Aus: Buddhismus Heute Nr. 14, ( 1994)

Jetzt sind wir alle Karmapas Familie

Ansprache von Topga Rinpoche am 20.3.1994 im KIBI

Ansprache von Topga Rinpoche am 20.3.1994 im KIBI, New Delhi

Ich freue mich sehr, Euch alle hier zu sehen. Die Situation ist zur Zeit sehr gemischt: Einerseits ist es eine sehr glückliche und glückverheißende Gelegenheit, weil Seine Heiligkeit Karmapa hier ist. Das ist natürlich wundervoll.

Zugleich ist die Situation auch sehr kritisch, denn obwohl wir hier im Kloster sind, wurden wir – wie Ihr alle gesehen habt – mit Gewalttätigkeit durch Leute, die auch Buddhisten sein sollen, konfrontiert. Es ist sehr traurig, daß so etwas überhaupt geschehen kann.

Wir sind jetzt hier zusammen in dieser Situation und gehen gemeinsam dadurch, durch schöne und durch unglückliche Zeiten. Es ist gut zu sehen, daß wir das alles teilen können.

Ich möchte Euch allen für Eure Hilfe in dieser Lage danken: Einige von Euch halfen als Leibwächter, einige in anderen Weisen... Wir arbeiten zusammen wie eine Familie.

Seine Heiligkeit Karmapa ist ein großer Bodhisattva, eine Ausstrahlung. Das bedeutet auch, daß niemand aufhalten kann, was Karmapa geschehen lassen möchte. Und wenn Karmapa etwas nicht geschehen lassen will, so kann niemand es erzwingen. Ich habe deswegen Vertrauen, daß die Situation sich allmählich lösen und schließlich sehr gut wird.

Es ist jetzt eine große Verantwortung, daß Karmapa eine komplette Erziehung bekommt. Seine Erziehung und sein Training sind jetzt essentiell wichtig. Für einen Karmapa ist es eine sehr ungewöhnliche Situation, daß Leute sich gegen seine Identität stellen; was zur Zeit geschieht, ist nicht normal, wenn man sich die bisherigen Inkarnationen Karmapas anschaut. Damit so eine Situation nicht wieder eintreten kann, ist es wichtig, genau zu wissen, was der Dharma und was die Wahrheit ist. Dinge wie zur Zeit können nur geschehen, wenn man den Dharma nicht kennt.

Für die vollständige Erziehung Seiner Heiligkeit ist es wichtig, daß ihm die Möglichkeit geboten wird, diese ungestört zu bekommen. Für uns bedeutet das, daß wir ihm helfen sollten, dieses Training ohne Störungen zu durchlaufen, indem wir uns in einer Weise verhalten, die dafür hilfreich ist.

Viele Leute sind zur Zeit in einer Oppositionshaltung und wollen Seine Heiligkeit nicht akzeptieren. Wenn wir uns eher zurückhalten, nicht viel Lärm machen und nicht provozieren, haben sie nichts, wogegen sie kämpfen könnten... Diese Konfrontation wird dann nicht stattfinden. Auch was den Dharma angeht, so besteht hier kein Grund, viel Lärm zu machen; er ist nicht dazu da, daß man berühmt wird etc. Wir sollten uns zurückhalten, damit andere nicht irritiert und provoziert werden.

Seine Heiligkeit braucht die Gelegenheit, daß er hinsichtlich seiner Praxis so werden kann wie Milarepa, hinsichtlich seiner Disziplin wie Gampopa und sein Wissen könnte so werden wie das des dritten, siebten oder achten Karmapa, die alle große Gelehrte waren.

Wenn er die Chance bekommt, sich in Ruhe dahin zu entwickeln und diese Qualitäten zu manifestieren, dann werden seine Qualitäten natürlicherweise den Geist unzähliger Wesen verändern. Nicht nur Buddhisten, sondern jeder, der mit ihm in Kontakt kommt, wird positiv beeinflußt werden.

Mit der Aggression und der Eifersucht, die hinter all den aggressiven Handlungen stehen, kann man nur so umgehen, daß man nicht selbst mit Aggression reagiert. Man muß verstehen, daß das Problem dieser negativen Emotionen im Geist entsteht und daß man den Geist disziplinieren muß, um sie zu überwinden. Damit wir nicht selbst diese falschen Handlungen und Gewohnheiten annehmen, müssen wir das alles verstehen, praktizieren und unseren Geist zähmen.

Diese Situation ist auch eine Praxis für uns, denn wir haben alle beschlossen, dem buddhistischen Weg zu folgen; unsere Intention ist, den Dharma zu praktizieren. Es wäre sehr gut für uns, wenn wir fähig wären, auch diese Situation für unsere Praxis zu nutzen. Durch unser Verständnis und unsere Praxis in dieser Situation sollten wir unseren Geist beruhigen.

Seine Heiligkeit ist jetzt noch sehr jung und von seiner Familie getrennt. Jetzt sind also wir alle seine Familie und müssen ihn schützen, da es sowohl Leute gibt, die ihn mögen, als auch Leute, die ihn nicht mögen...


Aus dem Tibetischen: Hannah Nydahl