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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Mahamudra - das Große Siegel

Von Lama Ole Nydahl

Die Einleitung aus Lama Ole Nydahls neuem Buch


Eine jede Beobachtung der äußeren wie der inneren Welt wirft einen auf den Geist zurück. Nur er ist ständig und wirklich vorhanden, jedoch nicht als irgend etwas Dingliches. Das, was wahrnimmt, ist seinem Wesen nach unveränderlich und zeitlos wie der Raum, während das Wahrgenommene - die inneren Zustände wie auch der äußere Rahmen - in ständigem Wandel begriffen ist. Nur der Erleber ist immer und überall. Das Große Siegel - Mahamudra - bedeutet, den Geist voll zu erwecken und seine Erleuchtung zu besiegeln. Wer die Strahlkraft des Spiegels hinter den Bildern fortwährend erkennt und die Unerschütterlichkeit des tiefen Meeres jenseits seiner Wellen erlebt, ist im Ziel.

Der Weg dorthin wird immer reicher. Die Wonne, die nach der Erleuchtung nicht wieder aufhört, zeigt in den Augenblicken ihren Reiz, wenn keine Gewohnheiten oder Erwartungen einen ablenken. Einige erahnen die Kraft dieses Zustandes beim freien Fall, bevor sich der Fallschirm öffnet, oder in der Schräglage auf dem Motorrad, andere während der Verschmelzung in der Liebe. Er zeigt sich blitzschnell beim Niesen, als das freudige "Aha" bei einer neuen Einsicht oder indem man das Glück anderer nachempfindet. Wer den Weg der drei "alten" oder "Rotmützen-Schulen" des tibetischen Buddhismus geht, die zum Erreichen dieser Erfahrung starke, lebende Übertragungen besitzen, kann innerhalb eines Lebens solche Augenblicke zu einem Dauerzustand ausweiten. Schon nach einem kurzen Austausch mit einem Halter des Großen Siegels, und vor allem durch die Freundschaft mit ihm und die Mitarbeit in seinen Gruppen, fängt ein breites geistiges Wachstum an. Sowohl in der Vertiefung als auch sonst im Leben wird man immer dauerhafter ein freudiges Einssein mit allem erleben, bis man sich schließlich wundert, daß es auch Leid und Enge geben kann.

"Raum ist Freude.", "Jedes Geschehnis ist das freie Spiel des Geistes.", "…in allen Wesen den möglichen Buddha sehen und bewußt Körper und Rede einsetzen, um ihre Kraft hervorzubringen" - derartige Aussagen zeigen seit Buddhas Zeiten den uferlosen Reichtum der Verwirklicher, sie beschreiben das Ziel und den Weg des Großen Siegels. Seine geschickten Mittel ermöglichen selbständigen Menschen, auch anderen zu helfen. Das Große Siegel erklärt ohne übertriebene Wissenschaftlichkeit oder Gefühlsduselei letztendliche wie auch bedingte Ebenen als an sich freudvoll. Angesichts der heute oft geschmacksarmen geistigen Fertigmenüs haben diese Belehrungen eine wachsende Anziehungskraft.

Erleuchtung ist die volle Entfaltung aller Eigenschaften und Fähigkeiten der Wesen, einschließlich der unentbehrlichen Vernunft. Deshalb kann auch der Weg dahin nichts enthalten, was abgehoben oder unverständlich wäre. Das weiß Karmapa. Und obwohl er diesen Text so ausdrucksstark und kunstvoll verfaßte, mit mehrfachen wichtigen Wiederholungen, genügt ein bloßes Mitschwingen mit den Versen nicht. Erst durch kritisches Mitdenken können seine Worte ganz entschlüselt werden. Daher meine auf die heutige Welt zielenden Erläuterungen.

Jede buddhistische Entwicklung beginnt mit einer Untersuchung der Ausgangslage. Dadurch versteht man als erstes, daß die im eigenen Leben gerade vorhandenen Bedingungen eine höchst kostbare und erstaunlich seltene Möglichkeit bieten: Man kann tatsächlich bewußt sein Leben in Richtung Befreiung und Erleuchtung steuern. Nur sehr wenige haben die Gelegenheit, gebildet, frei und fähig Buddhas Lehre in ihrer Fülle zu begegnen, und noch viel weniger nutzen ihr Glück.

Die zweite Überlegung betrifft die Vergänglichkeit aller Dinge. Jeder kann jeden Augenblick sterben. Äußeres wie Inneres ändert sich ständig. Nur die Raum-Klarheit des Geistes ist ewig und überall. Das macht den Geist sehr wichtig. Man sieht ein, daß man die Zeit jetzt nutzen sollte. Keiner weiß, wie lange er leben wird.

Die dritte Beobachtung gilt dem Gesetz von Ursache und Wirkung (skt. Karma, tib. Lä). Gerade jetzt bestimmen die eigenen Gedanken, Worte und Taten eines jeden seine Zukunft. Man legt ständig selbst die Samen für sein Erleben, und es lohnt sich, sehr bewußt zu sein! Werden schädliche Eindrücke nicht entfernt, reifen auch sie als Erfahrungen heran, die denselben Gefühlsgehalt tragen wie ihre Ursachen!

Schließlich begreift man, warum es sinnvoll ist, sich wirklich zu entwickeln. Man sieht, wie jedes Wesen nach kurzfristigem Glück strebt und zugleich Leid vermeiden will. Erleuchtung ist aber das stärkste Glück überhaupt. Es kann weder vergehen noch sich auflösen. Diese reiche Möglichkeit des Geistes aus Faulheit auszublenden wäre schade. Wer auf einer geistigen Ebene bleibt, auf der man glaubt, der Körper zu sein und die Dinge zu besitzen, findet bei Krankheit, Alter, Tod und Verlust keinen Halt. Man hat dadurch auch keine Kraft, anderen zu helfen.

Diese vier Überlegungen führen zur Suche nach Werten, denen man wirklich vertrauen kann. Hier gibt es nur eins, was überall und zeitlos vorhanden ist: eben der Raum. Obwohl Raum häufig als ein Nichts oder etwas Fehlendes verstanden wird, ist er bestimmt kein Schwarzes Loch, sondern eher ein Behälter, der alles verbindet, ermöglicht und umfaßt. Sein Wesen ist unmittelbar entstehende Einsicht. Seine Erfahrung ist spielerische Vielfalt und Freude. Sein Ausdruck ist tatkräftige Liebe, die befriedend, vermehrend, begeisternd oder schützend den Wesen nützt. Da Erleuchtung zusätzlich alle Störgefühle in spiegelähnliche, ausgleichende, unterscheidende, erfahrungsmäßige und allesdurchdringende Weisheiten verwandelt, ist jede Leuchtkraft des Geistes durch den Raum entfaltet. Buddha (tib.: Sangye) verkörpert diese gesamte Verwirklichung. Deshalb ist sein Zustand die erste Zuflucht.

Die zweite Zuflucht, die er gab, ist der Weg dorthin. Seine Lehre (skt.: Dharma, tib.: Chö) besteht aus 84'000 Hilfsmitteln, die in 108 dicken Büchern enthalten sind. Sie ermöglichen einem jeden, mit der gewünschten Geschwindigkeit zum Ziel zu kommen.

Die dritte Zuflucht, die Freunde auf dem Weg (skt.: Sangha, tib.: Gendün), sind die bekannten und unbekannten Bodhisattvas, mit deren Hilfe man sich entwickelt. Jedes Karma Kagyü Zentrum hat bestimmt mehrere davon.

Schließlich braucht man für den "Diamantweg" eine vierte Zuflucht, die die ersten drei zusammenbringt und im Leben verankert. Es ist der Lehrer (skt.: Guru, tib.: Lama). Von ihm muß erwartet werden, daß er für jeden ersichtlich als Mönch, Laie oder Verwirklicher lebt. Er muß seine Bände halten, Lebenserfahrung haben und Buddhas Körper, Rede und Geist sinnvoll vertreten. Zusätzlich soll er Begeisterung - Segen - vermitteln, die besonderen Mittel des Diamantweges beherrschen und mit einem Feld erleuchteter Schützer verbunden sein, das auch auf seine Schüler übergreift und jede Erfahrung zu einem Schritt auf dem Wege macht.

Bevor 1992 so viele tibetische Würdenträger den Chinesen politisch auf den Leim gingen und die Karma Kagyü Linie zu einer fortschrittlichen, westlichen Diamantweg-Linie wurde, sprach man noch von "hohen" und "allgemeinen" Lehrern. Das ist nun vorbei. Jetzt sollte sich jeder die Mühe machen, sich seine möglichen Lehrer ungeschminkt vorzustellen. Man muß selbst entscheiden, ob sie dasselbe tun und sagen und ob man ihr Beispiel für das eigene Leben verwenden will. Weil Roben und Rituale sehr an Stellenwert verloren haben, schauen die Leute um so mehr auf den Nutzen, den die Lehrer ihnen bringen können, oder ob sie ihnen ganz einfach vertrauen können und sie mögen.

Einige buddhistische Schulen des sogenannten "Kleinen Weges" nehmen Zuflucht mit der Einstellung, das eigene Leid beenden oder verkleinern zu wollen. Noch viel sinnvoller ist sie aber in Verbindung mit dem wahrhaft großen Wunsch des "Großen Weges", der Bodhisattva-Einstellung, sich so schnell so weit zu entwickeln, daß man allen nützen kann. Durch die Wünsche für alle Wesen vorangetrieben, bekommt man riesige Kraft und kann die besonders schnellen Mittel des Diamantweges verwenden.

Eine solche Umstellung der eigenen Werte von Bedingtem und Vergänglichem auf Letztendliches und Zeitloses ist der notwendige zweite Schritt auf dem Wege Buddhas. Dadurch wird die künftige Arbeit mit dem Geist abgesichert und kann breit anfangen.

Es gibt zwei Einstiegsmöglichkeiten, wenn man sich für Buddhas Lehre entschieden hat. Einige springen mit viel Zeitaufwand und Schwung sofort in die vielen Wiederholungen der Grundübungen (tib.: Ngöndro). Andere bevorzugen es, etwas Meditation, das Aneignen buddhistischer Sichtweisen und gelegentliche Meditationskurse in das täglich-jährliche Leben einzubauen. Beide Vorgehensweisen sind gut. Sobald eine gewisse Reife erreicht worden ist, stehen demjenigen mit beendeten Grundübungen drei und dem, der die vielen Übungen nicht gemacht hat, zwei weiterführende Wege offen.

Wie wirken ihre Mittel? Sie nutzen drei dem Geist innewohnende Eigenschaften: seine Fähigkeit zu tun, zu wissen und sich einzufühlen.

Der erste Weg, der "Weg der Mittel", kam mit dem Helden Marpa vor 950 Jahren über die Berge von Indien nach Tibet. Er hatte die Belehrungen von dem Verwirklicher Naropa erhalten. Hier öffnet man u.a. die inneren Energiebahnen und -räder des Körpers. Dieser Weg, auch der "Weg der sechs Lehren Naropas" genannt, kann nur nach Beendigung der Grundübungen betreten werden. Teile davon könnten heute sehr leicht verlorengehen. Die für bestimmte Übungen unerläßlichen monate- bis jahrelangen Zurückziehungen, die die tibetische Wirtschaftsform ermöglichte, sind heutzutage für einen Menschen, der im Leben steht, kaum durchführbar. Wer von den Westlern aber gern in die langen, bis jetzt meist zölibatären Zurückziehungen geht, kann das im Himalaja oder in Frankreich machen. Sie erhalten dort diesen Teil der Übertragung, dürfen aber nach Verlassen der Klöster die Texte nicht mitnehmen. Die meisten dieser Übungen sind geheim und somit nicht allgemein zugänglich. Außer dem Phowa (tib.), einer für die moderne Welt sehr geeigneten Übung, bei der das Bewußte Sterben erlernt wird, kann man ohne lange Vorbereitung der Schüler den Weg der Mittel kaum mit gutem Gewissen lehren. Es können zu viele körperliche Hindernisse und geistige Störungen auftreten. Wer es dennoch wagt, und es gibt sogar unter hochbetitelten Rinpoches einige, die heute im Westen die Erfahrungen der letzten 1000 Jahre mißachten und Geheimlehren einfach drucken lassen, nützt seinen Schülern meistens nur sehr kurzfristig. Der geprellte Stolz nach erfolglosen Versuchen mit zu anspruchsvollen Belehrungen, für die einem die Grundlage fehlt, kann in zukünftigen Leben den Zugang zum Diamantweg verhindern. Unter den Übungen des buddhistischen Tantra, wie der Weg der Mittel auch bezeichnet wird, erfordern vor allem die so heiß begehrten tantrischen Vereinigungsübungen jahrelange Erfahrung in der Meditation, eine sehr besondere Gefährtin bzw. Gefährten und lange Zurückziehungen.

Der "Weg der Einsicht" war das Geschenk von Marpas zweitem Hauptlehrer, dem heute weniger bekannten Maitripa. Er verwendet begriffsmäßige und ganzheitliche Mittel, um den Geist an einer Stelle zu halten und zu beruhigen, bis die Einheit von Erleber, Erlebtem und Erleben wahrgenommen wird und unmittelbare Einsicht entsteht. Eine Form der Meditation ohne Hilfsmittel, wo man "bloß" auf den Geist meditieren soll, wird von vielen Lehrern schon unmittelbar nach der Zuflucht angeboten, was ich für verkehrt halte. Obwohl er sich so einfach beschreiben läßt, erfordert auch dieser Weg umfassende Belehrungen und setzt eine richtige Betreuung sowie den gezielten Aufbau guter Eindrücke voraus. Vor allem darf der Geist nur so lange beruhigt bleiben, wie er auch völlig bewußt ist. Sonst kann das geistige Ergebnis statt der Leuchtkraft eines funkelnden Diamanten leicht beurteilendes Gedankenjagen oder eine dumpfe "Mattscheibe" sein. Aus diesem Grund wurden diese Belehrungen in Tibet nicht vor den Grundübungen gegeben. Tatsächlich ist das Beruhigen und Halten des Geistes ohne Hilfsmittel viel schwieriger und daher gefährlicher als das Kennenlernen von flammenumgebenen, vielarmigen, waffenhaltenden Schützern mit sehr langen Mantras.

Die Kraft von Maitripas Lehre liegt in ihrer vielfältigen Anwendbarkeit. Aufbauend auf einem ansonsten freundlichen Austausch mit der Umwelt, läßt sie sich auch ohne Zurückziehungen fließend in das tägliche Leben einfügen.

Der erste Teil des Weges der Einsicht, Shine (tib.) oder Shamatha (skt.) genannt, beruhigt und festigt den Geist. In verschiedenen Ausführungen ist diese Übung in allen Erfahrungsreligionen bekannt. Auch in den Glaubensreligionen wird die hier angestrebte Vertiefungsebene gelegentlich durch Beten erreicht. Sie ist die Quelle einer Art von übersinnlichen Fähigkeiten und Wundern. Fast jedes Mittel läßt sich im Weg der Einsicht verwenden, um den Geist zu beruhigen und festzuhalten. Einige Schulen arbeiten mit bildhaften Vorstellungen, andere lieber nicht. Man kann zum Beispiel beim langsamen Gehen oder auch beim Kauen seinen Geist beobachten. Am bekanntesten auf dem Kleinen Weg ist das Zählen der Atemzüge oder das Spüren des Luftstromes an der Nasenspitze. Im Großen Weg ruht man oft in starken guten Wünschen für alle Wesen oder in dem Verständnis von der gegenseitigen Bedingtheit und Leerheit aller Erscheinungen.

Auch die aufbauende Phase der Meditationen im Diamantweg ist eine Art von Shine: Hier ruht der Geist in der Vergegenwärtigung von Buddhaformen aus Licht und Energie, die seine eigenen Fähigkeiten widerspiegeln. Die durchsichtigen Buddhagestalten und ihre Kraftkreise zu erleben und Vertrauen in sie zu gewinnen hat tiefe Wirkung. Der Klang ihrer Schwingungen (skt.: Mantra, tib.: Ngag) und die Umformung der inneren und äußeren Welt in ihre Weisheiten und Reinen Länder arbeiten auf allen Ebenen des Geistes zugleich.

Die zunehmende Erfahrung des Erlebers von seiner Klarheit, von Mitgefühl und Weisheit sowie von der Wonne und Dankbarkeit beim Verschmelzen mit dem Lama oder mit den Buddhaformen und beim Auflösen aller Form in den zeitlosen, uferlosen, aber alles wahrnehmenden Raum läßt früher oder später ein tiefes Gewahrsein entstehen. Diese unmittelbare Einsicht wird Vipashyana (skt.) oder Lhagtong (tib.) genannt und ist der zweite Teil von Maitripas Weg.

Zwischen den beschriebenen Wegen der Mittel und der Einsicht, beide segnend und verbindend, liegt der dritte Zugang zur Erleuchtung. Er arbeitet mit allen Eigenschaften des Geistes und setzt "begeisterte Einfühlung" - Begeisterungsfähigkeit und das tiefe Vertrauen in den Lehrer als Ausdruck der eigenen Möglichkeiten - voraus. Diese Meditationsweise wird vielleicht erst seit dem 16. Karmapa als eigener Weg gelehrt, und man wundert sich, daß dies nicht schon früher geschah. Guru Yoga (skt.) oder Lami Naljor (tib.) genannt, war sie schon immer die geheime Kraft der Kagyü-Linie und ist auch heute ein Eckpfeiler der neuen Karma Kagyü Gruppen im Westen. Die Meditationen auf den eigenen Lehrer und Karmapa als untrennbar helfen mehr Schülern, sich dem Segen der Linie zu öffnen, als irgendeine andere Übung. Hingabe muß jedoch unbedingt mit menschlicher Reife verbunden sein. Vertrauen zum Lehrer darf nicht zu Unselbständigkeit, Humorlosigkeit oder zwanghafter Nachahmung führen. Wie schädlich sich das auswirkt, verdeutlichen die häufigen Skandale bei den verschiedensten Sekten. Statt dessen soll der Lehrer geschickt dem Schüler den furchtlosen Raum erschließen, den er sich selbst erkämpft hat, und ihn selbständig machen. In der Freiheit voller spiegelnder Erfahrungen findet man die vollkommenen Eigenschaften, die dem Geist eines jeden schon immer innewohnen.

Die drei beschriebenen Wege sollen so früh wie möglich mit der Sichtweise des Großen Siegels verbunden werden. Erst die Einsicht, daß Erleber, Erlebtes und Erleben letztendlich eins sind, verwandelt jedes Geschehen in erleuchtende Erfahrung. Diese höchste Anschauung läßt jeden zugleich lebensnah und verantwortlich werden. Man sieht eher weit als kurz und erfüllt lieber wirkliche Bedürfnisse als vergängliche Wünsche der Wesen. Wer die Welt als den Fluß der eigenen und der gemeinsamen Träume sieht, der sie ist, kann nicht umhin, mit Mitgefühl zum Besten aller Wesen zu arbeiten. Ob also im Weg der Mittel das Erlebnis von Raum als Freude den Antrieb liefert, im Weg der Einsicht die Erfahrung von seiner uferlosen Einsicht entsteht oder im Weg der Begeisterung die Fähigkeit zur Hingabe und das Vertrauen in die eigene Buddhanatur die Grundlage sind - alle drei finden ihre Krönung in der Erleuchtung, der Frucht des Großen Siegels.

Seinen Ein-Schritt-Weg in das Mahamudra - so erklärte Künzig Shamarpa Mitte der achtziger Jahre - hat der 16. Karmapa wegen der "Verrücktheit der Zeiten" an niemanden weitergeben können. Der Vier-Stufen-Weg steht aber noch heute jedem offen, der sich die nötigen Voraussetzungen schafft. Auch wenn der 3. Karmapa diese Aufteilung in seinen Wünschen nicht verwendet, soll sie der Vollständigkeit halber hier kurz erwähnt werden.

Grundlage, Weg und Ziel verbindend, heißt die erste Ebene des Vier-Stufen-Weges "Einsgerichtetheit". Damit ist gemeint, daß der Geist gerne in sich ruht. Er ist voll von guten Eindrücken, braucht nichts mehr von außen und muß daher nirgendwo anders hingehen.

Danach kommt die Stufe des "Ungekünsteltseins". Hier hört man von selbst auf, Spiele zu spielen, etwas vorzugeben oder sich sinnlos zu verhalten. Da man sieht, wie einmalig alles an sich ist, fällt alles Unechte unter den Tisch.

Als dritte Ebene folgt der "Eine Geschmack". Hier wird sich der Erleber seiner selbst hinter den Erlebnissen bewußt; der zeitlose Spiegel erkennt sich hinter den Bildern, die in ihm erscheinen. Auch wer nicht meditiert, erlebt mitunter diesen Zustand, wo Geist gleich strahlendem Raum ist. Das Streben so vieler Menschen nach spannenden Erlebnissen zeigt, wie wichtig und wahr selbstentstandene Freude ist. Von dieser Ebene an strahlt sie durch jede Erfahrung hindurch.

Der letzten Stufe mußte ein witziger Name "verpaßt" werden. Ein Zustand, dessen Wesen höchste Erfüllung ist, läßt sich nicht mit ernster Miene beschreiben. Diese Stufe heißt "Nicht-Meditation", bedeutet aber eigentlich "Nicht-Anstrengung", denn es muß nichts mehr erreicht werden. Hier wird die Kraft von zehntausend Volt in jeder Zelle des Körpers erfahren. Jenseits der üblichen Sinne nimmt man die Welt durch die Schwingung jedes Atoms wahr. So zum Buddha geworden, erlebt man keine Trennung in Raum und Zeit mehr als wirklich. Man handelt aus der Allwissenheit des Geistes heraus und nützt den Wesen im Hier und Jetzt dauerhaft. So wird alles sinnvoll. Alles ist das freie Spiel des Geistes. Jedes Wesen wird als ein Buddha erkannt, der es nur noch entdecken müßte, und die ganze Welt ist ein Reines Land. Das ist der Zustand der Buddhas und des Großen Siegels.