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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 15, ( 1994)

„Ihr solltet die Rinpoches nicht zu hoch setzen"

Ein Interview mit Künzig Shamar Rinpoche

Buddhismus Heute: Unser letztes Gespräch mit Ihnen liegt nun mehr als einen Monat zurück. Wie hat sich in der Zwischenzeit die Situation um den 17. Karmapa entwickelt?

Shamar Rinpoche: Man greift Karmapas Klöster und Dharma-Zentren außerhalb Chinas an; wir sind wie eines dieser mexikanischen Dörfer in manchen Western-Filmen, das immer wieder von einer Gruppe Cowboys überfallen wird. Die Banden greifen wiederholt das Dorf an und nicht umgekehrt. In ähnlicher Weise werden wir immer wieder attackiert und tun dann natürlich alles, um uns zu verteidigen.
Davon abgesehen sind wir mit unserem Karmapa völlig unabhängig. Ob ihm jetzt zehn, hundert oder tausend Leute folgen, spielt keine Rolle; das liegt ganz in der persönlichen Entscheidungsfreiheit. Wir müssen aber der Welt auch zeigen, in welcher Weise sich Leute der anderen Seite negativer Handlungen schuldig machen. Diese Leute können uns nicht drohen, den es gibt zwar Gesetze für Länder und Individuen, nicht jedoch Dharma-Gesetze; es ist nicht so, dass es illegal wäre, einen Karmapa zu haben, wenn schon ein anderer Junge als Karmapa eingesetzt worden ist. Es gibt keine solche Konstitution; wir sind frei. Auch religiös gesehen tun wir nichts Falsches. Was immer sie also gegen uns unternehmen, ist nicht korrekt. Das sollten die Leute erfahren.
Die westlichen Menschen, die ihnen folgen und uns angreifen, sind noch mehr im Unrecht, denn die Sache geht sie nichts an, da sie keine Tibeter sind. Tibeter haben immerhin noch politische Beweggründe. Was aber bezwecken die Westler mit Angriffen auf uns? Sie sind sehr naiv, kennen sich nicht aus und denken, dass sie als Anhänger dieser Seite so handeln müssten. Aber das stimmt nicht und ist nicht richtig.

Wie werden eigentlich im „Karmapa Charitable Trust" - der ja jetzt die Verantwortung für Karmapas Klöster, Projekte, Besitztümer etc. trägt - die Entscheidungen getroffen? Hat ein Trustee - wie zum Beispiel Situ Rinpoche - eine Art Vetorecht?
Es sind immer Mehrheitsentscheidungen. Sie werden nicht beschließen, Karmapas Klöster mit Steinen zu bewerfen [Rinpoche lacht]. Situ Rinpoche kann auch kein Veto einlegen; er wurde ja noch nicht einmal von Karmapa selbst eingesetzt. Die ursprünglichen Trustees wurden vom 16. Karmapa eingesetzt, nicht jedoch Situ Rinpoche, Jamgön Rinpoche und ich. Erst einige Jahre nach Karmapas Tod traten wir dem Trust bei. Wie könnten wir also ein Vetorecht haben?

In Deutschland verbreitet ein Filmemacher das Gerücht, dass Karmapa der Sohn Ihrer Schwester wäre. Können Sie etwas dazu sagen?
Was soll ich dazu sagen? Wenn jemand behauptet: „Shamar Rinpoche hat zwei Hörner" und ihr aber nichts seht, was soll man dann sagen? Vielleicht sieht nur der Filmemacher die Hörner. [Rinpoche lacht]
Ich gehöre zur Familie des verstorbenen Karmapa, bin ein Sohn seines Bruders. Diese Familie ist schon lange - seit mehr als 70 Jahren - sehr bekannt. Was machen solche Lügen also für einen Sinn? Es ist lächerlich. Diesen Filmemacher kennen wir erst seit kurzem und meine Familie ist sehr lange bekannt. Man weiß genau, wie viele Brüder und Schwestern der verstorbene Karmapa hatte und wie viele Brüder und Schwestern ich habe.

Die Tibeter wissen das, nicht jedoch die Leute im Westen. Deswegen greifen dort solche Lügen.
Wenn Karmapas Mutter meine Schwester wäre, müsste sie eine direkte Nichte des verstorbenen Karmapa sein. Das soll jemand bitte beweisen. Das Ganze zeigt nur, dass diese Person ein Lügner ist. Vielleicht wurden ihm diese Lügen auch von jemand anders zugetragen; ein Lügner hört auf einen anderen Lügner..

Dieser Filmemacher sagt auch öffentlich, dass Sie den Sohn Ihrer Schwester als Karmapa ausgesucht hätten, um den Besitz des verstorbenen Karmapas in Ihrer Familie zu halten.
Karmapas Besitz gehört dem Karmapa Charitable Trust, nicht meiner Familie.

Wir erhielten von Samdrub Tsering die Nachricht, dass Tenga Rinpoche, Thrangu Rinpoche und Khenpo Tsültrim Gyamtso Rinpoche dieses Jahr nach Europa geschickt werden, um mit den am Tsurphu-Karmapa zweifelnden Europäer eine „Gehirnwäsche" zu machen. Was sagen Sie dazu?
Ja, das besagt der Bericht von Samdrup Tsering. Leute in Kathmandu veröffentlichten jedes Wort von diesen Treffen, die dort erwähnt sind. Samdrup Tsering ist einer von ihnen und man kann seinen Nachrichten trauen, sie stimmen. Er bekam zwar keine schriftliche Resolution in die Hand, aber alles geschah genau so, wie es in seinem Bericht steht. Es passt alles zusammen, wenn man den Bericht liest und die Vorgänge beobachtet.

Viele Leute in Deutschland sind besonders bestürzt wegen der im Bericht angedeuteten Verwicklung von Tenga Rinpoche in diese Politik und fragen sich jetzt, wie der in sehr enger Beziehung zu ihm stehende Sangye Nyenpa Rinpoche sich verhalten wird. Ist Ihnen darüber etwas bekannt?
Sangye Nyenpa Rinpoche ging 1992 nach Tsurphu/Tibet, um sich den Jungen dort anzuschauen. Er kam zurück und sagte zu uns: „Ich traf ihn und verbrachte mehrere Tage dort". Einige von uns fragten ihn: „Was war Dein Eindruck?". Er sagte: „Nichts. Es ist ein ganz gewöhnlicher Junge. Ich habe nichts empfunden." Er sagte das nicht nur zu mir, sondern zu vielen von uns.
Am zweiten August 1993 fand dann der große Angriff auf das Kloster Rumtek statt und Rumtek wurde terrorisiert. Die Sondereinheiten des sikkimesischen Chief Ministers Bhandari standen vorne und hinter ihnen waren die Leute, die die Mönche angriffen. Die Leute warfen Steine nach den Mönchen und versteckten sich hinter der Armee. Als die Mönche sich wehren wollten, bedrohte die Armee sie mit Schlagstöcken. So wurde Rumtek damals eingenommen. Danach sagte Nyenpa Rinpoche plötzlich: „Ich hatte ein ganz besonderes Gefühl, als ich den Jungen sah."  

Ich habe aus diesem Grunde mein Vertrauen in Nyenpa Rinpoche völlig verloren. Er ist wie ein Segler, der sich nach dem Wind richtet. Das ist sein Charakter und ich kann mich auf ihn jetzt nicht mehr verlassen. Ich war der erste, der den Leuten sagte, dass Nyenpa Rinpoche großartig ist, so dass er daraufhin sehr beliebt wurde. Er sollte diese Dinge jetzt wirklich nicht tun.

Wenn man sich anschaut, welche Rinpoches jetzt für den Kandidaten in Tsurphu eintreten, so sieht man, dass viele von ihnen in den Jahren nach Karmapas Tod eigentlich nur für ihre eigenen Aktivitäten und überhaupt nicht für Rumtek - das Kloster ihres Lehrers Karmapa - gearbeitet haben. Vielleicht passt ihnen ja unter diesem Gesichtspunkt ein „Karmapa", der nicht aus Tibet rauskommt, ganz gut. Was denken Sie dazu?
Thrangu und Tenga Rinpoche zum Beispiel ließen sich vom verstorbenen 16. Karmapa nichts sagen und verließen ihn. Karmapa bat sie um dies und das, aber sie hörten nicht hin.
Es begann 1975. Zuvor waren die beiden sehr arm gewesen. Karmapa ließ sie in Rumtek wohnen und es ging ihnen sehr gut dort; sie taten alles, was Karmapa ihnen sagte. Dann begleitete Tenga Rinpoche Karmapa nach Europa und fand einen Weg, Karmapa zu verlassen und nach Nepal zu gehen.
Thrangu Rinpoche verließ Karmapa später. Als Karmapa kurz vor seinem Tod stand, rief er aus dem Krankenhaus Thrangu Rinpoche an und bat ihn, sich um die neue Shedra (buddh. Seminar) in Rumtek zu kümmern. Kurz danach starb Seine Heiligkeit und seitdem hat Thrangu Rinpoche Rumtek nur einen kurzen Lehrbesuch abgestattet.
Mit Tenga Rinpoche gab es einmal ein Problem, das sein Verhalten verständlicher macht als das von Thrangu Rinpoche: Tenga Rinpoche musste Rumtek wegen Thrangu Rinpoches Schwager mehr oder weniger verlassen, denn Thrangu Rinpoches Schwager beschuldigte Tenga Rinpoche, ein Dieb zu sein. Ein Mönch stahl einmal viel Geld vom Kloster Rumtek. Er wurde erwischt und schlimm verprügelt. Karmapa war zu der Zeit gerade in Urgyen Rinpoches Kloster in Kathmandu. Tenga Rinpoche bat: „Bitte schlagt ihn nicht." Da Tenga und Thrangu Rinpoche nie gut miteinander ausgekommen waren, ergriff Thrangu Rinpoches Schwager, ein sehr verschlagener Mann, die Gelegenheit zur Rache und verbreitete, dass Tenga Rinpoche in den Diebstahl verwickelt sei. Er berichtete dies dem damaligen Generalsekretär und dieser glaubte ihm, da er nach dem Generalsekretär der wichtigste Mann war. Der Generalsekretär ging wegen der Sache zu Karmapa, und obwohl dieser nicht ein einziges schlechtes Wort zu Tenga Rinpoche sagte, war dieser äußerst aufgebracht und er und seine Leute verließen Rumtek.
Als Tenga und Thrangu Rinpoche noch arm waren, sagten sie: „Karmapa, Karmapa..." und als es ihnen besser ging, verließen sie ihn. Ich bin über ihr heutiges Verhalten nicht verwundert. Es war alles vorauszusehen. Ich hätte jedoch niemals gedacht, dass Nyenpa Rinpoche und Bokar Rinpoche auch so sind.
Situ Rinpoche verließ Rumtek schon 1975. Als Seine Heiligkeit Karmapa 1974 zum ersten Mal im Ausland war, lud Samye Ling [ein schottisches Dharma-Zentrum unter Leitung von Akong Tulku] Situ Rinpoche zusammen mit Seiner Heiligkeit für einen Besuch ein. Karmapa riet Situ Rinpoche, Rumtek nicht vor Abschluss seiner Ausbildung zu verlassen. 1975 wurde Situ Rinpoche jedoch von Drupön Dechen [der derzeitige Abt von Tsurphu] nach Ladakh eingeladen. Er folgte der Einladung und kehrte nicht mehr nach Rumtek zurück, sondern gründete das Kloster Sherab Ling und die Bir-Siedlung.

Andere Rinpoches - wie zum Beispiel Garwang Rinpoche - haben es schließlich auch geschafft, anständig und ehrlich zu bleiben.
Ja, sie sind sehr gut. Sie blieben ihren Prinzipien treu. Shakespeare sagte einmal etwas in dem Sinne, dass man einem Opportunisten niemals trauen kann. Das ist sehr wahr. Ich habe immer wieder beobachtet, dass es stimmt.

Man hört auch von Pönlop Rinpoche, dass er in die Politik um den Tsurphu-Kandidaten verwickelt sei. Wissen Sie etwas darüber?
Er ist niemand Besonderes in Rumtek. Pönlop Rinpoche ist ein Nyingma-Rinpoche, der in Rumtek aufwuchs und studierte. Seine Familie und das Kloster Rumtek hatten immer Schwierigkeiten miteinander. [Sein Vater war der verstorbene Generalsekretär Rumteks]

Er ist in Europa durch einige Reisen in den Kagyü-Zentren recht beliebt geworden.
Ihr seid eingefangen worden durch Schmeicheleien. Sagt den Dharma-Schülern bei euch, dass sie nie mit solchen Schmeicheleien und süßlichem Gerede anfangen sollen. Wenn man mal darüber nachdenkt, so gibt es eigentlich keinen Grund dafür, zu nett zu sein, denn das tun Geschäftsleute, die etwas von euch wollen. Die heutige Generation in der Welt mag so etwas, insbesondere die Chinesen. Amerikaner fallen nicht so leicht darauf rein, habe ich festgestellt. Dafür sind sie in anderer Hinsicht sehr naiv und kindisch.
Ihr Europäer habt Schmeicheleien immer für Mitgefühl gehalten, so wie ihr nach der Lektüre von Milarepas Lebensgeschichte auch dachtet, alle Lamas könnten fliegen.
Es gibt einen Text von Gampopa namens Lam Tschog Rinchen Trengwa, wo Gampopa unter anderem die verschiedenen Charaktere von Leuten auflistet und zeigt, und in welcher Weise Leute in die Irre geführt werden können. Ihr solltet diesen Text studieren und kennen. Für uns sind ein Erleuchteter und ein Scharlatan nur schwer zu unterscheiden. Chinesen halten zum Beispiel einen Lama, der in einem Fünf-Sterne-Hotel absteigt, für bedeutender als einen, der in einem Drei-Sterne-Hotel wohnt.

Viele Jahre lang wurde uns der Eindruck vermittelt, dass die Linienhalter zwischen den Karmapas praktisch dieselbe Realisation hätten wie Karmapa. Wie kann es dann sein, dass Sangye Nyenpa Rinpoche beispielsweise in einem Leben der Wurzellama des 8. Karmapa war und jetzt ein „Opportunist" ist?
Ihr solltet die Rinpoches nicht zu hoch setzen. Erziehung und vor allem Persönlichkeit kommen bei ihnen zusammen. Lasst euch deswegen von eurem Kopf und nicht von eurem Herz leiten. Das ist ein wichtiger Ratschlag. Einer eurer europäischen Gelehrten sagte dasselbe und es ist sehr wichtig.
Wenn ein Lama ein spiritueller Lehrer ist, sollte er ein gutes spirituelles Wissen und zugleich auch Qualitäten haben. Es reicht nicht, dass man ihn nur „toll" findet. Wenn ihr dann immer öfter feststellt, dass etwas nicht stimmt, solltet ihr nicht völlig auf denjenigen fixiert bleiben. Sonst kommt vielleicht immer mehr Schlechtes, ihr seid plötzlich geschockt und verliert euch selbst. Wenn ihr jemanden folgt, muss ein Teil von euch ihn weiter beobachten. Falls ihr aber einmal feststellt, dass ganz viele Sachen nicht gut sind, könnt ihr den Lehrer leicht wechseln. Ihr seid keine Maschinen. Eurer Geist ist Geist, keine Maschine, die man einmal einstellt und die dann ständig in eine Richtung läuft, ohne dass man etwas ändern könnte. Wir sind Menschen, fühlende Wesen, keine Maschinen.

Ab wann gilt dann die Belehrung, dass man alles, was der Guru tut, als rein sehen soll?
Das ist eine andere Sache, die jetzt noch nicht für euch gilt. Dafür muss der Guru völlig erleuchtet sein, wie Tilopa zum Beispiel. Dann kann man wie sein Schüler Naropa praktizieren. Die beiden hatten aber überhaupt keine Anhaftung an weltliche Dinge; sie hatten das völlig aufgegeben. Tilopa war ein völlig Erleuchteter, der genau wusste, welche Methode für den Schüler gut war. Er kannte jede - auch die allerkleinste - Methode. Wer kann das denn heutzutage? Gibt es heute einen Tilopa?
Ihr solltet lernen, die Balance zu halten. Wenn ihr geschickt darin werdet, die Balance zu halten, dann könnt ihr später - wenn ihr qualifizierte Schüler geworden seid - einen Tilopa finden. Als Naropa Tilopa traf, war er nicht wie wir jetzt, sondern schon sehr weit. Naropas Wissen war unvorstellbar, und doch wurde er Schüler von Tilopa.

Rinpoche, wir danken für dieses Interview.


Fragen von Detlev Göbel und Ursula Unger, 29. April 1994