Aus: Buddhismus Heute Nr. 18, ( 1995)

Rumtek im Frühjahr 1995

Ein Bericht von Hannah Nydahl

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Ole und ich besuchten Rumtek zum ersten Mal im Sommer 1970. Mehr als ein halbes Jahr zuvor hatte der 16. Karmapa uns dorthin eingeladen, aber aufgrund von Bürokratie und den politischen Umständen hatten wir eine lange strapazierende Wartezeit, bis wir endlich unsere Visa erhielten. Als wir schließlich in Rumtek ankamen, waren wir erfüllt von Freude und Dankbarkeit. Es war wie ein Nachhausekommen, nachdem man lange fort gewesen war. Die Gegenwart des 16. Karmapa war allgegenwärtig und machte Rumtek zu einem geistigen wunscherfüllenden Juwel, erfüllt von Inspiration, Wärme und Tiefe. Karmapa selbst nannte Rumtek die „Mutter seiner Aktivitäten". Trotz der chinesischen Invasion Tibets und der Flucht der Linie nach Indien, hatte er das Unmögliche möglich gemacht. Indem er den vollen Gehalt sowohl der klösterlichen Studien als auch der Meditation nach Rumtek gebracht hatte, rettete er die Karma-Kagyü-Linie vor dem Verschwinden.

Seit dieser denkwürdigen Begegnung mit Seiner Heiligkeit im Jahre 1970 hatten wir Rumtek fast jedes Jahr besucht. Heute, 25 Jahre später, 14 Jahre nach Karmapas Tod und mit vielen dazwischen liegenden unvorhergesehenen Ereignissen, ist Rumtek praktisch nicht mehr wieder zu erkennen. Mit dem folgenden Bericht über meinen letzten Besuch Rumteks im Mai 1995 glaube ich, einige notwendige und bisher fehlende Informationen zur Kontroverse im Zusammenhang mit der Reinkarnation des 16. Karmapa beitragen zu können. Ich habe die Hoffnung und den starken Wunsch, daß dieser Bericht zu einem besseren Verständnis der Sachlage beiträgt und in dieser Weise dazu förderlich ist, daß die Aktivität Seiner Heiligkeit so geschehen kann, wie er es für seine 17. Inkarnation vorbereitet hat.

Ein wichtiger Grund für den diesmaligen Besuch Rumteks war für mich, daß ich dem 16. Karmapa an der Stupa, die seine sterblichen Überreste enthält, meinen Respekt erweisen und ihm danken wollte. Alles, was in den letzten drei Jahren geschehen war, hatte die Größe und die Weisheit des 16. Karmapa nur bestätigt, und seine Reliquien sind, obwohl sein Segen nicht von Raum und Zeit begrenzt ist, sicherlich etwas, was ihn hier auf der Erde repräsentiert.

Delhi war zu der Zeit unglaublich heiß, bis zu 45 Grad Celsius während des Tages, und es war eine Erleichterung, als der Jeep auf kurvigen Straßen in die Berge hochfuhr und die Luft mit jeder Kurve frischer und belebender wurde. Zwei Kilometer vor dem Kloster Rumtek bogen wir ab, hinunter zu Shamar Rinpoches Wohnsitz. Das erste, was wir dort sahen, waren Gruppen von Mönche jeden Alters. Einige saßen in Reihen auf dem Boden und lasen fleißig, jeder in seinem eigenen Rhythmus, unsynchronisiert. Andere waren in Gespräche vertieft. Aus dem Haus kam der Klang von Trommeln und Hörnern; es fand gerade eine Puja statt. Derzeit lebt hier die gesamte wahre Mönchsgemeinschaft von Rumtek, ca. 200 Leute. Es war ein ziemlicher Schock für mich, zu sehen unter welch eingezwängten Bedingungen diese tapferen Mönche lebten.

Für mich war es kein Geheimnis, daß alle Mönche Karmapas von Rumtek in Shamar Rinpoches Wohnsitz fliehen mußten, als das Kloster am 2. August 1993 von Situ und Gyaltsab Rinpoches Leuten gewaltsam eingenommen worden war. Viele von ihnen hatten mir ihre Geschichten erzählt.

Bevor Rumtek übernommen worden war, hatten die Mönche keine Partei ergreifen wollen. Es war für sie ein großer Konflikt, daß die Rinpoches sich über die Inkarnation Karmapas uneins waren, aber sie vertrauten darauf, daß die Rinpoches eine Lösung finden würden. Das neue Management unter Tai Situ Rinpoche macht jedoch deutlich, daß sie entweder seinen Anweisungen folgen oder das Kloster verlassen müßten. Die inbegriffene Drohung war für die Mönche sehr schwerwiegend, denn sie waren von korrupten Polizisten des Diktators Bhandari und von tibetischen und bhutanesischen kriminellen Extremisten belästigt und bedroht worden. Und nur einen Monat zuvor war ein Mönch von einigen der Shedra-Leuten Leuten des Nalanda-Institutes festgehalten worden. Man hatte ihm zwei Stichwunden zugefügt. Er war so schwer verletzt, daß er ins Krankenhaus mußte.

Diese Unruhestifter hatten zwischen den Shedra-Studenten einen Bruch erzeugt und sie gespalten. Sie versuchten auch, eine Spaltung zwischen der Shedra und den Mönchen zu erzeugen. Die Anspannung war groß, ständig gab es Drohungen und Leute wurden verletzt.

Unter diesen Umständen wollten die Mönche nicht mit der Shedra ihre traditionelle sechswöchige Sommer-Zurückziehung machen. Sie hatten eine Petition geschrieben und sagten darin, daß sie Angst vor eventuellen Gewaltausbrüchen hätten, wenn man die beiden Parteien zwingen würde zusammen zu sein, wie es bei diesen Zurückziehungen üblich ist. Shamar Rinpoche stimmte zu und unterstützte die Mönche. Er erinnerte sie ständig daran, daß sie die ihnen täglich begegnende Gewalt nicht mit Aggression erwidern sollten.

Tai Situ, der über die laufenden Vorgänge voll Bescheid wußte, gab jedoch die Anordnung, daß die Shedra und die Mönche zusammen an der Zurückziehung teilnehmen müßten. Es sollte hier erwähnt werden, daß Situ Rinpoche Rumtek Mitte der 70er-Jahre verlassen und seitdem nichts mehr für Rumtek getan hatte. Daß er plötzlich dort auftauchte und mit Zwang Loyalität von Karmapas Mönchen einforderte, war ein weiterer Faktor, der zu dem Unvermeidlichen beitrug. Unter solch feindseligen Bedingungen hatten die Mönche keine andere Wahl mehr, als das Kloster zu verlassen.

Bei meinem Besuch im Mai dieses Jahres waren auch zwei meiner Freunde, Mark und Thule, in Sikkim und wir beschlossen, gemeinsam zum Kloster hochzugehen. Thule war das letzte Mal 1981, anläßlich der Verbrennung des 16. Karmapa, dort gewesen, und für Mark war es etwas Neues. Morgens um 8.30 Uhr machten wir uns auf den Weg den Berg hoch - es war ein schöner Spaziergang. Als wir das Tor zum Dorf unterhalb des Klosters erreichten, kamen wir an einigen Wachen vorbei, die von der Regierung dort aufgestellt worden waren. Es waren ca. 200 Männer - indische Soldaten, sikkimesische Polizisten und sikkimesische Sondereinheiten. Die Sicherheitskräfte sind dort, um Topga Rinpoche zu unterstützen, der nach Sikkim zurückkam, um seine Funktion als Generalsekretär des Karmapa Charitable Trust wiederherzustellen.

Auch ein tibetischer Mann saß dort - ein Informant, wie wir später herausfanden. Kaum hatten wir das Tor passiert, kam er uns nachgelaufen. Später wurde uns erzählt, daß er mich erkannt hatte, zum Kloster hinaufgelaufen war und Alarm geschlagen hatte. Er rief, daß ich kommen würde und daß man mich nicht hineinlassen solle. Ohne mir der mir zu Ehren stattfindenden dramatischen Ereignisse bewußt zu sein, gingen wir weiter die Straße rauf und hielten an Tsültrim Namgyals Haus. Seine Familiegehört zu den Leuten, die wir fast jedes Jahr besucht hatten, immer wenn wir nach Rumtek kamen, seit 1970.

Nach einer gemeinsamen Tasse Tee schlossen wir uns den vielen indischen Touristen an, die ebenfalls auf dem Weg zum Kloster waren. Eine der Sicherheitsmaßnahmen war, daß alle Wagen gestoppt wurden und jeder zu Fuß gehen mußte. Vor dem Kloster bemerkte ich, daß Tashi Wangchuk eifrig mit einigen Soldaten redete und dabei nervös in unsere Richtung schaute. Ich nahm jedoch keine Notiz davon. Erst als wir durch das Tor traten, stellten wir fest, daß Thule nicht mehr da war. Wir fanden ihn umstellt von Soldaten, die ihn aufhielten und sagten, daß Foto- und Video-Aufnahmen des Klosters verboten seien. Da standen wir, während Ströme von Touristen die ganze Umgebung fotografierten. Wir beschlossen, daß die Situation zu absurd sei, um sie ernst zunehmen und gingen weiter, alle drei mit unseren Kameras. Wir gingen links um das Gebäude des Haupttempels herum und traten an der Seite ein. Als wir in den zweiten Stock hochkamen, passierten wir den zweiten Raum mit der Schwarzen Krone und der Herz-Stupa. Eine Wache saß vor der Tür und beschäftigte sich mit einem Video-Spiel. Er nahm uns kaum wahr und murmelte etwas wie „passing time". Wir hofften, daß im Raum alles noch intakt war.

Mittlerweile hatten wir die Soldaten, die uns zuvor anhalten wollten, fast schon vergessen, so daß wir überrascht waren, als sie aggressiv auf uns zukamen. Auch waren die Türen des Tempels geschlossen worden. Sie bestanden darauf, daß wir nicht mit unseren Kameras weitergingen. Die Stimmung war jetzt zu angespannt, um sie weiter zu ignorieren. Wir begannen mit den Soldaten zu argumentieren und es wurde deutlich, daß das Problem nichts mit Fotografieren zu tun hatte. Während wir miteinander redeten, hatten wir uns aus dem Tempel und von der Shedra fortbewegt, und die Situation geriet außer Kontrolle. Die Leute, die sich ansammelten, wurden immer provozierender, riefen Obszönitäten und einer der Soldaten hielt sein Gewehr nahe an meinen Kopf. Schließlich gaben die Soldaten zu, daß sie vom „Management" des Klosters aufgefordert worden waren, uns zu stoppen. Dieses so genannte „Management" sind Leute, die sich Ende 1992 Illegalerweise als die neue „Verwaltung" Rumteks eingesetzt hatten, und die rechtmäßige Verwaltung, den Karmapa Charitable Trust, ignorierten. Als wir das in die Shedra führende Tor erreichten, saß dort eine indische Frau am Boden. Sie hielt ihren Kopf in den Händen und sagte: „Seien Sie vorsichtig, die wollen Sie nicht hier haben". „Die Jungs", ich kann nicht anders, als sie so zu nennen, hatten ihr die Tür vor den Kopf geschlagen, als sie uns kommen sahen.

Das schlechte Benehmen „der Jungs" wurde schlimmer und es war klar, daß wir die „Gegenseite" waren. Angeführt von einem Verbrecher namens Batuk, rief die Bande Schimpfwörter und zeigte Drohgebärden. Dieser Batuk war in all die gewalttätigen Ereignisse verwickelt gewesen, die seit Beginn der Kontroverse in Rumtek geschehen waren; Mönche waren geschlagen, mit Messern verletzt und einer sogar ermordet worden. Er war auch beim Angriff auf das KIBI in New Delhi dabei gewesen und hatte am 17. März 1994 in der vordersten Reihe der Steinewerfer gestanden, als Karmapa Thaye Dorje das erste Mal vorgestellt wurde. Er und etwa 20 andere bhutanesische Unruhestifter waren vor einigen Jahren nach Rumtek gekommen. Sie haben eine kriminelle Vorgeschichte und werden dafür bezahlt, daß sie Ärger machen. Der einzige Grund dafür, daß Batuk immer noch dort ist, ist der, daß unter dem Regime des Diktators Bhandari die Einhaltung der Gesetze nicht durchgesetzt wurden. Diese Bande, die eine Spaltung in der Shedra und eine Spaltung zwischen den Shedra-Studenten und den Mönchen hervorgerufen hatten, konnten die Gesetze brechen und tun was sie wollten, ohne rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Das Schlimmste ist, daß sie in Mönchsroben herumlaufen.

Nach einer Weile beschlossen wir, eine Pause zu machen, da normale Kommunikation nicht mehr in Frage kam. Wir waren dabei zu gehen, als die sikkimesische Polizei auf uns zutrat. Sie schlugen vor, daß wir unsere Kameras zurücklassen sollten. Dann würden sie uns helfen, zu dem Stupa zu gelangen. Wir gaben nach und eilten zu Tsültrim Namgyals Haus hinunter, um unsere Sachen dort zu hinterlegen. Was war es, was wir nicht fotografieren sollten? Was gab es dort zu verstecken?

Auf dem Rückweg trafen wir Gyurme Tsültrim, den Repräsentanten Situ Rinpoches in Rumtek, da nun Situpa selbst nicht mehr dort sein kann, denn ihm wurde wegen anti-indischen Aktivitäten die Einreise nach Indien verwehrt. Für mich war es eine recht seltsame Begegnung. Wir kannten uns gegenseitig aus Malaysia, wo wir anläßlich einer Dharma-Tour mit Gyaltsab Rinpoche, für den ich übersetzte, mehrere Monate miteinander verbracht hatten. Auf dieser Tour war ich das erste Mal mit starker und andauernder Anti-Shamarpa-Propaganda konfrontiert worden. In diesen drei Monaten wurde ich von Gyaltsab Rinpoches Leuten langsam mit den unglaublichsten Geschichten über Shamar Rinpoche aufgefüllt. Das Hauptthema war, daß Shamar Rinpoche seinen eigenen Namen unter Dokumente gesetzt hätte, die die Rechte über das Stück Land in New Delhi festlegen, das später für das KIBI genutzt wurde. Weiterhin war mir erzählt worden, daß Shamar Rinpoche und der "dämonische" Topga Rinpoche vorhätten, Rumtek zu übernehmen. In Anbetracht dessen, daß ich für alle Rinpoches gearbeitet hatte und daß ich direkt von einem Sommerkurs mit Shamar Rinpoche kam, wo ich für ihn übersetzt hatte, war es sowohl schockierend, als auch unverständlich, mich in diese Art von Verleumdungen hineinzuziehen, insbesondere durch Leute eines Rinpoches, der ein Kollege Shamar Rinpoches war. Die Vorwürfe, daß Shamar Rinpoche das Kloster in Delhi auf seinen Namen überschreiben wollte, wurden juristisch als völlig haltlos bewiesen. Als ich später die Pachtverträge selbst einmal las, zeigten sie deutlich, daß der verstorbene S.H. Karmapa die Pachtrechte behielt, während Shamar Rinpoche nur als sein juristischer Repräsentant benannt wurde. Diese Vorwürfe sind jedoch leider bis heute benutzt worden, um Shamar Rinpoche und Topga Rinpoche weiter zu verleumden.

Nachdem wir unsere Kameras zurückgelassen hatten, gingen wir wieder zum Shedra-Gebäude rauf und wurden wieder von der aggressiven Bande in sehr grober Weise angehalten. Gyurme Tsültrim, der uns versprochen hatte, daß es kein Problem für uns sei, zur Stupa zu gehen, hatte „den Jungs" nun die Anweisung zu geben, das Tor zu öffnen. Dies machte ihn nicht besonders beliebt, und als wir die Stufen hochgingen, riefen „die Jungs" wieder rohe, provozierende Bemerkungen. Es war deutlich, daß Gyurme Tsültrim immer nervöser wurde. Als wir schließlich den ersten Stock erreichten, wo sich der Stupa befindet, war es keine Überraschung, die Tür verschlossen vorzufinden, obwohl Sekunden zuvor noch indische Touristen darin gewesen waren. Der Schlüssel war natürlich auch gerade verschwunden und nirgendwo aufzufinden.

Es entwickelte sich eine längere Diskussion vor der Tür Sangye Nyenpa Rinpoches. Sein älterer Gehilfe war, kaum daß er uns gesehen hatte, hinter den Vorhang der Tür geeilt und rief: „Warum habt ihr sie nicht aufgehalten?" Ich fragte nach dem Grund dafür, daß wir nicht den Stupa mit den Reliquien des 16. Karmapa sehen dürften. Sie hatten nur eine Antwort: Daß ich ein „dam nyam" sei, was bedeutet, daß ich Samayas gebrochen hätte, und daß deswegen meine bloße Anwesenheit den Stupa-Raum verunreinigen würde.

Dieser „Titel" eines „dam nyam" Schützer von Karmapas Eigentum nennen, scheinen hinter dem Vermögen her zu sein, daß Rumtek mehr als alles andere repräsentiert. Es ist sehr schade, daß sie bewußt die Existenz des 16. Karmapa ignorieren, indem sie sagen: „Alle Karmapas sind gleich. Jetzt ist der 17. Karmapa wichtig, nicht der 16". Die große Frage ist, wer der „dam nyam" ist.

Später gingen wir wieder zum Haus zurück. Aufgrund früherer Erfahrungen beschlossen wir, zur örtlichen Polizei zu gehen, da zweifellos vom Kloster falsche Berichte geliefert werden würden. Sicherlich waren sie bereits informiert worden, und so erklärten wir, was vorgefallen war. Das Einzige, was die Beamten interessierte, war jedoch, ob unsere Dokumente, wie Reisepaß und Visa, in Ordnung wären und das waren sie natürlich. Dann sagten sie, daß wir am nächsten Morgen zum Kloster hochgehen könnten, und daß die Polizei sicherstelle, daß niemand uns aufhalten würde.

Am nächsten Morgen gingen wir zum dritten Mal zum Kloster. Im Gegensatz zum Vortag war es bemerkenswert ruhig und erst als wir den Platz vor dem Haupttempel erreichten, sammelten sich die Dickköpfigsten der Bande und einige Laien um uns herum. Nun versuchten sie „so höflich wie möglich" die Polizei davon zu überzeugen, daß sie uns nicht hineinlassen solle. Nach kurzer Zeit war die künstliche Höflichkeit vergessen und sie begannen gleichzeitig zu schreien. Als ich in die Menge schaute, erkannte ich Gesichter von Leuten, die wir seit vielen Jahren kannten. Ich war betroffen von der Tatsache, daß dies dieselben Leute waren, die früher „aus Respekt" geradezu vor unseren Füßen gekrochen waren, um Unterstützung für sich oder ihre Familien zu erhalten. Nun standen sie vor uns und riefen mit verzerrten und verdrehten Gesichtern rohe Ausdrücke gegen uns. In den letzten drei Jahren waren sie äußerlich um zehn Jahre gealtert. Nicht einer von ihnen konnte mir gerade in die Augen schauen. In feiger Manier wandten sie ihre Gesichter ab. Es war ein trauriger Anblick.

Während das vor sich ging, konnte ich nicht anders, als daran zu denken, was in den letzten paar Jahren im Dorf vorgegangen war. Eine Sache war, daß diese Leute bestochen worden waren; alle hatten sie schöne neue grüne Dächer auf ihren Häusern. Weiterhin hatten sie feine Titel bekommen und gutes Essen, und insbesondere die Damen hatten neue Kleider usw. erhalten. Die Tatsache, daß Geld und materieller Status eine andere Rolle spielen als wir es gewohnt sind, ist verständlich, wenn man ihren Lebensstandard bedenkt. Schwer zu verstehen ist jedoch, daß diese Leute ihre Würde verloren zu haben schienen und bereit waren, jede Person zu verfolgen, die nicht blind dem chinesischen Karmapa folgte. Sie hatten Steine auf Leute, Häuser und Autos geworfen, hatten „die Ketzer" angespuckt und sie wenn möglich geschlagen - sogar Kinder. Familien hatten sich zerstritten, Ehemänner und Ehefrauen, Kinder und Eltern, Schwestern und Brüder. Es mag schwer zu glauben sein, aber so ist es. Die Hälfte der Leute war ihren Prinzipien, sich nicht bestechen zu lassen, treu geblieben und hatte die Härte auf sich genommen, belästigt zu werden und finanzielle Unterstützungen zu verlieren.

Die Polizisten wollten offensichtlich keine Schwierigkeiten mit den Leuten, mit denen sie ja Tür an Tür lebten. So beschlossen sie, ihren Boß zu holen, und er sollte die Verantwortung übernehmen. Wir wurden aufgefordert abzuwarten, bis die endgültige Entscheidung darüber käme, ob wir eintreten dürften oder nicht. So warteten wir vor dem Kloster, wo wir unbehelligt blieben. „Störung von Gesetz und Ordnung", was als juristische Begründung verwendet worden war, um uns nicht hineinzulassen, schien jetzt kein Problem mehr zu sein. Die Menge verstreute sich mit der Gewißheit ihres Sieges.

Nach zwei Stunden kam die Polizei zurück und forderte uns auf, ihnen zu folgen. Sie hatten von oben die Anordnung bekommen, daß sie uns reinlassen sollten. Still und mit langen Gesichtern führte das so genannte „Management" die Prozession an, der wir und die Polizei folgten. Zuerst wurden wir in den Haupttempel gebracht. Die Puja, die im Gange war, als wir draußen standen, war unterbrochen und der Raum uns zu Ehren geleert worden. Vor der Buddha-Statue und Karmapas Thron brachten wir unsere Verehrung dar. Es war zwar das Bild von Urgyen Trinle auf den Thron gestellt worden, aber das änderte nichts an der Tatsache, daß es der Sitz des 16. Karmapa war.

Immer noch in tiefer Stille gingen wir zum Shedra-Gebäude weiter. Batuk, wie immer bereit und nicht willens, seinen Kampf aufzugeben, stritt weiter und seine eigenen Leute mußten ihm sagen, daß er den Mund halten und das Tor öffnen solle. Unter Protesten öffnete er es schließlich und wir gingen in den ersten Stock hoch. Alle Türen waren offen, auch die zu Karmapas Stupa-Raum. Es war völlig überwältigend, schließlich diesen Raum zu betreten. Urgyen Trinles Foto war demonstrativ an die Mitte des Stupas gestellt worden, der die Reliquien des 16. Karmapa enthält, und erinnerte so sehr konkret an die fortdauernde Kontroverse. Aber der Segen Karmapas war so stark, daß all die negativen Eindrücke und Aggressionen der letzten Tage sich in einem Moment auflösten und Raum gab für die Klarheit und Wärme, die unsere wahre Natur sind. Dies löste einen Strom von Tränen aus, den ich nicht zurückhalten konnte. Es war ein Ausdruck von Erleichterung und Bestätigung dafür, auf dem richtigen Weg zu sein, und zugleich auch ein Schmerzensstich, da so viel in Karmapas eigenem Haus zerstört worden war. Eines wurde erschreckend klar: „Daß der 16. Karmapa ganz sicher gewußt hatte, was passieren würde". Er hatte uns immer vor jeglicher politischer Verwendung des Dharma gewarnt. Karmapas Aktivität zum Dank ist nun zumindest für jeden, der seinen gesunden Menschenverstand einsetzt, klar geworden, was Dharma und was Kultur und Politik ist.

Nachdem wir starke Wünsche zum Nutzen aller Wesen gemacht hatten, verließen wir den Raum wieder, immer noch in Prozession und konnten nicht schnell genug wegkommen. Das Letzte, was wir aus der Entfernung hörten, war, wie Batuk unermüdlich die Soldaten davon zu überzeugen versuchte, wie schrecklich es sei, daß uns der Eintritt erlaubt worden war.

Wie erwartet, wurde dem Gouverneur sofort eine lange Beschwerde überreicht, in der ich als Unruhestifterin und Gefahr für Recht und Ordnung dargestellt wurde. Bis vor kurzem hätte diese Beschwerde auch das erwünschte Resultat gehabt; wir wären aus Sikkim ausgewiesen und vielleicht sogar in irgendeiner Weise bestraft worden. In den letzten beiden Jahren wurden einige Mönche schon ohne Anlaß ins Gefängnis geworfen. Nach Bhandaris Sturz wurden jedoch normales Recht und Ordnung wiederhergestellt. Es nähert sich der Tag, an dem die illegalen Eindringlinge in Rumtek aus ihrem Traum aufwachen müssen, daß nur die Anhänger Urgyen Trinles Rechte haben und niemand sonst. Sie werden die in der Gesellschaft gültigen Gesetze akzeptieren müssen, die in diesem Fall dem Karmapa Charitable Trust die Autorität über Rumtek geben.

 


Hannah Nydahl