HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 24, ( 1997)

Ratschläge zur Praxis

Von Künzig Shamar Rinpoche

Heidelberg, 13. August 1994

Um den Dharma richtig zu praktizieren, braucht man eine gute Motivation und man muß viel Energie in die Praxis investieren. Der Grund dafür ist, daß wir das Ziel haben, Erleuchtung zu erlangen, was bedeutet, daß wir unsere Unwissenheit und unsere störenden Gefühle überwinden wollen. Da wir unsere sehr tiefsitzenden Gewohnheiten aber schon seit anfangsloser Zeit haben, müssen wir sehr viel dafür tun, um sie aufzulösen und andere Gewohnheiten zu entwickeln. Ohne eine kontinuierliche Praxis wird uns das nicht gelingen.

Zuerst einmal muß man Konzentrationsfähigkeit entwickeln, so daß man nicht mehr ständig abgelenkt wird; wir müssen lernen, unseren Geist zu fokussieren. Alle unerleuchteten Wesen sind in einem ständigem Zustand von Verwirrung und Abgelenktsein; ihr Geist kommt nicht zur Ruhe und ist immer mit irgend etwas beschäftigt. An diesen Zustand sind wir so sehr gewöhnt, daß wir wirklich viel praktizieren müssen, um ihn zu verändern.

Aus diesem Grund wurde zur Zeit Buddhas die monastische Lebensweise eingeführt. Ihre Funktion war, den Leuten die Zeit für die Praxis zu verschaffen, denn mit einer Familie hatte man viel Verantwortung und nicht mehr so viel Zeit für Meditation. Die Mönchs- und Nonnenlebensweisen wurden empfohlen, um bessere Umstände für die Praxis zu haben: Statt zu arbeiten, bettelte man sein Essen zusammen; man lebte sehr einfach, um anderen nicht zur Last zu fallen; man aß nach Mittag nichts mehr etc. Alles drehte sich darum, daß man jeden Tag so viele Stunden wie möglich meditieren konnte. Das wichtigste zum Entwickeln von Konzentrationsfähigkeit ist aber - und das gilt für alle buddhistischen Lebensweisen - daß man in seiner Praxis eine Kontinuität hat und regelmäßig meditiert.

Das eigentliche Gegenmittel gegen die ständige Ablenkung ist, daß man den Geist in Ruhe verweilen läßt; wenn man diese Meditation übt, wird man Eindeutigkeit entwickeln, und Konzentration wird für den Geist etwas ganz natürliches werden. Man wird sich nicht mehr dazu zwingen müssen, sondern es wird eine Gewohnheit sein. Dieser Zustand von geistiger Freiheit ermöglicht einem dann, ganz natürlich und unbeschwert in alle Ebenen der Meditation einzutreten, so wie Vögel ganz natürlich im Raum fliegen und Fische im Wasser schwimmen können. Es ist ein Zustand von Befreiung und voller Möglichkeiten, so wie wenn ein kleiner Vogel aus dem Ei schlüpft.

Wenn der Geist schließlich frei von Unwissenheit und störenden Gefühlen ist, so ist das ein natürlicher und grenzenloser Zustand; es ist die wahre Weisheit des Geistes, die wirkliche Seinsweise des Geistes. Um den Schülern einen ungefähren Eindruck davon zu vermitteln, gibt es zwar Beschreibungen der verschiedenen Stufen auf diesem Weg, man kann diese Erfahrungen aber erst dann richtig verstehen, wenn man sie selbst erlebt hat. Selbst die Erfahrung davon zu machen, ist etwas ganz anderes, als nur die beschreibenden Worte zu kennen.

Um zu dieser Erfahrung zu gelangen, muß man meditieren lernen. Meditation bedeutet aber nicht, irgendwelchen Phantasien zu folgen, sondern ganz konkrete Methoden zu erlernen, um Unwissenheit und störende Gefühle aufzulösen. Dieser Lernprozeß ist recht heikel, denn man übt sich darin, auf eine ganz andere Weise mit dem Geist umzugehen als man es bisher gewohnt war, und dadurch können viele Hindernisse entstehen. Es ist in dieser Situation sehr wichtig zu wissen, wie man mit ihnen umgeht.

Ein Beispiel für diesen Lernprozeß ist in unserer Linie die Weise, wie Milarepa alle Methoden von seinem Lehrer Marpa erlernte. Er mußte zwar auch einige weniger traditionelle Methoden durchgehen, aber das hatte ganz speziell mit ihm selbst zu tun. Milarepa hatte von Marpa die eigentlichen Meditationsmethoden ganz präzise gelehrt bekommen. Weil Milarepa so gut gelernt hatte, war er später in der Lage, den ganzen Weg zu gehen, ohne ständig bei Marpa sein zu müssen.

Die Methoden richtig zu erlernen, ist also sehr wichtig. Worum es aber hierbei geht, sind die essentiellen Methoden, die Buddha gelehrt hat: Belehrungen darüber, wie man mit dem Geist arbeitet. Es ist gut, wenn man fähig wird, die essentiellen Methoden von den kulturell bedingten Methoden unterscheiden zu können. Letztere sind zum Beispiel Belehrungen über die rituellen Aspekte der Pujas, wie man also mit den Ritualobjekten und den Musikinstrumenten umgeht etc.

Aus verschiedenen Gründen ist es auch wichtig, etwas über buddhistische Philosophie zu lernen: Ein Grund dafür ist, daß das Wissen nötig ist, um Buddhas Lehre rein zu halten, so daß sie nicht für Manipulation mißbraucht werden kann. Man sieht ja oft in der Welt, daß Schriften verschiedener Religionen so verdreht oder in einer solchen Weise präsentiert werden, daß manche Lehrer sie zu eigennützigen Zwecken verwenden können. Im Buddhismus sind die Belehrungen sehr klar, und sie enthalten eine deutliche Logik. Wenn man sie erlernt, ist dies ein Schutz für die Reinheit der Lehre. Große Lehrer wie Chandrakirti und Nagarjuna haben Buddhas Lehre in einer verständlichen Weise präsentiert, die sich eigentlich nicht mißbrauchen läßt. Deswegen ist es bisher gelungen, den Buddhismus rein zu halten.

Zu diesen Zweck gibt es auch die Tradition, daß Lehrer, die Bücher über Buddhas Lehre geschrieben haben, bereit sein müssen, diese zu erklären, wenn jemand sie kritisiert. Sie müssen genau erklären, inwiefern ihre Belehrungen mit Buddhas Belehrungen übereinstimmen. Das dient dazu, daß niemand unter Buddhas Namen seine eigene Lehre verbreiten kann.

Wer heute in irgendeiner Weise die Funktion hat, Buddhas Lehre weiterzugeben - sei es, daß er oder sie lehrt, übersetzt, oder was auch immer - sollte den philosophischen Hintergrund von Buddhas Lehre kennen. Für die persönliche Entwicklung auf dem Weg ist Meditation aber natürlich wichtiger als Philosophie. Mir gefällt die Entwicklung hier im Westen sehr gut, daß Buddhismus vor allem von Laien, also von "Nichtmönchen" und "Nichtnonnen", praktiziert wird. Infolge einer hierarchischen Denkweise war Buddhismus im alten Indien so institutionalisiert, daß man nur als Mönch oder Nonne richtig praktizieren konnte. Als dann die Moslems in Indien einfielen, konnte der Buddhismus nur aus dem Grunde so völlig zerstört werden, daß es kaum praktizierende Laien gab.

Wenn wir hier im Westen Studienprogramme einführen, so ist auch dies ein Schutz für die Zukunft. Es dient dazu, daß man weiß, was Buddhas Lehre wirklich ist, und niemand eine andere Lehre als "Buddhismus" anbieten kann. Mein großer Wunsch und meine große Hoffnung ist, daß es wirklich gelehrte Westler geben wird, die Buddhismus in ihrer eigenen Sprache lehren können. Das ist eine Aufgabe für die jüngere Generation von Buddhisten. Anderenfalls kann es dazu kommen, daß Buddhas Lehre mit anderen Dingen vermischt wird.

Auch auf dem Weg des Vajrayana gibt es die beiden Aspekte Praxis und Philosophie. Für die persönliche Entwicklung ist auch hier Praxis das Wichtigste, daß man also die Grundlegenden Übungen praktiziert und meditiert. Es ist aber auch gut, wenn es Leute gibt, die sich um die Philosophie des Vajrayana kümmern, und wenn zum Beispiel Bücher darüber geschrieben werden. Die Philosophie Buddhas gilt ganz generell für jeden; die Praxis jedoch ist etwas sehr Individuelles, ohne eine für jeden Menschen gültige Beschreibung.

Ich gebe euch hier einige allgemeine Ratschläge, da ich ja nicht ständig bei euch bin. Wenn ich immer als euer Lehrer bei euch wäre, müßte ich euch schrittweise Belehrungen geben, um euch zu leiten. Ole Nydahl lehrt euch allen sehr viel Phowa, was sehr gut und eine sehr effektive Praxis ist - und ein Beispiel für solch eine individuelle Praxis.