Aus: Buddhismus Heute Nr. 26, ( 1998)

Auf dem Diamantweg durch Südamerika

Von Michaela Fritzges

Im deutschsprachigen Raum ist es bereits eine Selbstverständlichkeit geworden, einem klaren, lebensnahen Diamantweg-Buddhismus begegnen zu können. Frische Kagyü-Gruppen, die als Freunde ohne hierarchische Systeme zusammenarbeiten, bieten ein nahezu flächendeckendes Angebot. Dieses bewährte Modell der Graswurzelbewegung setzt sich nun auch in Südamerika durch und bringt Wachstum und Entwicklung. Kraftvoll und einsgerichtet werden vor allem die Gruppen, welche klar und unterscheidend denken können, andere Richtungen raushalten und vorwiegend die Karmapa-Meditation und die Grundübungen praktizieren. Dies ist zur Zeit besonders eindrucksvoll in Caracas, Venezuela zu beobachten.

Südamerikaner haben ein reiches Innenleben und große Herzen. Wo immer sie sich begegnen, wird daraus ein Fest, in das auch Fremde herzlich einbezogen werden. Von ihrer Offenheit können wir sicher einiges lernen. Andererseits wünschen sie in ihrer umfassenden Art oft, daß alles eins sein möge und neigen deshalb dazu, die verschiedensten Richtungen zu mischen.

In Caracas hat sich jetzt eine Gruppe junger, frischer Leute zusammengefunden, die mutig genug sind, sauber zu trennen ohne in ein "besser oder schlechter" zu verfallen.

Dazu Antoine aus Caracas: "Die Latinos haben eine starke Tendenz alles zu mischen, auch spirituelle Wege. Es ist gut zu sehen, daß jetzt viele Leute verstehen, daß es besser ist, mit seinem Bestreben bei einer Methode zu bleiben, um das richtige Ziel zu erreichen."

Die jungen, gut ausgebildeten Leute arbeiten überpersönlich auf der Basis von Freundschaft zum Wohle anderer zusammen und lösen individualistische Zentralfiguren ab. Klare Worte von Lama Ole Nydahl, ihre Arbeit zu unterstützen, taten ihre Wirkung. Reiche und berühmte Menschen, die sich dort beim Phowa-Kurs im Januar 1998 einfanden, sagten ihre Hilfe zu.

Die Bedeutung, die Ole den Zentren zumißt, wurden durch seine folgenden Worte deutlich: "Wenn ihr denkt: ‘Wo ist Ole?' - geht ins Zentrum. Wenn ihr etwas für mich, Karmapa oder Lopön Tsechu Rinpoche tun wollt, unterstützt das Zentrum und haltet den Kontakt."

Ideelle und beratende Unterstützung erhält die Gruppe in Caracas seit 1996 auch durch Laienlehrer aus Deutschland, die ihre Erfahrungen als Freunde mit ihnen teilen und zur Zeit zweimal im Jahr dorthin fliegen. Unsere Verbindungen durch das gemeinsame Ziel eines Diamantweges im Westen führt zu weltweiter Zusammenarbeit, wobei lokale Unterschiede den Diamanten in unterschiedlichen Farben schillern lassen. Wo immer sich Idealisten mit Überschuß begegnen, ist die Arbeit leicht und ein wirklicher Reichtum. Je mehr durch kulturelle und religiöse Konzepte ein Gefühl von Angst und Begrenzung vorherrscht, um so schwieriger ist für die Menschen der Zugang zum Diamantweg. In diesen vom Katholizismus, von Armut, Gewalt und Klassenunterschieden geprägten Ländern Südamerikas verdienen meines Erachtens die Freunde, die sich konsequent auf den Weg machen, die Natur ihres Geistes zu erkennen, unsere besondere Achtung.

Wie schwierig und dennoch erfolgreich sich der Diamantweg in diesen Ländern durchsetzt, zeigt der folgende Bericht von Eduardo Velasquez aus Bogota in Kolumbien:

"1976 studierte ich Physik und Philosophie in den USA. Mein Interesse an den verschiedenen Erklärungsmodellen für unsere erlebte Welt brachten mich zum Buddhismus. Damals gab es in den Staaten nur die Möglichkeit bei Chögyam Trungpa in Boulder mehr darüber zu erfahren. Es wurde einem jedoch nicht leicht gemacht. Bevor man die Erlaubnis bekam Zuflucht zu nehmen, mußte jeder 273 Stunden Meditation der Geistesruhe (Shine/Shamata) absolviert haben. Danach sollten zwei weitere Jahre der Praxis folgen, bevor es einem erlaubt war Einweihungen zu empfangen. Wie froh war ich als 1978 der 16.Karmapa nach Boulder kam, sich über all diese Vorschriften hinwegsetzte und dieses hierarchische System aufbrach, in dem er für alle ohne Vorbedingungen eine Einweihung auf Liebevolle Augen und das Bodhisattvagelübde gab. Obwohl für mich die Worte und Taten Chögyam Trungpas nicht übereinstimmten, blieb ich bei Dharmadhatu, da ich keine Alternative sah. Selbst als ich 1979 nach Kolumbien zurückkehrte, schickte ich weiterhin meine 25 Dollar monatlich an diese Organisation. Als ich dann um Genehmigung bat, in Bogota eine Dharma-Studiengruppe zu beginnen, wurde dies abgelehnt mit der Begründung Trungpa hätte kein Interesse an Südamerika. 1982 reiste Khenpo Karthar nach Bogota. Er gab Zuflucht und wir begannen, in einer kleinen Gruppe zusammen zu praktizieren. Es war eine gute Zeit.

Robert, einer aus der Gruppe, entschloß sich ein Drei-Jahres-Retreat zu machen. Khenpo machte deutlich, daß er danach die Gruppe leiten solle.

Im Jahre 1989 bekam ich einen Anruf von einem Ole Nydahl, der sagte, er sei ein Schüler von Karmapa und würde nach Kolumbien kommen. Da ich ihn nicht kannte, fragte ich Khenpo Karthar, ob wir ihn einladen dürften. Er gab grünes Licht und sagte: "Ich kenne ihn, ihr könnt ihm trauen."

Ole kam mit dem Bus von Caracas. Er nahm diesen langen, anstrengenden und nicht ungefährlichen Weg auf sich, um so billig wie möglich zu reisen. Es war ein gutes Gefühl ihn zu sehen - mit Jeans und T-Shirt. Er wollte den Jeep, mit dem wir ihn abholten, sofort selbst fahren. Ich begann ihm zu erklären, wie schwierig es für einen Ausländer sei im kolumbianischen Straßenverkehr zurechtzukommen und wollte ihm davon abraten. Dann sah ich ihn an, beendete meine Erklärungen und sagte: "Ich glaube, Du kannst es tun." Ole fuhr durch Bogota. Ich mochte seinen Fahrstil. In Bogota gab Ole sofort Zuflucht und das Bodhisattvagelübde für alle, die es haben wollten. Das sprengte all unsere Konzepte. In einem Moment, als er jemanden begrüßte, indem er seinen Kopf an den des anderen lehnte dachte ich: "Er hat Mitgefühl. Er mag die Leute. Er ist großzügig und gibt alles. Das ist mein Mann."

Ole sagte, er kenne eine Methode, mit der man das bewußte Sterben lernen könne. Er gab uns die Vorbereitungen dafür und versprach nächstes Jahr wiederzukommen. Alles war anders, als man es mir bisher beigebracht hatte, aber es hat mir gefallen. Ich wußte, das ist mein Dharma.

Drei Monate nach Oles Besuch kam Robert in roten Roben als sogenannter Lama aus dem Retreat. Wir empfingen ihn freundlich in bester Absicht mit einem Fest. Seine erste Aktivität bestand darin, der bis dahin recht gut funktionierenden Gruppe mitzuteilen, daß der Altar völlig falsch gestaltet sei und eigentlich auch fast alles andere falsch sei, was sie ohne ihn gemacht haben. Zuerst müsse jeder Tibetisch lernen. Außerdem müsse man bei Lehrerbesuchen hohe Eintrittsgelder verlangen, weil es wichtig sei, sobald wie möglich ein Kloster zu bauen. Als er erfuhr, daß wir die Vorbereitungen für einen Phowa-Kurs mit Lama Ole Nydahl machten, flippte er aus. Ob wir überhaupt wüßten, was das wäre...

Ich verließ die Gruppe. Die Leute wußten nicht recht, was sie tun sollten und alle waren froh, daß Robert während des ersten Phowa-Kurses in Kolumbien 1990 Urlaub machte.

Im nächsten Jahr wollte Robert Ole nicht einladen. Deshalb organisierte ich den Phowa-Kurs an einem privaten Platz in der Nähe von Bogota mit 40 Leuten, hauptsächlich Freunden. Wir hatten Zeit zum Reden und erkannten, daß wir Diamantweg-Buddhismus im frischen Laien- und Yogi-Stil praktizieren wollten. So gründeten wir eine eigene Gruppe. Ich hatte Oles volle Unterstützung, und er bat mich die Energie bis zu seiner Rückkehr im nächsten Jahr zu halten. Aufgrund seiner vielen Aktivitäten zum Nutzen der Wesen auf der ganzen Welt kann er nur eine Woche im Jahr in Kolumbien verbringen. Die 20 bis 25 Leute dieser ersten Gruppe sind diejenigen, die heute den größten Teil der Arbeit tragen.

1992 fand der erste Phowa-Kurs in Medellin statt, und wir schafften es zu diesem Anlaß "Die Buddhas vom Dach der Welt" auf Spanisch zu veröffentlichen.

1993 erschienen beim Ole-Vortrag in der Universität von Medellin 1000 Besucher. Im selben Jahr reiste Lopön Tsechu Rinpoche nach Kolumbien und gab Einweihungen. Wir haben eine starke Verbindung zu ihm.

1995 kamen das erste Mal auch Laienlehrer aus Deutschland zu uns. Wir verbrachten eine gute Zeit mit Freunden und tauschten Erfahrungen aus.

In diesem Jahr besuchte uns Ole zusammen mit Tsechu Rinpoche. Während des Phowas hatten Marsela und ich das Glück, viel Zeit mit Rinpoche verbringen zu dürfen. Welch ein Geschenk! Zum Abschluß gab er eine Einweihung auf den "Buddha des Grenzenlosen Lichts".

Mittlerweile gibt es buddhistische Gruppen in Medellin, Cali, Bucaramanga, Kartago, Pereira und Manizales. In Bogota sind wir etwa 60 Leute. Hier machen wir die meiste Arbeit, zum Beispiel Organisation, Übersetzung und Veröffentlichung von Büchern, Meditationsheften, etc.. Überall in Kolumbien breitet sich der Diamantweg aus und die Menschen entwickeln sich. Darüber bin ich sehr glücklich."

Eduardo Velasquez übersetzte viele Bücher der Kagyü-Linie ins Spanische und besuchte als Laienlehrer die Zentren seines Landes (hoffentlich bald auch anderer Länder). Durch seine Aktivität konnte sich der Diamantweg-Buddhismus in Kolumbien etablieren. Persönlich schätze ich ihn sehr, weil er den Mut aufbrachte, die Gruppe verantwortlich zu leiten und jetzt in der Lage zu ist, die Aufgaben und den Verdienst mit seinen frischen und inspirierenden Freunden zu teilen.


Michaela Fritzges hat 1984 bei Lama Ole Nydahl in Heidelberg Zuflucht genommen und lebt seit 1994 im Buddhistischen Zentrum Kiel. Seit 1994 reist sie einmal jährlich als Dharmalehrerin nach Südamerika, um die dortigen Zentren zu unterstützen.