Aus: Buddhismus Heute Nr. 16, ( 1994)

Das Leben Gampopas - Teil 1: Der Arzt aus Dhagpo

Von Paul Waibl

Gampopa war der Hauptschüler Milarepas und der Lehrer des ersten Karmapa Düsum Khyenpa. Zur Zeit des historischen Buddha Shakyamuni war er der Sohn eines reichen Mannes aus Rayagaha. Sein Name war Chandrapada. Schon damals war er ein großer Bodhisattva und er wurde Schüler des Buddha. Am Geierberg, der Stelle an der der Buddha viele Mahayanabelehrungen gab, bat er diesen um die Belehrung, die später unter dem Namen Samadiraja-Sutra bekannt wurde.
In diesem Sutra erzählt der Buddha auch von seiner Verbindung mit Chandrapada aus früheren Leben. Vor vielen Kalpas, zu der Zeit, als die Belehrungen des Buddha Ratnapadmacandra verfielen, gab es einen Bodhisattva mit dem Namen Supuspacandra der vielen Bodhisattvas Belehrungen in der Nähe des Palastes des Königs Suradatta gab. Dieser König ließ Supuspacandara hinrichten und in Stücke hacken. Später bereute der König seine Handlung und änderte seinen Geist. Der Buddha erklärte, daß er selbst damals der König war und Chandrabadra der Bodhisattva Supuspacandara.
Nachdem der Buddha das Samadhiraja-Sutra gelehrt hatte, fragte er, wer von seinen Schülern in Zukunft diese tiefgründige Belehrung verbreiten werde. Schließlich versprach Chandrapada diese Lehren in späterer Zeit weiterzugeben, und der Buddha prophezeite, daß dieser in Tibet als Bodhisattva-Arzt wiedergeboren werden würde. Auch im Lotus-Sutra sagte der Buddha: "Ananda, in der Zukunft, nach meinem Parinirvana, wird ein Mönch mit dem Namen "Arzt" im Norden erscheinen. Er tat unendlich viel für den früheren Buddha, nachdem er hunderttausenden von Buddhas in früheren Leben gedient hatte. Er wird erscheinen als ein großer Bodhisattva und das vollkommene Mahayana lehren."

Gemäß dieser Prophezeihung wurde Gampopa 1079 in Nyal in Südtibet in die Familie eines Arztes geboren. Von seinem Vater, der auch ein Yogi war, bekam er sehr früh Belehrungen und im Alter von 15 Jahren hatte er viele Tantras der alten Überlieferung gemeistert und die acht Zweige der Medizin studiert.

Im Alter von 22 Jahren heiratete Gampopa. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, ein Junge und ein Mädchen. In der Gegend brach dann aber eine Epedemie aus und beide Kinder starben. Kurz darauf erkrankte auch Gampopas Frau und weder Medizin noch Rituale konnten ihr helfen. Obwohl sie unheilbar krank war und der Tod unausweichlich schien, fiel es ihr schwer Frieden zu finden und loszulassen. Gampopa fragte sie, ob es irgend etwas gäbe, woran sie starke Anhaftung habe? Falls es das Haus oder ihr Land wäre, würde er es den Mönchen opfern. Falls es ihre Juwelen wären, würde er sie den Armen und Bettlern geben. Seine Frau antwortete, daß dies nicht die Dinge wären, die ihr Sorgen machen. Aber die Vorstellung, daß sie ihn verließe und er dann eine andere Frau haben würde, das machte ihr Probleme. Gampopa versprach daraufhin seiner Frau, daß, wenn sie stürbe, er nicht wieder heiraten und sein ganzes Leben dem Dharma widmen würde. Nachdem er das sogar im Beisein seines Onkels als Zeugen versprochen hatte, konnte sein Frau in Frieden sterben.

Daraufhin teilte Gampopa seinen Besitz in drei Teile. Den ersten benutzte er, um die Bestattungskosten und Opferungen für seine Frau abzudecken, den zweiten verteilte er um Verdienst aufzubauen und den dritten verwendete er um sich der Dharmapraxis widmen zu können. Er baute einen Stupa und machte aus der Asche und den Kochen seinen Frau viele Tsa Tsas.

Danach konzentrierte sich Gampopa ganz auf die Dharmapraxis. Schließlich nahm er die volle Mönchsordination und erhielt den Namen Sönam Rinchen, der "Kostbare Verdienstvolle". Er erhielt vor allem von Lehrern der Kadampatradition viele Belehrungen und Übertragungen. Tagsüber studierte er voller Eifer und nachts meditierte er einsgerichtet. Gampopa konnte ohne Probleme fünf bis sechs Tage ohne Nahrung auskommen und sein Körper fühlte sich ständig freudvoll an. Er konnte über mehrere Tage hinweg in Versenkungszuständen verweilen und alle groben Formen von störenden Gefühlen lösten sich auf.

Einmal hatte Gampopa eine Vision, in der ein grüner Yogi mit zerrissenen Kleidern ihm seine Hand auf den Kopf legte und nachdem der Yogi seinen Finger mit Spucke benetzt hatte, diese in Gampopas Gesicht sprenkelte. Gampopa hatte sofort das Gefühl, daß seine Meditation sich vertiefte und er erlangt eine eindeutige Erfahrung der Wirklichkeit. Er erzählte einigen anderen Mönchen von dieser Erfahrung aber sie meinten: "Du bist ein voll ordinierter Mönch und hast die Regeln immer vollkommen eingehalten. Ein Mönch wie du, der von Yogis und ähnlichem träumt, wird sicher auf Schwierigkeiten stoßen, da diese unheilverkündenden Träume vom Dämon Beghur hervorgerufen werden. Du solltest deshalb zu deinem Lehrer gehen, ihn um eine spezielle Praxis bitten und eine große Anzahl von Mönchen einladen, damit sie dich mit dem Ritual der hundert Torma-Opferungen segnen." Gampopa hielt sich an ihren Ratschlag. Danach hatte er aber immer öfter die Vision von dem Yogi.

Zur selben Zeit gab der große Yogi Milarepa seinen Herzensschülern in einer Höhle Belehrungen. Einige seiner älteren Schüler fragten ihn, wer denn nach seinem Tode die Schüler weiter anleiten und die Übertragung der Linie fortsetzen könne. Milarepa antwortete, daß ein guter Schüler kommen und seine Belehrungen weit verbreiten würde. Er werde nach ihm Ausschau halten und ihnen am nächsten Morgen berichten, wo sich er gerade befindet.

Am nächsten Tag stand Milarepa früher als gewöhnlich auf, versammelte seine Schüler und Gönner und sagte: "Derjenige, der meine Kernunterweisungen vollständig erhalten wird, erscheint bald. Er ist ein voll ordinierter Mönch, der den Titel "Arzt" trägt, wird meine Lehren erhalten und in die zehn Richtungen verbreiten. Letzte Nacht träumte ich, daß er mit einer leeren Kristallvase zu mir kam und ich füllte sie mit dem Nektar aus meiner Silbervase auf. Dieser alte Vater hat jetzt einen Sohn, der unendlich vielen Wesen nützen wird und der die Lehre Buddhas wie die Sonne zum Leuchten bringen wird. Oh, ich bin so froh und glücklich!"

Gampopa umschritt eines Tages das Kloster und hörte dabei eine Unterhaltung dreier Bettler. Sie überlegten, wie sie am besten zu Essen kommen könnten. Schließlich meinte der älteste von ihnen, daß es am besten wäre, wenn man wie Milarepa wäre, der König aller Yogis, der sich allein von der Nahrung des Versenkungszustandes ernähre. Seinen Körper hält er durch Tummo warm und er praktiziert Tag und Nacht Mahamudra. Sie alle sollten den Wunsch machen, ihn zumindest einmal in diesem Leben zu sehen.

Als Gampopa den Namen Milarepas hörte wußte er intuitiv, daß dies der Yogi war, von dem er so oft geträumt hatte und es entstand ganz spontan grenzenloses Vertrauen zu ihm. Dieses Gefühl war so überwältigend, daß er ohnmächtig wurde. Als er wieder zu sich kam, verbeugte er sich viele Male in die Richtung von Milarepas Aufenthaltsort und betete voller Hingabe zu ihm. Vollkommen inspiriert hatte Gampopa in seiner Meditation bis dahin nicht gemachte Erfahrungen und er dachte nur noch daran Milarepa aufzusuchen. Am nächsten Tag lud er die Bettler zum Essen ein und fragte sie über Milarepa aus. Schließlich versprach der älteste von ihnen, Gampopa zu Milarepa zu führen.

Am Abend opferte und betete Gampopa zu den Drei Juwelen und in der Nacht träumte er, daß er eine große Trompete blies, deren Klang die ganze Welt durchdrang. Dann hing er eine Trommel in die Luft und ihr Klang war feierlich, angenehm und überwältigend und erreichte zahllose Menschen und Tiere. In derselben Nacht träumte er von einer jungen Frau die ihm sagte: "Du schlägst die Trommel für die Menschen aber auch viele Tiere werden durch den Klang gesegnet." Dann reichte sie ihm eine Schädelschale voll Milch und sagte: "Da du selbst die Tiere so sehr gesegnet hast, trinke bitte diese Milch. Es wird nicht lange dauern, dann werden nicht nur alle Tiere hier zu dir kommen, sondern alle Wesen aus den sechs Daseinsbereichen. Ich gehe jetzt nach Westen." Dann verschwand sie. Später erklärte Gampopa dazu: "Die Menschen, die den Klang meiner Trommel hörten, sind die Schüler mit geringeren Fähigkeiten die die aufeinanderfolgenden Stufen des Pfades fortschreitend praktizieren müssen. Die Tiere, die meine Trommel gehört haben, sind meine großen Yogischüler, die in Höhlen meditieren werden. Diese Vision deutete auch darauf hin, daß ich zu Milarepa gehen und mich ganz auf seine Belehrungen des Pfades der geschickten Mittel und die Mahamudra-Praxis stützen sollte."

Gampopa und der alte Bettler machten sich schließlich auf den Weg, um Milarepa zu finden. Seine Sehnsucht diesen zu sehen war so groß, daß er nie daran dachte, eine Pause zu machen. Nach einiger Zeit verließ ihn der Bettler und Gampopa versuchte, alleine den Weg zu finden. Als er sich verlief, erschien der Bettler plötzlich wieder und führte ihn noch ein Stück weiter in die richtige Richtung. Später erkannte Gampopa, daß alle drei Bettler Ausstrahlungen von Milarepa waren.

Schließlich erfuhr Gampopa von einigen Händlern, daß sich Milarepa zu der Zeit in Chubar in Drin aufhielt und machte sich auf den Weg dorthin. Beim Erreichen der Mitte einer Hochebene war er völlig erschöpft und verlor das Bewußtsein. Als er wieder zu sich kam, schmerzte sein ganzer Körper und extremer Durst plagte ihn. Er war zu schwach, um sich weiterbewegen zu können. Zwei Tage verbrachte er ohne Nahrung und währenddessen betete er voller Vertrauen und Hingabe zu Milarepa. Schließlich kam ein Mönch des Weges, der in dieselbe Richtung wie Gampopa gehen wollte und gab ihm auch zu trinken wodurch er seine Kraft wiedererlangte. Währenddessen gab Milarepa Belehrungen am "Glücklichen Hügel". Dabei erschien er manchmal ganz ernst, ein anderes mal lachte er herzlich. Eine Schülerin fragte, ob dies daran läge, daß er unterschiedliche Dinge im Geist seiner Schüler wahrnähme. Milarepa erklärte ihr, daß es nichts damit zu tun habe, sondern daß sein Sohn, der Mönch aus Ü, jetzt Din Ri erreicht und gerade das Bewußtsein verloren habe. "Mit großem Vertrauen rief er mich um Hilfe an und ich segnete ihn durch die Kraft meines Versenkungszustandes. Dann wurde ich sehr froh und mußte herzlich lachen." Seine Schülerin fragt weiter: "Wann wird er ankommen?" "Zwischen morgen und übermorgen." "Haben wir das Karma ihm zu begegnen?" "Ja. Wer auch immer die Möglichkeit hat, den Sitz bei seiner Ankunft herzurichten, wird große Fortschritte in der Meditation machen. Wer auch immer die Möglichkeit hat, ihm als erster zu begegnen, wird in die Reinen Länder geführt."

Als Gampopa am Marktplatz ankam, erkundigte er sich bei einer Frau nach Milarepa. Sie fragte ihn, woher er käme und lud ihn dann zu sich nach Hause ein, wo sie ihn gut bewirtete. Sie war eine Schülerin von Milarepa und sagte zu Gampopa: "Der Meister wußte gestern morgen schon, daß du auf dem Weg zu ihm bist. Da er wußte, daß du in Din Ri krank und erschöpft warst segnete er dich in Meditation. Von ihm bekam ich Erlaubnis, dich als erste willkommen zu heißen." Gampopa erkannte, daß es der Segen Milarepas war, der ihn gerettet hatte. Aus den ƒußerungen seiner Gastgeberin schloß er, daß er ein ganz besonders begabter Schüler sein müsse und war etwas Stolz darauf.

Da sich Milarepa dessen bewußt war, weigerte er sich für kurze Zeit Gampopa zu sehen. Als sie sich dann schließlich das erste Mal begegneten, opferte Gampopa Milarepa 16 Goldmünzen als ein Mandala und Tee. Er stellt sich vor und erzählte von seiner Reise. Dann bat er Milarepa um seine Lebensgeschichte. Milarepa blickt für eine Weile in den offenen Raum. Dabei nahm er ein Stück Gold von dem Mandala, warf es in die Luft und sagte: "Ich opfere dieses meinem Lama Marpa." Da erklang himmlische Musik und strahlendes Licht schien um sie herum. Milarepa nahm eine Schädelschale voll Wein und leerte sie zur Hälfte. Den Rest bot er Gampopa an. Gampopa zögerte, noch dazu im Beisein von so vielen Leuten, etwas zu tun, was gegen seine Mönchsgelübde verstieß. Milarepa sagte: "Denk nicht soviel nach, trink!". Da trank Gampopa den ganzen Rest auf einmal, was ein Zeichen dafür war, daß er fähig war, die gesamte Übertragung der Kernunterweisungen aufzunehmen. Wie heißt Du?", fragte Milarepa. "Sönam Rinchen, der kostbare Verdienstvolle." Milarepa wiederholte daraufhin: "Seine Verdienste erlangte er, indem er sehr viel Positives tat. Er ist wirklich kostbar für alle fühlenden Wesen!" Danach sang er für Gampopa ein Willkommenslied, in dem er seine Lebensgeschichte zum Ausdruck brachte.

Milarepa erkundigte sich dann bei Gampopa über die Belehrungen und Einweihungen, die dieser schon erhalten und die Erfahrungen, die er schon gemacht hatte. Er erklärte seinem Schüler, daß an den früheren Einweihungen und Erklärungen nichts falsch, daß es aber aufgrund der karmischen Verbindung sehr wichtig sei, den Segen und die Kernunterweisung der Kagyü-Linie zu erhalten. Daraufhin gab er ihm die Einweihung auf Diamant-Schwein-Mädchen (Dorje Phagmo) und die essentiellen Belehrungen. Gampopa machte schnell gute Erfahrungen. Als er aber die Belehrungen Milarepas mit denen seiner früheren Lehrer verglich, entstanden Zweifel in ihm. Um diese zu klären, bat er Milarepa um die Kernpunkte bezüglich Sichtweise, Meditation und Verhalten. Dieser faßte seine Belehrungen in einem Vajragesang zusammen. Gampopas Zweifel lösten sich dadurch vollkommen auf und mit großem Eifer widmete er sich weiter der Meditationspraxis. Zuerst meditierte er nackt in einer Höhle und Erfahrungen von Freude und Wärme loderten ganz spontan und mühelos in ihm auf. Nachdem er so weitere sieben Tage praktiziert hatte, sah er die fünf Buddhas in den fünf Richtungen. Milarepa sagte dazu nur: "Diese Erfahrung ist wie die eines Mannes, der seine Augen zusammenpreßt und dann zwei Monde vor sich sieht. Was du da erlebst ist nur ein Resultat davon, daß du anfängst die fünf Energiewinde zu kontrollieren. Es ist weder gut noch schlecht."

Voller Begeisterung praktizierte Gampopa weiter und machte viele Erfahrungen. Milarepa erklärte seinem Schüler, welche Prozesse, bezüglich der inneren Kanäle, Energiewinde und Essenzen, jeweils zu den bestimmten Erlebnissen geführt haben und gab ihm dann die entsprechenden Belehrungen um weiterzukommen. So konnte Gampopa diese Erfahrung richtig einschätzen und schnelle Fortschritte auf dem Weg der geschickten Mittel machen.

Zum Beispiel hatte Gampopa einmal die Vision, daß Sonne und Mond von Rahula verdeckt werden. Milarepa erklärte ihm, daß das ein Zeichen dafür sei, daß die Energiewinde aus den beiden Seitenkanälen in den Zentralkanal gelangen.

Kurz darauf hatte Gampopa eine Vision des Mandala des roten Hevajra und Milarepa sagte dazu, dies komme daher, daß die rote Essenz nach oben steige und sich im Herzzentrum stabilisiere. Er riet ihm, in einer ganz entspannten und spontanen Weise weiter zu meditieren. Eines Abends erschien Gampopa sein Körper so, als ob er weder Fleisch noch Blut hätte, sondern nur noch aus Knochen bestünde, die durch die Energiekanäle verbunden sind. Milarepa riet ihm daraufhin, sanfter zu praktizieren, da durch die harte Praxis die Energiewinde zu rauh geworden wären.

Eines Abends meditierte Gampopa einmal auf seinen Yidam und praktizierte um MitternachtGuru-Yoga mit sehr vielen Gebeten. Vor der Dämmerung führte er schließlich die Meditation auf den Lebenswind aus. Danach schlief er kurz ein und hatte einen ganz besonderen Traum, in dem ihm vierundzwanzig außergewöhnliche Zeichen erschienen. So trug er einen besonderen Hut mit einem Seidenrand. Auf dem Hut war das Bild eines Adlers. Er hatte grüne Stiefel an und eine weiße Robe aus Seide mit roten Punkten, geschmückt mit Perlen und Goldfäden. Er hatte einen besonderen Gürtel und Schal um und hielt einen Tsandarstab, geschmückt mit sieben kostbaren Steinen in der rechten Hand. In der Linken hielt er eine Schädelschale, gefüllt mit goldenem Nektar, und er sagte zu sich: "Laß mich dies als meine Trinkschale benützen." Er träumte von einem vielfarbigen Sack, der mit Reis gefüllt war und sagte: "Laß mich dies als Dharmanahrung verwenden." Dann lud er ihn sich auf die Schulter. Er träumte von einem Tigerfell; der Kopf und die Pranken hingen noch daran und er sagte zu sich: "Laß mich dies als mein Sitzkissen verwenden." Zu seiner Rechten sah er eine fruchtbare Wiese voller goldener Blumen, auf der viele Schafe und Kühe grasten. Er wachte über sie wie ein Hirte. Zu seiner Linken sah er eine jadegrüne Wiese voller bunter Blumen, wo sich viele Frauen vor ihm verbeugten. In der Mitte der Wiese saß, inmitten goldener Blumen auf einem Lotus, ein Bodhisattva im Vajrasitz. Vor dem Bodhisattva war eine Quelle, und hinter ihm strahlte Licht aus, das ihn wie ein loderndes Feuer umgab und Sonne und Mond schienen von seinem Herzen.

Gampopa berichtete seinem Lehrer in einem Vajralied von diesem Traum und Milarepa antwortete ihm, indem er ein Vajralied für seinen Schüler sang.

Darin erklärte er, daß der weiße Hut ein Zeichen sei, daß Gampopas Sichtweise jenseits von "hoch und tief" gehen würde. Der Rand des Hutes steht dafür, daß er die Essenz der Belehrungen zeigen wird. Die schönen Farben auf dem Pelz bedeuten, daß er die verschiedenen Belehrungen der unterschiedlichen Schulen erklären wird, ohne sie zu vermischen. Das Bild des Adlers auf dem Hut zeigt, daß er die höchste Sicht von Mahamudra verwirklichen und die Essenz des Ungeborenen erleben wird. Die Stiefel bedeuten, daß er von den niederen zu den höheren Fahrzeugen schreiten wird; ihre grüne Farbe und die Verzierungen, daß er die vier Buddhazustände erlangen wird. Die Seidenrobe zeigt, daß er unbefleckt von Fehlern ist. Die roten Punkte symbolisieren Liebe und Mitgefühl. Der Stab bedeutet, daß Gampopa einen vollkommenen Lehrer hat und die Juwelen die Größe seiner Verdienste. Daß er den Stab in der rechten Hand hält und voller Freude vorwärts geht, zeigt, daß er in das Reine Land gelangt. Die Schädelschale drückt aus, daß er die Leerheit zeigen wird, der Nektar zeigt das Erlebnis riesiger Freude.

Daß er die Schale in der linken Hand hält, bedeutet, daß die inneren Erfahrungen ihn nie verlassen werden. Der vielfarbige Sack, daß er alle Formen auf den Weg bringen wird. Das Schultern des Sackes, daß er den Mahayanaweg durch die Praxis von Weisheit und Mitgefühl gehen wird. Der Reis und der Gedanke ihn als Nahrung zu benützen, daß er ein langes Leben, gute Gesundheit und die Nahrung des Versenkungszustandes genießen wird. Das Fell ist ein Symbol für Achtsamkeit. Der Kopf und die Pranken zeigen das unablässige Anwachsen des Erleuchtungsgeistes und die Vier Unermeßlichen. Der Gedanke, das Fell als Sitzkissen zu benützen, bedeutet, daß Gampopa die Untrennbarkeit von Weisheit und Mitgefühl verwirklichen wird. Die goldenen Blumen auf der rechten Seite symbolisieren das Anwachsen von Verdiensten. Die Schafe und Kühe, daß die Zuflucht zum Dharma die Wünsche aller Wesen befriedigen wird.

Der Gedanke, auf sie aufzupassen, zeigt, daß Gampopa immer voller Mitgefühl für Hilflose und Leidende sein wird. Die jadegrüne Wiese bedeutet, daß er die Untrennbarkeit von Weisheit und Freude erkennen wird. Die vielen Blumen, daß die verschiedenen Erfahrungen stufenweise in ihm entstehen werden. Die Frauen, die sich vor ihm verbeugen, zeigen, daß er die Dakinis, die in den Energiekanälen und Essenzen sind, meistern wird. Die goldenen Blumen in der Mitte, daß Gampopa durch seine Verwirklichung, seinen Versenkungszustand und das reine Halten der Disziplin viele Mönche um sich scharen wird. Der Bodhisattva auf dem Lotus bezieht sich auf Gampopa und symbolisiert, daß er nicht in Nirvana verweilen, sondern voller Mitgefühl sich in vielen Formen manifestieren wird, um zum Wohl der Wesen zu arbeiten. Die Quelle vor ihm zeigt, daß der Dharma immer fließen wird. Das Licht um ih, daß er mit seinen positiven Handlungen Tibet reinigen wird. Das Feuer, daß er durch die Tummohitze das Eis der umherschweifenden Gedanken schmelzen wird. Sonne und Mond bedeuten, daß er immer im Klaren Licht, jenseits von Kommen und Gehen, verweilen wird.

Nachdem Milarepa den Traum gedeutet hatte, prophezeite er, daß sich alle Zeichen erfüllen werden; Gampopa werde die Natur des Geistes voll verstehen und dann grenzenloses Vertrauen zu ihm als einen Buddha erleben. Danach gab er ihm Belehrungen über die verschiedenen Bardozustände und wie er sie durch die entsprechenden Methoden wie Traumyoga und Illusionskörper transformieren könne.

Später bat Milarepa seine Hauptschüler Gampopa, Rechungpa und Shiva Aui ihre Träume zu beobachten und ihm am nächsten Tag zu erzählen. Am kommenden Morgen kam Shiva Aui als erster zu Milarepa und sagte: "Ich hatte einen guten Traum. Eine Sonne schien von Osten her und schmolz dann in mein Herz." Rechungpa berichtete: "Ich träumte, daß ich in drei große Täler kam und laut rief." Gampopa kam tränenüberströmt an und sagte: "Ich hatte einen schlechten Traum." Milarepa entgegnete, daß sie nicht wüßten, ob er gut oder schlecht sei. Er solle nicht voreilig Schlüsse ziehen. Dann bat er ihn, seinen Traum zu schildern. Gampopa fuhr also fort: "Ich träumte, ich schlachtete viele Menschen von verschiedener Rasse und nahm ihnen das Leben. Oh, ich muß ein großer Sünder mit schlechtem Karma sein." Milarepa aber nahm Gampopas Hand und sagte: "Mein Sohn, du wirst verwirklichen was du dir gewünscht hast. Viele Wesen werden ihre Hoffnung auf dich setzen, um sich von der bedingten Welt zu befreien und ihre Wünsche werden dadurch erfüllt werden. Dieser alte Mann hat seine Aufgabe, dem Dharma zu dienen, erfüllt!"

Shiva Aui würde zwar fähig sein in ein Reines Land zu gehen, aber nicht viel zum Wohl der Wesen zu arbeiten. Rechungpa würde, weil er dreimal den Anweisungen seines Lehrers nicht gefolgt war, dreimal als großer buddhistischer Meister in drei verschiedenen Tälern wiedergeboren werden.

 

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