und wir liefern die Mittel, wie es zu verwirklichen ist. Das heißt Ausbildung, Idealismus und freie Gesellschaftsformen.

Die Verbindung dieser beiden Qualitäten feiern wir mit der vorliegenden ersten Ausgabe von „Buddhismus heute“. Detlev, Ulla und alle früheren wie jetzigen Mitarbeiter haben Erstklassiges geleistet. Mit den Übersetzern der Beiträge um die Welt zusammen waren sie ein bedeutender Stützpfeiler im Entstehen des lebensnahen, heutigen Diamantweges. Unerschrocken haben sie auch die heißesten Eisen angepackt und unsere Linie sauber gehalten.

Ihre stete Arbeit hat eine tiefe Vertrauensebene unter die Arbeit gelegt und viele zum selbständigen Denken gebracht. Mögen sie lange so weiterwirken können und das Beste aus Tibet und dem Westen vereinen.

Euer OLE


Lama Ole Nydahl