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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 14, ( 1994)

Wir haben einen Karma-Kagyü-Karmapa

Ein Interview mit Künzig Shamar Rinpoche

Zusammengestellt aus einem Interview eines indischen Fernsehteams und einem anschließendem Interview der damaligen Kagyü-Life-Redaktion, Detlev Göbel und Ursula  Unger

Indisches Fernsehen: Wie wurde Karmapa aufgefunden? Würden Sie uns bitte etwas über den Vorgang der Auffindung erzählen?

Shamar Rinpoche: Buddhisten haben die Freiheit, an jeden buddhistischen Lehrer zu glauben, den sie mögen. Wenn in Tibet ein Karmapa eingesetzt wird, so habe ich nichts dagegen einzuwenden. Ich habe ihn jedoch nicht - wie Situ Rinpoche es tat - als den echten Karmapa anerkannt und habe offen meine Meinung kundgetan, dass dies vielleicht nicht der richtige Karmapa ist.

Der echte Karmapa darf nicht durch politische Interessen bestimmt werden. Um die Wiedergeburt des echten Karmapa zu bestätigen, braucht man keine Unterstützung durch politische Gruppen und muss sich nicht hier und da mit „Gangs" zusammentun. Wenn man das tut, so ist offensichtlich, dass man schuldig ist und etwas nicht stimmt. Der echte Karmapa braucht das nicht.

Die Frage ist auch nicht, ob der Dalai Lama den „Karmapa" in Tibet anerkannt hat oder nicht. Da Tibet unter chinesischer Besetzung steht und die Chinesen den Karmapa dort akzeptieren, musste der Dalai Lama einige Verlautbarungen abgeben, um Probleme auszugleichen.

Halten Sie es für möglich, dass es zwei Karmapas zur gleichen Zeit gibt?

Der Dalai Lama hat vielen Buddhisten gesagt, dass Karmapa mehrere Ausstrahlungen haben kann.  Ich selbst glaube nicht, dass der „Karmapa" in Tibet die echte Wiedergeburt ist. Aber das ist nur meine persönliche Ansicht. Ich habe nichts gegen ihn einzuwenden.

Wie haben Sie den echten Karmapa erkannt?

Es gibt kein Messinstrument in der Welt, mit dem man eine echte Reinkarnation erkennen könnte. Es gibt keine Verfassung dafür. Das alles hängt nur von religiösen Dingen ab.

Aufgrund meiner Position als der „Shamarpa" kann ich Karmapa aufgrund seiner eigenen entweder schriftlichen oder mündlichen Anweisungen bestätigen. Meinem Verständnis nach bin ich einer der Hauptpersonen, um die Inkarnation Karmapas zu bestätigen und halte es für sehr wichtig, dass dies rein religiös geschieht und nicht mit weltlichen Angelegenheiten vermischt wird.

Alle Details werden in Kürze - zu einer angemessenen Zeit - enthüllt werden. 1981, direkt nach den Tod des 16. Karmapa, telefonierte ich mit einem der hohen Karma-Kagyü-Lamas. Zu dieser Zeit hatte ich aufgrund dessen was ich hörte, eine Eingebung, dass dieser Mann über die Wiedergeburt Karmapas Bescheid wissen könnte. Ich stellte einige indirekte Fragen, aber er sagte nichts und gab mir zu der Zeit keinerlei Informationen. Ab da jedoch war es ständig in meinem Geist.

Dann sagten einige von Karmapas Anhängern und Dienern, dass dieser Lama vielleicht Karmapas Anweisungen hätte, denn 1974/1975 wären einige Sachen geschehen, etwas sehr Wichtiges, wie dass ein geschriebener Brief übergeben wurde.

1986 bekam ich eine Information von einem hohen Lama der Gelugpa-Schule, den ich persönlich gar nicht kannte. Ich möchte jetzt seinen Namen noch nicht sagen, die Zeit ist noch nicht gekommen dafür. Von ihm bekam ich einige Hinweise über einen sehr ungewöhnlichen Jungen, der immer allen Leute sagte, dass er der Karmapa sei. Es war ein drei Jahre alter Junge, der den Leuten sagte: „Ich bin der Karmapa".

Auch las er einmal einen Text über Madhyamaka von dem berühmten Lehrer Chandrakirti. Er las den ersten Abschnitt des Textes und konnte ihn dann auswendig. Der Junge saß auf seinem Stuhl und „las" den Leuten den Text auswendig vor. Der Gelugpa-Lama war von der Kapazität und Intelligenz des Jungen sehr überzeugt und stellte ihm einige Fragen, zum Beispiel über sein Kloster. Der Junge sagte: „Früher hatte mein Kloster in Tibet ein goldenes Dach mit zwei Vögeln drauf."

Der Gelugpa-Lama sandte mir dann eine Nachricht und sagte, dass dies vielleicht die Wiedergeburt von Karmapa sei, und dass ich aufpassen und das prüfen solle. Ich dachte mir, dass ich sehr vorsichtig sein solle, da die Leute alle möglichen Geschichten hierüber machen könnten und bat einen hohen Lama, Nachforschungen anzustellen. Als er zurückkam, sagte er: „Es stimmt alles."

Ich sandte dann auch eine zweite Person, um die Sache zu untersuchen. Die ganzen Details werde ich später erzählen. Es ist jetzt noch nicht möglich, zu sagen, wo er geboren wurde usw.

Das alles war im Jahre 1986. Ich hielt immer noch still und sagte niemandem etwas. 1988 kontaktierte mich die Person, von der ich 1981 angenommen hatte, dass sie Karmapas Anweisungen hätte, und das war für mich eine große Überraschung. Er sagte: „Du leistest sehr gute Arbeit und solltest mit deiner Arbeit fortfahren. Du bist Shamar Rinpoche und in der Geschichte wurden die Shamarpas und die Karmapas immer als eine Emanation gesehen."

Ich sagte: „Du könntest Anweisungen über Karmapas Wiedergeburt haben."

Er sagte nur: „Wir werden sehen, wir werden sehen", bestätigte dann aber doch, dass er die Anweisungen hätte. Dies hatte ich seit 1988 ständig in meinem Geist.

Als der ganze Ärger losging, fragte ich ihn, was nun geschehen solle. Er sagte: „Der Ärger muss geschehen." und so kam es dann auch. Ich sagte ihm, dass ich einen Karmapa im Geist hätte und dass er bitte bestätigen solle, ob der Junge richtig oder falsch sei.

Er sagte: „Du bist Shamarpa und was immer du denkst, ist - dem letzten Karmapa zufolge - richtig." Er werde mir nicht meine Pflicht abnehmen, sondern seinen Instruktionen folgen.

Buddhismus Heute: Wir haben im Westen immer auf einem objektivem Beweis - wie etwa ein Brief - für Karmapas Authentizität gehofft. Bis jetzt haben wir diesen Beweis für den jetzt präsentierten Karmapa noch nicht erhalten.

Shamar Rinpoche: Ein Brief ist keine letztendliche Lösung. Die letztendliche Lösung ist der echte Karmapa. Wenn der echte Karmapa nicht da ist, was nutzt dann ein Brief? Der echte Karmapa muss also da sein.

Und auch wenn ein Brief da ist, muss Karmapa sich selbst bestätigen. In der Karma-Kagyü-Schule ist ein echter Karmapa das spirituelle Oberhaupt. Ein Brief allein ist nicht die Lösung.

In Tsurphu haben sie einen von der chinesischen Regierung gemachten Karmapa und er wird für die chinesische Regierung arbeiten. Wir haben einen Karma-Kagyü-Karmapa. Und da ich der zweite Karma-Kagyü-Linienhalter bin, kann ich den Karma-Kagyü-Karmapa bestätigen - frei von jeglichen politischen Zwängen.

Was war die Bedeutung der heutigen Zeremonie im KIBI, der ersten öffentlichen Zeremonie Karmapas?

Es war keine große Zeremonie, nur eine einführende. Es war nicht die Hauptzeremonie - nur eine Art Willkommenszeremonie, eine Einladung Karmapas in sein Kloster.

Was wird Situ Rinpoches Seite jetzt - nach der Vorstellung Karmapas - unternehmen?

Ich habe wirklich keine Ahnung, denn es gibt für solche Handlungen keine Tradition. [Rinpoche lacht].

Wir hörten, dass Karmapa Ende des Jahres in Rumtek inthronisiert werden soll. Stimmt das?

Es hängt von der Situation ab. Chinesische Schüler haben bemerkt, dass in Rumtek ein sehr schlechtes Feng Shui ist. Man kann sehen, dass die Shedra in Rumtek in sehr falscher Weise zum Hauptgebäude platziert wurde, was das Feng Shui von ganz Rumtek verdorben hat. Sie bitten uns darum, nicht dorthin zu gehen.

Die Tibeter sagen, dass Situ Rinpoche, Gyaltsab Rinpoche und viele andere Lamas viele Ermächtigungen von Karmapa genommen haben und nun greifen sie das Kloster und die Mönche dort an. Ihre Handlungen sind wie eine Kulturrevolution. Die Gegend ist deswegen verseucht von gebrochenen Vajrayana-Samayas, was Karmapas Aktivität und Leben beeinträchtigen könnte, sagen sie.

Viele Europäer und Tibeter warnen vor den dortigen Lokalpolitikern. Sie sagen, dass Sikkim früher ein sehr reines und spirituelles Land war. Die Leute hatten keine Vorstellung von einer Verbindung von Politik und Religion. Nun hat Geld diese Denkweise verändert. Sikkim ist sehr klein - es wird wieder geschehen, wenn jemand dafür zahlt. Wenn das Geld da ist, werden sie es wieder tun. Der Präzedenzfall wurde geschaffen. Deswegen ist es für Karmapa dort nicht mehr sicher.

Es gibt also drei verschiedene Einwände. Ich habe jedoch noch keine Entscheidung getroffen und ich habe auch nicht die volle Berechtigung dazu; es hängt von den Trustees [des Karmapa Charitable Trusts] ab, die jetzt auch kein Risiko eingehen dürfen. Es gibt jetzt ein Risiko. Ein Teil der Entscheidung liegt natürlich bei mir, da ich spirituell die erste Person bin, die eine Empfehlung geben kann, welchen Platz wir nehmen werden.

Liegt Karmapas Erziehung in Ihren Händen?

Nein. Sie liegt in den Händen der Trustees, der Mönchsgemeinschaft, des Generalsekretärs [Topga Rinpoche], der Vajrameister, der Khenpos...

Wie sehen denn die Pläne für Karmapas Erziehung aus?

Er sollte viele Lehrer haben, nicht nur von der Karma-Kagyü-Schule.

Viele Leute im Westen sagen, dass es ja auch zwei Karmapas geben könnte. Was halten Sie davon?

Diese Leute bilden sich kein klares Urteil bezüglich dieser Angelegenheit. Viele unter den Buddhisten im Westen hielten es für unmöglich, dass tibetischer Buddhismus mit chinesischer Politik vermischt werden könnte.

Diese Leute führen als Argumentation an, dass der erste Jamgön Rinpoche zum Beispiel sich in mehreren Formen wiedergebären ließ. Sie glauben, dass Karmapa jetzt in zwei Formen kam.

Die Leute können alles mögliche glauben. Ich habe keine Einwände dagegen, wenn Leute glauben wollen, dass der Junge in Tibet Karmapa ist. Ihr könnt glauben, an wen ihr wollt. Ihr könnt ruhig glauben, dass ihr selbst der Karmapa seid. Ich habe nichts dagegen. [Rinpoche lacht]

Was jedoch mich persönlich angeht, so habe ich keinerlei Vertrauen, dass der Junge in Tibet der echte Karmapa ist. Was mein Verständnis angeht, so glaube ich nicht daran. Aber ich habe nichts gegen Karmapas „Thronhalter" in Tibet. Wenn der Thron in Tibet steht, hat die chinesische Regierung natürlich das Recht, darauf zu setzen, wen immer sie wollen. Der Thron ist aus Holz, oder vielleicht Gold... [Rinpoche lacht]

Ist die Schwarze Krone noch immer in Rumtek?

Ich weiß nicht. Die Schwarze Krone ist nicht die Lösung der Karmapa-Affäre. Wenn sie wirklich gestohlen wurde, werden wir es nicht bedauern. Die Schwarze Krone ist ein Symbol für Karmapas Weisheits- oder Vajra-Krone, die er immer hat.

Karmapa wurde im Sambhogakaya-Bereich zum Tschö kji Gjalpo, zum „Dharma-König" ernannt. Die Dakinis machten aus ihren Haaren eine Krone und opferten sie Karmapa. Einige Leute mit besonderer karmischer Verbindung zu Karmapa können die echte Weisheitskrone sehen.

Der chinesische Kaiser Yung Lo baute eine Nachbildung davon und diese kann man heutzutage sehen. Sie war sehr hilfreich für die Leute: Wenn Karmapa die Krone aufsetzte, öffneten sich die Leute für ihn und er verweilte in einem besonderen Meditationszustand, wodurch die Leute Segen bekamen. Das war ein guter Grund für die Kronzeremonien.

Heute ist das nicht mehr nötig. Anstatt Kronzeremonien zu geben, kann er Dharma lehren, die Lehren Buddhas geben. Die Krone könnte auch für seine Erziehung und seine Gesundheit sehr störend sein, wenn er immer Kronzeremonien geben müsste. Ich habe natürlich nichts dagegen, dass Karmapa Kronzeremonien gibt. Ich will nur sagen, dass die Krone nicht die Lösung ist.

Viele Leute aus dem Westen konnten jetzt nicht kommen, weil alles so schnell ging. Wann wird die nächste Gelegenheit sei, wo man Karmapa treffen kann?

Im Winter können wir etwas arrangieren, so dass man Seine Heiligkeit treffen kann.

Wird Karmapa auch Englisch lernen?

Aber sicher. Er wird Englisch, Französisch, Chinesisch, Nepali, Sanskrit, Mandarin und vielleicht auch Deutsch lernen. Aber die meisten Deutschen sprechen ja Englisch, im Gegensatz zu den Franzosen. Heute lernen viele Rinpoches viele Sprachen.

In den Zeitungen werden verschiedene Namen für Karmapa angegeben. Welcher ist der Richtige?

Ja, sein Name ist Tenzin Kyentse Yeshe Dorje. Vielleicht bekam er ihn von den lokalen Lamas oder den Eltern.

Rinpoche, wir danken für dieses Interview.




Übersetzung neu überarbeitet von der Buddhismus Heute Redaktion, 2014