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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 19, ( 1995)

Vajra-Gesänge - Auszug aus "Wie die Mitte des wolkenlosen Himmels"

Von Jamgön Kongtrul Rinpoche

Die indischen Mahasiddhas drückten ihre innere Erkenntnis häufig in Form von Gesängen, sogenannten Dohas oder Vajra-Gesängen, aus. Die Meister der Kagyü-Überlieferung führten diese Tradition in Tibet fort. Eine sehr bekannte Sammlung solcher Gesänge ist der "Kagyü-Gur-Dzö", der "Schatz der Kagyü-Gesänge".
[Übersetzung erschienen unter dem Titel "Rain of Wisdom" beim Shambhala-Verlag]

Buddha Shakyamuni gab zahllose Belehrungen, in denen er verschiedene Wege aufzeigte. Das Ziel all dieser Lehren ist die Erkenntnis der letztendlichen Wirklichkeit, der Natur unseres Geistes.

Unter all den von Buddha gelehrten Annäherungsweisen an diese Erkenntnis gilt Mahamudra als die hervorragendste. So haben die früheren Meister der Kagyü-Tradition - allein kraft der Methode des Mahamudra-Weges - innerhalb eines Lebens vollkommene Verwirklichung erlangt.

Sie behielten ihre Erkenntnis jedoch nicht nur für sich, sondern verliehen ihrer inneren Verwirklichung in Form von Gesängen Ausdruck. Diese Gesänge sind daher keine gewöhnlichen Lieder, die geschrieben oder komponiert werden. Sie entstehen auch nicht aus einem bestimmten Grund oder für einen bestimmten Zweck.

Das Besondere an ihnen ist, daß sie der spontane Ausdruck aller inneren Erfahrung sind. Ein solcher Gesang vermittelt die vollkommene Bedeutung von Mahamudra und vor allem, was damit zusammenhängt - sei es die Sichtweise, das Verhalten oder die Meditation. Es geht dabei also um die vom vollendeten Buddha dargelegten endgültigen Lehren, die Lehren über die letztendliche Wirklichkeit. Deshalb werden die Dohas auch nach dem unzerstörbaren, unveränderlichen Vajra benannt.

Die Vajra-Gesänge des Kagyü-Gur-Dzö stammen von früheren Kagyü-Meistern. Rezitieren wir sie heute, sollten wir uns dabei auf körperlicher, verbaler und geistiger Ebene ganz darauf einstellen, um den vollen Nutzen aus der Rezitation zu ziehen: Auf der Ebene des Körpers achten wir dabei auf die entsprechende Kleidung, zum Beispiel darauf, die drei Dharma-Roben zu tragen, wenn wir Gelübde haben; bei unserer Rede achten wir darauf, die Melodie vollkommen richtig zu singen und die einzelnen Wörter genau auszusprechen; geistig konzentrieren wir uns auf jedes Wort und verinnerlichen dessen Bedeutung. Man rezitiert somit nicht einfach den Text, sondern bezieht voll Achtsamkeit die drei Ebenen von Körper, Rede und Geist in das Lesen des Vajra-Gesanges mit ein.

Vajra-Gesänge helfen dem Praktizierenden, drei Arten von Hindernissen zu überwinden: einerseits Hindernisse auf der äußeren Ebene, andererseits auf der inneren - das heißt Störungen, die mit den Kanälen, Energiewinden und Tropfen zusammenhängen -, und ebenso Hindernisse, die unsere geistige Vertiefung, unsere Meditation, beeinträchtigen.

Mahamudra, der Weg der Kagyüs, wird hauptsächlich auf der Grundlage von Vertrauen und Hingabe praktiziert. Durch das Lesen von Vajra-Gesängen werden die drei Arten des Vertrauens, das Vertrauen der Überzeugung, des Strebens und das reine Vertrauen, sowie Hingabe entwickelt.

Indem wir uns die Beispiele unserer Lehrer vor Augen halten, entsteht in uns die Gewißheit, daß wir selbst ebenso wie sie den Weg praktizieren und Verwirklichung erlangen können.

Vajra-Gesänge enthalten überdies, wie bereits erwähnt, die gesamte Bedeutung aller Lehren Buddhas: die Belehrungen über Leerheit und das Entstehen in Abhängigkeit, über das kostbare Bodhicitta, die Erkenntnis der Einheit von Leerheit und Mitgefühl, über den Einen Geschmack, das heißt die Einheit von Samsara und Nirwana, über Vergänglichkeit, den ständigen Wandel aller Dinge und vieles mehr.

Gelingt es uns daher, die Bedeutung des Gesanges wirklich zu verstehen und umzusetzen, dann richten wir uns dadurch mit Körper, Rede und Geist auf den Weg des Dharma aus, gehen diesen Weg, und unendlicher Nutzen entsteht.

Die Essenz der zahllosen Lehren Buddhas ist die Erklärung über die Buddha-Natur: das Klare Licht, das dem Geist eines jeden Wesens innewohnt. Solange wir unsere Buddha-Natur nicht erkennen, erleben wir die Illusion von Samsara. Verwirklichen wir aber das in uns liegende Buddha-Potential, ist dies Buddhaschaft. Buddha gab alle Belehrungen als Methoden, mit deren Hilfe wir unsere Illusion überwinden und die wahre Natur des Geistes erkennen können, wobei die Mahamudra-Lehre, die als "Weg der Befreiung" bezeichnet wird, den Höhepunkt all seiner Lehren darstellt.

Was ist unter Mahamudra zu verstehen? Mahamudra besteht grundsätzlich aus drei Aspekten, nämlich Grundlage-, Weg- und Frucht-Mahamudra:

Grundlage-Mahamudra ist die Einheit der beiden Wirklichkeiten: der relativen und der letztendlichen. Es ist das Freisein von den beiden Extremen, nämlich dem Glauben an beständiges, wahres Vorhandensein und der nihilistischen Anschauung des Nicht-Vorhandenseins der Phänomene.

Weg-Mahamudra besteht in der Einheit von Methode und Weisheit. Ohne in die Extreme von Nihilismus oder den Glauben an die Beständigkeit der Erscheinungen zu verfallen und ohne Weisheit oder Methode zu vernachlässigen, werden die beiden Arten von Ansammlung angehßuft: die Ansammlung von objektbezogenem Verdienst und die von bezugsfreier Weisheit. Der Weg besteht demnach in der Einheit dieser beiden Ansammlungen.

Frucht-Mahamudra ist das Freisein von den beiden Extremen von Samsara und Nirwana. Es beruht auf dem Grundlage-Mahamudra, das heißt der Einheit der beiden Wirklichkeiten, und dem Weg-Mahamudra, das heißt der Einheit der beiden Ansammlungen. Es ist jener Zustand, der zwischen den drei Bereichen von Samsara und der Befreiung - also Nirwana - keinen Unterschied kennt. Die Verwirklichung der Einheit von Dharmakaya und Form-Kayas ist Frucht-Mahamudra.

Mahamudra umfaßt demnach die drei Aspekte: Grundlage, Weg und Frucht. Damit wird deutlich, daß es nichts gibt, was darin nicht enthalten wßre: Es umfaßt alles, ausgehend von dem Zustand der Illusion über den Weg bis hin zum Erlangen der vollkommenen Buddhaschaft. In anderen Worten bedeutet Mahamudra die Verwirklichung der Natur des eigenen Geistes.

Das tibetische Wort für Mahamudra ist "Tschag Gya Tschenpo": "Tschag" bezeichnet die in jeder Hinsicht vollkommene Leerheit, "Gya Tschenpo", "die große Weite", bezieht sich auf die alles umfassende, der Leerheit innewohnende Weisheit. Diese Bezeichnung bringt zum Ausdruck, daß die Tiefe und Weite von Mahamudra alles umfaßt. Mahamudra ist der "Weg der Befreiung", der höchste aller Wege, der schnellste und tiefgründigste Weg zur Buddhaschaft.


 Auszug aus "Wie die Mitte des wolkenlosen Himmels", Marpa Verlag, Wien