Aus: Buddhismus Heute Nr. 18, ( 1995)

Der Mahamudra-Weg - Teil 1: Die Grundübungen

Von Künzig Shamar Rinpoche

Die Praxis der Grundübungen, des Ngöndro, ist sehr wichtig, um schlechtes Karma zu reinigen und Weisheit zu entwickeln. Unsere eigentliche Hauptpraxis ist zwar Mahamudra, aber ohne Reinigung und Segen kann man Mahamudra gar nicht praktizieren. Insofern ist die Praxis der „Grundübungen" die essentiellste aller Praktiken.

Ihr seid bis jetzt noch immer in Samsara, und solange das so ist, habt ihr störende Gefühle. Wenn das anders wäre, so müsstet ihr jetzt schon erleuchtet sein. Ihr hattet in der Vergangenheit, wo immer ihr auch geboren wart, ständig die verschiedenen Geistesgifte. Ihr hattet sie, wenn ihr zu den allerhöchsten Menschen gehört habt und wenn ihr in den niederen Bereichen wiedergeboren wart. Euer derzeitiger Zustand ist der Beweis dafür, denn wenn es anders gewesen wäre, dann hättet ihr sie jetzt nicht.

Solange diese Störgefühle in euch waren, habt ihr auch negatives Karma angesammelt. Es ist jedoch nicht so, dass immer ein bestimmtes Karma angesammelt wurde, dieses dann zu einem bestimmten Resultat geführt hätte und es dann völlig verschwunden wäre, so dass jetzt nur noch das Karma für unser derzeitiges menschliches Leben übrig wäre. Nein, ihr habt Millionen von unterschiedlichen Karmas aus vielen früheren Leben, und an nur einem einzigen Tag baut man durch sein Denken, Reden und Handeln sehr viel neues Karma auf. Manchmal ist es positiv, manchmal negativ aber meistens leider negativ, da wir Menschen ja ständig Störgefühle haben, aus denen heraus nie etwas Gutes erwächst.

Das soll nicht bedeuten, dass man auf sich selbst herabblicken soll, sondern dass man die derzeitige Situation akzeptiert: Man hat jetzt dieses Karma, und es verhindert, dass die Weisheit hervortritt. Diese Weisheit hat man schon in sich; es ist die Natur unseres Geistes. Aber sie ist bedeckt von den Störgefühlen. Aus unseren Störgefühlen heraus bauen wir Karma auf. Das Resultat davon ist Samsara, was uns wiederum dazu bringt, neues Karma aufzubauen.

Das Karma ist also sehr stark, und wir müssen es durch die Grundübungen abschwächen, bis es uns nicht mehr schaden kann. Zugleich praktizieren wir den Aufbau von Verdienst durch die Mandala-Schenkung, den dritten Teil der Grundübungen um alle Bedingungen zum Erlangen der Erleuchtung in uns zu entwickeln.

Danach dann, wenn wir frei sind von karmischen Einflüssen, und all die guten Bedingungen in uns aufgebaut haben, können wir erfolgreich die Mahamudra-Praxis beginnen. Wenn man jedoch die vier Übungen jeweils 111.111 mal absolviert hat und feststellt, dass keine Entwicklung eingetreten ist, muss man hart weiterarbeiten, um das negative Karma zu schwächen.

Während man das Ngöndro praktiziert, können viele gute Zeichen auftreten. Sie sind ein Hinweis dafür, dass man ein Resultat erreicht hat. Aber man sollte nicht zu viele Erwartungen in Hinsicht auf solche Zeichen haben. Sie sollten ganz natürlich kommen und nicht künstlich erzeugt werden.

Wenn man dann viel Ngöndro praktiziert hat, bekommt man die Mahamudra-Belehrungen. Das Mahamudra vorher zu lehren, würde nicht viel Nutzen haben, denn ihr würdet die Belehrungen nicht präzise verstehen. Der Geist muss dafür erst gereinigt worden sein.

Die tiefgründigeren Aspekte des Mahamudra werden auch deswegen nicht zu früh gelehrt, weil man es dann später nicht wertschätzen kann. Wenn man die genaue Bedeutung nicht verstanden, aber trotzdem viel darüber gehört hat, dann würde es einen später langweilen. Aus diesem Grunde haben große Meister wie Milarepa und Gampopa die Mahamudra-Belehrungen nur sehr eingeschränkt weitergegeben. Sie sagten: „Die Grundübungen sind tiefgründiger und wichtiger als die Hauptpraxis", denn das Ngöndro schafft die notwendigen Bedingungen für die Praxis des Mahamudra. Mahamudra ermöglicht zwar, in einem Moment Erleuchtung zu erlangen, aber man braucht dafür erst diese Bedingungen.

Mit den Grundübungen macht man sich also zu einem „qualifizierten Praktizierenden". Aber das bedeutet nicht, dass man danach wirklich voll qualifiziert wäre, denn man braucht zusätzlich auch ein gutes Verständnis des Dharma. Zum Beispiel sollte man die Belehrungen über die Qualitäten der Buddha-Natur gut kennen. Dieses Thema wird in dem Text Uttaratantra-Shastra, auf Tibetisch Gjü Lama, erklärt. Andere wichtige Texte, mit denen man sich beschäftigen sollte, sind „Die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Weisheit" (tib.: Namshe Yeshe) und das „Aufzeigen der Buddha-Natur" (tib.: Nyingpo Tenpa), beide vom dritten Karmapa Rangjung Dorje. Das Nyingpo Tenpa ist eine Kurzfassung des Gjü Lama.

Auch die Madhyamaka-Belehrungen zu kennen, ist wichtig. Madhyamaka erklärt, inwiefern Samsara eine Illusion ist, und dass der Buddha-Geist jenseits dieser Illusion ist. Man versteht dadurch, dass Samsara und auch der Geist selbst nur Trugbilder sind, und dass der Buddha-Geist etwas ganz anderes ist, jenseits von Samsara. Er ist aber nicht in dem Sinne anders, dass er getrennt wäre vom jetzigen Geist. Beide sind untrennbar eins. Madhyamaka erklärt genau, inwiefern euer jetziger Geist seiner Natur nach der Dharmakaya ist. Das Madhyamaka ist jedoch nicht in der Lage, euch direkt auf den Dharmakaya als etwas Bestimmtes hinzuweisen, so wie man auf eine Blume zeigen und sagen würde: „Dies ist eine weiße Rose." Was Madhyamaka tun kann, ist, die Natur der Illusionen genau aufzuzeigen. Darüber hinaus gibt es dann etwas, was man selbst erkennen muss, die Mahamudra-Verwirklichung. Für die Meditierenden auf diesem Weg ist es also sehr wichtig, sich die philosophische Sicht des Madhyamaka zu eigen zu machen.

Madhyamaka erklärt auch, dass Ursache und Wirkung Geltung haben, solange der Geist unter dem Einfluss von Illusionen steht. Gute und schlechte Ursachen führen jeweils zu den entsprechenden Resultaten. Deswegen haben die Meditierenden mit der Madhyamaka-Sicht großen Respekt vor dem Gesetz des Karma. Selbst Bodhisattvas auf hohen Stufen werden in der Nachmeditationsphase die Resultate von nicht gereinigten Ursachen erleben. Aufgrund ihres großen Verdienstes wird das Resultat im allgemeinen immer gut sein, aber es können in der Nachmeditation auch störende Sachen auftreten.

Madhyamaka ist also sehr wichtig, denn es gibt euch ein grundlegendes Verständnis des ganzen Dharma. Gute Gelehrte haben heutzutage auch Bücher mit kurzen, verständlichen Erklärungen zu bestimmten Teilen des Abhidharma herausgegeben. Hier werden zum Beispiel die verschiedenen Ebenen der Meditation der Geistesruhe, das Shine, erklärt, die der Meditierende durchläuft.

Es gibt sehr viele Details bei der fortschreitenden Entwicklung der Shine-Meditation, wo die philosophische Sicht auf den verschiedenen Ebenen jeweils bestimmte Arten von Unwissenheit und Störgefühlen im Geist angreift. Diese Details genau zu kennen ist wichtig, denn wenn man in tiefer Meditation verweilt, wird man eher durch das eigene tiefe Wissen als durch eine andere Person geleitet werden. Wenn man dann ein gutes Wissen hat, wird man keinen Hindernissen begegnen. Ohne dieses Wissen gibt es jedoch viele Risiken, dass man in seiner Meditation in die Irre geht. Manchmal wird man vielleicht einer falschen Sichtweise folgen, die man für gut hält. Ein anderes Mal weiß man nicht, wie man mit bestimmten geistigen Problemen umgehen soll, denn man kennt die Methoden nicht, die man dafür bräuchte. Vielleicht wird man auch sehr aufgeregt über bestimmte Erlebnisse, obwohl man eigentlich nicht an ihnen anhaften sollte.

Man braucht hier einen guten Meditationslehrer, denn sonst gibt es viele Gefahren. Wenn man zum Beispiel eine Praxis zum Ansammeln von Verdienst macht, braucht man einen Lehrer, der sich damit auskennt. Er sollte über diese Praxis Bescheid wissen, muss aber nicht unbedingt alle anderen Dharma-Themen beherrschen.

Wenn man dann zu Meditationserfahrungen kommt, muss der Lehrer in dieser Hinsicht sehr erfahren sein. Ich erzähle in diesem Zusammenhang immer gerne die Geschichte von Gampopa, der einmal ein Problem in seiner Meditation hatte: Er konnte plötzlich nichts mehr sehen. Gampopa kroch zu Milarepa und fragte ihn, was er tun solle und Milarepa antwortete ihm: „Dein Meditationsgurt ist zu eng. Du solltest ihn lösen."

Wenn ein Meditationslehrer keine eigene Erfahrung hat, kann er euch nichts lehren. In welchem Buch steht geschrieben, in welcher Situation der Meditationsgurt gelöst werden sollte? Solche Bücher gibt es nicht. Geshes und Khenpos können 25 Jahre lang alle buddhistischen Themen studieren, aber unter all den Büchern gibt es keines, das solche Dinge erklärt, denn die Anzahl der Wesen ist zahllos. Wer könnte alle individuellen Probleme aller Wesen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschreiben? Wenn ihr also zu Meditationserfahrungen kommt, muss der Lehrer speziell dafür sehr qualifiziert sein.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Entwicklung des Bodhisattva-Geistes. Er ist die Ursache dafür, dass wir uns von Leben zu Leben weiterentwickeln. Aus diesem Grunde empfehlen alle Mahayana- und Vajrayana-Lehrer die Konzentration auf Bodhicitta, die Geisteshaltung der Bodhisattvas.

Das Bodhisattva-Versprechen sorgt dafür, dass unsere guten Anteile sich entwickeln und wir für andere Wesen nützlich sein werden. Es verhindert, dass wir infolge von Zorn, Eifersucht etc. in niedere Bereiche fallen. Selbst wenn solche Störgefühle auftreten, so wird das Bodhisattva-Versprechen sie sofort reinigen, weswegen man nie das Bodhicitta aufgeben sollte.

Zorn und Eifersucht greifen euer Bodhicitta direkt an, und das Ego ist der zweitschlimmste Feind. Diese drei Geistesgifte sind die Ursache dafür, dass die Wesen immer so aggressiv sind. Es gibt so viel Zorn überall, und wenn Energie damit verbunden ist, werden die Wesen gefährlich für andere und bauen für sich selbst die Ursachen für die niederen Daseinsbereiche auf. Der Schutz gegen diese niederen Bereiche ist das Bodhisattva-Versprechen. Wenn man Verdienst aufbaut, beispielsweise durch die Mandala-Praxis, so wird das durch das Bodhisattva-Versprechen verstärkt, ebenso wie die Kraft der Reinigungspraktiken.


 Übersetzung neu überarbeitet von der Buddhismus Heute Redaktion, 2014