Aus: Buddhismus Heute Nr. 18, ( 1995)

"Blindes Vertrauen ist nicht ratsam"

Khenpo Tschödrag Thenpel Rinpoche zum Thema "Diamantwegslehrer"

New Delhi, April 1994

Nach der Vorstellung des 17. Karmapa Thaye Dorje im März 1994 gab Khenpo Tschödrag, der Hauptlehrer des Klosters Rumtek, im Karmapa International Buddhist Institute in New Delhi jeden Tag Belehrungen zum "Juwelenschmuck der Befreiung" von Gampopa, einem Grundlagentext der Kagyü-Linie.

Die Stimmung im "Karmapa International Buddhist Institute" war gekennzeichnet von den Vorgängen am 17. März; Anhänger Tai Situ Rinpoches hatten das KIBI angegriffen, einige Leute zum Teil schwer verletzt und erheblichen Sachschaden angerichtet. In den folgenden Wochen wurden jederzeit neue Angriffe und Anschläge auf Karmapas Leben erwartet. Die Freude über die Wiederkehr Karmapas war daher begleitet von dem Gefühl, daß in der Kagyü-Linie etwas zerstört worden war, was man nicht wieder würde reparieren können; die Spaltung war besiegelt.

Wie schon in den beiden Jahren zuvor, seit Beginn der Kagyü-Krise, kam nun verstärkt die Frage auf, wie es sein kann, daß manche Rinpoches und Lamas plötzlich ein derart unbuddhistisches Verhalten zeigen, bzw. wie man sich in Zukunft davor schützen kann, an solche Lehrer zu geraten. Diese Frage ist auch angesichts der Vorfälle um den Guru Shoko Asahara im Frühjahr '95 in Japan sehr aktuell.

Die folgenden stark gekürzten Fragen und Antworten sollten in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Wie sollte man damit umgehen, wenn man vom Verhalten eines Dharmalehrers enttäuscht wurde?
Man sollte ihn nicht kritisieren, sondern in diplomatischer Weise die Beziehung beenden. Der Hauptgrund für eine solche Enttäuschung ist, daß man die Belehrungen nicht in der richtigen Weise praktizieren konnte, da man nicht die Wissensbasis hatte, um den Lehrer zu beurteilen. Wenn man die Belehrungen studiert, erlangt man schrittweise ein tiefgründiges Verständnis der Lehre des Buddha, und man wird fähig zu beurteilen, ob jemand ein wahrhafter Lehrer ist oder nicht. [...]

Es scheint, daß sich die meisten Lamas heutzutage entschieden haben, den Dharma mehr oder weniger zu verkaufen; die Mehrheit der Lehrer hat nicht länger eine tiefgründige Basis. Sie geben die Belehrungen nicht mehr in der Weise, daß die Individuen sich schrittweise entwickeln, sondern sprechen über sehr fortgeschrittene Belehrungen und Praktiken, die die Leute überhaupt nicht praktizieren können, weil ihnen die Grundlage dafür fehlt.

Deshalb ist es sehr wichtig, Buddhismus zu studieren und mit diesem intellektuellen Verständnis als Grundlage zu fortgeschritteneren Praktiken überzugehen. Gampopa sagte einmal, daß Praktizierende, die in der Zukunft Hingabe zu ihm empfinden, nicht traurig sein sollten, daß sie nicht die Möglichkeit hätten, ihn persönlich zu treffen, denn sein Repräsentant wird sein Text "Juwelenschmuck der Befreiung" sein. Diesen Text zu studieren ist das gleiche, wie Gampopa persönlich zu treffen, sagte er. Obwohl es heute viele Anhänger der Kagyü-Linie gibt, findet man jedoch nur wenige, die ein korrektes Wissen über diesen Text haben.

Es heißt, daß der Diamantwegs-Lama immer als Buddha angesehen werden soll? Wie ist das zu verstehen?
Es geht dabei nicht um irgendeinen Lama, sondern um die Art von Lehrer, der in der Lage ist, die sogenannte "Weisheitsermächtigung" zu übertragen. Solch ein Lehrer sollte wenn er zum Beispiel die Einweihung auf den Buddha "Höchste Freude" (Khorlo Demchog) gibt, fähig sein, dieses Mandala im Raum zu manifestieren. Tilopa zum Beispiel war dazu in der Lage. Nicht jeder, der eine Einweihung gibt, hat solche Qualitäten.

Viele Lamas haben jedoch diese Aussage [daß der Lama als Buddha gesehen werden soll] ausgenutzt. Man muß vorsichtig sein, wenn jemand solche Aussagen macht. Vielleicht sagt der Lama es nur, damit er Kontrolle über dich hat und dich benutzen kann. Du mußt herausfinden, was der Lama beabsichtigt.

Wenn ein Lama so etwas sagt, wäre es gut, ihn zu bitten, ein Mandala im Raum zu manifestieren. Wenn der Lama dazu in der Lage ist, dann sollte man ihn immer als Buddha sehen. Ebenso, wenn jemand in der Lage ist, Realisation von der Natur des Geistes dadurch hervorzurufen, daß er einem ins Gesicht schlägt, so wie Tilopa es mit Naropa tat.

Als der Buddha eine Einweihung an den König Indrabodhi gab, manifestierte er das Mandala klar im Raum, so daß es für den König sichtbar war. Dies ist die Art von Lehrer, welcher es verdient, als Buddha angesehen zu werden.

Wie kann man selbst überprüfen, ob man in der Lage ist, seinen Lehrer immer als Buddha zu sehen?
Wenn die Person, die man als Buddha sieht, etwas tut, was nicht so gut ist, wie würde man dann reagieren? Wäre man dann immer noch in der Lage, ihn als Buddha zu sehen oder nicht?

Wenn dein Lehrer, den du als Buddha sehen willst, etwas sagt, das dich ärgerlich macht, bedeutet das, daß du nicht in der Lage bist, deine Sichtweise aufrechtzuerhalten.

Und wenn man den Lama, obwohl er irgendetwas Unmögliches tut, einfach weiter als perfekt ansieht?
Das bedeutet, daß man an einer verzerrten Wahrnehmung der Dinge anhaftet. Man möchte den Lehrer in einer bestimmten Weise sehen, obwohl diese vielleicht nicht den Tatsachen entspricht. Das Beste, was man in dieser Situation machen kann, ist zum Buddha zu beten. [...]

Bekommt man nicht auf jeden Fall den Segen des Buddhas, wenn man einen Lama als Buddha ansieht und Gebete an ihn richtet?
Es ist gar nicht so leicht, jemanden ständig als Buddha anzusehen. Wenn sich diese Person in einer bestimmten Weise verhält, wird man Fehler entdecken und nicht länger in der Lage sein, ihn als Buddha zu sehen. Es ist nicht ratsam, eine normale Person als Buddha anzusehen, denn man ist wahrscheinlich nicht in der Lage, diese Sicht aufrechtzuerhalten. Man bekommt dann auch nicht den Segen des Buddha.

Man trifft ja zunächst einen Lehrer und erhält Belehrungen von ihm, die sehr gut erscheinen. Daraufhin entwickelt man Hingabe zu diesem Lehrer und hält ihn für erleuchtet. Später jedoch könnte es sein, daß er etwas tut, was einen sehr wütend macht. Jemanden "einfach nur so" als Buddha anzusehen, entbehrt einer stabilen Grundlage.

In den Sutras hat der Buddha verschiedene Aufzählungen und Einteilungen der Eigenschaften eines Lehrer gegeben. Er tat das wieder und wieder, weil er wußte, daß es viele falsche Lehrer geben wird, und weil er wollte, daß die Schüler die Möglichkeit haben, einen richtigen Lehrer zu erkennen.

Der Buddha selbst sagte, daß der Buddhismus nicht von außen zerstört werden wird, sondern vielmehr von Leuten, die behaupten, daß sie buddhistische Lehrer oder daß sie überhaupt Buddhisten seien.

Der Buddhismus wird vergehen durch Leute, die sich Roben anziehen, behaupten, daß sie Dharmalehrer seien, tatsächlich jedoch keine echten Belehrungen geben. Es ist sehr wichtig, jeden Lehrer zu untersuchen, ob er wirklich authentisch ist oder nicht. Man sollte niemals blindes Vertrauen in irgend jemanden setzen. Das ist nicht ratsam.

Wie erkennt man, ob ein Lehrer schon auf der ersten Bodhisattvastufe angelangt ist?
Wenn jemand sich nicht so verhält, wie es beschrieben wurde für Wesen die auf der ersten Bodhisattvastufe sind, dann hat er diese Stufe nicht erreicht.

Ein Bodhisattva der ersten Stufe hat in der Meditation die direkte Wahrnehmung der Leerheit, der wahren Natur alle Phänomene. In der Nachmeditation hält er, wegen seiner Realisation der Leerheit, nicht an Dingen als wirklich und solide fest. Jedoch ist ein feines Anhaften an Dingen vorhanden, obwohl er alles als illusionsartig und traumhaft sieht. Solch eine Person würde niemals grobe störende Geisteszustände entwickeln. Das heißt, daß eine Person, die offensichtlich aus groben störenden Gefühlen heraus handelt, diese Stufe noch nicht erreicht hat.

Im Geist eines Bodhisattvas der ersten Stufe können zwar noch störende Zustände auftauchen. Er wird jedoch im selben Moment, wo diese Zustände auftauchen, ihre leere Natur wahrnehmen und deswegen keine negativen Handlungen ausführen. Als Marpa Naropa seine Praxisresultate darlegte, erhielt er die Antwort, daß er die wahre Natur des Geistes erkannt hatte. Marpa schien zeitweise eine sehr wilde, zornvolle Person zu sein. Doch im selben Moment, in dem der Zorn in seinem Geist auftauchte, war Marpa in der Lage, die leere Natur des Zorns zu erkennen und reagierte deswegen nicht auf den Zorn. Eine Person, die wütend wird und aufgrund dieser Wut handelt, kann somit nicht die erste Bodhisattvastufe erreicht haben. Denn wenn sie diese Stufe erreicht hätte, würde sie nicht auf Zorn im Geiste reagieren.

Könnte man sagen, daß die Definition eines Kagyü-Vajrayana-Lehrers die ist, daß er die Erfahrung der Leerheit gemacht hat und daß er seine Samayas zum Karmapa hält?
Ja, das kann man sagen: Jemand der Leerheit verwirklicht hat und seine Samayas hält.

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