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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 25, ( 1998)

Das Leben Marpas - Teil 1

Von Ulla und Detlev Göbel

Marpas erste Reise nach Indien


Marpa Lotsaw - "Marpa, der Übersetzer" - war der erste tibetische Linienhalter der Kagyü-Schule. Sein Lebensbeispiel ist zusammen mit denen von Milarepa und Gampopa unter anderen deswegen besonders interessant, da diese die drei buddhistischen Lebensweisen repräsentieren. Marpa zeigt in seiner äußeren Lebensweise das Beispiel des Haushälters, des Laienbuddhisten, der sich neben seiner Praxis - beziehungsweise. sogar als Teil der Praxis - um Hof, Geschäft und Familie kümmert. Milarepa, der berühmteste aller tibetischen Yogis, ist das Beispiel par excellence für den Weg des Yogi, der alle äußeren und gesellschaftlichen Bindungen ablegt und sich nur noch einsgerichtet der Praxis widmet. Gampopa schließlich war der erste Mönch in der Kagyü-Linie, etablierte das erste Kloster und dient als Beispiel für diesen Lebensstil. Diese Einteilung betrifft jedoch nur den äußeren Lebensstil, denn auf der Ebene der Sicht hielten alle drei die mit dem Diamantweg verbundene Sicht des Yogi von der ursprünglichen Reinheit aller Phänomene.

Gerade das Beispiel Marpas ist heute sehr bemerkenswert, da der Laienbuddhismus im Westen die wichtigste buddhistische Lebensweise darstellt; der Lebensstil des Yogi war schon immer auf relativ wenige Menschen beschränkt und ein funktionierendes Klosterwesen kann es ohne die Unterstützung durch die Laien und die durch sie gegebene starke gesellschaftliche Verwurzelung des Buddhismus nicht geben. Ein weiterer, wenn nicht der wichtigste Grund ist, daß der Laienbuddhismus für die meisten Menschen, die sich heutzutage in westlichen Gesellschaften für den Buddhismus interessieren, die einzige für sie relevante Praxisform ist. Das Lebensbeispiel Marpas zeigt, daß dieser buddhistische Lebensstil keineswegs, wie es manchmal von einigen Vertretern des monastischen Buddhismus dargestellt wird, weniger wert ist und eigentlich nur die Aufgabe hat, die Klöster zu unterstützen. An seinem Lebensbeispiel wird deutlich, daß es letztlich nur auf Dinge wie Vertrauen zum Lehrer, eine gute Motivation und den Einsatz in der Praxis ankommt.

In dem Sutra-Text "Mutter der Siegreichen" (tib.: Gyalwe Yum Gyäpa) heißt es: "Einige Bodhisattvas brauchen [für ihr Wirken] einen Vater und eine Mutter, jedoch keine Frau. Einige Bodhisattvas brauchen Vater, Mutter und eine Frau, aber keine Söhne und Töchter. Einige Bodhisattvas brauchen Vater, Mutter, eine Frau, Söhne, Töchter, Bedienstete und alle möglichen angenehmen Dinge." Marpa gehörte zu der dritten Sorte von Bodhisattvas.

Marpas Jugend

Lhodrag liegt ganz im Süden Tibets, an der Grenze zu Bhutan. Im Trowo-Tal, dieser an Wäldern und fruchtbarem Boden reichen Gegend, lebte zur Zeit der Jahrtausendwende eine wohlhabende Familie von Landbesitzern. Im Jahre 1012 wurde in dieser Familie als der dritte Sohn ein Kind geboren, das eine der wichtigsten Persönlichkeiten des tibetischen Buddhismus werden sollte.

Zunächst jedoch war wenig davon vorauszusehen: Dharma Wangchuk - wie der später als "Marpa" berühmt gewordene Junge von den Eltern genannt wurde - war äußerst aggressiv und dickköpfig. Den Eltern war klar, daß diese Kraft auf einen guten Weg gelenkt werden mußte, sonst würde Dharma Wangchuk sich und anderen großen Schaden zufügen. So wurde er schon im Alter von zwölf Jahren einem Lama anvertraut, der ihm den Dharma-Namen Tschökji Lodrö gab. In kürzester Zeit lernte der Junge perfekt lesen und schreiben, was sich jedoch in keiner Weise beruhigend auf seinen Charakter auswirkte. Die Eltern sollen gesagt haben: "Er könnte großen Schaden anrichten, indem er sich oder uns tötet, oder er könnte geringeren Schaden anrichten, indem er unseren Besitz, unsere Felder und Häuser zerstört." Da alle in dieser Weise über ihn dachten und redeten, beschloß die Familie, ihn weit weg zu schicken.

So kam Marpa nach Westtibet in ein Kloster im Nyugu-Tal, wo er drei Jahre lang bei dem Lama Drogmi Sanskrit lernte. Marpa bat Drogmi mehrfach vergeblich um Ermächtigung und Diamantwegs-Unterweisungen, und es wurde für ihn deutlich, daß er zu diesem Guru keine besonders starke karmische Verbindung hatte. Die Dakini "Diamantsau" (tib.: Dorje Phagmo) inspirierte ihn schließlich dazu, die aus früheren Leben bestehende gute karmische Beziehung zu in Indien lebenden Meistern wieder zu erwecken. So machte Marpa Drogmi viele Dankes-Opferungen und verließ ihn dann, um sich auf den Weg nach Indien zu machen, wo der Dharma zu jener Zeit noch blühte.

Nach der ersten Verbreitungswelle des Dharma mit Guru Rinpoche hatte ein dem vorbuddhistischen Schamanismus anhängender König namens Lang-dharma den Buddhismus in Tibet so gründlich ausgerottet, daß es etwa 200 Jahre lang kaum noch möglich war, tiefgründige Dharma-Belehrungen zu bekommen, zu studieren und zu praktizieren. So gingen in dieser Zeit viele Tibeter nach Indien, um an den großen Universitäten oder bei den berühmten Mahasiddhas jener Zeit den Dharma zu erlernen. Erst Mitte des 11. Jahrhunderts wurde mit dem indischen Meister Atisha und mit Marpa der Dharma in Tibet wieder breit eingeführt.

Marpa suchte zunächst seine Eltern auf, erzählte von seinen Reiseplänen und bat, daß ihm sein Erbteil ausgezahlt werden solle; zu jener Zeit war es als Prüfung der Ernsthaftigkeit der Schüler üblich, daß sie den indischen Meistern große Mengen Gold opfern mußten, um Dharma-Belehrungen zu bekommen. Alle Einwände und Widerstände der Eltern gegen das gefährliche Unternehmen konnten Marpa nicht umstimmen. Auch nicht die Tatsache, daß zwei Freunde, die ihn zuerst begleiten wollten, in letzter Minute den Mut verloren und er deshalb allein gehen mußte. Als er sein Erbe in Gold gewechselt hatte, machte er sich via Kungthang und Kyitrong auf den Weg nach Nepal. Da Marpa nicht alleine reisen mochte, tat er sich unterwegs mit einem anderen Tibeter namens Njö zusammen, der auch in Indien Dharma studieren wollte.

Erste Reise nach Indien

In Nepal trafen Marpa und Njö zwei Schüler des indischen Mahasiddhas Naropa, und als Marpa nur den Namen "Naropa" hörte, erwachte seine karmische Verbindung aus früheren Leben zu diesem Meister. Marpa fühlte ein starkes Verlangen, Naropa zu treffen. Zunächst jedoch lebte er drei Jahre lang bei der Swayambhunath-Stupa in Kathmandu, um sich an das ungewohnt heiße Klima zu gewöhnen; für die Tibeter war die Reise aus dem Bergklima in die schlimme Hitze Indiens mit großen gesundheitlichen Risiken verbunden. In diesen drei Jahren lernte Marpa den Dharma von zwei Schülern Naropas, den Lamas Chitherpa und Paindapa, die sich seiner mit großer Güte annahmen und ihm halfen, Verbindung zu Naropa zu bekommen.

Als Marpa und Njö nach Indien weiterreisten, trennten sich ihre Wege fürs erste, weil Njö kein Vertrauen zu Naropa hatte und diesen nicht aufsuchen wollte; er hatte gehört, daß Naropa einst ein großer Universitätsgelehrter gewesen war und dann seine Stellung für ein Leben als Yogi aufgegeben hatte. Njö teilte die Ansicht des gesellschaftlichen Establishments, das auf so jemanden herabsah.

Bei Marpas erster Begegnung mit Naropa im Kloster Phullahari wurde durch Naropas Worte bereits die Bedeutung ihres Treffens deutlich. Er sagte: "In Übereinstimmung mit der Prophezeiung des Gurus [Tilopa] heiße ich meinen Sohn, das würdige Gefäß Marpa Lodrö aus dem nördlichen Schneeland, willkommen, die Regentschaft anzunehmen." Marpa erhielt von Naropa zuerst die Ermächtigung und die Unterweisungen zum Hevajra, einem Mutter-Tantra. Hevajra wurde Marpas persönliche Meditationsform.

Nachdem er dies ein Jahr lang studiert hatte, traf er Njö wieder, der in dieser Zeit bei anderen Gurus gelernt hatte. Sie beschlossen, ihre Kenntnisse zu vergleichen, und es stellte sich heraus, daß Marpa über Hevajra besser Bescheid wußte als Njö. Njö sagte jedoch, daß das Hevajra-Tantra in Tibet bereits allgemein bekannt sei. Daher sei es besser, das Vater-Tantra Guhyasamaya zu studieren, worüber Marpa nichts wußte. Als er zurück zu Naropa kam, erzählte Marpa von dem Vorfall und bat Naropa um die Guhyasamaya-Lehren. Naropa lehrte Marpa dieses Tantra nicht selbst, sondern schickte ihn dafür zu dem Meister Jnanagarbha, wo Marpa die Ermächtigung und Unterweisungen erhielt.

Schon auf dem Rückweg nach Phullahari zu Naropa traf er wieder Njö, und aufs neue verglichen die beiden ihre Studien. Diesmal war Marpa auch in der Kenntnis über das Guhyasamaya-Tantra überlegen. Njö sagte jedoch, daß das Guhyasamaya in Tibet mittlerweile so bekannt sei, daß es nicht viel Nutzen bringen würde, es zu studieren - viel wichtiger sei das Mutter-Tantra Mahamaya. Als Njö darüber zu reden begann, konnte Marpa nichts dazu sagen, und so bat er Naropa bei seiner Rückkehr, ihm auch dieses Tantra zu lehren.

Kukkuripa

Naropa erwiderte, daß er ihm das Guhyasamaya auch selbst hätte lehren können, daß es jedoch nicht die passende Zeit dafür gewesen sei. Deswegen hätte er ihn zu Jnanagarbha geschickt. In derselben Weise könne er ihm zwar das Mahamaya lehren, aber Marpa solle dafür lieber zu dem Guru Kukkuripa, auch Santibhadra genannt, gehen. Dieser lebe auf einer Insel in einem See aus giftigem Wasser. Drei Yogis, die Naropa herbeigerufen hatte, versprachen, Marpa auf dem Weg vor giftigen Schlangen, Raubtieren und Geistern zu schützen. Außer zwei Vögeln, die ihn einen ganzen Tag lang begleiteten, sah Marpa auf der ganzen Reise nicht ein einziges Tier und nach zwei Wochen fand er den von Naropa beschriebenen giftigen See vor. Dank Naropas Hinweisen konnte Marpa die Insel erreichen.

Marpa war von Naropa bereits vorbereitet worden auf das was ihn hier erwartete: Er fand ein Wesen vor, das über und über behaart war, und eher wie ein Affe als wie ein Mensch aussah. Als ein Guru war es zumindest in keiner Weise zu erkennen. Einige Quellen erzählen auch, daß Kukkuripa tagsüber von bissigen Hündinnen umgeben war, die sich aber nachts in Dakinis verwandelten. Dies sei die Folge davon, daß er früher einmal abfällig über Frauen geredet habe. Das Wesen gab Marpa gegenüber vor, keinen Kukkuripa zu kennen.

Erst als Marpa erzählte, daß er von Naropa geschickt worden war, gab es sich als Kukkuripa zu erkennen und ging auf seine Bitten ein - nicht jedoch, ohne zuerst noch im Scherz einige abfällige Bemerkungen über Naropa gemacht zu haben. Marpa erhielt zusammen mit anderen Yogis und Yoginis die Ermächtigung und Erklärungen zum Mahamaya-Tantra.

Marpa hatte auch von dem großen Meister Maitripa gehört und fühlte großes Vertrauen zu ihm. In der Nacht vor seiner Abreise von Kukkuripa träumte er von einem schönen Mädchen, das sich als Botin Maitripas vorstellte und ihm eine Vase auf den Kopf hielt. Als er aufwachte, erfuhr er einen Zustand riesiger Freude und der Wunsch, Maitripa zu treffen, war noch stärker geworden. Bei der Abschiedsfeier erzählte Kukkuripa, daß er von Marpas Kommen im voraus gewußt und ihm zwei Schützer entgegengeschickt habe, die Marpa als die zwei Vögel wahrgenommen hatte.

Zunächst jedoch kehrte er zu Naropa zurück und bewältigte die Strecke, die normalerweise zwei Wochen in Anspruch nahm, in drei Tagen. Marpa berichtete Naropa von seinen Erlebnissen mit Kukkuripa. Naropa scherzte erst über das ungewöhnliche Auftreten Kukkuripas und sagte, er müsse mit Hündinnen als Gefährtinnen vorlieb nehmen, da er wegen seines Affengesichtes keine menschliche Frau finden könne. Dann jedoch erzählte er Marpa, daß Kukkuripa die besonderen Errungenschaften der Mahamaya-Praxis erlangt, und daß er selbst diese Praxis von Kukkuripa bekommen habe. Im Gegenzug hätte er ihm das Hevajra gelehrt.

Anschließend gab er Marpa die ganze Mahamaya-Übertragung, die sich in nichts von der Weise unterschied, wie Marpa es von Kukkuripa erhalten hatte. Marpa fragte sich, warum er die Strapazen einer gefährlichen Reise auf sich nehmen mußte, wo er die Übertragung doch auch gleich von Naropa hätte bekommen können. Naropa erklärte ihm, daß es besser gewesen sei, das Mahamaya direkt von Kukkuripa, der reinen Quelle, zu bekommen.

Auf einer weiteren Reise traf Marpa wieder seinen alten Weggefährten Njö, und sie diskutierten miteinander über das Mahamaya, wobei diesmal Marpa der Überlegene war. Njö war neugierig zu erfahren, wer Marpa darin unterrichtet habe, aber Marpa hatte das Gefühl, daß es besser sei, den Lehrer zu verheimlichen und machte deswegen nur Andeutungen. Njö fand dann zwar später heraus, daß es sich um Kukkuripa handeln müsse, war jedoch nicht in der Lage, den giftigen See zu überqueren, um ihn zu treffen. Naropa wies Marpa jedoch darauf hin, daß es nicht nötig war, den Lehrer geheim zu halten, da man ihn sowieso nur treffen könne, wenn man Verdienst und eine karmische Verbindung zu ihm habe.

Maitripa

Marpa machte sich auf den Weg, um Maitripa aufzusuchen. Er fand ihn beim Kloster "Lodernder Feuerberg", erhielt von ihm die Mahamudra-Belehrungen und durch die Praxis derselben vorzügliche Erfahrungen und Erkenntnisse. Von Maitripa bekam Marpa auch die Übertragung für die Doha-Tradition. Dohas sind spontane Lieder der Erkenntnis, die von den Diamantwegspraktizierenden bei besonderen Anlässen gesungen wurden und oft sehr tiefgründige Belehrungen enthielten. Einige der in der Kagyü-Linie berühmtesten dieser Lieder sind in Englisch in der Sammlung "Rain of Wisdom" erschienen. Diese "Vajra-Lieder" wurden nicht in gewöhnlicher Weise verfasst, sondern entstanden spontan aus der Erkenntnis des Lehrers. So hatten sie die Kraft, beim Zuhörer außergewöhnliche Erfahrungen und Erkenntnisse entstehen zu lassen. Sie wurden später insbesondere durch die sogenannten "Hundertausend Gesänge Milarepas" berühmt.

Als Marpa zu Naropa zurückkehrte, schickte dieser ihn für weitere Übertragungen in den Süden, zu der Leichenstätte Sosadvipa, um von der Dakini Niguma das Cathupitha-Tantra zu erbitten. Marpa erhielt diese Belehrungen und auch viele andere von den vielen Yogis, die um Sosadvipa meditierten.

Als Marpa zurück zu Naropa kam, erhielt der die Übertragung von "Höchste Freude" (tib.: Khorlo Demchog) und übte sich anschließend intensiv in der Praxis der Übungen, die später als die "Sechs Praktiken Naropas" bekannt wurden. Diese sechs sind sehr effektive Übungen, um mit dem Energie-Aspekt des Geistes zu arbeiten. Durch Meditation auf das innere Energiesystem des Körpers, körperliche Übungen, Atemtechniken usw. kann hier eine schnelle Umwandlung des gewöhnlichen in ein erleuchtetes Erleben herbeigeführt werden. Auch das Phowa (wenn auch nicht die heute so oft gelehrte und bei uns so bekannte Form) gehört beispielsweise dazu. Marpa hatte hervorragende Meditations-Ergebnisse, insbesondere bei der Praxis der "Inneren Hitze" (tib.: Tummo).

Marpa war nun mittlerweile zwölf Jahre fort aus Tibet, und sein mitgebrachtes Gold neigte sich dem Ende zu. So beschloß er, für einige Zeit nach Tibet zurückzukehren, um dort einerseits mehr Gold aufzutreiben, andererseits auch mit dem Verbreiten des Dharma zu beginnen. Er legte vor Naropa das Gelübde ab, zu ihm zurückzukehren und machte sich dann auf den Weg. Da auch Njös Vorräte zu Ende gegangen waren, trafen sich die beiden, um die Reise wieder zusammen zu unternehmen.

Rückkehr nach Tibet

Njö merkte bald, daß Marpa mehr gelernt hatte als er und wurde eifersüchtig. Bei der Überquerung des Ganges auf einer Fähre sorgte er dafür, daß Marpas Bücher ins Wasser geworfen wurden, es aber wie ein Unfall aussah. Im ersten Moment war Marpa so verzweifelt über den Verlust, daß er ernsthaft darüber nachdachte, sich selbst ins Wasser zu stürzen. Er beruhigte sich jedoch schnell wieder und stellte Njö, den er durchschaut hatte, zur Rede. Njö stritt alles ab, aber der Mann, den Njö für diese Tat bezahlt hatte, gestand später alles gegenüber Marpa.

Njö bot Marpa schließlich seine eigenen Bücher zum Kopieren an. Da jedoch ihre Lehrer und ihre mündlichen Unterweisungen so unterschiedlich waren, lehnte Marpa dieses Angebot als nutzlos ab. Später ging er doch darauf ein und Njö bat ihn, niemanden in Tibet von diesem Vorfall zu erzählen. Als sie in Nepal ankamen, trennte sich Marpa von Njö, und Njö reiste allein nach Tibet weiter. Marpa besuchte in Nepal wieder den Guru Chitherpa und dieser lobte ihn dafür, daß er, als Resultat seiner Meditationspraxis, so völlig ohne Zorn auf den Vorfall reagiert hatte.

An der Grenze zu Tibet wurde Marpa von Zöllnern in der Stadt Lisokara gegen seinen Willen mehrere Tage aufgehalten. In einer dieser Nächte hatte er eine überwältigende Traum-Vision des großen Mahasiddha Saraha, über die er einige Zeit später in einem seiner berühmtesten Vajra-Lieder berichtete. Marpa erzählte auch, daß er nach dieser Vision das Gefühl hatte, daß er, selbst wenn ihm alle Buddhas der drei Zeiten erscheinen würden, er sie nichts mehr zu fragen hätte.

Auf seinem Weg in seine alte Heimat Lhodrag besuchte Marpa Njö, um auf dessen Versprechen zurückzukommen, ihm seine Bücher zum Kopieren auszuleihen. Njö redete sich jedoch heraus. Er schlug vor, daß Marpa das Mutter-Tantra und Njö das Vater-Tantra in Tibet lehren könnten und verweigerte Marpa die Bücher, woraufhin Marpa abreiste. Das Wissen war jedoch nicht verloren, da Marpa einen großen Teil der Texte auswendig kannte und er Unklarheiten bei seinen späteren Reisen nach Indien klären konnte. Zudem stellte Marpa bei seiner nun beginnenden Lehrtätigkeit in Tiber fest, daß er die Lehren in hohem Maße schon verinnerlicht hatte.


Autoren:
Ulla und Detlev Göbel (beide 38 Jahre) leben und lehren im Münchner Zentrum und sind Redakteure bei der Kagyü Life. Sie sind seit 1981 beziehungsweise 1984 Schüler von Lama Ole Nydahl.