HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Macht buddhistische Toleranz mundtot oder meinungslos?

Von Sabine Boyens-Hansen

Buddhismus und theistische Religionen am Beispiel Islam

"Feindbilder jedweder Ausrichtung teilen zwei Wesenszüge: Sie leben von der Undifferenziertheit und bergen die Gefahr, daß mit dem propagierten Gegensatz - sei es zwischen den Staaten, Völkern, Ideologien und Religionen oder Kulturkreisen - ein realer Krieg begründet wird." (Zitat Gernot Rotter1)

Als Deutsche mit unserer Geschichte, noch dazu als deutsche Buddhisten, haben wir eine große Scheu vor der kritischen Betrachtung einer anderen Gruppierung. Die Studie möchte eine Auseinandersetzung provozieren. Es würde ihren Rahmen sprengen, auf andere Gruppierungen wie Taoismus oder Hinduismus, die hier ganz ignoriert werden, einzugehen oder sich mit den Eigenheiten der hier genannten Religionen näher zu beschäftigen.

Die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sind nahe Verwandte. Sie ähneln einander nicht zuletzt in der ihnen gemeinsamen Anfälligkeit für politisch instrumentalisierte Fundamentalismen, basierend auf Aussagen der alten Testamentes und des Korans. In früheren Jahrhunderten zum Beispiel christliche Missionskriege und Inquisition, heute islamistischer Fundamentalismus, extremistische Juden wie der Moschee-Massenmörder Baruch Goldstein oder christliche Gruppen in den USA die in Gottes Namen Ärzte ermorden, die Abtreibungen vornehmen und auch die Todesstrafe in vielen amerikanischen Staaten.

Das Bekenntnis zum Islam lautet: Ich bezeuge, daß es keine Gottheit gibt außer Gott und daß Mohammed der Gesandte Gottes ist. Das Zeugnis schließt das Bekenntnis zu einem strengen Monotheismus und zur Prophetenrolle Mohammeds ein. Von diesem wird angenommen, daß er die göttliche Offenbarung, die früheren Propheten - etwa Abraham, Moses oder Jesus - zuteil wurde, erneuerte und zu den Arabern brachte. Den Juden jedoch wirft Mohammed unter anderem vor, daß sie Jesus nicht als Propheten anerkennen wollen, den Christen die Trinität, die den Moslems als Widerspruch gegen den reinen Monotheismus erscheint. Sie erblicken in der Dreifaltigkeit (Vater, Sohn, Heiliger Geist) einen Dreigötterglauben.

Mohammeds im Koran schriftlich fixierte Verkündigung gilt den Moslems somit als die letzte und definitiv verbindliche Offenbarung Gottes, mit der er alle vorherigen heiligen Bücher berichtigte und für alle Zeiten vervollkommnete. Auch der Koran vermittelt den Glauben an Adam und Eva, Himmel und Hölle, der Korangläubige kommt nach seinem Tod ins ewige Paradies, der Sünder und der Ungläubige ins ewige Höllenfeuer.

Tum Theismus gehört die Vorstellung eines ewigen allmächtigen Schöpfers. Kein buddhistischer Text schreibt dem Buddha die Erschaffung der Welt zu. Wenn hier vom ewigen oder unendlichen Leben die Rede ist, so meint das nicht die endlos fortgesetzte Existenz einer bestimmten Person, sondern die Tatsache, daß die Erleuchtung als volle Realisation der höchsten Wirklichkeit die Zeit vollkommen transzendiert. Der Buddha hat nichts gemein mit dem äußeren Gott des Theismus und die Zeugnisse seiner übernatürlichen Kraft sind nicht etwa Ausdruck seiner Allmacht, sondern konkrete Symbole spiritueller Wahrheiten. Der Buddha sagt uns aus eigener Erfahrung, nicht als Prophet eines anderen, wie die Dinge sind und er gibt uns praktische Mittel in die Hand, um die gleichen Erfahrungen zu machen wie er. Seine Erkenntnis folgt einer Logik die keine Frage offen läßt und obwohl sie zwingend ist, niemanden zu etwas zwingt. Das Ziel ist, die wahre Natur der Dinge, einschließlich des eigenen Egos - ihre Bedingtheit und daraus folgend ihre Leidhaftigkeit und Substanzlosigkeit - zu erkennen. Buddha hat sich gegen jeden blinden Glauben ausgesprochen. Er empfahl, sich nur nach der eigenen Erfahrung zu richten. Er stellt jedes Wesen mit sich auf die gleiche Stufe, jedes Wesen kann Buddha werden. Aus der letztendlichen Erkenntnis ergeben sich absolute Qualitäten: Furchtlosigkeit, Freude, aktives Mitgefühl.

Aber auch in buddhistischen Gemeinschaften gibt es Machtmißbrauch, wie zum Beispiel durch das tibetische Tulku-System Machtinteressen durchgesetzt werden konnten, aus denen sich ein Traditionalismus ergab, der zu verhindern sucht, den Dharma in seiner Reinheit, unabhängig von traditionellen Werten und Gebräuchen eines Volkes zu begreifen.

Es gibt eine religionsübergreifende Gemeinsamkeit. Menschen legen religiöse Belehrungen mehr oder weniger positiv oder negativ aus. Es entsteht darüber oft der Eindruck, daß letztlich alles von Gott kommt und alle Religionen eine gemeinsame Essenz haben. Diese Gemeinsamkeit liegt aber vielmehr in der alle Menschen verbindenden Sehnsucht nach Glück, nach Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl. In der Gemeinsamkeit des gesunden Menschenverstandes. Untersucht man verschiedene Auslegungen religiöser Schriften, findet man immer wieder diese Gemeinsamkeit, die nicht als Gleichheit der Religionen mißverstanden werden kann, sondern als Resultat menschlicher Reife.

Es gibt Menschen, die sich nicht als Buddhisten begreifen, aber durch ihre menschliche Reife buddhistischer handeln, leben und wirken als mancher bekennender Buddhist. Betrachtet man in dieser Hinsicht das Christentum, findet man Schriften der Worte Jesu Christi2 in denen man jene alles verbindende Wahrheit nachlesen kann. Ebenso verhält es sich mit dem Koran. "Das Frauenbild, das aus den religiösen Texten herausgefiltert wird, hängt weitgehend vom Standpunkt des Betrachters und der Betrachterin im Hier und Heute ab. Eine Interpretation, die den Frauen in ihrem Kampf um Gleichberechtigung entgegenkommt, kann sich ebenso auf die heiligen Texte stützen wie deren konservative und frauenverachtende Auslegung" (Cherifa Magdi3). Zu seiner Zeit waren die Rechte, die Mohammed den Frauen zugestand, revolutionär. Auch gibt es Reform-Muslime, die versuchen, durch eine offene Deutung des Islam, die Menschenrechte im Sinne der UN-Deklaration zu definieren und den Islam in Einklang mit ihnen zu bringen.

Diese sind nicht zu verwechseln mit islamischen Fundamentalisten, die im europäischen Exil lebend, aus taktischem Kalkül für Toleranz und Menschenrechte eintreten. "Sie verstehen darunter aber allein ihr politisches Recht auf Aktionsfreiheit" (Bassam Tibi4). In der westlichen Öffentlichkeit hat sich die Auffassung verstärkt, Islam und Menschenrechte seien unvereinbar. Es gibt tatsächlich nur wenige islamische Länder, in denen die individuellen Menschenrechte respektiert werden. "Vertreter der 'islamischen' Menschenrechte unterscheiden eindeutig zwischen den Rechten der Muslime und denen der Nicht-Muslime. Letztere werden in zwei Kategorien unterteilt: Die nicht-islamischen Monotheisten, die im Islam 'Leute des Buches' heißen, und die Nichtmonotheisten. Christen und Juden sind Monotheisten, also Gläubige, und deshalb für islamische Orthodoxe, nicht aber für Fundamentalisten, zu dulden. Duldung heißt nicht, daß sie dieselben Rechte wie Muslime haben. Angehörige anderer Offenbarungsreligionen gelten dagegen in der islamischen Orthodoxie als Ungläubige und genießen daher keinerlei Menschenrechte. Das Recht des Menschen bezieht sich nicht, wie im westlichen Verständnis, auf Garantieansprüche des Einzelnen gegenüber Staat und Gesellschaft. Vielmehr definiert es das Verhältnis der Muslime untereinander nach dem Prinzip, daß Gleiches mit Gleichem vergolten wird: Wer tötet, verletzt das Recht des Menschen und darf getötet werden." (Bassam Tibi5). Das islamische Recht beruht auf einer menschlichen Interpretation der göttlichen Offenbarung, deren Quellen im Koran deutlich auszumachen sind. Sicher liegt der Nährboden islamischer Militanz in wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnissen, aber es finden sich im Koran nur allzuoft Verse, die sehr einfach so auszulegen sind, daß sie zu Gewalt gegenüber Andersdenkenden und zur Unterdrückung von Frauen aufrufen. Dazu einige Beispiele6 (siehe Kasten).

Koran, Sure 2, Vers 219:
Jene aber, die glauben und ausziehen, um für die Religion Allahs zu kämpfen, die dürfen Allahs Barmherzigkeit gewärtig sein.

Koran, Sure 3, Vers 29:
Oh Gläubige, nehmt keine Ungläubigen zu Freunden, wenn Gläubige vorhanden sind. Wer es aber tut, der hat von Allah in nichts Beistand zu erhoffen.

Koran, Sure 4, Vers 16:
Wenn eure Frauen sich durch Unzucht vergehen, und vier Zeugen aus eurer Mitte bezeugen dies, dann kerkert sie in eurem Haus ein, bis der Tod sie befreit oder Allah ihnen sonst einen Versöhnungsweg zeigt.

Koran, Sure 4, Vers 35:
Männer sollen vor Frauen bevorzugt werden, weil sie für diese verantwortlich sind, weil Allah auch die einen vor den anderen mit Vorzügen begabte und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben. Rechtschaffene Frauen sollen gehorsam, treu und verschwiegen sein, damit auch Allah sie beschütze.
Denjenigen Frauen aber, von denen ihr fürchtet, daß sie euch durch ihr Betragen erzürnen, gebt Verweise, enthaltet euch ihrer, sperrt sie in ihre Gemächer und züchtigt sie.

Koran, Sure 33, Vers 60:
Sage, Prophet, deinen Frauen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, daß sie ihre Übergewand über ihr Antlitz ziehen sollen, wenn sie ausgehen...

Koran, Sure 33, Vers 61:
Wenn die Heuchler und die Schwachsinnigen und die Unruhestifter (die zwischen Glauben und Unglauben hin und her schwanken) nicht nachlassen, so werden wir dich lossenden gegen sie, so daß sie nur noch kurze Zeit neben dir wohnen sollen.
Vers 62: Verflucht sind sie, daher sollen sie, wo man sie auch finden mag, ergriffen und getötet werden.

Koran, Sure 4, Vers 105:
Und seid nicht säumig in Suche und Verfolgung eines ungläubigen Volkes, mögt ihr auch Unbequemlichkeiten dabei zu ertragen haben...

Koran, Sure 5, Vers 52:
O Gläubige, nehmt weder Juden noch Christen zu Freunden; ... Wer von euch sie zu Freunden nimmt, der ist einer von ihnen.

Koran, Sure 5, Vers 39:
Einen Dieb und einer Diebin haut die Hände ab, zur Strafe dessen was sie begangen haben.

Es gibt auf der Welt 1,2 Milliarden Muslime. In Europa leben derzeit etwa 15 Millionen und binnen weniger Jahrzehnte wird ihre Zahl auf 40 Millionen ansteigen. Eine Verteufelung dieser Bevölkerungsgruppe wäre nicht weniger gefährlich für den inneren Frieden als die Ausbreitung eines militanten Islamismus. Deutlich wird, daß der Islam eine sehr konkrete Bedeutung für unser praktisches Leben bekommt. Buddhistische Geisteshaltung zeigt sich im praktischen Leben. Daraus ergibt sich eine gesellschaftliche Verpflichtung. Aber auch der Buddhismus birgt die Gefahren einer Glaubensreligion. Wie im Islam, wo man in die schönsten Paradiese aufgenommen wird, wenn man Leib und Leben im Kampf für Allah opfert, gibt es auch im Buddhadharma Beispiele für Selbstopferung bis hin zur eigenen körperlichen Opferung für andere. Dadurch stellt man das eigene Ego zum Vorteil anderer zurück, was für viel Verdienst und eine gute Wiedergeburt sorgt.

Der Unterschied zum Islam besteht darin, daß er es zur Durchsetzung seiner Religionsinteressen benutzt, der Buddhismus zum Wohle aller Wesen. Überträgt man das Beispiel auf die eigene geistige Haltung im Verhältnis zur Gesellschaft, darf es nicht dazu führen, daß man, um für sich selbst Verdienst aufzubauen und scheinbar anderen zu nutzen, im Stillstand erstarrt. Es gibt hierfür einige Beispiele in jüngster Geschichte, wo sich in buddhistischen Ländern, wie Birma und Kambodscha totalitäre Regime nicht zuletzt aufgrund solch einer Haltung durchsetzen konnten. Diese Passivität, das Gefühl eine Verantwortung abgeben zu können, wie auch der Glaube an eine Allmacht übertragen auf das kollektive Bewußtsein eines Volkes oder einer Glaubensgemeinschaft, erstickt jede Form von individuellem Verantwortungsbewußtsein im Keim. Indem ein kollektives Bewußtsein sich auf eine Allmacht bezieht, überträgt es die Allmacht aufs Kollektiv und übt sich darin aus. Ist kein Allmachtsglaube da, ist der Mensch auf sein individuelles Verantwortungsgefühl angewiesen und kann, auch im Sinne einer Bodhisattvatätigkeit, zum Wohle des Einzelnen beziehungsweise der ihn umgebenden Menschen, der Gesellschaft, wirken.

Darin liegt die große Chance des Buddhismus in unserem heutigen Demokratieverständnis, kollektiv ein individuelles Verantwortungsbewußtsein zu fördern. Zuflucht zum Buddhadharma bedeutet Zuflucht zu den Qualitäten des eigenen Geistes zu nehmen. Der eigene Geist ist der Raum, den wir alle teilen, von dem unser Geist untrennbar ist. Durch unser Bewußtsein über die Zuflucht teilen wir ein Kraftfeld. Eine negative Geisteshaltung, die andere Wesen schädigt, verliert den Segen, die Verbindung zu diesem Kraftfeld. In einer buddhistischen Gesellschaft hat jede andere Religion Platz, in einer Gesellschaft die sich aufs Wort genau an den Koran bindet, hat ein Buddhist keine Chance. Es bedarf einer großen Achtsamkeit, buddhistische Toleranz nicht zu Intoleranz werden zu lassen, aus Angst buddhistische Werte zu verraten. Deshalb möchte ich diese Betrachtung mit zwei Zitaten beenden:

"Ich werde gewöhnlich nicht von Wahnvorstellungen verfolgt. Doch daß die Fanatiker in den islamischen Ländern darauf hinarbeiten die Welt zu erobern, ist harte Realität. Schon heute bedrohen sie Millionen Menschen in ihrer Freiheit und ihrer Existenz." (Mohammed Said el-Aschmawi, ehemaliger Präsident des ägyptischen Staatssicherheitsgerichtshofes7).
Wir setzen unsere Hoffnung auf die Freiheitsliebenden bei uns und im Westen." (Scheich Fadlallah, Gelehrter, Politiker und geistliches Oberhaupt der Schiiten im Libanon8)

Ich danke für Belehrung und Inspiration Lama Ole Nydahl und Jürgen Boyens.

 

Quellen:

1 Satanischer Westen, Dämonischer Islam, Spiegel Spezial 1/1998
2 Jesus lebte in Indien, Holger Kersten, Verlag Langenmüller, Das Thomas Evangelium, K.O. Schmidt, Drei Eichen Verlag, München
3 Die Männer stehen über den Frauen, Spiegel Spezial, 1/1998
4 und 5 Die Lösung heißt EURO-ISLAM, Spiegel Spezial. 1/1998
6 Auszüge aus dem Koran: Übertragung Ludwig Ullmann, *Erläuterung L.W. Winter, Goldmann Verlag
7 Totalitär wie Hitler (Interview), Spiegel Spezial 1/1998
8 Denken ist nützlicher als beten, Spiegel Spezial 1/1998 


Autorin:
Sabine Boyens-Hansen, geb. 1961, Schauspielerin und Phonetiklehrerin, Zuflucht 1982 bei Lama Ole Nydahl, lebte acht Jahre im Hamburger Zentrum und zur Zeit im Zentrum in Lübeck.