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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 15, ( 1994)

Bodhisattvas

Von Khenpo Tschödrag Thenphel Rinpoche

Schwarzenberg, Mai 1993

Es gibt zwei Arten von Bodhisattvas: "gewöhnliche" und "edle". Die gewöhnlichen Bodhisattvas können in zwei Gruppen unterteilt werden: Bodhisattvas auf dem "Pfad der Ansammlung" und Bodhisattvas auf dem "Pfad der Verbindung". Ein "Anfänger-Bodhisattvas" wie wir beginnt damit, den Erleuchtungsgeist zu entwickeln und die Lebensweise eines Bodhisattvas anzunehmen, indem er von einem spirituellen Freund das Bodhisattva-Gelübde nimmt. Dann hält er nach besten Kräften das Gelübde aufrecht, so daß es nicht verletzt wird.
Auf die Leerheit zu meditieren ist für so jemanden nur in geringem Maße möglich. Tatsächlich ist so jemand nur fähig, die Lehren über die Leerheit zu studieren und über ihre Bedeutung nachzudenken. Die direkte Erfahrung der Leerheit, absolutes Bodhicitta, ist für diese Person nicht möglich.

Was das relative Bodhicitta angeht, so ist ein Anfänger nur in der Lage, die Gelübde aufrechtzuerhalten, die er oder sie genommen hat; anderen Wesen wirklich in großem Maße zu nutzen, ist noch nicht möglich. Es geht hier mehr um das Streben, daß man dazu fähig wird. Ein solcher "Anfänger-Bodhisattva" ist auf dem "Pfad der Ansammlung".

Auf dem folgenden "Pfad der Verbindung" hat derjenige sich bereits weiterentwickelt und sein Verständnis der Leerheit so weit vertieft, daß er fähig ist, in Leerheit zu verweilen, obwohl die direkte Erkenntnis der Leerheit noch nicht möglich ist. Es gibt aber eine Erfahrung davon, die bewirkt, daß derjenige in höherem Maße anderen Wesen nutzen kann.

Auf dieser Stufe ist der Bodhisattva fähig, verschiedene reine Länder zu besuchen und er hat große Qualitäten. Da er aber hier nur in einer Erfahrung von Leerheit verweilen kann, ohne jedoch die Leerheit direkt zu erkennen, wird er auf dieser Ebene immer noch Fehler machen. Es ist für jemanden auf dieser Stufe möglich, sehr negatives Karma anzusammeln, wenn er auf sehr ungünstige Umstände trifft. Das kann soweit gehen, daß derjenige in einer der drei niederen Bereiche wiedergeboren wird.

Deswegen werden Wesen auf diesen beiden ersten Pfaden als "gewöhnliche" Bodhisattvas bezeichnet.

Wenn man die erste Bodhisattvastufe erreicht hat, gewinnt man die direkte Erkenntnis der Leerheit. Auf den ersten sieben der zehn Bodhisattvastufen erkennt der Bodhisattva in Meditation die Leerheit direkt. Hinsichtlich der Zeit des Verweilens in Meditation treten hier keine Fehler auf. Was jedoch die Zeit angeht, wo jemand nicht meditiert und alle möglichen Aktivitäten ausführt, so werden . da Wesen auf den ersten sieben Bodhisattvastufen noch immer in dualistischen Geisteszuständen gefangen sind . durchaus Fehler gemacht. Es gibt bei Bodhisattvas auf den ersten sieben Bhumis noch immer Verdunkelungen im Geist, die sie aufgeben müssen.

Die geistigen Verdunkelungen dieser Bodhisattvas sind jedoch nicht so grob wie bei gewöhnlichen Wesen. Sie sehen in der Nachmeditations-Phase die Dinge illusionsartig, wie im Traum. Es gibt deswegen zum Beispiel nicht so starke Anhaftung wie bei gewöhnlichen Personen. Auch das Karma, das sie ansammeln und das karmische Resultat, das sie in Folge dessen erleben, wird traumartig und illusionär wahrgenommen. Unter den Tertöns der Nyingma-Tradition gibt es eine Gruppe von Hundert, die als die wichtigsten gelten. Einer der wichtigsten darunter hieß Sangye Lingpa. Wenn Sangye Lingpa um Nahrung bettelte, war er nicht in der Lage, ausreichend Essen zu bekommen. Mehrfach in seinem Leben kam er deswegen nahe an den Hungertod . obwohl er ein großer verwirklichter Meister war. Er selbst sagte dazu, daß dies ein karmisches Resultat sei. Selbst wenn man also so verwirklicht ist wie Sangye Lingpa, erlebt man noch Auswirkungen von Karma. Er reagierte jedoch nicht so wie ein gewöhnlicher Mensch es getan hätte: Durch die Kraft seiner meditativen Fähigkeiten sah er die Leerheitsnatur seiner Erfahrungen und litt deswegen nicht in gewöhnlicher Weise.

Bodhisattvas auf der achten bis zehnten Stufe müssen . mehr oder weniger . keine Auswirkungen von Karma mehr durchmachen. Unter den beiden Arten von Verdunkelungen, haben sie die erste . geistige Verdunkelungen, die zu Leiden führen . völlig aufgegeben. Es gibt nur noch subtile Verdunkelungen, die mit den Wahrnehmungsprozessen zu tun haben, wie also die Realität wahrgenommen wird. Geistige Verdunkelungen in Folge derer man Karma ansammelt, gibt es nicht mehr bei Bodhisattvas auf diesen Stufen, so daß sie auch keine karmischen Resultate mehr erleben.

In unserem Geist entstehen geistige Verdunkelungen durch äußere Umstände und ebenso durch unsere eigenen Geisteszustände. Sie entstehen sehr leicht und führen zu Leiden.

Im Geist eines Bodhisattvas, zum Beispiel auf der ersten Bodhisattvastufe, kann das weniger leicht geschehen, da es dort nur noch Tendenzen solcher Geisteszustände gibt. Verdunkelungen im eigentlichen Sinne gibt es nicht mehr. Sie können aber auftreten, wenn ein Bodhisattva mit Leuten zusammen kommt, die ihn negativ beeinflussen. Verdunkelungen entstehen nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern nur noch durch die Kraft äußerer Umstände.