Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Mit 900 PS durch die Alpen

Eine Motorradfahrt mit Lama Ole

Daß Lama Ole Nydahl gerne Motorrad fährt, weiß wohl jeder, der seine Vorträge, Kurse oder Bücher erleben durfte. Immer wieder gibt er für Momente von grenzenloser Freude und Freiheit das Beispiel des zügigen Bewegens eines guten Zweirades. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß er drei programmfreie Tage im bekannt dichten Reiseplan spontan zu einer Art »Kurzurlaub« im Sommer diesen Jahres nutzte.

Mit zwölf Kagyü-Aktivisten auf insgesamt sieben Maschinen ging es nach dem tollen Alpen-Sommerkurs am Thuner See in der Schweiz in Richtung Graz – bei Berücksichtigung möglichst vieler Kurven, Pässe und was das Herz eines Kradlers sonst noch höherschlagen läßt.

Erster Anlaufpunkt sollte das kleine italienische Dorf Bordo sein. Die Einladung der dortigen buddhistischen Dorfgemeinschaft wurde gerne angenommen, war Ole Nydahl doch einer der Wegbereiter für die Wiederbesiedelung dieser abgelegenen Stelle. Nach einer gruppeninternen Orientierungsphase haben sich die dort lebenden Menschen deutlich für Buddhismus als Grundlage für ihr Zusammenleben entschieden. Lama Ole Nydahl freute sich über diese Entwicklung und forderte die Dorfgemeinschaft auf, dies auch außerhalb deutlicher darzustellen. Nach kurzen und sehr lebendigen Belehrungen wurde die Fahrt über die wunderschönen Straßen und Landschaften Norditaliens bis zum San Bernardino fortgesetzt. Ein Regenbogen empfing uns in der gleichnamigen Ortschaft und wir beschlossen, hier den ersten Tag ausklingen zu lassen.

Am folgenden Tag spürten alle, daß der Alltag langsam wirklich hinter uns blieb. Lama Ole, der in Thun noch die letzten Korrekturen an seinem neuen Mahamudra-Buch »Das große Siegel« vorgenommen hatte, meinte daß die weißen Blätter vor seinen Augen mit jeder Kurve weniger würden. Und so ging es eigentlich allen, die auf ihre Weise im großen Kagyü- Betrieb aktiv sind und so ihrem Alltag mehr Sinn geben. Nach einem kräftigenden Picknick auf einer Almwiese der Steuerenklave Livigno schwangen wir uns zum Stilfser Joch empor. Der Ausblick von der Paßhöhe in 2758 Meter auf die folgenden 52 Kehren ließ uns nicht lange in Ruhe – auch wenn sich die heißgefahrenen Motorräder wahrscheinlich nichts lieber gewünscht hätten.

Nachdem ein altes Mütterlein sich überreden ließ, den 13 mehr oder weniger vertrauenswürdig erscheinenden Gestalten auf ihren grollenden Maschinen ein günstiges Nachtlager zu überlassen, ging es am folgenden Tag aufs Timmelsjoch. An diesem extremen Paß machte jeder so seine eigenen Erfahrungen. So kam es, daß unser Mandala (zwecks Reparaturarbeiten in Meran und Bozen) kurzzeitig ein wenig auseinandergezogen wurde. Als wir dann am frühen Abend wieder zusammentrafen – manchmal sind Handys zur Koordination doch was ganz Feines, spürten alle, daß die Erlebnisse der vergangenen Tage uns sehr zusammengeschweißt hatten. Und als ob die Natur um uns herum das gespürt hatte, breitete sich vor uns noch einmal eine wunderbare Szenerie im goldenen Abendlicht aus.

Da keiner von uns den Großglockner kannte, mußten wir auch diesen Turn am darauffolgenden Tag unbedingt noch mitnehmen. Und weil wir wußten, das Lama Ole Nydahl zum Nachmittag von über 1000 Menschen erwartet wurde, drehten wir dann noch ein bißchen mehr am Gasgriff. Entweder war der Schutz über unserem fahrenden Mandala wirklich perfekt oder die staatlichen Organe waren einfach irritiert über unser Verhalten. Auf jeden Fall geschah es nicht nur einmal, daß die Herren mit ihren Radarpistolen usw. uns nachschauten oder zu Seite guckten bis auch der letzte der Gruppe über die schon lange dunkel-gelbe Ampel gefahren war. Auf alle Fälle lohnte sich der Aktionismus, den wir trafen genau in dem Moment im Grazer Zentrum ein, als die große Vase, die das Wasserelement repräsentiert, durch einen riesigen Kran herabgelassen wurde. Dies war – wie eigentlich schon die ganzen letzten Tage – der richtige Moment für das Erleben des Erlebers.

Lopön Tsechu Rinpoche, Lama Ole Nydahl und seine Frau Hannah, die Stupa und die Marpa- Einweihung – all dies ließ die Tage in Graz wie im Flug vergehen. Und als krönenden Abschluß sollte die verbleibende Zeit bis zum nächsten Vortrag noch für eine sinnvolle Kurvenräuberei genutzt werden. Freunde aus Graz zeigten uns eine landschaftlich schöne und obendrein kurvenreiche Variante des Weges über Eisenerz nach Schladming. Auch hier war es wieder kein Problem 13 Personen in einem einzigen Haus unterzubringen – und das zur Hauptsaison! So zeigte sich auch nach außen, daß wir die ganze Zeit über eng verbunden waren.

Im Laufe des folgenden Tages wurde uns langsam deutlich, daß unser gutes Verhältnis zu den österreichischen Behörden langsam etwas überstrapaziert wurde. Ole fuhr zwar schützend voraus, aber wenn die Gefahr von hinten in Person von Motorradpolizisten kommt, kann er auch nichts machen. Nach der zweiten Belehrung über die Gefahren von freiheitlichem Denken beim Motorradfahren durch Uniformträger und eine damit zusammenhängende Spende unsererseits, war es Zeit, sich wieder nach Norden zu orientieren.

Nach dem Lama Ole merkte, wie nah Haus Schwarzenberg war, gab es keine Zeitkalkulationen mehr: »Das geht schon noch!« Die Überraschung war sichtlich gelungen, die Bewohner aber nur kurz irritiert. So löste sich am Schwarzenberg eigentlich das Bike-Mandala wieder auf. Nach fast 2000 km Strecke, 24 Alpenpässen mit insgesamt fast 45000 Höhenmetern, unzähligen Kurven- und Tunnelerlebnissen, Geschwindigkeitsräuschen, Cappuchinos, Mineralwasser, Ölkontrollen usw. spürten wir, daß wieder etwas ganz besonderes mit uns geschehen war, was mehr war als nur das Erlebnis einer Fahrt von Punkt A nach Punkt B.

Die Pässe ’98:

Grimsel 2165
Simplon 2006
S. Bernardino 2065
Julier 2284
Maloja 1815
Bernina 2323
Eira 2208
Foscagno 2291
Stilfser 2758
Timmelsjoch 2447
Jaufen 2099
Sellajoch 2244
Pordoi 2239
Falzarego 2105
Tre Croci 1805
Gailbergsattel 981
Iselsberg 1208
Großglockner 2575
Wegrainer Höhe 933
Hochkönig 1291
Grießen 969
Hahntennjoch 1894
Gaicht 1082
Oberjoch 1178
= 44965 Höhenmeter   


Autor: Uwe Runnwerth. Wenn der Autor mal nicht Kurven und Pässe sammelt, ist er für das Buddhistische Textarchiv der Karma-Kagyü-Linie und das Augsburger Zentrum aktiv.