Aus: Buddhismus Heute Nr. 24, ( 1997)

Ein Leben zum Wohle der Wesen

Zum Tode von Gendün Rinpoche

Zusammengestellt von Nicholas Mailänder

Am Freitag, dem 31. Oktober 1997 verließ Gendün Rinpoche, einer der bedeutendsten buddhistischen Lehrer im Westen, seinen Körper. Im Beisein einiger naher Schüler starb er, 80 Jahre alt, im Zurückziehungs-Zentrum Kündröl Ling in Zentralfrankreich. Nur neun Tage zuvor, am 22. Oktober, hatte Rinpoche noch mehr als tausend Menschen persönlich seinen Segen gegeben. Gekommen waren sie aus ganz Europa, um an den Abschlußzeremonien der vierten von Rinpoche geleiteten Dreijahres-Zurückziehung teilzunehmen.

Lama Gendün hatte seine Schüler seit Jahren auf den Tod ihres Lehrers vorbereitet. An der Vergänglichkeit des menschlichen Daseins ließ er niemals Zweifel aufkommen: "Zunächst wird man im Schoß der Mutter empfangen. Man ist beinahe unsichtbar. Später wird man geboren. Man wird erwachsen. Und dann wird man alt, wie ich es jetzt werde. Der Körper wird schwach, die Zähne und Haare fallen aus usw. Dann stirbt man. Der Körper verwest und verschwindet, wonach überhaupt nichts mehr übrigbleibt. Mein graues Haar ist meine Mudra der Vergänglichkeit."

Lama Gendüns eigener Lebensbogen hatte im Jahr 1918 in der osttibetischen Provinz Nangchen begonnen, am Fuße eines schneebedeckten Berges, dem legendären Geburtsort des Asketen Sangye Nyenpa. Rinpoches Eltern waren einfache, rechtschaffene Leute: "Mein Vater war nicht arm, aber auch nicht reich. Er schlug Mantras in Holz und Stein einschließlich riesiger Mantras in Felswände." Auch Rinpoche sollte den Beruf des Vaters ergreifen, zeigte dafür aber weder Geschick noch Neigung. Viel lieber spielte der kleine Junge im Sommer für sich allein abseits der Nomadenzelte. Aus Ästen und Laub baute er sich eine Hütte und konstruierte darin aus Erde einen Sitz, von dem aus der Bub ganz selbstverständlich verkündete: "Ich bin ein Einsiedler!" Doch das Interesse des Kleinen ging weit über das kindliche Spiel hinaus: "Ab dem Alter von vier Jahren sehnte ich mich danach, einen Lama zu finden und den Dharma zu praktizieren. Ich erinnere mich an nächtelanges Weinen wegen der Leiden der Wesen in der Hölle und meiner Unfähigkeit, ihnen zu helfen. So betete ich sehr intensiv, einem spirituellen Meister zu begegnen." Schließlich gaben die Eltern dem Drängen des Kindes nach: "Sie beschlossen, mich in das naheliegende Kloster von Kyodrag - 'Felsen des Überdrusses' - zu bringen, wo ich eine religiöse Ausbildung wie auch die Mittel für meinen Lebensunterhalt erhalten würde."

Obwohl sich der kleine Novize willig den Regeln des Klosters fügte, waren die traditionellen Aktivitäten der Mönche für ihn nur Vorbereitung: "Im Alter von sieben bis dreizehn Jahren widmete ich meine Zeit dem Studium von Dharma-Texten. Danach begann ich das Gelernte in die Praxis umzusetzen. Meine erste Zurückziehung im Alter von dreizehn Jahren dauerte gerade einen Monat. Diese war in einem Haus, die zweite war in einer Höhle in einem Berghang, die dritte in einer Höhle unter der Erde und die vierte in einer Holzhütte. Alle diese Zurückziehungen dauerten mehrere Monate." Es wundert kaum, daß der entschlossene junge Mönch bereits mit siebzehn die Gelübde auf allen drei Ebenen nahm. Im Alter von 21 Jahren begann er die traditionelle Dreijahres-Zurückziehung. Aus seinen Fähigkeiten nach dieser Klausur machte Rinpoche 50 Jahre später gegenüber seinen Schülern kein Hehl: "Am Ende dieser Zurückziehung dachte ich, ich hätte das Wesen des Geistes verstanden. Zwanzig Jahre später begriff ich, daß ich überhaupt nichts verstanden hatte."

Nach der Dreijahres-Zurückziehung verbrachte ich ein weiteres Jahr mit Praxis im Zurückziehungs-Zentrum", berichtete Rinpoche. "Dann verbrachte ich ein Jahr auf einer Pilgerreise, auf der ich alle heiligen Orte Tibets besuchte. Nach der Rückkehr zum Kloster verschloß ich mich in einem Raum, in dem ich siebeneinhalb Jahre in Zurückziehung blieb." Es folgte eine kurze Unterbrechung und dann eine weitere dreijährige Klausur, der Rinpoches Lehrer - Tulku Tendzin von Kyodrag - schließlich ein Ende setzte: "Du kannst jetzt die Türe öffnen und herausgehen. Dein Anhaften an Gedanken ist jetzt spontan befreit."

"Nachdem ich herauskam, hatte ich viele Träume und Zeichen, die mir sagten, daß die Zeit gekommen war wegzugehen. Ich ging dann nach Zentraltibet, zusammen mit einem Gelong [tibetisch für: voll ordinierter Mönch] aus meinem Kloster, der ebenfalls sehr viele Zurückziehungen gemacht hatte. Wir gingen zusammen fort, ohne irgendeine Idee zu haben, wohin wir gehen würden. In Zentraltibet angekommen, blieben wir ein Jahr in Zurückziehung in einer Höhle, die einst von Guru Rinpoche bewohnt war. Dann verbrachten wir ein Jahr auf Pilgerreise und besuchten viele heilige Stätten, einschließlich jener in Nepal." Es folgte eine weitere mehrjährige Phase der Zurückziehung, diesmal in Höhlen [unter anderem sieben Jahre in einer Höhle], in denen bereits große Yogis wie Padmasambhava und Milarepa meditiert hatten. Hier erlangte Gendün Rinpoche vollkommene Verwirklichung.

Als die Chinesen im Jahr 1959 in Tibet eindrangen, meditierten die beiden Mönche gerade in einer Höhle des Milarepa-Schülers Rechungpa. Die Chinesen erfuhren von den Einsiedlern und suchten nach ihnen. Die dann folgenden Ereignisse schilderte Rinpoche in den Einzelheiten: "An einer Stelle nahe einem großen Wasserfall gab es einen gewundenen Pfad, der aus dem Tal herausführte. Aber selbst dieser wurde Tag und Nacht von schußbereiten chinesischen Soldaten bewacht. ... Wir beteten dann einsgerichtet zu den drei Juwelen und meditierten über Leerheit, um unsere Körper unsichtbar zu machen. Wir waren dann in der Lage zu entkommen, indem wir mitten durch die chinesischen Soldaten hindurch gingen, ohne daß sie irgend etwas sahen. Wenn man ständig in der Leerheit ist, ist Unsichtbarkeit unmittelbar."

Die zwei Gelongs erreichten Indien nach einem Fußmarsch von einem Monat. Dort suchte Rinpoche den 16. Gyalwa Karmapa auf, der ihn bald darauf für drei Jahre mit der Leitung eines neuen Klosters in Bhutan beauftragte. Danach verbrachte Rinpoche weitere zehn Jahre mit intensiver Mahamudra-Praxis im Haus eines Sponsors des Gyalwa Karmapa in Nordindien. Doch die nach innen gewandte Phase in Lama Gendüns Leben stand kurz ihrem Ende. Im Jahr 1974 teilte Karmapa Gendün Rinpoche ohne Umschweife mit, daß er ihn für die Verbreitung des Dharmas in Europa vorgesehen hatte: "Ich weiß, daß Du ein Lama bist, der seine Praxis zum Abschluß gebracht hat. Für dich ist jetzt die Zeit gekommen, zum Wohle der Wesen zu wirken." Rinpoches Paß, Ausreisepapiere und Visa waren bereits beantragt; zusammen mit Jigme Rinpoche trat er 1975 die Reise in den Westen an. Ziel war ein Anwesen in der Dordogne, wo Karmapa von Bernard Benson ein großes Stück Land erhalten hatte. Fünf Voraussetzungen mußten gemäß der Vision von Karmapa gegeben sein, um die Leiden der Menschen im Westen nachhaltig zu verringern: In der Dordogne und an anderen Orten müßten lebensfähige Dharmazentren entstehen; eine monastische Sangha würde ihr Rückgrat bilden; Leute, die in der traditionellen Form praktizieren wollten, sollten hierzu in einem Dreijahres-Retreat-Zentrum Gelegenheit bekommen; viertens wäre ein Tempel zu erbauen als Wahrzeichen der Karma-Kagyü-Übertragungslinie; der fünfte und letzte Wunsch des Karmapa bezog sich auf ein Zentrum, wo Europäer sich intensiv dem Studium der traditionellen Buddhistischen Philosophie widmen könnten.

Heute ist ein Großteil dieser Wünsche bereits Realität; andere stehen kurz vor ihrer Erfüllung. Für Laien konnten durch Gendün Rinpoche zwei Schwerpunktzentren etabliert werden, in denen regelmäßig Belehrungen und Einweihungen gegeben werden: Dhagpo Kagyü Ling in der Dordogne und Kündröl Püntsok Ling in Jägerndorf. Zudem gibt es praktisch überall in Europa funktionierende lokale Kagyü-Zentren. Lama Gendün hat viele von ihnen besucht und dort für alle am Dharma Interessierten Belehrungen gegeben. Für viele Teilnehmer wurden diese Belehrungen lebensbestimmend; denn sehr oft gelang es Rinpoche, jedem genau jenen Impuls zu geben, den er gerade brauchte. Manch einer machte Erfahrungen, die seinem "eigentlichen" Entwicklungsstand weit voraus waren und hoffnungsvollen Ausblick gaben auf bislang ungeahnte Möglichkeiten. Kein Wunder, daß sich immer mehr Menschen der konzentrierten Praxis in der Dreijahres-Zurückziehung widmen wollten. Seit Mitte der achtziger Jahre haben rund zweihundert Frauen und Männer in Kündröl Ling sowie in Halscheid unter der Leitung von Rinpoche eine oder mehrere solcher Zurückziehungen absolviert. Parallel entfaltete seit 1990 eine Schar freiwilliger Helfer eine ungemein effektive Bautätigkeit in der Auvergne. Unter anfänglich extrem schwierigen Bedingungen entstanden zahlreiche Drubkhangs [tibetisch für: Zurückziehungs-Häuser] für die Leute in Zurückziehung, es folgten die Gebäude des Frauen- und des Männerklosters sowie - in den vergangenen vier Jahren - der Tempel. Lama Gendüns Fröhlichkeit durchdrang das gesamte Leben im Zentrum - in den Zurückziehungen wie auf der Baustelle. Wenn Rinpoche im späten November mit seinen Sandalen durch Regen und Morast dahergestapft kam, schienen sich nicht nur die Menschen auf dem Gelände darüber zu freuen.

Rinpoche hinterläßt eine stabile äußere Struktur. Er hat seine fortgeschrittenen Schüler in den letzten Jahren in die Verantwortung hineinwachsen lassen und ihnen den Schatz seiner Unterweisungen vollständig übertragen. Die Zurückziehungen werden weitergehen, die Belehrungen werden weiterhin zur Verfügung stehen. Gendün Rinpoche hat die Leitung des Klosters, der beiden Laienzentren und der elf Zurückziehungens-Zentren seinen westlichen Schülern anvertraut und sie gleichzeitig der spirituellen Autorität von Gyalwa Karmapa Thaye Dorje und Künzig Shamar Rinpoche unterstellt.

Wenn man betrachtet, was dank Gendün Rinpoches Aktivität in den nur 22 Jahren seines Aufenthalts in Europa alles vollbracht wurde, kommt immense Freude auf. Laßt uns unsere Praxis mit der Freude und dem Humor, die so typisch für diesen vielgeliebten Lehrer sind, vertiefen!


Benutzt wurden folgende Quellen: "Belehrungen von Gendün Rinpoche", Kagyü-Dharma-Verlag, S. 15-21; "Wir haben vergessen, daß wir Buddhas sind", S. 12 - 23; "Lama Gendün Rinpoche", Brief aus Kündröl Ling vom 11. November 1997

Nicholas Mailänder ist ein langjähriger Schüler von Gendün Rinpoche. Er übersetzte Belehrungen von Rinpoche, die im Englischen unter dem Titel "Working with Emotions" erschienen waren, ins Deutsche. Sie erschienen im Theseus-Verlag unter dem Titel "Der Große Pfau".

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