Aus: Buddhismus Heute Nr. 25, ( 1998)

Von Khanen, Bakshis und Lamas

Über die Geschichte des Buddhismus in der Mongolei und Russland - Teil 1

Die Weltgeschichte kennt unzählige Beispiele dafür, wie sich Religionen und Weltanschauungen mit Waffengewalt in neuen Ländern durchgesetzt haben. Blickt man hingegen auf die Verbreitungsgeschichte des Buddhismus, so scheint solcherlei Zwang weitestgehend gefehlt zu haben: Das "Vordringen" in neue Kulturkreise erfolgte sowohl in Indien als auch in Tibet oder etwa China auf friedlichem Wege. Gewisse Parallelen fallen dabei immer wieder auf: Bedenkt man, daß Buddhismus einerseits eine sehr umfassende, andererseits eine nicht gerade aufdringliche Weltanschauung ist, nimmt es nicht Wunder, daß es meist mehrere Generationen, ja oft Jahrhunderte dauerte, bis er sich in neuen Kulturkreisen zu etablieren vermochte. Häufig waren es Könige bzw. geistig-kulturelle Eliten in diesen Ländern, die das Wachstum des Dharma förderten und Lehrer einluden. In der Regel verlief die Ausbreitung in zwei oder mehreren Schüben, wobei Rückschläge nicht ausblieben.

Besonders dort, wo der gesellschaftliche Umgang bis dato von recht barbarischen Zügen geprägt war, waren solche vorprogrammiert; es bedurfte nun einmal des Zusammenkommens vieler Bedingungen für das Erblühen des Dharma in einem neuen Land, wovon die wichtigste stets war, daß sich dort Interessierte fanden, die aufrichtig und fleissig praktizierten.

Wer sich mit historischem Buddhismus befaßt, hat zumeist "klassische" buddhistische Länder wie Indien, Tibet, China oder Japan im Auge. Wer aber weiß beispielsweise, daß etwa in Rußland der Buddhismus auf eine über ein Vierteljahrtausend alte buddhistische Tradition zurückblicken kann?

Die Kulturgeschichten sowohl der Mongolen als auch der buddhistischen Völker Rußlands sind jeweils eng mit der Tibets verknüpft. Später, nach Gründung der Sowjetunion, gelangten diese Völker jedoch in den Strudel der stalinistischen Unterdrückungspolitik. Ein verheerender Niedergang, vergleichbar dem, was Tibet unter chinesischer Besetzung erleiden sollte, war die traurige Folge. Erst durch die von Gorbatschow eingeleitete Perestroika-Politik ergaben sich ab Ende der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts Möglichkeiten für einen echten Neuanfang. Vor diesem Hintergrund läßt sich fragen:

Wie verlief die Verbreitung des Buddhismus in der Mongolei und in Rußland? Fand eine Anpassung der buddhistischen Lehre an die Kulturen der dortigen Gesellschaften statt? Wie waren die Bedingungen für den Dharma in diesen Ländern während der kommunistischen Herrschaft?

Auch wenn die heutige Mongolische Republik flächenmäßig zu den 20 größten Staaten der Erde gehört, so ist sie international alles andere als bedeutend: Eingeschlossen zwischen den Großmächten Rußland und China, arm an Bodenschätzen und Anbauflächen, von lediglich ca. 2 Millionen Einwohnern bewohnt, steht das Land - wie bereits in den letzten Jahrzehnten - weitestgehend im Schatten seiner übermächtigen Nachbarn. Schwer vorstellbar, daß es im Mittelalter umgekehrt die Mongolen waren, die sowohl Russen als auch Chinesen das Fürchten lehrten und weite Teile der heutigen Nachbarländer eroberten.

Die Nachfahren des wilden Dschingis Khan

Um das Jahr 1200 herum war es dem Mongolenfürsten Temudschin im nördlichen Zentralasien gelungen, einige benachbarte Völker zu unterwerfen und schließlich in einer mit harter Hand geführten Armee zusammenzubringen. Fortan nannte er sich Dschingis Khan. Neben seiner eigenen Machtgier dürfte es auch die Nahrungsmittelknappheit im heimischen Steppenland gewesen sein, die ihn dazu veranlaßten, seine plündernden Reitertruppen in Bewegung zu setzen. Diese erwarben sich alsbald aufgrund ihrer Beweglichkeit, ihrer raffinierten Kampftaktik sowie ihrer überlegenen Bewaffnung1 den Ruf, gleichermaßen grausam wie unbesiegbar zu sein. Wo sie auftauchten, hatten die Angegriffenen praktisch nur die Wahl, schnell zu kapitulieren (und fortan Tributzahlungen zu leisten) oder aber brutal niedergemetzelt zu werden.

Nach seinem Tod im Jahre 1227 hinterließ Dschingis Khan seinen Söhnen ein halb Asien umfassendes Riesenreich, welches diese in den darauffolgenden Jahren weiter vergrößerten. 1241 gelangten mongolische Truppen sogar bis nach Schlesien, wo bei Legnica (Liegnitz) ein deutsch-polnisches Heer vernichtend geschlagen wurde. Nachdem das Mongolenheer in Ungarn und auf dem Balkan geplündert hatte, zog es sich wieder nach Asien zurück.

Doch Großreiche sind vergänglich. Besonders wenn - wie dies bei den Mongolen der Fall war - so gut wie keine geistigen Eliten vorhanden sind, die ein solches Imperium zusammenhalten können (Es gab damals in der mongolischen Führungsschicht praktisch niemanden, der lesen und schreiben konnte). Der Zerfall des mongolischen Imperiums vollzog sich innerhalb weniger Generationen. Die eroberten Gebiete wurden mehrmals unter den Söhnen der jeweiligen Khane (Khan = Fürst) aufgeteilt. Der östliche Teil blieb immerhin noch Jahrhunderte lang das in Ostasien bedeutendste Reich. In China, das die "Groß-Khane" ab 1279 vollständig unter ihrer Kontrolle hatten, stellte die mongolische Yüan-Dynastie bis 1368 den Kaiser.

In Tibet hatten sich Anfang des 13. Jahrhunderts einige lokale Fürsten und einflußreiche Äbte zusammengetan - einen König oder eine Zentralregierung für Tibet gab es zu der Zeit nicht - und sich verpflichtet, Tributzahlungen an die Mongolen zu leisten. Mit dem Tode Dschingis Khans 1227 stellten die Tibeter jedoch ihre Zahlungen ein. Dies veranlaßte in den 1240er Jahren schließlich den Mongolenprinzen Godhan Khan mit einem 30 000 Mann umfassenden Heer nach Tibet einzufallen und "Steuerrückstände" anzumahnen. Plündernd und brandschatzend bahnten sich seine Truppen den Weg nach Zentraltibet, wobei sie u.a. zwei große Klöster nördlich von Lhasa zerstörten und 500 Mönche umbrachten.

Nach diesem Feldzug passierte etwas Ungewöhnliches: Godhan Khan schickte wertvolle Geschenke sowie einen Brief an den als sehr gelehrt geltenden Abt des Sakya-Klosters, Kunga Gyaltsen (besser bekannt als Sakya Pandita), in dem er ihn bat, als geistiger Lehrer an seinen Hof zu kommen. Er schrieb: "Ich, der überaus mächtige und wohlhabende Prinz Godhan, möchte hiermit den Sakya Pandita, Kunga Gyaltsen, informieren, daß wir einen Lama benötigen um meinem unwissenden Volk zu lehren, wie man sich moralisch und geistig zu verhalten habe.

Ich brauche jemanden, um für das Wohl meiner verstorbenen Eltern zu beten, denen ich zu tiefstem Dank verpflichtet bin. Ich habe über dieses Problem eine Zeitlang nachgedacht und bin nach reiflicher Überlegung zu dem Entschluß gelangt, daß du die einzige Person bist, die für diese Aufgabe geeignet ist. Da du der einzige Lama bist, den ich auserwählt habe, werde ich keine Entschuldigung wegen deines Alters oder der Strapazen der Reise akzeptieren."

Desweiteren kündigte der mongolische Prinz an, daß er notfalls auch eine Armee schicken würde, um den von ihm erwählten Lama "abzuholen", er dies aber nicht so gerne täte, da dies möglicherweise - er drückte sich hier ganz vornehm, aber eindeutig aus - "viel Leiden für viele unschuldige Wesen" nach sich ziehen könnte. Diesem Ultimatum konnte sich Sakya Pandita schlecht entziehen, und so brach er 1244 in Richtung Nordosten auf. Sogar wenn man unterstellt, daß dieser Brief in der tibetischen Quelle etwas "geschönt" wiedergegeben worden sein mag, überrascht ein solches Anliegen, welches einer der gefürchtetsten Herrscher im damaligen Asien hier hervorgebrachte. Was also mochten die Gründe Godhan Khans gewesen sein, einen der kompetentesten Dharmalehrer der damaligen Zeit an seinen Hof zu holen?

Einerseits dürften eindeutige politische Erwägungen dahinter gesteckt haben. Die Mongolen hatten gerade große Teile Chinas erobert und schickten sich an, weitere Gebiete in Ost- und Südostasien einzunehmen. Godhan Khan hatte offenbar begriffen, daß er etwas benötigte um das Volk der Mongolen (und gegebenenfalls der eroberten Völker) zusammenzuhalten. Was konnte dies besser leisten als eine Ideologie oder Religion ?!

Andererseits war das zu der Zeit besetzte China den Mongolen an Bevölkerung und in der Kultur weit überlegen. Godhan Khan schien begriffen zu haben, daß er die Macht seiner Dynastie in China und anderen Teilen Asiens längerfristig nur würde behaupten können, wenn die Mongolen ihre kulturelle Rückständigkeit überwänden.

Doch auch persönliche Gründe werden ihn wohl dazu bewogen haben spirituellen Beistand zu suchen. Vielleicht hatte er doch eine Ahnung davon bekommen, daß die von ihm verursachten zahlreichen Feldzüge, Kriege und Hinrichtungen für seinen Geist nicht folgenlos sein würden...?!?

Mit der Ankunft Sakya Panditas in Lantschou, wo dieser 1247 Godhan Khan traf, begann eine enge politische wie auch spirituelle Zusammenarbeit zwischen der Mongolei und Tibet. Der Khan wurde Schüler des berühmten Sakya Lamas. Er ließ sich durch diesen u.a. davon abbringen, mehrere tausend Chinesen in einem nahegelegenen Fluß zu ertränken; eine damals unter den rauhen Mongolen noch durchaus übliche Maßnahme zur Vermeidung von ethnischer Dominierung durch die Bevölkerung eroberter Gebiete.

Sakya Pandita war bei seiner Ankunft in der Mongolei bereits 65 Jahre alt. Da er voraussah, daß er nicht mehr sehr lange zu leben haben würde, hatte er seinen jungen Neffen Phagpa Lodrö Gyaltsen mitgebracht, den er als Linienhalter einsetzte und der in den darauffolgenden Jahren eine Schlüsselfigur für das monoglischtibetische Verhältnis werden sollte. Sakya Pandita starb 1251.

Vereinzelt wurden in der Folge auch andere Lamas in die Mongolei bzw. von Mongolen beherrschte Teile Chinas eingeladen. Einer von diesen war der Chödzin Lama, dem nachgesagt wurde, die Wiedergeburt eines als außergewöhnlich beschriebenen Meditationsmeisters zu sein. Er wurde Anfang der 1250er Jahre von dem Mongolenfürsten Kublai Khan eingeladen, der damals bereits große Teile Nordchinas beherrschte (Godhan Khan war 1253 gestorben). Der Chödzin Lama traf 1255 am Hofe Kublais ein und beeindruckte den Khan durch seine spirituellen Fähigkeiten. Der wiederum verlieh seinem Gast den Titel Bakshi - was soviel bedeutet wie "höchster spiritueller Führer" -, der fortan Karma Pakshi genannt wurde: Vielen von uns bekannt als der 2. Karmapa.

Die Bitte von Kublai, als Residenzlama zu bleiben, lehnte Karma Pakshi ab: Die Sakya-Linie hatte im Palast Kublais bereits einen großen Einfluß, der noch jugendliche Phagpa war als Herrscher für Tibet vorgesehen. Karmapa sah das Potential an Intrigen, das es gab und lehnte dankend ab. Dafür folgte er wenige Jahre später einer Einladung des Herrschers eines anderen mongolischen Teilreiches, nämlich Kublais älterem Bruder und Rivalen Möngkor Gen, auch unter dem Namen Mongka bekannt. Dieser war zuvor mit einer Armee gegen das Reich Kublais vorgegangen. Karmapas Betroffenheit über das viele Blutvergießen in den innermongolischen Fehden dürfte einer der wichtigsten Gründe gewesen sein, Möngkors Einladung zu folgen. Der Khan zeigte sich tief beeindruckt von der Person und den Belehrungen Karma Pakshis und wurde ein ergebener Schüler des 2. Karmapa, der seinerseits am Hofe Möngkors viele Einweihungen und Textübertragungen gab.

Nachdem Möngkor Khan gestorben war, ließ Kublai - er hatte sich 1260 als oberster Herrscher über die Mongolei und China durchsetzen können - Karma Pakshi gefangennehmen. Er hatte es Karmapa übel genommen, daß er seinen Bruder und Rivalen ihm gegenüber bevorzugt hatte. Versuche, Karma Pakshi durch Vergiften, Verbrennen bzw. Herabwerfen von einer Klippe hinrichten zu lassen, schlugen jedoch fehl: Kraft seines Mitgefühls und seiner spirituellen Fähigkeiten, so erzählen die Quellen, vermochten weder das Gift, noch das Feuer oder der Sturz aus großer Höhe Karmapas Körper etwas anzuhaben. Als man ihn schließlich in eine Zelle einsperrte und versuchte, den Gefangenen auszuhungern, sollen die Bewacher nicht schlecht gestaunt haben, als sie mehrere Tage hintereinander Dakinis und andere Lichtwesen beobachteten, die Karma Pakshi mit Nahrung versorgten.

Als man all dies dem Großkhan berichtet hatte, verspürte dieser große Reue, entschuldigte sich bei Karmapa - für einen Großherrscher der damaligen Zeit wie Kublai eine außergewöhnliche Geste der Demut! - und versuchte den ehemaligen Gefangenen zu bewegen, an seinem Hof zu bleiben. Nachdem er merkte, daß er ihn dazu nicht würde überreden können, soll er zu Karmapa gesagt haben: "Bitte erinnere dich an mich, bete für mich und segne mich. Du bist frei zu gehen und den Dharma zu lehren, wo immer du auch wünschst."

Dafür hielt sich Kublai Khan an einen anderen Lehrer: Phagpa, den Neffen Sakya Panditas. Phagpa merkte schnell, welch "harte Nuß" sein prominenter Schüler war. Obwohl über 15 Jahre jünger als der zu der Zeit wohl mächtigste Herrscher in Asien, verlangte er z.B. von Kublai, daß dieser sich jedes Mal, bevor er Dharma-Belehrungen bekommen sollte, vor ihm verbeugen müsse. Der Khan willigte ein, vermied es aber, dies in großer Öffentlichkeit zu tun.

Phagpa wurde einer seiner wichtigsten Berater, der bei allen Tibet betreffenden Angelegenheiten hinzugezogen wurde. Kublai belohnte seinen Lehrer mit der formalen Oberherrschaft über Tibet und wollte zunächst die Sakyapas zur einzig dominierenden Linie in ganz Tibet erheben, was Phagpa ihm jedoch ausreden konnte. Kublai Khan, der ab 1280 Kaiser von China wurde, ist schließlich als ein in religiöser Hinsicht sehr toleranter Fürst in die Geschichte eingegangen, der auch Schamanen, Konfuzianer, Moslems und nestorianischen Christen erlaubte, ihre Religionen ungehindert auszuüben.

Hohe Lamas am Hofe des berühmten Kublai Khan

Über die Tätigkeit tibetischer Lamas im Palast Kublai Khans berichtet auch eine westliche Quelle. In seinen berühmten Reisebeschreibungen erzählt Marco Polo von "Zauberern", die nach ihrer Herkunft auch Tebet und Kesmür [Tibet und Kashmir] genannt würden. Der venezianische Weltreisende, der ab 1275 einige Jahre in der näheren Umgebung Kublai Khans verbracht hatte, zeigte sich beeindruckt von den wundersamen Fähigkeiten der Lamas, die "kraft ihrer Weisheit und ihrer Beschwörungsformeln" [Mantras] in der Lage gewesen wären, Regen und Unwetter vom Hofe fernzuhalten. Er erwähnt außerdem große Tempelanlagen und Klöster in der Umgebung des Hofes, "so groß wie kleine Städte" sowie mit Gesang sowie Räucherwerk unterlegte Rituale [Tsog-Pujas], von denen er sich beeindruckt zeigt. In besonderes Erstaunen aber versetzten Marco Polo die telekinetischen Fähigkeiten der vornehmsten dieser "Zauberer", der - in seinem Buch so genannten - Bakshis:

"Diese Bakshi (...) vollbringen sehr besondere Wunder, wovon ich euch erzählen werde. Der Große Khan sitzt an seinem Tisch in der Haupthalle, die über acht Ellen (= ca. 5 bis 6 Meter) hoch ist und nicht weniger als zehn Schritte entfernt von den mit Milch, Wein und anderen Getränken gefüllten Kelchen. Diese erheben sich von selbst über dem Fußboden und schweben hin vor den Großen Khan, ohne irgend jemanden zu berühren. Sobald er ausgetrunken hat, kehren die Kelche von selbst wieder dorthin zurück, von wo sie hergekommen waren. Dies vollzieht sich unter den Augen von zehntausend Personen! Und dieses ist wahrhaftig und keine Lüge!"

Angesichts der Tatsache, daß er in seinen Reisebeschreibungen viele unglaubliche Dinge schildert, die ihm andere berichtet hatten, ist nicht davon auszugehen, daß Marco Polo dieses Wunder mit eigenen Augen gesehen hat. Möglicherweise - aber dies ist nur eine Vermutung - bezieht sich diese Erzählung auf den 2. Karmapa, Karma Pakshi [= Bakshi], der viele Jahre zuvor eine gewisse Zeit am Hofe Kublais verbracht hatte und der für seine Fähigkeit, Gegenstände durch geistige Anspannung in Bewegung zu setzen, berühmt war.

Auch wenn Kublai Khan nach seiner "Bekehrung" ein recht aufrichtiger Buddhist geworden war, war es dennoch nicht immer einfach, ihn von weiteren kriegerischen Plänen abzuhalten. Als ihn Mitte der 1280er Jahre Berichte vom Niedergang der buddhistischen Kultur in Indien infolge der islamischen Bedrohung erreichten, beabsichtigte er zunächst die gewaltsame "Befreiung" Nepals und Indiens. Die Verwalter Sakyas warnten ihn eindringlich vor einem solchen Feldzug; der mongolische Großfürst verwarf diese Pläne schließlich. Als Kublai Khan 1295 starb, hinterließ er ein Großreich, welches China, das Gebiet der heutigen Mongolei, Korea und Teile Burmas umfaßte.

Die Nachfolger Kublais setzten die Politik der Bevorzugung der Sakya-Linie nicht fort. Lamas verschiedener Linien wurden von mongolischchinesischen Kaisern eingeladen. Sowohl der 3. Karmapa, Rangdschung Dordje (1284-1339), als auch der 4. Karmapa, Rölpe Dorje (1340-1383), gehörten dazu. Sie unterhielten jeweils eine enge Verbindung zum letzten Mongolenkaiser in China, Toghon Temür (er regierte in Peking von 1333 bis 1368). Auch wenn die mongolischen Großkhane in dieser Zeit als Patrone und Beschützer des tibetischen Buddhismus auftraten und auch den Dharma in ihrer eigenen Umgebung nach Kräften förderten, so blieb doch die Wirkung bei der eigenen Bevölkerung sehr beschränkt. Die große Mehrheit der Mongolen bevorzugte nach wie vor schamanistische Praktiken. Nach dem Tode Toghon Temürs bewahrheitete sich eine Prophezeihung Phagpas, der vorausgesagt hatte, daß der buddhistische Dharma in der Mongolei neun Generationen nach Dschingis Khan einen Niedergang erleben würde: Nach einem Aufstand in China wurden die Mongolen aus Peking vertrieben, in China etablierte sich die Ming-Dynastie (1368-1644), das mongolische Reich zerfiel in kleinere Herrschaften. Immerhin setzten verschiedene Ming-Kaiser die Tradition fort, tibetische Lamas zu sich einzuladen. So wurde z.B. der chinesische Kaiser Yung-Lo ein Schüler des 5. Karmapa, Deshin Shegpa (1384-1415), und vermachte seinem Lehrer die berühmte Schwarze Krone.

Die "zweite Welle"

Mit dem weitreichenden Zerfall der politischen Zentralgewalt in der Mongolei stagnierte dort auch die buddhistische Kultur. Das einst große Mongolenreich zerfiel vollends in Stammesgebiete. Es sollte bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhundert dauern, bis es Althan Khan von den Tümet-Mongolen gelang, mehrere Stämme innerhalb des mongolischen Kernlandes zu vereinen.

Bei einem Feldzug gegen die Uighuren in Sinkiang hatte Althan Khan zwei Lamas als Gefangene genommen, die bei ihm Interesse für den Buddhismus weckten. Daraufhin lud er einen hohen Lehrer der Gelugpa-Linie, nämlich Sönam Gyamtso (1543-1588) zu sich ein, der vom Fürsten im Jahre 1576 den Titel Biligün Dalai Lama ("Ozean der Weisheit-Lama") erhielt. Posthum wurde diese Bezeichnung auch auf dessen vorhergegangenen zwei Inkarnationen übertragen. Die folgenden Wiedergeburten des Dalai Lama sollten sowohl für die tibetische als auch für die mongolische Politik eine wichtige Rolle spielen. Neben Althan Khan vermochte Sönam Gyamtso auch andere mongolische Fürsten zu beeindrucken, die Belehrungen von ihm annahmen. 1586 entstand der erste buddhistische Tempel in der Äußeren Mongolei, Erdeni Juu, in der Nähe der alten, längst zerfallenen Hauptstadt Karakorum.

Als sich der Buddhismus ab dem 13. Jahrhundert zum ersten Mal in der Mongolei ausgebreitet hatte, war er weitgehend auf die Umgebungen der fürstlichen Höfe in der Inneren Mongolei beschränkt geblieben. Die "zweite Welle" sollte schließlich weite Teile des Landes erfassen. Was waren die wesentlichen Unterschiede zu den ersten Kontakten der Mongolen mit dem Dharma?

Einerseits vermochten die Mongolen nun selbst eine eigene lamaistische Elite hervor zubringen. Als ein herausragendes Beispiel ist Lama Neyichi Tonyin (1557-1653) zu nennen, der durch sein Charisma, seine Gelehrsamkeit sowie seine großen Fähigkeiten auf medizinischem Gebiet landesweit bekannt wurde. Viele "Wunderheilungen" werden ihm zugeschrieben. Im mongolischen Adel hatte er zahlreiche Anhänger. In manchen Fällen wurde aber auch Druck auf die Bevölkerung einiger Mongolenstämme ausgeübt. Daß dies nicht unbedingt auf Drohungen beruhen mußte, sondern auch auf der Basis von "Bestechung" geschehen konnte, mag folgender Erlaß verdeutlichen, den ein lokaler Fürst seinen Leuten bekanntgab:

"Um der Verbreitung der Lehre Buddhas voranzuhelfen, läßt der Tusiyetu Khan [des Stammes] der Khorchin die Öffentlichkeit wissen, daß jeder, der von Herzen den Kern der Lehren lernt, ein Pferd geschenkt bekommen solle; jeder, der das Yamantakadharani aus vollem Herzen rezitieren kann, solle eine Kuh erhalten."

Desweiteren nehmen verschiedene Mongolei-Forscher an, daß gewisse äußerliche Ähnlichkeiten des tibetisch-tantrischen Buddhismus mit der schamanistischen Religion (die damals in der Mongolei weit verbreitet war) große Teile der Bevölkerung veranlaßte, Buddhisten zu werden.

Die Offenheit für die aus Tibet übernommenen Rituale ging so weit, daß in den zahlreichen mongolischen Klöstern, die sich in der Folge über das Land verbreiten sollten, die tibetische Sprache zur allgemeingültigen Tempelsprache erhoben wurde. Auch wenn die wichtigsten Schriften, wie der Kangyur oder der Tengyur alsbald ins Mongolische übersetzt werden sollten, war jedoch die Klosterkultur stark tibetisch geprägt. Dies blieb so bis zu Beginn dieses Jahrhunderts. Nebenbei bemerkt, sind bei den Mongolen stets die Praktiken auf kraftvolle Buddhaaspekte besonders beliebt gewesen.

Auch politisch interessierten sich verschiedene Mongolenfürsten für das Geschehen in Tibet, was gefährliche Auswüchse nach sich zog. Das Eingreifen in innertibetische Machtkämpfe führte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gar zu einem regelrechten Bürgerkrieg in Tibet, nachdem verschiedene, ins Lande gerufene Mongolentruppen außer Kontrolle gerieten und zu plündern begannen. (vergleiche Kagyü Life Nr. 18)

Schließlich wurde die Gelugpa-Linie - wie in Tibet - auch in der Mongolei prägend und bekam in hohem Maße staatstragende Funktion. Der Tendenz der Mongolen zur Einmischung in die tibetische Politik wurde mit einem eleganten "Kniff" abgeholfen: Der Bogdo Gegeen, Sohn des Chalka-Fürsten Gombodorji und Nachkomme des legendären Dschingis Khan, wurde als Jetsün Dampa Hutuktu ("Hutuktu" ist das mongolische Wort für "Tulku") mit Sitz in Urga eingesetzt und zur Nr. 3 in der Gelugpa-Hierarchie erhoben, direkt hinter dem Dalai Lama und dem Panchen Lama. Fortan fungierte der Jetsün Dampa Tulku - zumindest in der Äußeren Mongolei - als eine Art König und war somit das mongolische Gegenstück zum Dalai Lama.

In der Inneren Mongolei versuchten dagegen chinesische Kaiser verschiedene Inkarnationen des Lang Kya Hutuktu als Oberlama durchzusetzen und somit ein politisches Gegengewicht zum Jetsün Dampa aufzubauen. Dahinter stand zweifellos die Absicht, die Einheit innerhalb der Mongolen nicht allzu groß werden zu lassen. China hatte damit durchaus Erfolg: Zwar konnte der Lang Kya den Jetsün Dampa Tulku nicht als höchsten Lama unter den Mongolen verdrängen, blieb aber regional sehr einflußreich. Da auch die Verbindungen zwischen den Chalka- Mongolen einerseits und den westmongolischen Völkern (Kasachen, Kirgisen, Uighuren, Kalmüken) andererseits schwächer wurde, kam es nicht zur Bildung eines mongolischen Einheitsstaates.

Fortan stellte die Mongolei keine politische oder gar militärische Bedrohung für das Chinesische Reich mehr dar; China wurde zur regionalen Großmacht. Dadurch, daß auch diverse Kaiser aus der Manchu-Dynastie (sie regierte von 1644 bis 1911) ebenfalls Anhänger des Gelugpa-Buddhismus waren, vergrößerten sich die Möglichkeiten von Seiten Chinas, auf diplomatischem Wege Einfluß auf die Mongolei und Tibet zu nehmen. Somit kam es während der nächsten Jahrhunderte zwischen China, Tibet und der Mongolei kaum zu nennenswerten kriegerischen Auseinandersetzungen. Andererseits erwuchsen nicht zuletzt infolge der politisch-diplomatischen Instrumentalisierung des Gelugpa-Buddhismus durch chinesische Kaiser die Ansprüche auf Tibet und die Mongolei.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts erwuchs dem chinesischen Reich durch die russische Ausbreitung nach Osten ein Konkurrent im Kampf um die Vorherrschaft im nördlichen Zentralasien. Die Mongolei geriet dadurch in den Strudel der Großmachtsambitionen Rußlands und Chinas. Letztlich hat sie es aber gerade diesem Umstand zu verdanken, daß sie zumindest einen großen Teil ihres Stammgebietes als eigenständiges Land hat bewahren können, während Tibet seine Unabhängigkeit später vollständig verlor.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe:

  • Über die Ausbreitung des Buddhismus in Rußland
  • Kalmükien und St. Petersburg - die ersten buddhistischen Zentren in Europa
  • Eine schwierige Synthese: Buddhismus und Kommunismus
  • Niedergang des Dharma und Ansätze zu einem Neuanfang in Rußland und der Mongolei
  • Einige landeskundliche Fakten über die heutige Mongolei, Burjatien, Kalmükien und Tannu-Tuwa

Einige Literaturhinweise (Auswahl):

  • Nik Douglas/Meryl White: Karmapa - the black hat Lama of Tibet. London 1976.
  • Ulla und Detlev Göbel: "Danach jedoch ging etwas schief..." In: Kagyü Life, Nr. 18/1995, S. 29-37.
  • Walther Heissig: Ein Volk sucht seine Geschichte. Die Mongolen und die verlorenen Dokumente ihrer großen Zeit. Düsseldorf/Wien 1964.
  • Tsepon W.D. Shakabpa: Tibet - A Political History. New Haven 1967.
  • B. Siklos: Mongolian Buddhism - A defensive Account. In: S. Akiner: Mongolia today. London/New York 1991, S. 155-182.
  • The travels of Marco Polo. Engl. Übersetzung von Aldo Ricci. London 1931. Neuausgabe New Delhi 1994.
  • Michael Weiers (Hg.): Die Mongolen. Beiträge zu ihrer Geschichte und Kultur. Darmstadt 1986

1 Der gewandte Umgang mit Pferden einerseits, sowie mit Pfeil und Bogen andererseits, waren damals für eine Armee nicht gerade selbstverständlich. Zudem verfügten die Mongolen über Bögen, die - raffiniert hergestellt - überspannt und vorne umgeklappt werden konnten, wodurch ihre Pfeile 50 Meter weiter als die ihrer Gegner flogen. Dies war im Kampfgeschehen natürlich ein entscheidender Vorteil.]


Michael den Hoet ist gelernter Historiker, lebt im Buddhistischen Zentrum Hamburg und hat mehrere Reisen in Rußland gemacht. Er war mitbeteiligt an der Organisation der ersten Reisen von Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl nach Rußland, in den Jahren 1988 bis 1990.

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